Bauhaus-Kunst in Borghorst

„Maßstab ist die Natur – Unzulänglich werden wir Menschen ins Leben gestellt. Unzulänglich ist auf Vollkommenheit bezogen. Das sollten wir sehr ernst sehen. Trägheit ist gegeben, damit wir in ihrer Überwindung zu Charakter kommen.“ (Heinrich Neuy)

Im nahen Münsterland ist ein Museum beheimatet, das dem Leben und Werk des 2009 verstorbenen Bauhaus-Künstlers Hermann Neuy gewidmet ist.

Zur Person:

Der am 27. Juli 1911 im Wallfahrtsort Kevelaer am Niederrhein geborene Hermann Neuy gehörte zu den jüngsten Künstlern des Bauhauses, der dort sein Studium im Jahre 1930 begann, es aber aufgrund der zugespitzten politischen Ereignisse vor dem Hintergrund der sich ankündigenden Herrschaft des Nationalsozialismus nicht beendete. Schon im März 1932 ließ er sich für ein praktisches Seminar beurlauben und kehrte nicht wieder ans Bauhaus zurück. Erst mehr als 50 Jahre später sollte er das Bauhaus wieder besuchen.

Sein Interesse für die Kunst entwickelte sich aber schon eine Zeit vorher mit einem prägenden Erlebnis. Am Weihnachtsabend 1925 bekam Heinrich Neuy seinen ersten Malkasten und begann, ermuntert durch den Landschaftsmaler Josef Pauels, mit Landschafts- und Porträt-Studien. Im gleichen Jahr nahm er auch eine Lehre im Tischlerhandwerk auf. Nach dem Abschluss der Tischlerlehre besuchte Neuy die Kunstgewerbeschule in Krefeld. Seine dort entstandenen Möbel- und Einrichtungsentwürfe zeichneten sich durch klare Funktionalität und Strenge aus, wie es auch dem Bauhaus-Stil entsprach. Von 1930 bis 1932 besuchte er diese in Dessau und wurde in seinem künstlerischen und handwerklichen Schaffen von so bedeutenden Lehrern wie Wassily Kandinsky, Josef Albers und Ludwig Mies van der Rohe geprägt.

Um nach seinem abgebrochenen Studium für seinen Lebensunterhalt und den seiner Frau zu sorgen, übernahm er die Tischlerei seines Schwiegervaters in Steinfurt-Borghorst. Ein weiteres Mal bestimmten die politischen Ereignisse das Leben von Heinrich Neuy im Jahre 1940. Infolge des von den Nationalsozialisten begonnenen Zweiten Weltkrieges wurde er Soldat in der Luftwaffe. 1944 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und später in englische Kriegsgefangenschaft. Seine Zeit dort verbrachte er mit dem Malen von Porträts seiner Mitgefangenen, die er Jahrzehnte später einmal zu einer Bilderserie mit Köpfen aus geometrischen Mustern verarbeitete. In englischer Kriegsgefangenschaft hatte er dann das Glück, einem älteren schottischen Militärarzt zu begegnen, der ihm die Möglichkeit und das entsprechende Material verschaffte, seine abstrakte Malerei fortzusetzen. Es entstanden fünf „Gewitter“-Bilder sowie umfangreiche Zyklen zu den Themen „Lyrik“ und „Freude“. Im Oktober 1947 endete die Kriegsgefangenschaft und Heinrich Neuy kehrte nach Steinfurt-Borghorst zurück, wo er seinen Tischlereibetrieb und das Geschäft für Möbel und Kunsthandwerk weiterbetrieb. Er begann erneut mit der Lehrlingsausbildung. Dabei engagierte er sich in einem pädagogisch ganzheitlichen Sinne, nahm auch zahlreiche Mädchen zur Tischler-Ausbildung an und sah eine besondere Herausforderung darin, sozial auffälligen Jugendlichen neue Orientierungen zu bieten.

1960 begann er wieder mit Ausstellungen seiner künstlerischen Werke. Als Maler und Zeichner richtete Neuy sein Interesse vor allem darauf, durch Form und Farbe Phänomene wie Charaktereigenschaften, Jahreszeiten und insbesondere musikalische Klänge sichtbar zu machen. In diesem Zusammenhang arbeitete er auch mit dem in Borghorst lebenden Komponisten Buster Flood zusammen, der Heinrich Neuys Bilder vertonte, während sich dieser von den Musikstücken zu bildhaften Kompositionen inspirieren ließ. Dem Aquarell räumte er in seinem Werke besonderen Raum ein.

Weitere Stationen im Kurzüberblick

1970 trat Heinrich Neuy dem Welbergener Kreis bei, 1971 begann er mit der Aquarellserie „Architektura“, 1987 mit dem Zyklus „Klassische Charakterbilder“, 1989 eröffnete er eine eigene Galerie, 1991 erhielt er den Kulturpreises der Stadt Steinfurt, 1994 kehrte er nach 62 Jahren mit einer eigenen Bilderausstellung an das Bauhaus Dessau zurück, und 1996 wurde anlässlich seines 85. Geburtstages das von ihm geschaffene Kunstobjekt „Energie, Rechtschaffenheit, Aktivität“ feierlich enthüllt. Nach einem langen und erfüllten Leben verstarb Heinrich Neuy im Jahre 2003.

Ein Museum zu Ehren von Heinrich Neuy

Kurz nach seinem Tod wurde die Heinrich Neuy-Stiftung ins Leben gerufen, um das Leben und Werk von Heinrich Neuy für die Nachwelt zu erhalten. 2011 konnte nach der mehrjährigen Restaurierung und Erweiterung des aus dem Jahre 1668 stammenden Stiftskurienhauses in Steinfurt-Borghorst das Heinrich Neuy Bauhaus Museum am Standort Kirchplatz eröffnet werden.

Entstanden ist ein kleines, aber feines Refugium, in dem „Alt“ und „Neu“ aufeinander treffen und beide sich harmonisch ergänzen.

Das 1668 erstmals erwähnte Stiftskurienhaus der Stiftsdame Margareta Cornelia von Merveldt des ehemaligen Kanonissen- und Damenstiftes Borghorst wurde behutsam restauriert und durch einen dreigeschossigen verglasten Anbau zum Garten hin „geöffnet“ und erweitert. Im Erdgeschoss befinden sich ein Museumsshop, ein Café und ein Restaurant.

Im Obergeschoss trifft der Besucher auf helle, freundlich und großzügig gestaltete Ausstellungsflächen und die Stiftsbibliothek mit einer historischen Darstellung des ehemaligen Damenstifts Borghorst.

Ausgestellt werden vorwiegend Arbeiten von Heinrich Neuy, anderen Bauhaus-Schülern und Bauhaus-Lehrern in Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen. Geöffnet hat sich die Heinrich Neuy-Stiftung auch für die Sammlungen und Nachlässe anderer „Bauhäusler“, um diese auch dauerhaft komplett erhalten zu können – eine wahre Bereicherung.

Das Museum, das sich auch über die Region hinaus einen guten Namen gemacht hat, möchte darüber hinaus die Besucherinnen und Besucher in die Gedankenwelt des Bauhauses einführen. Mit den Initiatoren des Bauhauses sowie den zahlreichen Lehrern und Studenten entstand vor allem in den 1920-er Jahren eine neue Sprache der Gestaltung, die zahllose Klassiker in Architektur, Design und Malerei hervorgebracht hat. Bis heute beeinflusst diese ungewöhnliche sowie äußerst kreative Epoche nachhaltig viele Bereiche des Wohnens.

Zu diesem Zweck sind im Heinrich Neuy Bauhaus Museum neben den schon erwähnten Ausstellungen auch Türklinken, Lampen, Lichtschalter, Tapeten, Glas, Keramik und Möbel – allesamt aus Entwürfen von Bauhaus-Künstlern stammend – zu sehen. Ergänzend werden Vorträge angeboten und Projekte begleitet und entwickelt.

Der Um- und Erweiterungsbau für das Museum wurde vorwiegend mit ehrenamtlichem Engagement gestaltet. In der Bauphase konnten erhebliche Eigenleistungen mit Unterstützung des Denkmalpflegewerkhof e.V. Steinfurt und des terra nova e.V., Ochtrup, erbracht werden. Dazu kamen finanzielle Zuwendungen privater wie auch gewerblicher Förderer aus der Region. So konnten rund 50 Prozent der Mittel generiert werden. Gefördert wurde die Maßnahme auch durch Mittel des Landes Nordrhein-Westfalen, der NRW-Stiftung, des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe und der Stadt Steinfurt.

Auch das Museum wird überwiegend ehrenamtlich geführt; unterstützt durch Mitarbeiter mit Behinderungen in einem kleinen Integrationsbetrieb. Darüber hinaus können immer wieder Förderer aus der Region gewonnen werden.




Kunstbetrachtungen, Teil 17

Werkstatus in den unterschiedlichen Künsten

Der aufmerksame Leser dieser Reihe wird es noch im Kopf haben, worum es in der letzten Folge ging: um die Unterscheidung der Künste aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften und Besonderheiten.

Zuletzt griff Georg W. Bertram, Autor des Buches „Kunst – Eine philosophische Einführung“, an dem sich die Kunstbetrachtungen orientieren, einen Aspekt auf, mit dem sich der amerikanische Philosoph Nelson Goodman beschäftigt hatte: der Unterscheidung zwischen allographischen und autographischen Künsten. Zu den allographischen Künsten zählt Goodman Musik und Literatur, zu den autographischen Künsten Architektur, Plastik und Malerei. Thematisiert wird der Unterschied zwischen einem einmaligen Original und der Vervielfältigung eines künstlerischen Werkes wie einem Roman, einer Komposition oder einem Gedicht.

Einen weiteren Aspekt greift Bertram selbst auf: „den Werkstatus in den unterschiedlichen Künsten.“ Der betrifft die Materialität, wie der Autor ausführt: „Es gibt Künste ( Architektur, Plastik und Malerei), in denen man die Werke davontragen kann. In anderen Künsten (Literatur und Musik) hingegen lassen sich nur Notationen (Aufzeichnungen) von Werken von Ort zu Ort bewegen. Werke gibt es bei diesem zweiten Typ von Künsten erst dann, wenn es zu einer Darbietung kommt.“

Bei dem zweiten Typ von Künsten spricht der Autor diesen eine gewisse Immaterialität zu, die aber nicht absolut sei. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen statuarischen und transitorischen Künsten.

Georg W. Bertram ist sich bei der von ihm und anderen Autoren unternommenen Abgrenzung der verschiedenen Künste aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften aber auch bewusst, dass nicht jede Unterscheidung 100-prozentig ist. Als Beispiel nennt er den Tanz und die Musik, die sowohl eine zeitliche als auch eine räumliche Dimension haben, und stellt die Frage: „Gehen hier nicht Räumlichkeit und Zeitlichkeit, körperliche Materialität und Immaterialität der Choreographie ineinander über? Und wie steht es mit der Musik? Ist Musik nicht auch an eine Form der Räumlichkeit gebunden? Bedarf die Immaterialität der melodischen und harmonischen Kombinationen nicht zutiefst einer materiellen Realisierung?“

Diese Fragestellungen sieht er auch bei der von Lessing vorgenommenen Aufteilung zwischen Raum- und Zeitkünsten und schreibt: „Wer eine Skulptur einfach nur einen Augenblick betrachtet, wird sie nicht gut als Skulptur erfahren können. Das Nebeneinander der Plastik bedarf des Nacheinanders, um sich zu entfalten. Aber auch ein … Bild wird nicht mit einem Schlag erfasst. Es will vielmehr „gelesen“ werden. Unterschiedliche Zusammenhänge und Abgrenzungen auf dem Bild müssen in einer solchen Lektüre erprobt werden. Ein Bild hat so gerade als Kunstwerk, also als Gegenstand eines Selbstverständigungsgeschehens, eine zeitliche Dimension.“

Nietzsches Unterscheidung der Künste

Mit der von dem Altphilolologen und Philosophen Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) im Jahre 1872 verfassten Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ erweitert Bertram seine Betrachtungen in Bezug auf die Unterscheidung der Künste. Wie er ausführt, spricht Nietzsche nicht von Grenzen oder Unterscheidungen, „sondern von zwei unterschiedlichen ästhetischen Prinzipien.“ Dabei greift dieser auf Götter der Antike zurück, die für unterschiedliche Prinzipien oder Lebensweisen stehen: Dionysos und Apoll.

Bertram schreibt: „Auf der einen Seite steht Dionysos, der Gott des Rausches und der Ekstase. Ihm gegenüber profiliert Nietzsche auf der anderen Seite Apollo, den Gott des Traumes und des schönen, harmonischen Scheins. Nietzsche sieht in diesen beiden Götterfiguren zwei Prinzipien verkörpert, die er als äußerst bedeutsam für die antike Kultur begreift.

Mehr zu den dionysischen und apollinischen Künsten folgt in Teil 18 der Kunstbetrachtungen.

Kunstbetrachtungen, Teil 16

Möglichkeit ästhetischer Erfahrung mit Prosa

Wie sich der geneigte Leser vielleicht noch erinnern mag, ging es in der letzten Folge der Kunstbetrachtungen um die Unterscheidung zwischen Raum- und Zeitkünsten, ausgehend von Gotthold Ephraim Lessings Schrift „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“.

Ebenfalls erklärt wurde die Kunst, die des Raumes bedarf.

Im Gegensatz dazu steht die Literatur, die den Zeitkünsten zugerechnet wird. Autor Georg W. Bertram erläutert: „Wird mir ein Gedicht oder eine Prosa vorgetragen, kann ich die Augen schließen. Ich kann in einem kleinen Raum, im Freien oder in einem Fahrzeug unterwegs sein: Dieser Unterschied betrifft die Möglichkeiten ästhetischer Erfahrungen mit dem jeweiligen Text nicht wesentlich. Was ich hingegen benötige, um den Text ästhetisch erfahren zu können, ist Zeit. Der hat eine bestimmte Dauer, innerhalb deren er sich entfaltet. Seine ästhetischen Elemente stehen nicht nebeneinander, sondern nacheinander.“

Gleiches gilt nach Lessing für die Musik: „Unter die Zeitkünste ist nach Lessing auch die Musik zu rechnen. Auch für die Musik gilt, dass sie Zeit benötigt, um stattfinden zu können. Ich kann schon ein einfaches musikalisches Thema nicht erfassen, wenn ich es nach zwei Sekunden abbreche. Mehr noch als die Literatur hat die Musik eine Dauer, die ihr gesetzt ist … Die Musik kann zudem – mehr als Lessing sich vielleicht vorstellen konnte – unabhängig von einem bestimmten Raum ästhetisch erfahren werden. Ob mein Konzertsaal die Berliner Philharmonie ist, eine Terrasse, das Auto oder bloß ein kleiner Kopfhörer beim Spaziergang: In jedem Fall lässt die Musik sich ästhetisch erfahren“, führt Bertram weiter aus.

Was aber unterscheidet die angesprochenen Künste noch? Für Bertram ist zu trennen zwischen Künsten, die aufgeführt werden müssen, „und solchen für die das nicht zutrifft.“ Weiter schreibt Bertram: „Musik und Literatur sind Aufführungskünste … Bei ihnen kommt es zu einem Unterschied zwischen Vorlage und Realisierung. Ein gedrucktes Exemplar … steht als solches jenseits der Frage, ob es als Kunst bestehen kann oder nicht. Erst in meiner Lektüre rückt es in die Dimension ästhetischer Wahrhaftigkeit. Ein solcher Unterschied spielt hingegen bei Raumkünsten nicht in gleicher Weise eine Rolle. Zwar gibt es auch bei der Architektur Vorlagen; diese sind aber nicht das Werk … Im Fall der Architektur ist das Werk letztlich auf den realisierten Bau beschränkt. Genauso ist es im Falle von Plastiken und Bildern. Auch in ihrem Fall zählt die faktische Realisierung als das Werk. Erst wenn eine solche Realisierung ausgestellt wird, ist das Werk für einen Rezipienten zugänglich … Zeitkünste sind Aufführungskünste; Raumkünste hingegen Ausstellungskünste.“

Allographische und autographische Künste

In diesem Zusammenhang kommt Bertram auf den US-amerikanischen Philosophen Nelson Goodman zu sprechen, der in seiner Schrift „Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie“ von allographischen und autographischen Künsten spricht und nach Bertram eine noch andere Unterscheidung zwischen Zeit- und Raumkünsten vornimmt.

Allographisch sind Künste in Goodmans Lesart diejenigen, bei denen die „Unterscheidung zwischen einem Original und einer Fälschung keinen Sinn gibt.“ So kann ein Buch mehrere Male gedruckt werden, ohne dass eine Fälschung vorliegt.

Anders ist es in der Kunst. Bertram macht dies beispielhaft klar: „Ein zweites Exemplar von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ stellt … mindestens eine Kopie, wenn nicht gar eine Fälschung dar. All die Künste – wie die Literatur, die Musik, aber auch der Tanz … sind allographisch. Bei Architektur, Plastik und Malerei ist das nicht so … Jede Realisierung stellt so ein Original, einen Autographen dar.“

Discotheken- und Jugendkultur in der Region

Der Nordhorner Historiker Werner Straukamp ist einer der Autoren des Ausstellungskataloges „Charly für ´ne Mark – Eine Disco im Museum“. Anlass war die „Eröffnung“ einer Land-Discothek im Museumsdorf Cloppenburg.

Meine erste Erinnerung an den Besuch einer Discothek liegt schon über 40 Jahre zurück. Ich war zu Besuch bei meinen Cousins in Werlte. Dort saßen wir oft im Zimmer meines ältesten, leider sehr früh verstorbenen Cousins Michael, und hörten mit der damals besten Technik, die High Fidelity, kurz Hi Fi, zu bieten hatte, die prägende Musik der 1960-er und 1970-er Jahre von Deep Purple über Uriah Heep und Jethro Tull bis hin zu Santana, Doors und Pink Floyd.

Auf dem Bike zur Disco

Eines Tages machte ich im Rahmen meines Besuchs zwei besondere Erfahrungen, die mir heute noch unvergesslich sind: Ich durfte auf einem Motorrad mitfahren und ein bisschen Easy Rider-Luft schnuppern, und zum ersten Mal in meinem Leben, ich mochte 16 oder 17 Jahre alt sein, sollte ich eine Disco von innen erleben dürfen – damals für mich noch etwas sehr Besonderes. Der Weg führte nach Bippen bei Fürstenau, wo es das legendäre „Fiz Oblon“ gab.

Mit großen Augen betrachtete ich die im Flackerlicht tanzenden Menschen mit ihren so ganz anderen Klamotten, als ich sie kannte. Die Musik, die ich von Michael kannte, wurde hier auch gespielt, aber natürlich in einer ganz anderen Lautstärke. Ich war begeistert, aber zum Tanzen noch zu schüchtern, bewegte nur ein wenig Kopf und Füße. Die erste Nervosität wich, als ich eine Zigarette in der rechten Hand, und in der anderen ein Bier hatte.

So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches“

Zwischendurch saßen wir dann auch in einem schummrig beleuchteten Raum, bestückt mit alten, gemütlichen Möbeln, Emaille-Werbeschildern und Bildern mit gelegentlich befremdlichen Motiven an den Wänden. Hier hing man einfach ab und ich betrachtete die Leute, die ebenfalls ganz anders waren, als die, die ich sonst so kannte. So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches, und natürlich durften Jeans, Rüschenhemden und Leder nicht fehlen, ebenso wenig selbst gedrehte Zigaretten.

Auslöser für die Erinnerung an diese Zeit war 2021 die Veröffentlichung eines Kataloges, der aus Anlass der „Neueröffnung“ der Diskothek „Zum Sonnenstein“ herausgebracht wurde. Es handelte sich dabei um eine „Neueröffnung der besonderen. Sie erfolgte auf dem Gelände des Museumsdorfes Cloppenburg. Die einstige Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen war in den 1960-er Jahren ein Tanzlokal mit Livemusik und regelmäßigem „Sängerwettstreit.“ 1973 wurde die Gaststätte zu einer Discothek umgewandelt. Nach der Schließung im Jahre 2014 ist das „Zum Sonnenstein“ inklusive der kompletten Inneneinrichtung und der Musik- beziehungsweise DJ-Technik komplett erhalten geblieben. 2018 wurde das ganze Gebäude abgebaut und im Museumsdorf Cloppenburg wieder aufgebaut. Seit dieser Zeit wird die Discothek mit zugehörigem Bistrobereich, Musik- und Lichtanlage, beleuchteter Tanzfläche, DJ-Pult, Plattensammlung, Barhockern und Biergläsern den Besucherinnen und Besuchern präsentiert.

Einer der Autoren des Kataloges ist der Nordhorner Historiker Werner Straukamp. Sein umfangreicher Artikel trägt den Titel „Discotheken- und Jugendkultur entlang der Bundesstraße 213 – 1965 bis 1989“.

Wie Straukamp in einem Gespräch berichtete, war das Projekt des Wiederaufbaus der Discothek der Auftakt einer konzeptionellen Neuorientierung. Dessen früherer Leiter Uwe Meiners hatte es sich vorgenommen, auch die Wohn-, Freizeit- und Konsumkultur der Nachkriegszeit darzustellen.

Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt durch ausführliche Forschungsarbeiten, die ihren Widerhall in dem Katalog fanden. Nachdem Werner Straukamp in einem Zeitungsartikel vom 1:1-Wiederaufbau der Discothek „Zum Sonnenstein“ erfahren hatte, setzte er sich mit Uwe Meiners zusammen.

Aufwändige Recherche

Dabei entstand die Idee, statt einer allgemeinen Disco-Kultur in der Bundesrepublik Deutschland einen eher regionalen Rahmen zu wählen und die Geschichte der Landdiscotheken entlang der B 213 vom Grenzübergang Frensdorfer Haar bei Nordhorn bis nördlich nach Delmenhorst zu betrachten.

Aufwändig Recherchearbeiten begannen. So galt es für die Autoren, neben den Tageszeitungen der Region alle Exemplare der damals bekannten Pop- und Rockzeitschriften wie Bravo, Sounds, Pop, Twen und Spex auf das Stichwort Discothek hin zu sichten. Entsprechende Materialien fanden sie unter anderem in einem Institut der Universität Münster und in der Bibliothek der Universität in Oldenburg, aber natürlich auch vor Ort bei den Grafschafter Nachrichten oder in kommunalen Archiven.

Wie dem liebevoll gestalteten, inhaltsreichen und unterhaltsam zu lesenden Katalog zu entnehmen ist, fand die Disco-Kultur in der Grafschaft Bentheim ihren Anfang im Jahre 1967 am Hohenkörbener Weg in Nordhorn. Der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin eröffnete dort in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Friseursalons das „Whisky A Go-Go“. Es kamen danach unter anderem das nach dem Hit einer Band aus den USA benannte „Little Annie Fanny“ und das „Capri“ im Nordhorner Stadtteil Blanke.

Aber auch kleinere Orte der Grafschaft wurden vom Disco-Fieber erfasst. In Bad Bentheim wurden das „Oldtimer“ und das „Domino“ eröffnet, in Schüttorf ein weiteres „Whisky A Go-Go“ und das „Tiffany“. Zunächst wenig passierte in der Niedergrafschaft, bis junge Leute 1971 die Interessengemeinschaft Beatfans Emlichheim gründeten. Mit Erfolg. Werner Straukamp schreibt: „Man nimmt die Sache selbst in die Hand. Im Clubraum am Bremarkt finden ab Ende Mai 1971 regelmäßig Disco-Abende statt.“ Weitere Discotheken folgten; und der Boom schien kein Ende zu nehmen. Wie Straukamp weiter schreibt „sind allein im südlichen Weser-Ems-Raum … Woche für Woche mindestens 60.000 Besucher zu verzeichnen.“ Eine Zahl, die bis Anfang der 1980-er Jahre auf bis zu 200.000 ansteigt. Aus eigener Erfahrung berichtete der Historiker und Autor, dass damals ein sogenanntes Disco-Hopping nicht ungewöhnlich war. Das hieß, dass man schaute, welche Musik so lief und welche Leute so da waren, und wenn es nicht passte, fuhr man einfach weiter zum nächsten Laden.

Sein Ende fand der Boom der Landdiscos im Laufe der 1980-er Jahre. Professionell geführte Großraumdiscotheken liefen ihnen den Rang ab, und die zunehmende Mobilität machte es auch nicht einfacher. Noch ein paar Jahre länger hielt sich die Disco-Kultur in den Jugendzentren. So boomte das JZ Nordhorn bis in die Hälfte der 1990-er Jahre.

Auch zu diesem Aspekt wie auch zu den damals organisierten Musikfestivals hat Werner Straukamp Materialien zusammengetragen, die deutlich machen, wie engagierte junge Leute eigene, von den Erwachsenen unkontrollierte Räume entdeckten und für sich einnahmen. Diese konnten aus Platzgründen nur in Teilen im Katalog veröffentlicht werden. Daher ist der komplette Forschungsbericht als frei herunterladbare pdf-Datei auf der Webseite des Museumsdorfes Cloppenburg veröffentlicht worden.

Longplayer“ als pdf

Die Aspekte, die der Nordhorner Historiker in seinem sogenannten „Longplayer“ ausführlicher beleuchtet hat, sind vielfältig. Aktuell zur Erscheinung des Kataloges und der pdf-Datei konnte Straukamp auf die besonderen Entwicklungen der Disco-Kultur in Zeiten von Corona eingehen, die zum Beispiel von Partyabenden per „Drive-in-Disco“ geprägt waren, und das Geschehen auf den Parkplatz beziehungsweise in das private Auto verlegt wurde. So etwas versuchte vor Ort beispielsweise das „Index“ in Schüttorf, das im Mai und Juni 2020 eine ganze Reihe von Auto-Discopartys veranstaltete.

Die einstige Jugend kommt in die Jahre.“

Weitere besondere Entwicklungen, die Straukamp in seinem Forschungsbericht aufgreift, betreffen die Musealisierung und die Retromanie, die in den 2000-er Jahren in Verbindung mit Pop-, Disco- und Jugendkultur ensteht. Das, was früher neu, subversiv und bei der Mehrheit der Gesellschaft zunächst verpönt war, wird zum Gegenstand von wissenschaftlichen Betrachtungen oder Ausstellungen in bildungsbürgerlichen Orten wie Museen. Und manche Retro-Disco, die eine ältere Klientel (Ü30, Ü50 etc.) anspricht oder sich vergangenen Zeiten (80-er oder 90-er Jahre Party) widmet, wirkt wie eine Nostalgie-Veranstaltung, die auch sentimentale Züge annehmen kann. Die einstige Jugend kommt in die Jahre.

Viel ausführlicher als im Katalog „Charly für ´ne Mark“ widmet sich Straukamp in seinem „Longplayer“ auch den Entwicklungen, die zur Entwicklung einer eigenen Jugendkultur in der Bundesrepublik Deutschland geführt haben. Wie der Historiker dazu unter anderem ausführt, hatte damals der hohe Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, heute bekannt unter dem Namen „Babyboomer“, und das Wirtschaftswunder daran einen wesentlichen Anteil.

Lange Themenliste

Die Liste der in dem „Longplayer“ behandelten Themen ist aber noch breitgefächerter und reicht von der Entwicklung einer Festival- und Open Air-Kultur über die Entstehung von Jugendzentren bis hin zu Politik, Mode und Werbung.

Nähere Informationen: werner.straukamp@web.de und http://www.museumsdorf.de

Erinnerungen an einen Besuch der Museumsinsel Hombroich

Kunst parallel zur Natur“

1987 ist die Museumsinsel Hombroich entstanden. Aus einem Park mit historischem Baum- und Pflanzenbestand hat sich ein einmaliges Ensemble aus Landschaft, Architektur und Kunst entwickelt.

Von den idyllischen Ausläufern des Flusses Erft umgrenzt, befindet sich bei Neuss die Museumsinsel Hombroich. Entstanden ist sie aus einem bereits 1816 errichteten Park mit historischem Baum- und Pflanzenbestand.

Es war der Düsseldorfer Kunstsammler Karl-Heinrich Müller, der1982 den schon lange verwilderten Park erwarb, ihn um eine angrenzende Ackerfläche erweiterte und daraus in Kooperation mit dem Gartenarchitekten Bernhard Korte ein einzigartiges Ensemble aus Landschaft, Architektur und Kunst schuf. Dabei stand die Balance zwischen Naturbelassenheit und pflegendem Eingriff im Mittelpunkt.

Balance zwischen Eingriff und Naturbelassenheit

Eine weitere wichtige Person bei diesem Projekt war der Bildhauer Erwin Heerich. Er übersetzte seine streng geometrischen skulpturalen und zeichnerischen Werke ins Architektonische. So entstanden zehn begehbare Objekte mit Außenseiten aus niederländischem Abbruch-Feldbrandstein.

Zu nennen ist auch noch der Maler Gotthard Graubner, der für die Präsentation von Ausstellungen zuständig war. Sein Konzept sah vor, dass Kunst und kulturhistorische Gegenstände aus zwei Jahrtausenden miteinander in den Dialog treten.

Dritter im Bunde war der schon erwähnte Landschaftsarchitekt Bernhard Korte. Er realisierte eine Ideallandschaft, die Topographie und Geschichte des Ortes ebenso berücksichtigt wie die gemeinsam entwickelte Vision „Kunst parallel zur Natur.“ Das gesamte Gelände ist von schon vorhandenen Geländestufen ebenso geprägt wie von früheren Verläufen des Flusses Erft.

Die Insel wird gepflegt, als ob sie nicht gepflegt wird.“ (Bernhard Korte, Landschaftsarchitekt)

Ein Schwerpunkt der Sammlung, die ein bemerkenswertes breites Spektrum aufweist, liegt in der europäischen Moderne zum Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Zu entdecken sind Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und künstlerisch geprägte Gebrauchsgegenstände von so bekannten Namen wie Hans Arp, Constantin Brancusi, Marcel Breuer, Alexander Calder, Paul Cézanne, Alberto Giacometti, Yves Klein, Gustav Klimt, Henri Matisse, Francis Picabia und Kurt Schwitters.

Zu nennen ist auch der Künstler Anatol Herzfeld. Der Bildhauer, Maler und Aktionskünstler Anatol Herzfeld (1931-2019) studierte parallel zum Polizeidienst von 1964 bis 1972 bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie. 1972, 1977 und 1982 beteiligte er sich an der documenta in Kassel, 1975 initiierte er die Freie Akademie Oldenburg. Von 1983 bis zu seinem Tod hatte Anatol Herzfeld sein Atelier auf dem Gelände von Museum Insel Hombroich. Sein Nachlass umfasst zahlreiche Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen sowie Fotos und Filme zu seinen Aktionen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in archäologischen Artefakten von der Früh- bis zur Neuzeit sowie in Ostasiatika.

Die anfangs private Sammlung entstand dabei weder aus kunsthistorischer Mission noch aus Kriterien regelhafter Vollständigkeit, sondern aus individueller Leidenschaft der Sammler und dem Interesse an möglichst unterschiedlichen Positionen. In den Gebäuden und auf dem Gelände der Museumsinsel Hombroich ist sie gewissermaßen als ständige Installation im Wechsel des Tageslichts und der Jahreszeiten zu sehen.

Ergänzung durch Raketenstation

Wer die Museumsinsel Hombroich besucht, sollte natürlich auch die benachbarte „Raketenstation“ im Blick haben, die ebenfalls von Karl-Heinrich Müller erworben wurde. Die ehemalige Nato-Raketenstation wird seit 1994 komplementär zu Museum Insel Hombroich als Ort der Entwicklung von Kunst und Architektur und als Lebens-und Arbeitsraum für Künstler aus den Bereichen Kunst, Literatur und Musik genutzt. An ihrer Umgestaltung und Neubebauung beteiligten sich die Künstler und Architekten Raimund Abraham, Tadao Ando, Dietmar Hofmann, Erwin Heerich, Oliver Kruse, Katsuhito Nishikawa, Claudio Silvestrin und Álvaro Siza.

Per Kirkeby-Areal

Das nach Per Kirkeby benannte Areal ermöglicht in fünf Bauten des dänischen Künstlers Kunstinstallationen und die Realisierung weiterer künstlerischer Formate (Drei Kapellen), darunter die Sammlung Kahmen und das vom Clemens Sels-Museum Neuss betriebene Feld-Haus-Museum für Populäre Druckgrafik.

Ausstellung Raimund Abraham – Erdbeben der Stille

Noch bis November 2025 ist die Ausstellung „Raimund Abraham – Erdbeben der Stille“ zu sehen. Mit dem Haus für Musiker (Planung seit 1994, Ausführung 2006–2017) existiert auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss neben dem Wohn- und Geschäftshaus an der Berliner Friedrichstraße eines der beiden in Deutschland realisierten Bauwerke des österreich-amerikanischen Architekten Raimund Abraham (1933–2010). Der außergewöhnliche Rundbau ist nicht nur sein letztes fertiggestelltes Gebäude, sondern steht darüber hinaus beispielhaft für die Radikalität Abrahams. Und auch für das ambitionierte und am Ende nicht realisierte Hombroicher Raumortlabor steuerte er 2003 noch den Entwurf einer Wohnsiedlung bei, die sich mit komplexen Bezugslinien wie ein künstlicher Horizont in die Landschaft legen sollte. Fast bedeutsamer als die realisierten Gebäude sind aber Abrahams Zeichnungen und imaginären Architekturen. Mit der Aufnahme seines umfangreichen Nachlasses in die Sammlung Egidio Marzona (Berlin) bietet sich nun die Möglichkeit, das planerische, visionäre Denken dieses herausragenden Architekten mit zahlreichen Zeichnungen, Modellen, Fotos und Dokumenten sowie den in Hombroich aufbewahrten Beständen umfassend zu präsentieren.

Kulturoase in Münster: „Hawerkamp 31“

Zu den Orten, die die deutsche Techno-Szene geprägt haben, gehört auch ein ehemaliges Fabrikgelände in Münster. Hier haben schon „Dr. Motte“ und „Westbam“ aufgelegt.

Vorgeschichte

Es war in der schönen spanischen Stadt Valencia, als ich in den 1990-er Jahren meine erstes Hör- und Seherlebnis mit Techno hatte. Damals machte ich Urlaub, und von unserem Standort auf einem Zeltplatz in Alicante begaben wir uns mit dem Zug auf den Weg. In Valencia angekommen, wurden wir auf die Frage, wo denn hier das Nachtleben zu erleben sei, in Richtung einer Restaurant-, Bar- und Disco-Meile direkt am Meer verwiesen – ausdrücklich versehen mit der Warnung, dass dort wegen einer signifikant hohen Kriminalitätsrate (Diebstahl, Raub, Drogen und sogar Mord) besser vorsichtig sein solle; und keinesfalls sollte man sich in der Nacht am Strand aufhalten, da dort alles Mögliche geschehen könne. Abenteuerlustig und eher sorglos, wie wir damals waren, machten wir uns direkt auf den Weg.

Techno in Valencia

Und so, wie es uns beschrieben wurde, war es auch. Bars, Diskotheken und Restaurants reihten sich zahlreich aneinander, das Meer rauschte im Hintergrund und einige der Gestalten, die dort saßen oder gingen, vermittelten schon einen etwas befremdlichen Eindruck. Noch bis heute erinnere ich mich an eine Gruppe komplett schwarz gekleideter junger Männer, die mit wirren, flackernden und Angst machenden Blicken ihre Umgebung fixierten. Der Eindruck, dass sie wohl illegale Drogen unbestimmbarer Art zu sich genommen hatten, war vermutlich nicht ganz falsch. Was noch auffiel, war die Polizeidichte, aber irgendjemand musste ja die braven Partygänger vor den bösen Buben schützen.

Nachdem wir gut gegessen hatten, stürzten wir uns ins Getümmel und landeten, ohne es zu ahnen, in einer Techno-Disko. Die eher einfach strukturierte Musik war von einer hohen Beat-Dichte, Piano- oder Synthesizer-Loops und viel Bass gekennzeichnet, die Tanzbewegungen hatten durch den Einsatz von Stroboskop-Lichtern zum Teil etwas Zuckendes an sich und die Menge schien wie in Trance zu sein. Ich war sofort „geflasht“, wie früher einmal gesagt wurde. Ich wollte sofort davon einfach mehr, wir blieben den ganzen Abend und die ganze Nacht, so groß war die Begeisterung über diesen für mich damals neuen Sound.

Als ich später in Nordhorn einem anderen Freund davon berichtete, bekam ich eine gute Nachricht. Er erzählte, dass es so etwas auch in Münster gebe. Weitere gute Nachricht: Er mochte diese Musik auch und hatte sogar ein Auto. So machten wir uns über Landstraße und Autobahn auf den Weg in die westfälische Universitätsstadt, die abgesehen von den zahlreichen Studenten doch eher als Hort bürgerlicher Behaglichkeit mit pittoreskem Stadtkern, dem Prinzipalmarkt, bekannt war.

In Münster angekommen, ging die Fahrt in Richtung Münsterlandhalle und von dort direkt auf ein düsteres Industriegelände mit zum Teil abgewrackten Fabrikgebäuden. Auf dem Gelände einer ehemals international tätigen Baufirma hatten sich in Absprache mit der Konkursverwaltung Künstler, Kleinbetriebe und Klubs niedcrgelassen, die gegen Miete die Räumlichkeiten nutzen konnten.

Als ich nun vor Jahr und Tag mit einem Freund zum ersten Mal da war, steuerten wir zunächst die „Sputnik-Halle“ an, in der Alternativ-Rock gespielt wurde. Die Techno-Jünger, so wusste es Insider, würden sich erst gegen 1 oder 2 Uhr nachts, manchmal auch später, einfinden. Aber dafür war auf dem Gelände, wo die Autos geparkt waren, einiges los. Fenster wurden heruntergekurbelt, etwas übergeben, und dann wurde das Fenster wieder hochgekurbelt. Was da vor sich ging, war für die Insider natürlich sofort zu erahnen.

Gegen 2 Uhr verließen wir die Sputnik-Halle und suchten das „Fusion“ auf. In den nebelgeschwängerten und zum Teil sehr dunklen Räumen wiederholte sich dann das Geschehen, das ich zum ersten Mal in Valencia erlebt hatte. Wiederum war ich begeistert von dieser Freude und Exstase, die Techno auszulösen vermag, und bin es bis heute geblieben.

Neben dem Fusion gibt es als Klubs auch noch das „Triptychon“, die „Favela“ und das „Conny Kramer.“

Selbstverwaltung durch Verein

Nachzulesen ist die Geschichte und Struktur des Hawerkamp auf der eigenen Internetseite: „Der Hawerkamp 31 e.V. verwaltet seit dem 1. Januar 2013 das Hawerkamp-Gelände in Eigenregie.
2006 hatte der Vorgängerverein Erhaltet den Hawerkamp e.V. die Selbstverwaltung begonnen. Grundlage ist ein Miet- und Überlassungsvertrag zwischen dem Verein und der Stadt Münster.
Der Hawerkamp 31 e.V. ist ein Mieterverein. Die Mieter des Geländes (Clubs, Schrauber, Künstler und viele mehr) zahlen ihre Miete an den Verein, der sich um die Bewirtschaftung, Verwaltung und Verkehrssicherheit der Gebäude kümmert und somit Erhalt und Weiterführung des Selbstverwaltungsprojektes sichert. Ziel des Vereins ist der Erhalt und die Weiterentwicklung des Selbstverwaltungsprojektes, nicht das Ziel der Gewinn- oder Einnahmemaximierung. Besonderes Ziel ist die Förderung von Kunst und Kultur auf dem Gelände. Das Selbstverwaltungsprojekt ist in dieser Form einzigartig in der Bundesrepublik.

Nach 100-jähriger Firmengeschichte wurde 1988 Peter Büscher & Sohn, eine auch international tätige Baufirma mit Betonwerken, aufgegeben. Das seit 1919 bestehende Betriebsgelände Am Hawerkamp wurde dann von der eingesetzten Konkursverwaltung an Künstler, Kleinbetriebe, Clubs und ähnliche Nutzer vermietet. Im Zuge der Neuordnung des Hafengeländes erwarb die Stadt Münster die Liegenschaft mit den darauf befindlichen Gebäuden. Inzwischen hatte sich hier eine beachtenswerte „Szene“ gebildet, die 1993 in einer ersten gemeinsamen Ausstellung mit dem Titel „Werksgelände“ die ansässigen Künstler vorstellte. Für die Kulturhauptstadtbewerbung der Stadt Münster Anfang der 00er Jahre wurde das Gelände zu einem wichtigen Baustein im Bewerbungsportfolio: hier „sorgen kreative und wagemutige Künstler, Gewerbetreibende … für frischen Wind“. Mit dem „Erhaltet den Hawerkamp e.V.“ konnte der Rat der Stadt dann 2004 im Masterplan zur Hafenentwicklung die Sicherung der „Kulturszene Hawerkamp“ auf den Weg bringen, die ab 2006 in Selbstverwaltung besteht und zunächst bis 2015 befristet war. Seit 2013 wird der „KAMP“ durch den neu gegründeten Verein „H31e.V.“ selbstverwaltet, die Überlassung ist inzwischen mit Verlängerungsoptionen bis 2025 gesichert. Noch heute zeigt sich die Geschichte der Firma Büscher & Sohn auf dem Gelände. Der alte Lockschuppen im Herzen des Hawerkamp dient als Veranstaltungsfläche, die Halle B ist fast im Originalzustand erhalten. Betonplatten bilden ein Gebirge und selbst in den Clubs und Ateliers atmet das alte Betonwerk weiter. Diese Spuren zu erhalten ist eines der Ziele des Vereins. Münster war und ist ein Ort auch der Arbeiter und der Produktion. Der Hawerkamp als Kulturstandort hat seit 25 Jahren seine eigene Geschichte geschrieben.Kunstausstellungen, Konzerte, Clubfestivals, Kunstkurse, legendäre Crossover-Veranstaltungen, Konzerte in Schrauberwerkstätten, Theater in der alten Werkshalle B und das jährliche EdH-Festival ziehen tausende Besucher an. So wie der Hawerkamp ein Ort des öffentlichen Lebens ist, so ist er auch ein Ort der Arbeit. Mehr als 50 bildende Künstler, sowie Drucker, Schneider, Fahrrad- und Autoschrauber, Handwerksbetriebe, Clubs und Konzertveranstalter, Architekten, Caterer, soziokulturelle Vereine, probende Bands und Theatergruppen sind auf dem Gelände tätig.Diese anfänglich eher zufällige Nutzungsvielfalt hat sich bewährt als wesentlich für den Bestand und die Entwicklung des Geländes, da diese Heterogenität sowohl produktive Reibung als auch umsichtige und gegenseitige Energien und Synergien erzeugt, die einer einfältigen Monotonie widerstehen kann. Ein solches „Biotop“ gibt auch den sich sonst fast regelmäßig einstellenden Gentrifizierungen kaum Chancen. Inzwischen ist der „KAMP“ ein weit über regionale Grenzen bekanntes Gelände. So finden Konzerte und Partys mit internationalen Bands und DJ´s statt. Film und Fernsehteams nutzen die einzigartige Kulisse.“

Erinnerung an eine Ausstellung im Rijksmuseum Twenthe

In der Männerwelt durchgesetzt

Dass Frauen es trotz aller Schwierigkeiten schon vor Jahrhunderten schaffen konnten, sich in einer männerbeherrschten Welt zu etablieren, zeigt das Beispiel der Künstlerin Artemisia Gentileshi. Eine Ausstellung mit ihren Werken war bis Anfang 2023 im Rijksmuseum Twenthe in Enschede zu sehen.

Große Kunst von Frauen gab es bereits im Zeitalter des Barock: Die bekannteste Vertreterin war Artemisia Gentileshi. Sie wurde 1593 in Rom als Tochter des bekannten Malers Orazio Lomi geboren. Dadurch hatte die junge Artemisia – anders als die überwiegende Mehrheit der der Frauen zu ihrer Zeit – Zugang zu Bildung und Kultur. Sie lernte von ihrem Vater, und schnell wurde klar, dass ihr künstlerisches Talent groß war.

Meisterwerk mit 17

Schon im Alter von siebzehn Jahren war sie in der Lage, ein Meisterwerk zu schaffen: eine komplexe Komposition mit mehreren Figuren. Im Mittelpunkt steht dabei die schöne, biblische Susanna, die beim Baden von zwei älteren Männern begafft und belästigt wird. Sie stellen Susanna vor eine unmögliche Wahl: Entweder sie gibt sich ihnen hin, und niemand wird es hören, oder sie weigert sich, wird trotzdem vergewaltigt und die beiden werden nachher herumerzählen, dass sie sich ihnen hingegeben hat. Gentileshi zeigt das Dilemma ohne Ausweg für Susanna, die Gefahr läuft, ihre Ehre zu verlieren. Im Gegensatz zur Auffassung mancher ihrer männliche Zeitgenossen war für die Künstlerin das Baden von Susanna keine Entschuldigung für sexualisierten Voyeurismus, sondern eine Gelegenheit, sich selbst über ihren Körper und das Sein als Frau bewusst zu werden.

In einem Brief zeigte sich Vater Orazio stolz auf seine Tochter Artemisia, die „so fähig geworden ist, dass ich es kaum zu sagen weiß.“

Trotz guter Voraussetzungen führte Artemisia das erfolgreiche römische Atelier ihres Vaters nicht fort; und das hatte Gründe. Sie wurde von Agostino Tassi, einem Freund ihres Vaters, bei dem sie Kenntnisse in perspektivischer Malerei erhalten sollte, vergewaltigt. Damit nicht genug, hielt er das Versprechen, sie zu heiraten, nicht ein – mit der Behauptung schon verheiratet zu sein, was aber nicht stimmte.

Für Artemisias Vater war diese Lüge, der Verrat, das größere Verbrechen als die Vergewaltigung. Orazio reichte eine Klage gegen seinen Freund, der die Ehre seiner Tochter wegen eines nicht eingehaltenen Heiratsversprechens geschändet hatte. Aufgrund des öffentlichen Charakters dieses Prozesses drohte Artemisia das Schicksal der von ihre gemalten Susanna im Bade zu erleiden. Nach dem Prozess, der mit einer Verurteilung für Tassi endete, begann für Artemisia ein turbulentes, aber auch relativ unabhängiges Leben.

Ein neues Leben

Sie verließ Rom und wählte Florenz als ihre neue Heimat, bevor sie 1620 wieder zurückkehrte. Danach lebte sie noch einige Jahre in Venedig, bevor sie sich dauerhaft in Neapel niederließ. In dieser Zeit heiratete sie, bekam Kinder und wurde die erste Frau, die der Accademia di Arte Disegno in Florenz beitreten durfte. Als Künstlerin war sie erfolgreich und arbeitete für nationale und internationale Kunden.

Aber es gab auch Tragödien im Leben von Artemisia Gentileshi. Von ihren fünf Kindern starben vier im jungen Alter, sie begann eine außereheliche Affäre, entfremdete sich von ihrem Mann und verlor den Kontakt zu ihrem Vater. Auch ständige Geldprobleme prägten ihr Leben.

Das relativ begrenzte Wissen über Artemisias Leben wurde durch knappe Quellen wie die Abschriften des Prozesses gegen Agostino Tassi und mehrere Dutzend diktierter oder selbst geschriebener Briefe an Kunden oder Bekannte dokumentiert. Zusammen mit ihrem gemalten Werk bietet dieses Wissen einen Einblick in das Leben einer selbstständigen, als Künstlerin arbeitenden Frau im Zeitalter des Barock. Durch ihren Beruf als Malerin erreichte Artemisia ein für die damaligen Verhältnisse großes Maß an Freiheit und Erfolg. Und ihr Werk ist es, mit dem sie viele universelle Geschichten – besonders die über Frauen – auch heute noch immer erzählt.

„Schweinische Kunst“ in Kassel

Die Ausstellung „Documenta“ war schon immer für Überraschungen gut. Das war auch 1997 der Fall, als dort die „Bunte Bentheimer“ Kunstcharakter bekam.

Dass Schweine philosophieren können, weiß man spätestens nach folgendem kurzen Dialog: Sagt das eine Schwein zum anderen: „Es ist Wurst, was aus uns wird.“ Antwort: „Ich weiß.“ Dass aber das Schwein in der Kunst der Moderne Bedeutung gefunden hat, ist vielleicht vielen nicht mehr so geläufig.

Geschehen ist das im Jahre 1997 bei der „documenta X“ in Kassel. Die bekannten Künstler Rosemarie Trockel und Carsten Höller hatten damals die „Bunte Bentheimer“ zum Kunstobjekt erkoren. Die Schweinerasse, die von dem Isterberger Landwirt Gerhard Schulte-Bernd durch koordinierte Weiterzucht und Vermarktung (Motto „Erhalten durch Aufessen“) vor dem Aussterben bewahrt wurde, war in einem ökologischen Musterstall, genannt „Haus für Schweine und Menschen“, in der Nähe der Orangerie in der Karlsaue zu einem Bestaunen vor verspiegeltem Glas für das Publikum freigegeben.

Aber wie kam nun das Schwein zur Kunst? Das hatte die „Bunte Bentheimer“ der künstlerischen Leiterin der documenta, Catherine David, zu verdanken, die im Gegensatz zum Ansatz der vorangegangenen documenta, die aktuelle Weltkunst-Szene zu spiegeln, eine ganz andere inhaltliche Ausrichtung anstrebte. Die von ihr verantwortete documenta X sollte zu einer Schau über das Thema Globalisierung, zu einer „kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart“ werden. Statt eines Epochenquerschnitts der Kunst hatte David eine politisch gemeinte Themenschau eingerichtet.

Irgendwie pervers, sich da so gegenseitig durch die Scheibe anzuschauen“

Mit einer gewissen Süffisanz schrieb Jürgen Hohmeyer vom Magazin „Der Spiegel“ zur documenta von 1997 folgende schöne Zeilen: „Wer in den Stall sah und sich an den glücklichen Tieren erfreute, dachte unweigerlich über Massentierhaltung, Ausbeutung und Gewinnmaximierung nach. Gedankenvoll entspannt sollen documenta-Besucher schließlich am Ende ihres Parcours, in einem Heckengeviert des Kasseler Aueparks, dem Bruder Tier ins Auge blicken. Rosemarie Trockel und Carsten Höller unterhalten da ein Gehege für eine Familie der im Kotelett-Wettbewerb minder effektiven und daher existenzbedrohten Schweinerasse „Schwarzbunte Bentheimer“. Der Eber hat sein Werk getan: Eine von zwei Säuen säugt im Stroh ihre sieben neugeborenen Ferkel, die andere wird noch während des ersten Ausstellungsmonats werfen – vielleicht vor den Augen von Kunstfreunden, die sich diesseits der Trennscheibe bequem auf einer schiefen Ebene fläzen. Und eine Besucherin sagte mit kritischem Blick: „Irgendwie pervers, sich da so gegenseitig durch die Scheibe anzuschauen.“

Trockene Fakten zum saftigen Fleisch

Um die „Bunte Bentheimer“ nun wieder auf den profanen Boden der Tatsachen zurückzubringen, seien folgende, eher trockene Fakten kurz erwähnt: „Das Bunte Bentheimer Schwein ist ein mittelgroßes Schwein im Landschweintyp (Schlappohren), langgestreckt und rahmig mit kurzem Becken sowie unregelmäßig schwarzen Flecken auf weißem oder hellgrauen Untergrund. Eigenschaften und Zuchtziel: hohe Fruchtbarkeit, lange Nutzungsdauer, stressstabil und robust, genügsam in der Haltung, exzellente Fleischqualität. Vorkommen: früher Grafschaft Bentheim, Emsland, Cloppenburg und Wettringen. Heute gibt es bundesweit Zuchtbetriebe.“

Erinnerung an eine Ausstellung vor über zehn Jahren

Großer Sozialkritiker und Künstler im Otto Pankok-Museum

Hin und wieder wird es Zeit, Sachen auszusortieren, die lange nicht mehr in Gebrauch oder in Erinnerung waren. Letzteres gilt beispielsweise für Artikel aus Zeitungen oder Magazinen, die zu einer bestimmten Zeit wichtig waren und die aus diesem Grunde für eventuell weitere Nutzungszwecke zur Seite gelegt wurden. Manches Mal gibt es aber auch Fundstücke, die noch einen zweiten Blick verdienen und dann auch wieder den Weg aus dem Papierkorb zurück in das Archiv finden.

Dies gilt in meinem Falle für einen Artikel, den ich 2012 nach einem Besuch vor Ort für das Grafschafter Wochenblatt über eine Ausstellungseröffnung im Otto Pankok-Museum in Gildehaus geschrieben habe:

Der Titel: Altmeister der Grafik und der Zeichnung zum Wiederentdecken: Heinrich Zille

„Gehen Sie lieber auf die Straße raus ins Freie, beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen. Was sie auch werden – im Leben können Sie es immer brauchen“ – so sprach Professor Hosemann von der Kunstschule in Berlin 1872 zu Heinrich Zille, der bei ihm zweimal in der Woche den Unterricht besuchte.

Zille nahm diesen Ratschlag an. Und wie er ihn in die Tat umsetzte, ist in einer umfangreichen Ausstellung zu entdecken, die noch bis zum 27. Februar 2013 im Otto Pankok-Museum in Gildehaus zu sehen ist.

Der Grafiker, Zeichner und Fotograf Heinrich Zille war der Chronist Berlins während der Zeit Kaiser Wilhelms II. Mit Zeichenstift und Block durchstreifte der damals als „Pinselheinrich“ bekannte Künstler das Berlin der sogenannten „kleinen Leute“, der Prostituierten. Ganoven und der Menschen, die in Armut am Rande der Gesellschaft lebten.

Aber auch den derben Spaß, mit dem diese Menschen versuchten, ihren Alltag zu meistern, erlebte er unter anderem während seiner Lehre bei einem Steinzeichner und schilderte es in seinem Lebenslauf für die Aufnahme in die Akademie der Künste: „Zum Frühstück musste ich Bier holen, das konnten wir von den Kellnern des Orpheums, die eine eigene Kantine hatten und vormittags beim Putzen des Fußbodens, der Spiegelscheiben usw. bekommen. Da lagen noch betrunkene Männer und Weiber in den Nischen und Logen: die Glücklichen der Gründerzeit, die die Ernte der Kriegserfolge von 1870-71 einheimsten. Ich kam mal dazu, wie sich die Kellner eine besoffene dicke Hure über den Stuhl gelegt hatten und auf dem entblößten Hintern einen Dauerskat kloppten.“

„Zille sein Milljöh“, wie es in Berlin hieß, das waren wie eben deutlich und äußerst drastisch beschrieben, fragwürdige Kneipen, die berüchtigten düsteren Berliner Hinterhöfe, enge Wohnungen und dunkle Straßen, die den Kindern als Spielplatz dienten. Hier hielt er sich auf und schuf eine Vielzahl von Zeichnungen, die ein Spiegelbild der elenden Wohn- und Lebensbedingungen im schnell wachsenden Berlin der Gründerzeit sind.

Keine einfache Arbeit, wie Zille selbst einmal sagte: „Als ich anfing, war es ein großes Risiko, arme Leute zu malen. Damals koofte sowat kein Hammel – nicht einmal der Magistrat.“

Trotz viel Kritik wurde Heinrich Zille noch zu Lebzeiten bekannt. Den Höhepunkt in seiner künstlerischen Karriere bildete die Ausstellung „Zilles Werdegang“ im Märkischen Museum Berlin, passend zu seinem 70. Geburtstag.

Sein um 1900 entstandenes großes fotografisches Werk wurde jedoch erst gegen Ende der 1960-er Jahre bekannt. Zille benutzte die Kamera als „lichtbildnerischen Notizblock“. Die Schnappschüsse von Reisigsammlern, Hinterhöfen und Arbeitern zeigen in ihrer Bildgestaltung das geschulte Auge des Künstlers.

Bevor Zille aber Künstler wurde, absolvierte er eine Ausbildung als Lithograph bei der Photographischen Gesellschaft, einem der damals führenden Betriebe der Reproduktionstechnik. Dort schaffte er es vom Gesellen bis zum Druckereileiter. Da er gleichzeitig auch künstlerische Gehversuche machte und sich dabei vor allem mit der proletarischen Unterschicht beschäftigte, erfolgte die Entlassung aus dem Betrieb. Das traf ihn zunächst hart, doch glücklicherweise stellte sich mit der Zeit Erfolg ein; und dabei war ihm seine Ausbildung eine große Hilfe. Dank seiner technischen Fertigkeiten gelang es ihm, seine Arbeiten vor allem bei Zeitschriften unterzubringen. Zille arbeitete unter anderem für den „Simplicissimus“, „Lustige Blätter“ und „Der liebe Augustin“.

Über die Zeit erwarb er sich Bekanntheit als virtuoser Porträtmaler, und auch die Kunstwelt wurde auf sein Werk aufmerksam. 1903 erfolgte Zilles Aufnahme in die neu gegründete „Berliner Secession“, einer Künstlergruppe, die sich auf Betreiben von Max Liebermann, Walter Leistikow und Franz Skarbina vom bis dahin dominierenden klassischen Kunstbetrieb abgespalten hatte.

Liebermann, einer der wohl bedeutendsten deutschen Maler seiner Zeit, wurde Protegé und Freund. Dies wird unter anderem durch einen Brief belegt, in dem Liebermann voll Begeisterung folgende Worte schrieb: „Zwar ist das, was Sie darstellen, durchaus nicht vergnüglich. Im Gegenteil! Der Menschheit ganzer Jammer würde jeden anpacken, der sich in den nassen Kellergeruch und in die nagende Feuchtigkeit, die ihre Interieurs ausmachen, versetzen würde. Aber, „was im Leben uns verdrießt, man in Bildern gern genießt“, notabene, wenn das Bild von der Hand eines Meisters stammt. Wer aber ist ein Meister? Der sich mit den Mitteln seiner Kunst sein seelisches Erlebnis so zu übermitteln versteht, daß wir es miterleben.“

Was Liebermann damit meint, ist auf den im Otto Pankok-Museum ausgestellten Werken gut zu sehen. Sie zeigen detailreich und genau auf den Punkt gebracht das Elend der einfachen Menschen, aber auch ihre manchmal derbe Freude an Alkohol und Sex und ihre dem harten Leben abgetrotzte Virilität.

Nach einem mehr als erfüllten Leben, das 1924 noch mit der Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste und der Ernennung zum Professor gekrönt wurde, starb Zille 1929.

Erinnerungen an einen Museumsbesuch vor über 10 Jahren

Kunstgenuss im beschaulichen Otterloo

Hin und wieder wird es Zeit, Sachen auszusortieren, die lange nicht mehr in Gebrauch oder in Erinnerung waren. Letzteres gilt beispielsweise für Artikel aus Zeitungen oder Magazinen, die zu einer bestimmten Zeit wichtig waren und die aus diesem Grunde für eventuell weitere Nutzungszwecke zur Seite gelegt wurden. Danach verloren sie an Bedeutung. Manches Mal gibt es aber auch Fundstücke, die noch einen zweiten Blick verdienen und dann auch wieder den Weg aus dem Papierkorb zurück in das Archiv finden.

Dies gilt in meinem Falle für einen Artikel, den ich 2012 nach einem Besuch vor Ort für das Grafschafter Wochenblatt über das Kröller-Müller-Museum in Otterloo geschrieben habe:

Der Titel: Zweitgrößte Vincent van Gogh-Sammlung der Welt im Kröller-Müller-Museum

„Eine der wohl bösesten und makabersten Rachegeschichten der Weltliteratur stammt von Edgar Allen Poe und heißt im Original „Hop Frog: Or, the Eight Chained Ourangoutangs“.

Sie erzählt von einem Zwerg, der sein Dasein als Narr bei einem grausamen König fristen muss. Der Zwerg kann sich auf seinen schwächlichen Beinen nur schwerfällig fortbewegen, dass die sieben Minister des Königs ihm den Spitznamen „Hopp-Frosch“ geben. Zum Ausgleich seiner schwächlichen Beine hat „Hopp-Frosch“ aber äußerst kraftvolle Arme. Der König, ebenso beleibt wie seine fetten sieben Minister, liebt derbe Scherze.

Als ein Maskenball bevorsteht, soll Hopp-Frosch ihm und seinen sieben Ministern eine noch nie dagewesene Maskierung empfehlen. Als Hopp-Frosch nichts einfällt, zwingt der König ihn trotz Widerwillens zum Trinken. Als er ihm noch ein zweites volles Glas aufzwingen will, bittet Tripetta, eine Freundin von Hopp-Frosch, den König demütig, ihrem Freund, der den Wein nicht verträgt, die Qual zu ersparen. Wütend über ihre Anmaßung, schüttet der König ihr den Wein ins Gesicht. Darauf hin fällt Hopp-Frosch ein, wie sich die acht Würdenträger maskieren könnten: Als Orang-Utans! Die Aussicht, damit großen Schrecken bei den Damen zu erzeugen, begeistert den König ebenso wie die Minister. Sie lassen sich Trikots überziehen, die mit Teer bestrichen werden, darauf wird Werg geklebt. Dann bindet Hopp-Frosch sie mit einer Kette im Kreis zusammen, fügt aber zwei Ketten hinzu, die den Kreis rechtwinklig schneiden. Im Festsaal ist der große Kronleuchter aus der Kuppel entfernt worden, nicht aber die Kette, an der er hing. Als der König und seine Minister nun zum großen Schrecken des Publikums in ihrer Verkleidung auftreten, befestigt Hopp-Frosch das Kettenkreuz unversehens am Haken der Kronleuchterkette, die über das Dach durch ein Gegengewicht beweglich ist. Hopp-Frosch lässt die acht Maskierten hoch empor ziehen, besorgt sich eine Fackel, springt mit hinauf und zündet das Bündel der Hängenden an, die schnell in hellen Flammen stehen und verbrennen.

Diese Geschichte inspirierte den belgischen Maler James Ensor, einen der wichtigsten Vorreiter des Expressionismus, zu dem Werk „La vengeance de Hop-Frog“, das in der Geschichte der Malerei eine besondere Stellung genießt. Es besticht durch seinen starken Kontrast zwischen der karnevalistisch anmutenden Atmosphäre und dem darin sich abspielenden mörderischen Racheakt von Hopp-Frosch und Tripetta, die ihrem Freund natürlich zur Seite steht.

Zu sehen ist das Meisterwerk im Kröller-Müller-Museum im beschaulichen Otterloo nordwestlich von Arnheim. Umgeben von einem wunderschönen Park, in dem sich Skulpturen von so bedeutenden Künstlern wie Auguste Rodin, Jean Dubuffet und Richard Serra finden, ist das Kröller-Müller-Museum mit seiner großartige Sammlung an Kunst aus unterschiedlichen Jahrhunderten eine absolute Empfehlung; und es braucht zirka nur eine Stunde Autofahrt, um von der Grafschaft Bentheim dort hinzukommen.

Als Entreé im Kröller-Müller- Museum gibt es in Glasvitrinen aufgestellte Kleinskulpturen verschiedener Künstler, deren Werke sich durch die Kombination unterschiedlicher Materialien und vielfältigster Formen auszeichnen. Aber dieser Bereich ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch folgt.

Sofort ins Auge fällt eine der filigranen Figuren von Alberto Giacometti. Sie umgibt ein nicht zu lüftendes Geheimnis, eine Faszination, die sich nicht erklären lässt, die aber auch nicht erklärt werden muss. In unmittelbarer Nähe nicht weniger geheimnisvoll und faszinierend eine Skulptur von Henry Moore.

Danach kann sich der Kunstfreund auf eine lange Reise durch die Geschichte der Malerei begeben und wird feststellen, dass er hier unter anderem auf eine große Vincent van Gogh-Sammlung stößt, übrigens die nach Amsterdam zweitgrößte Sammlung dieses führenden Vertreters des Impressionismus und des beginnenden Expressionismus. Zwei absolute Klassiker der Kunstgeschichte der Kunstgeschichte sind hier vertreten, die die Entwicklung van Goghs exemplarisch dokumentieren. „Die Kartoffelesser“ bilden einen der Höhepunkte seiner niederländischen Periode, die Café-Terrasse bei Nacht das vermutlich am meisten verwendete Motiv für Kunstkalender und Kunstpostkarten, einen der Höhepunkte der französischen und letzten Periode seines Schaffens.

Abgerundet wird die Sammlung des Kröller-Müller-Museum durch Werke von Pablo Picasso, Juan Gris, George Seurat, Fernand Leger, Hans Arp, Piet Mondrian, um nur die bekanntesten Klassiker der Moderne zu nennen. Aber auch Vertreter der Gegenwartskunst wie Anselm Kiefer, Jenny Holzer und Jan Fabre finden ihren gebührenden Platz. Sonderausstellungen und weiteres ergänzen das Programm.

Das Kröller-Müller-Museum ist dienstags bis sonntags von10 bis 17 Uhr geöffnet.

Nähere Informationen: erfolgen unter der Telefonnummer (0031) 0318 591241, im Internet auf www.kmm.nl und per Email unter info@kmm.nl