Auf den Krisenherden dieser Welt unterwegs

Neues Buch von Katrin Eigendorf

Sie gehört ohne Zweifel zu den mutigsten deutschen Journalistinnen: Katrin Eigendorf, die für das ZDF direkt vor Ort von den Krisenherden dieser Welt berichtet.

Seit Kurzem liegt ihr neues Buch mit dem Titel „Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege“ vor, in dem sie von ihrer Tätigkeit als Sonderkorrespondentin berichtet – und das auf eine sehr persönliche Art tut. Sie lässt die Leserinnen und Leser neben den politischen Fakten auch an ihrer Sicht der Dinge teilhaben. Katrin Eigendorf ist dort unterwegs, wo die Welt ins Wanken geraten ist – in der Ukraine, wo sie Soldaten an der Front begleitet, oder in Afghanistan, wo sie von mutigen Frauen in Afghanistan berichtet, die Mädchen in Untergrund-Schulen unterrichten, aber auch von den Taliban, die 2021 die Macht zurückgewonnen haben und ein weiteres mal die Frauen unterdrücken. Es sind existenzielle, häufig auch schmerzhafte Begegnungen, mit Menschen, deren Geschichten die Reporterin erzählt. Nicht aus der Distanz, nur aus der Nähe, aus der eigenen Anschauung und Anteilnahme berichtet sie über Kriege. Was sie dort erlebt, wie in der zurückeroberten ukrainischen Stadt Isjum, wo sie auf von den Russen hinterlassene Leichenberge stößt, ist erschreckend.

Was zur Zeit auf der Welt von Afghanistan über den Gazastreifen bis hin zum Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine und auch in anderen Regionen passiert, bringt Katrin Eigendorf präzise auf den Punkt: „Wir erleben heute, wie Grenzen systematisch überschritten und verschoben werden. Grenzen von Ländern, Grenzen der Menschlichkeit, des Ressourcenverbrauchs. Wir bewegen uns in eine scheinbar grenzenlose Welt, in der fast alles möglich scheint – und zugleich alles ins Rutschen gerät. Das nutzen Autokraten wie Putin, Trump oder Xi zu ihrem Vorteil. Und nicht nur sie. In Deutschland erteilt ein Ladenbesitzer Juden Hausverbot. In Afghanistan verweigern die Taliban verletzten Frauen nach einem Erdbeben ärztliche Hilfe, weil diese nicht von Männern berührt werden dürfen. In Gaza lässt die israelische Regierung Menschen verhungern, im Iran lassen die Mullahs Frauen foltern und ermorden, weil sie ihre Haare nicht bedecken. Russland überfällt sein Nachbarland, und in den USA darf ein gewählter Präsident willkürlich Jagd auf Menschen machen und diese deportieren lassen. Es ist eine Welt der Grenzverschiebungen.“

Dabei war zu Beginn ihrer journalistischen Karriere Ende der 1980-er Jahre die Welt von sehr viel Hoffnung erfüllt, wie sie weiterschreibt: „Der Beginn meiner journalistischen Laufbahn ist geprägt vom Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion. Es schien damals, als befände sich die Demokratie auf dem Siegeszug. Francis Fukuyama sprach vom Ende der Geschichte. Die Vorstellung, dass auf den Trümmern einer Monarchie und eines jahrzehntelangen Sowjetregimes eine funktionierende Marktwirtschaft und Demokratie entstehen können, zog mich nach Russland – voller Hoffnung. Im Westen wuchs damals die Überzeugung, Reformen könnten von außen gefördert werden.“

Doch diese Hoffnungen trogen, wie die nachfolgenden Jahre zeigten. Und das gilt auch für den Westen, allen voran die USA mit Präsident Donald Trump. Ebenso in seinem Fall bringt sie die von ihm vollzogenen Grenzverschiebungen auf den Punkt: „Es ist ihm gelungen, so viel Macht in seinen Händen zu konzentrieren, wie kein amerikanischer Präsident zuvor. Er und die MAGA-Bewegung sind dabei, die demokratischen Institutionen, Traditionen und ihr Regelwerk systematisch zu zerstören, mit dem Ziel, ein autokratisches Regime zu errichten.“

Dass dergleichen geschehen konnte, begründet sie unter anderem mit einer technischen Entwicklung, die immer mehr die Wahrnehmung von Informationen beeinflusst: Das Internet und die mit ihm verbundenen „sozialen Medien“. Deren immer größer werdende Macht datiert sie auf das Jahr 2014 zurück: „Wir werden überflutet mit Informationen, und viele Menschen haben das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Eine Entwicklung, die spätestens seit 2014 erkennbar ist. Mit gezielter Desinformation ist es Russland gelungen, das Vertrauen in die Wahrheit zu erschüttern. Social Media haben den Autokraten von heute schier unbegrenzte Möglichkeiten der Manipulation gegeben. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird die Grenzen in einem Ausmaß weiter verschieben, das wir noch nicht kennen.“

Mit ihrem Buch will sie ein Zeichen gegen diese Entwicklung setzen. Sie glaubt an die Wahrheit und an ihre Profession als Journalistin. So ist es ihr ein großes Anliegen, über Menschen zu berichten, die sich gegen die um sich greifenden autokratischen Denkweisen und Strukturen ankämpfen: „Hoffnung machen mir die vielen Begegnungen mit Menschen, die teilweise unter hohen Risiken für ihre Freiheit eintreten. Ihre Geschichten zu erzählen ist mein Anliegen …“

Eine ihrer Stationen: die Zarghona High School in Kabul, ein Jahr nach der Machtübernahme durch die Taliban. Dort trifft Katrin Eigendorf für einen Fernsehbericht auf die Direktorin, die trotz eines allgemeinen Schulverbotes für Mädchen durch die Taliban Unterricht erteilt, allerdings nur noch für 2000 statt für 8000 Schülerinnen. Und auch damit soll Schluss sein: „Für die Mädchen der sechsten Klassen soll es der letzte Schultag ihres Lebens sein. Ich versuche mir vorzustellen,was das bedeutet, wie die Mädchen sich fühlen mögen“, berichtet die Journalistin. Richtig traurig wird es zum Schluss des Besuches, als eine Lehrerin Katrin Eigendorf mit folgenden Worten verabschiedet: „»Bitte erzähle das, was die Mädchen erleben, bitte berichte davon«, sagt sie leise, bevor wir uns verabschieden. Wir werden uns nicht wiedersehen und auch nicht telefonieren, aber manchmal, so habe ich gelernt, ist es wichtig, eine Telefonnummer notiert zu haben.

Diese und weitere Erfahrungen solcher Art führen die Autorin auch dazu, über ihren Beruf zu reflektieren und eine Haltung dazu zu gewinnen: „Wie geht es dir nach solchen Begegnungen, wie kommst du damit klar, in Ländern zu sein, wo Menschen so viel Unrecht angetan wird? Es sind Fragen, die mir immer wieder gestellt werden. Gar nicht komme ich damit klar, lautet meine Antwort. Manchmal komme ich mir in eine Zeit versetzt vor, die ich als Kind nur aus Spielfilmen kannte. Die Brutalität, die Unterdrückung und diese Erbarmungslosigkeit. Das war irgendwie das Mittelalter, dessen Grausamkeit wir durch den Humanismus überwunden zu haben schienen. Hier in Afghanistan ist all das Realität.Es zu sehen ist schlimm, es zu spüren, den Menschen nahe zu sein, und sei es auch nur für wenige Stunden oder einen Tag, macht mich traurig. Das, was meinen Beruf ausmacht, ist auch das, was schmerzt. Nur wenn ich mit den Menschen, die ich treffe, eine Verbindung eingehe, kann ich ihre Geschichten so erzählen, wie es mir richtig erscheint.“

Katrin Eigendorf spricht aber nicht nur mit den unterdrückten Mädchen und Frauen, sondern auch mit denen, die das zu verantworten haben: den Taliban. Ortswechsel: das Büro des Vizeregierungssprechers Bilal Karimi. Was dort passiert, ist typisch für das frauenfeindliche Verhalten der Taliban. Karimi will sich eigentlich weigern, ein Interview mit einer Frau zu führen, lässt es aber dann doch zu. Richtig ärgerlich wird er, als Eigendorf folgende Frage stellt: „Wo im Koran steht geschrieben, dass Mädchen nach der sechsten Klasse keine Schule besuchen dürfen?«, frage ich. Ich erkenne sofort den Ärger im Gesicht des Mannes. Er bemüht sich, ruhig zu antworten, und erklärt mir etwas von oben herab: »Sie sollten auf Dinge, die mit dem Islam zu tun haben, nicht oberflächlich schauen. Das ist ein Land, das 43 Jahre für seine spirituellen und islamischen Werte gekämpft hat.“ Nach weiteren kritischen Fragen ist das Gespräch beendet.

Eigendorf weiß aber trotzdem, wie weit sie gehen kann, und welche Regeln sie befolgen muss, um aus einem von den Taliban beherrschten Land überhaupt noch berichten zu können. Ihr zu Seite steht ein afghanisches Zweimann-Team, das die „feinen Linien“ kennt, die nicht überschritten werden sollten. Sie bekommt entgegen ihren Befürchtungen nach dem Interview aber auch bestätigt, dass sie sich richtig verhalten und die nötige Sensibilität bewiesen hat: „Wir besprechen genau, was aus ihrer Sicht möglich ist und was Probleme schaffen könnte. Oft sind sie viel mutiger als ich. Sie sind der Meinung, dass das Gespräch gut gelaufen ist, denn ich war kritisch, habe mich aber höflich, fair und respektvoll verhalten. Ähnlich ist es auch mit unseren Berichten.“ Das sagt ihr auch ein weiterer journalistischer Kollege: „Solange du sachlich bleibst und nichts verdrehst oder aufbauschst, ist es okay«, erklärt mir Farid, ein weiterer langjähriger afghanischer Kollege immer wieder.“

Journalistische Tugenden, die auch hier gelten, und Umgangsformen, die in Deutschland auch als Sekundärtugenden bezeichnet werden, helfen bei der Arbeit auch unter erschwerten Bedingungen, wie Eigendorf schreibt: „Ein falsches Wort, eine falsche Darstellung kann nicht nur unsere Kollegen oder auch

Gesprächspartner in Gefahr bringen, es kann auch dazu führen, dass wir beim nächsten Mal kein Visum und keine Akkreditierung bekommen. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Möglichkeit, hier zu arbeiten, und dem journalistischen Wert, zu berichten, was ist. Nach fast jeder größeren Geschichte müssen die afghanischen Mitarbeiter Gespräche mit den Behörden führen. Es ist dann besonders wichtig, dass meine Schilderungen wahrheitsgetreu sind. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch leider erlebe ich vor allem in Afghanistan, dass sich die Menschen von westlichen Medien oft klischeehaft und falsch dargestellt sehen.“ So erhält der Leser neben einer genauen Beschreibung der Verhältnisse vor Ort auch Einblicke in die Regeln guten journalistischen Handwerks.

Weiter geht es im Buch mit einer differenzierten Analyse der Taliban und ihren unterschiedlichen Ausrichtungen, mit Berichten aus anderen Krisenregionen der Welt sowie persönlichen Erfahrungen und Betrachtungen; und durch diese gelungene Mischung gelingt es Eigendorf, komplexe Sachverhalte verständlich auf den Punkt zu bringen. Kurzum: eine lohnenswerte Lektüre über die schwierigen politischen Verhältnisse auf dieser Welt, die dem Leser Orientierung über manchmal kaum zu überblickende Zusammenhänge bietet.

Katrin Eigendorf, Erzählen, was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege, S. Fischer Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-10-397699-1

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