Spektakulär wirkt der Erweiterungsbau auf dem Dach des Museums „de Fundatie“ in Zwolle. Der ellipsenförmige Aufbau wird auch „Die Wolke“ genannt. Spektakulär ist auch die Kunst.
Auf eine schon etwas längere Geschichte kann das Gebäude zurückblicken, in dem sich das am Übergang zwischen mittelalterlichem Stadtkern und den Ringstraßen des 19. Jahrhunderts angesiedelte Museum „de Fundatie“ befindet – und auch auf unterschiedliche Nutzungen. Die im neoklassizistischen Stil errichteten Räumlichkeiten – entstanden zwischen 1838 und 1841 – dienten zunächst als Justizpalast und später als Reichsplanungsdienst für den niederländischen Staat. Nach einem zweiten Um- und Ausbau im Jahr 1994 beherbergte es bis zum Jahr 2001 zunächst das Museum für Naive Kunst und Art Brut. Von 2004 bis 2005 wurde das Gebäude dann nach Plänen des Architekten Gunnar Daan zum heutigen Museum „de Fundatie“ umgebaut und zwischen 2012 und 2013 durch einen ellipsenförmige Aufbau auf dem Dach erweitert, der Raum für zwei Ausstellungssäle mit einer Gesamtfläche von 1000 Quadratmetern und eine herrliche Aussicht auf die historische Innenstadt bietet.
Keramische Wolke über neoklassizistischem Bau
Gestaltet sind diese Säle in elliptischer Form, die zusätzlich durch eine große, ebenfalls elliptische Glasfront dem Betrachter sofort ins Auge fallen. An der Außenseite ist der Aufbau mit 55.000 blau-weißen Fliesen verkleidet. Er wird durch seine Form optisch emporgehoben und schwebt wie eine keramische Wolke über dem ursprünglich neoklassizistischen Gebäude. Der Aufbau auf dem Dach wird vom Museum de Fundatie selbst als „das Auge“ oder „die Wolke“ bezeichnet, allerdings sind zahlreiche andere Spitznamen im Umlauf: „das Ei“, „das Ufo“, „der Zeppelin“ oder „das Raumschiff“.
Führender Ort der Bildenden Kunst
Mit seiner umfangreichen Sammlung und zahlreichen Sonderausstellungen gehört das Museum „de Fundatie“ ohne Zweifel zu den führenden Orten der Bildenden Kunst in den Niederlanden.
Der Grundstein für die Sammlung des Museum de Fundatie, zu der unter anderem Werke von Piet Mondrian, Jan Fabre, Auguste Rodin, Karel Appel, Vincent van Gogh, Franz Marc, Francis Bacon und Neo Rauch gehören, wurde von Dirk Hannema (*1895 +1984) gelegt, dem ehemaligen Direktor des Museums „Boijmans Van Beuningen“ in Rotterdam. Im Laufe der Zeit fügte er seine Sammlung mit anderen Sammlungen zusammen, unter anderem mit denen des Ehepaars De Graaff-Bachiene, des Künstlers Paul Citroen, des Schauspielers Henk van Ulsen und des Lungenspezialisten Willem Hogervorst. Im Laufe der Jahre wurde die Sammlung auch durch notwendige Ankäufe ergänzt. Die Sammlung des Museum de Fundatie umfasst inzwischen Kunst und Design vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart sowie Fotografie. Seit 1993 verwaltet das Museum „de Fundatie“ auch die Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst der Provinz Overijssel. Zusammen umfassen die Sammlungen etwa 15.500 Objekte.
Selbstverständnis des Museums
Bei ihren Aktivitäten verfolgen die Verantwortlichen neben der Präsentation von Kunst auch weitergehende Ziele und Visionen, wie auf der Internetseite nachzulesen ist: „Das Museum de Fundatie bringt Menschen mit Kunst, Machern und einander in Kontakt. Mit unserer umfangreichen Kunst- und Designsammlung und unserem Programm blicken wir von der Overijssel aus auf die Welt und treten in den Dialog mit unserem Publikum. Die Grundwerte des Museums sind es, offen, dynamisch, verbindend und neugierig zu sein. Das Museum „de Fundatie“ ist ein Ort der Inspiration, des Dialogs, des Staunens und der Diskussion. Als Heimat für Macher aller Disziplinen sind wir ein Impulsgeber für Kunst und Kultur in der Region und darüber hinaus. Was in der Gesellschaft vor sich geht, geht uns etwas an, und wir spielen dabei eine verbindende Rolle durch die Kunst. Wir bemühen uns um maximale Zugänglichkeit, sowohl analog als auch digital, und zwar in Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften in Zwolle und Overijssel und in Interaktion mit der internationalen Gemeinschaft. Wir fördern die Forschung in unserer Sammlung und bieten eine Plattform für Experimente und neue Ideen. Kunst hat viele Perspektiven; wir beziehen diese in unsere Programmgestaltung und Forschung ein. Wir denken in Themen und Programmlinien und unsere Programmgestaltung findet innerhalb und außerhalb der Mauern unserer Häuser statt. Wir arbeiten an einem zukunftsfähigen Sektor mit den Schwerpunkten Bildung, Kooperationen und Nachhaltigkeit als zentrale Säulen. Wir feiern die Künste und alle, die mit ihnen zu tun haben oder sich für sie interessieren.“
Ableger im Kasteel „het Nijenhuis“
Ein Ableger des Museums „de Fundatie“ ist das Kasteel „het Nijenhuis“ in dem beschaulichen Ort Heino, der ungefähr 15 Kilometer von Zwolle entfernt liegt. Es zählt zu den best erhaltenen Rittergütern der Provinz Overijssel und befindet sich inmitten einer herrlichen Landschaft.
Die Geschichte des Kasteel „het Nijenhuis“ reicht bis ins späte Mittelalter zurück. Im Jahr 1382 wird es zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Über mehrere Jahrhunderte wurde es seitdem von verschiedenen Adelsgeschlechtern, unter anderem den Familien van Ittersum, Bentinck und von Knobelsdorff, bewohnt. Nachdem die Familie van Pallandt das Gut 1934 verkauft hatte, wurde das Schloss dem Verfall preisgegeben.
Schließlich gelang es dem schon erwähnten Dirk Hannema, die Regierung der Provinz Overijssel dazu zu überreden, das Kasteel „het Nijenhuis“ vor dem weiteren Verfall zu bewahren. Auf seine Initiative hin wurde es restauriert und wurden die beiden Nebengebäude nach Plänen und unter Aufsicht eines Architekten zum Museum umgebaut. Ausgangspunkt für den Umbau war Hannemas Sammlung. Der Gründer des Museums „de Fundatie“ wohnte von 1958 bis zu seinem Tod 1984 im Kasteel „het Nijenhuis“. 2003/2004 wurde das Schloss unter Leitung des Architekten Gunnar Daan grundlegend umgebaut und renoviert. Die vorher nur nach Vereinbarung zu besichtigenden Wohnräume wurden im Laufe der Umbau- und Renovierungsmaßnahmen vollständig neu eingerichtet. Seit September 2004 ist das gesamte Schloss für Besucher zugänglich.
Das Museum de Fundatie führt Hannemas Werk fort und präsentiert einen Teil seiner umfangreichen Sammlung im Schloss. Über 90 Skulpturen aus den Sammlungen des Museums „de Fundatie“, des Museum „Beelden aan Zee (Scheveningen) und der Provinz Overijssel werden zusätzlich zur im Schlossinneren gezeigten Sammlung des Museums in dem 4,5 Hektar großen Außenbereich mit seinem Ziergarten, den Rasenflächen und dem Wald präsentiert. Außerdem finden im Kasteel und im Skulpturengarten regelmäßig Wechselausstellungen statt.
Aktuelle Ausstellungen im Museum „de Fundatie“
Wie schon erwähnt, präsentiert das Museum „de Fundatie“ neben seiner ständigen Sammlung auch Sonderausstellungen.
Noch bis zum 17. August ist die Ausstellung „Dark there, joyful there“ mit Werken des Künstlers Jonathan van Doornum zu sehen.
Jonathan van Doornums Skulpturen, Zeichnungen und Performances vereinen Technik, Kommunikation und Magie. Er fertigt seine Werke häufig aus Aluminium. Ein kaltes Material, dem Van Doornum eine weiche, erzählerische Kraft verleiht, indem er es beispielsweise zu Flammen, Locken oder Bögen formt. Seine Bildsprache ist sowohl von antiken, zeremoniellen Objekten als auch von den modernsten Techniken beeinflusst. Auf diese Weise macht Van Doornum eine poetische Welt sichtbar, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig existieren. Wechselnde Beziehungen ziehen sich wie ein roter Faden durch sie hindurch.
In seinem jüngsten Werk beschäftigt sich Van Doornum vor allem mit dem Verhältnis zwischen Stadt und Land. Der aus Zwolle stammende und in einer ländlichen Gemeinde geborene Künstler weiß, dass die städtischen Gebiete vom Land aus traditionell oft mit einer Mischung aus Unmut und Neid betrachtet werden. Dieser Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie ist jahrhundertealt, obwohl die letzten Wahlen zeigen, dass sich dieses Verhältnis verschiebt. Van Doornum greift in seinen neuesten Werken viele der Formen und Motive auf, die man in ländlichen Gebieten findet. Zu diesem Zweck webt er vertraute ländliche Elemente in seine Skulpturen ein und verleiht ihnen gleichzeitig andere Konnotationen. Mit einem Pflug, dessen Hände wie die von Büroangestellten aussehen, antwortet er auf das Gefühl des Landlebens gegenüber der Stadt und umgekehrt. Hier geht es Van Doornum darum, Orte zu verbinden, die instinktiv meilenweit voneinander entfernt sind. Für Van Doornum ist die Antenne, ein Gerät, das Orte aus der Ferne miteinander verbindet, ein wichtiges Bindeglied zwischen Stadt und Land: Wie können sich diese beiden Welten einander annähern und was können sie dabei voneinander lernen?
Bis 15. Juni wird die Ausstellung „Der Held, der Schurke und die Wahrheit“ mit Werken von Folkert De Jong gezeigt.
Martin Luther als Terrorist verkleidet, Jesus und Maria in umgekehrten Rollen, Königin Wilhelmina als Zirkusdirektorin. und Snoop Dogg als Totempfahl. Mit verdrehten Versionen historischer Figuren zeigt Folkert De Jong, wie Geschichte entstanden ist, anders hätte verlaufen können und sich immer noch verändert. De Jong spielt mit der Geschichte: Er vertauscht die Rollen, lässt aktuelle Probleme in der Vergangenheit erscheinen und historische Ereignisse anders ablaufen, als wir es gewohnt sind. Der Held, der Schurke und die Wahrheit reist eineinhalb Jahre lang durch die Niederlande (einzigartig für eine Ausstellung visueller Kunst), unter anderem zur „Kunstlinie Almere“, zum „Chassé Breda“, zur „Rotterdam Art Week“ und zum Museum „de Fundatie“ in Zwolle.
In der Ausstellung werden die Skulpturen von De Jong inszeniert: Anregende Audiogeschichten und theatralische Beleuchtung geben den Skulpturen Bedeutung und Interpretation. Autoren und Theatermacher wie Elfie Tromp, Abdelkader Benali, Roziena Salihu und Maxine Palit de Jongh haben die Geschichten geschrieben. Die theatralische Aufführung ermöglicht es dem Publikum, De Jongs Werk tiefer zu verstehen und zu erleben.
Zusammen erzählen die Bilder eine Geschichte über die Geschichte des Landes – den Handelsgeist, die Rolle der Religion, die Stellung der Frau – und darüber, wie diese Geschichte geschrieben wurde und neu geschrieben wird. Die Ausstellung ist ein einzigartiger, kreativer und visueller Geschichtsunterricht, der ebenso heiter wie düster daherkommt. Der Künstler spielt mit der Geschichte: Er verdreht die Rollen, lässt zeitgenössische Probleme in der Vergangenheit erscheinen und historische Ereignisse anders ablaufen, als wir es gewohnt sind.
Folkert De Jong setzt bei diesem Projekt seine Kunst als Waffe ein, um die Geschichte zu hinterfragen. Eine unschuldige Waffe, weil man sie nur anschaut. Aber er möchte zeigen, dass Geschichte nicht nur statisch, sondern auch formbar ist. Mit der Zeit können sich die Rollen ändern. Die Ausstellung zeigt, wie ein anderer Zeitgeist zu einer anderen Geschichte führt. Das macht De Jongs Arbeit und diese Ausstellung aktuell und relevant in einer Zeit, in der gesellschaftliche Themen wie Rassismus, Geschlechteridentität und Kolonialismus viele Fragen über die Überlieferung von Geschichte aufwerfen.
Und mit der bis zum 17. August laufenden Ausstellung „Fundatie Sammlung: 80 Jahre Freiheit“ gedenkt das Museum an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren.
Sie beleuchtet die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Kunst unter zwei Aspekten: die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Menschen. Inhaltlich im Fokus ist zum einen die Kunstpolitik der Nazis und zum anderen das Leben des jüdischen Künstlers und Sammlers Paul Citroen in seinem Versteck während des Zweiten Weltkriegs.
Zur Kunstpolitik der Nazis: Im nationalsozialistischen Deutschland wurde der Begriff Entartete Kunst verwendet, um Kunst zu diffamieren, die nicht den Vorstellungen des Diktators Adolf Hitler und seiner Anhänger von Kunst entsprach. Dazu gehörte vor allem Kunst, die von einer naturalistischen Darstellung abwich, also die der gesamten Avantgarde der Zeit von Dadaismus und Expressionismus über Kubismus bis hin zur abstrakten Malerei. Im Jahr 1937 begann in München eine große Wanderausstellung mit 650 Werken, die als Beispiele für die Entartete Kunst angesehen wurden. Alle Werke waren austauschbar aufgestellt, und zu jedem Werk wurde der Kaufpreis, das Museum, das das Werk erworben hatte, und das Jahr des Erwerbs angegeben. In den Ausstellungsräumen wurden Slogans an die Wände geschrieben, die sich über die ausgestellte Kunst lustig machten. Dies alles mit dem Ziel, die Abscheu der Öffentlichkeit vor diesen Werken und den hohen Summen, die für sie ausgegeben wurden, zu wecken. Zur gleichen Zeit zeigte die „Große deutsche Kunstausstellung“ in München 1937 Kunst, die den Nazis gefiel.
Nach München wanderte die Ausstellung Entartete Kunst vier Jahre lang durch Deutschland und Österreich. Am Ende sahen etwa drei Millionen Menschen die Ausstellung. Danach wurden die Werke verkauft, ausgetauscht oder vernichtet. Zu den als „entartet“ bezeichneten Künstlern, deren Werke in der Ausstellung von 1937 gezeigt wurden, gehörten Käthe Kollwitz, Max Pechstein und Otto Dix, deren Werke sich in der Sammlung des Museum „de Fundatie“ befinden. Das Museum wird das Publikum mit den Werken dieser Schöpfer bekannt machen, von denen jeder einzelne tatsächlich große und wichtige Veränderungen in der Kunst bewirkte.
Der andere Aspekt der Ausstellung beleuchtet das Leben des Künstlers und Sammlers Paul Citroen, der auch von der nationalsozialistischen Herrschaft betroffen war, als die Niederlande vom Deutschen Reich besetzt waren.
Zu Paul Citroen: Paul Citroen ist einer der wichtigsten Künstler in der Overijssel-Sammlung, die als Dauerleihgabe im Museum de Fundatie aufbewahrt wird. Neben den Werken, die Citroen von anderen Künstlern gesammelt hat, enthält sie auch eine große Anzahl eigener Werke aus seinem Nachlass. Für Paul Citroen, der jüdischer Abstammung war, war der Zweite Weltkrieg ein sehr schwieriger Lebensabschnitt. Im Jahr 1943 tauchte er in Wassenaar unter. Anfang 1944 bezog er ein weiteres Versteck in Laren. Er arbeitete jedoch weiter. Da er viel allein war, entstanden hauptsächlich Selbstporträts. Nach dem D-Day im Juni 1944 zog er zu seiner Frau Lien und seiner Tochter Paulien, die sich im Verlag De Driehoek von Henri Methorst in ’s Graveland versteckt hielten. Die Sammlung der Provinz Overijssel enthält mehrere Werke, Porträts, Selbstporträts und Landschaften, die Paul Citroen während seines Versteckens anfertigte.
Nähere Informationen: Museum de Fundatie, Blijmarkt 20, 8011 NE Zwolle, Telefon 0031 572388188, E-Mail info@museumdefundatie.nl und Internet www.museumdefundatie.nl. Geöffnet ist es dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.