Von Thomas Gatzemeier
Es war immer eine Illusion zu glauben, die Zeit der Diktaturen lägen hinter uns. Was sich verändert, sind die Namen der Menschen die zu Diktatoren dank ihrer Wähler werden. Aus diesem Grund sollte man Diktaturen nicht personalisieren. Was bleibt, sind die Strukturen – und ihre Spuren im Menschen.
Ein Gemälde von 1980. Ein Befund mit Gültigkeit.
Auf den ersten Blick könnte man die Szene meines Gemäldes „Die Hitler kommen und gehen“ als Atelierszene lesen. Modelle, nackt, arrangiert. Eine Übung. Doch das Bild verweigert diese Lesart, sobald man genauer hinsieht. Und der Ausgangspunkt war eine Fotografie. Ein Familienbild aus der Nazizeit.
Einige Körper sind verletzt. Verstümmelt. Geschunden. Ein Mann steht mit bandagierten Stümpfen, wo Hände sein müssten. Sein Leib ist eingeschnürt. Ein anderer sitzt schwer und erschöpft, als sei ihm jede Spannung entzogen. (Das Modell war Herr Altermann – ehemaliger Kampftaucher der Wehrmacht). Die Haut ist nicht glatt, sondern gezeichnet. Die Figuren sind nicht in Pose, sondern in einem Zustand des Leides gefangen. Auch das ist Zweck und Sinn der Aktmalerei. Denn diese gemalten Menschen stellen einen Befund dar. Und eben auch Eros und Thanatos.
Rechts sitzt eine Frau, massig, präsent, abweisend und gleichgültig. Neben ihr eine stramm stehende Figur, frontal, fast kühl – ein BDM-Mädchen – eine FDJlerin. Dazwischen kein Dialog, sondern innerer Abstand. Der Raum hält sie fest, das Licht erlöst nichts.
Und vorne der Trommler. Er ist klein, beinahe grotesk, und doch ist er der Schlüssel. Der Verweis auf die damals noch verbotene Blechtrommel von Günter Grass. Allein dies war 1980 in der DDR eine Provokation. Denn dieser Roman war bis in das Jahr 1987 in der DDR verboten, da Grass die DDR zuweilen mit dem Dritten Reich verglich.
Verstümmelung als grausame Kontinuität
Die abgeschlagenen Hände sind kein Detail. Sie sind durchaus ein zentraler Punkt in der Komposition. Sie sprechen von Gewalt, die bereits geschehen ist. Von einer Zerstörung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Und von einem Leben, das dennoch weitergeht – notdürftig verbunden, sichtbar gezeichnet. Hier liegt die eigentliche Aussage des Bildes: Diktaturen verschwinden nicht spurlos. Sie hinterlassen Menschen. Körper. Biografien.
Die Hitler kommen und gehen meint genau das. Nicht die Person, sondern das Prinzip. Die Wiederkehr von Machtformen, die sich einschreiben – in Sprache, in Verhalten, in den Körper selbst.
Nähe zu Dix und Beckmann
In dieser Hinsicht steht das Bild nicht im luftleeren Raum. Die Nähe zu Otto Dix ist offensichtlich. Seine Kriegsversehrten, seine schonungslosen Körper, die nicht mehr zu verbergen sind – sie bilden einen Hintergrund, vor dem man diese Arbeit sehen muss. Dix zeigt die Verwundung als Konsequenz. Als sichtbares Ergebnis einer Ideologie. Mit Otto Dix bin ich aufgewachsen und habe Stunden vor seinen Werken in Dresden verbracht. Aber auch später interessierte mich der Umgang der Systeme in Ost und West mit dem Werk und dem Künstler Otto Dix. Unter anderem in dem Text „Man kann alles malen – aber nicht jeder“.
Auch bei Max Beckmann findet sich diese Verdichtung. Seine Figuren sind gefangen in Räumen, die mehr sind als Räume. Sie sind Bühnen der Existenz. Orte, an denen Macht, Angst und Ausgeliefertsein sichtbar werden. Beide – Dix und Beckmann – haben den Menschen in und nach den Katastrophen ihrer Zeit gemalt. Mit „Die Hitler kommen und Gehen“ versuchte ich darauf hinzuweisen, das die Katastrophe ein Dauerzustand war. Denn die eine Diktatur wurde von der nächsten abgelöst. Das hat natürlich auch Einfluss auf die Gegenwart. Günter Grass würde sagen – „Ein weites Feld“.
Die verschlüsselte Kritik an dem System der DDR wurde in Metaphern verpackt. Das war mir in diesem Fall zu wenig. Das Bild „Die Hitler kommen und gehen“ entstand in der DDR. In einem System, das sich selbst als Gegenentwurf verstand und doch die Kontinuität in sich trug – die des faschistoiden. Gerade darin lag die Spannung. Ich war jung und begriff die Kunst als Mittel der Provokation. Und doch merkt man schnell – Kunst ist nicht Waffe – wie die Genossen behaupteten. Sie ist eine Waffel süß und breiig und wird nichts ändern, aber den Zustand dokumentieren.
Die offizielle Erzählung lautete: Der Faschismus sei überwunden. Die Geschichte sei abgeschlossen meinte man nach 1989 und musste erkennen das man falsch lag. Denn wer mit Verbrechern Geschäfte macht, ist MITSCHULDIG.
Das Bild widerspricht. A priori war die DDR eben keine Demokratie, auch wenn die Mehrheit bei den Wahlen ein Kreuz für diese Menschen machte, von denen sie unterdrückt wurden. Dies nach 1989 zu verharmlosen ist bestimmt einer der Fehler, die eine echte und tiefgreifende Demokratisierung verhinderten.
Es zeigt, dass die Formen weiterleben. Dass sich Gewalt nicht nur in den verdächtigen Systemen zeigt, sondern auch in denen, die sich moralisch überlegen wähnen.
Die Aussage blieb vielen damals verschlossen, weil sie den einlullenden Floskeln glaubten, oder die Realität schlicht verdrängten. Der Titel – das Zitat von Stalin – übernimmt diese Funktion.
Die Hitler kommen und gehen.(Aber das Deutsche Volk bleibt) Ein Satz, der damals nicht von jedem gelesen werden konnte, da Stalin damals in Ungnade gefallen war.
Reaktion und Abwehr
Die Reaktionen auf meine Arbeit waren entsprechend. Die Auseinandersetzungen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu Leipzig, der Abbruch der Betreuung, die Konfiszierung der schriftlichen Arbeit, die Kritik in den offiziellen Medien – all das zeigt, dass das Bild verstanden wurde.Nicht missverstanden. Verstanden.
Und heute? Man könnte versucht sein, das alles historisch zu lesen. Als Produkt einer bestimmten Zeit. Einer bestimmten Situation. Doch dann müsste man die Verstümmelungen im Bild ignorieren. Denn sie sind nicht vergangen. Sie haben nur ihre Zeit verändert.
Die Mechanismen sind weiterhin sichtbar. Weltweit. Autoritäre Strukturen, nationalistische Rhetorik, eine Sprache, die sich verhärtet. Der Mensch bleibt dabei nicht unberührt. Er wird gezeichnet. Verformt. Deformiert. Manchmal auch zerstört.
Was bleibt: Dieses Bild ist kein Kommentar. Es ist eine Zustandsbeschreibung. Und vielleicht liegt seine Stärke genau darin, dass es keine Lösung anbietet. Sondern nur zeigt, was ist – und was immer wieder geschieht. Die Hitler kommen und gehen. ….. Der Mensch bleibt. Aber nicht unversehrt.
Zum Autor:
Am dunkelsten Tag des Jahres 1954 im sächsischen Döbeln geboren, wurde Thomas Gatzemeier ungefragt von einem katholischen Pfarrer getauft.
Als Kind buk er heimlich einen Kuchen, der als Brot gut ankam. Dieses scheinbare Missgeschick inspirierte ihn dazu, eine Ausbildung als Schrift- und Plakatmaler zu absolvieren, um Pinsel und Stift zu beherrschen. Er arbeitete anschließend auch als Steinmetzgehilfe und Grabsteindesigner. Nach dieser Grundausbildung studierte er Malerei und Grafik an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo Arno Rink und Volker Stelzmann zu seinen Lehrern zählten. 1980 beendete er sein Studium und ist seitdem als freier Künstler, Autor, Kunsthändler, Blogger und Freizeitkoch tätig.
Konflikte mit den Machthabern der SBZ und ein mehrjähriges Ausstellungsverbot bewegten ihn 1986 dazu, die SBZ zu verlassen. Danach lebte er vorwiegend in Karlsruhe, verbrachte aber auch längere Zeit in Zürich und nahe Worpswede. Von 2006 bis 2015 hatte er ein weiteres Atelier in Leipzig. Nach 34 Jahren Hauptwohnsitz in Karlsruhe verlegte der Wanderer zwischen den Welten im Februar 2020 seinen Wohnsitz endgültig nach Leipzig.
Nähere Informationen: Thomas Gatzemeier, Gottschallstraße 24, 04157 Leipzig, Telefon: 0172 610 25 35, E-Mail: info@thomas-gatzemeier.de