Vom Wesen kluger und rachsüchtiger Vögel
Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem alten Folio lang vergess’ner Lehr’ –
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
„’s ist Besuch wohl“, murrt’ ich, „was da pocht so knöchern zu mir her – das allein – nichts weiter mehr.“ – so lauten die ersten Zeilen aus einem der berühmtesten Gedichte der Weltliteratur: „Der Rabe“ von Edgar Allan Poe. Der amerikanische Autor (*1809 +1849) prägte wie kaum ein anderer die Genres der Kriminal-, Horror- und Schauerliteratur. Sein Gedicht, das von dem mysteriösen, mitternächtlichen Besuch eines Raben bei einem Verzweifelten erzählt, dessen Geliebte verstorben ist, war Inspirations- und Zitierquelle für viele Literaten, fand aber auch Einklang in Film und Musik. Eines der berühmtesten Beispiele: „The raven“ von Alan Parsons. Aber auch bekannte Filmemacher wie Roger Corman, Tim Burton oder die Coen-Brüder bedienten sich des Motivs des Raben. Nicht zu vergessen natürlich Alfred Hitchcock mit seinem Spielfilm „Die Vögel“ nach einer Erzählung von Daphne de Maurier.
Dieses Motivs hat sich gleichfalls die in Emlichheim lebende Autorin Sabine Jacob in ihrem Roman „Rabenauge“ angenommen. Sabine Jacob, die sich im Bereich Literatur mit dem Projekt „Literaturwegen“, Kurzgeschichten, Veröffentlichungen in mehreren Anthologien und der Online-Plattform „Geschichtenschreiber“ einen Namen gemacht hat, erzählt in ihrem ersten längeren, unterhaltsam und spannend geschriebenen Werk eine Schauergeschichte, in der nicht nur ein Rabe, sondern gleich eine ungezählte Schar von Raben ihr durchaus blutiges Unwesen treiben.
Alles beginnt damit, dass der gescheiterte Glücksspieler Jeffrey, der von seinem früheren Reichtum alles verloren hat, bei einem Telefongespräch mit seinem Cousin und früheren besten Freund Nolan mitbekommt, dass dieser aus zunächst nicht zu ergründenden Umständen in Schwierigkeiten geraten ist.
Umgehend macht er sich auf den Weg zum im Südwesten Englands, genauer gesagt in Cornwall gelegenen Herrenhaus „Trinale“, in dem Nolan ein zurückgezogenes Leben führt. Was dort geschehen ist, wird nur allmählich deutlich. Was Jeffrey hingegen sofort auffällt, ist der heruntergekommene Eindruck, den das ganze Anwesen schon von außen hinterlässt. Das ist so gar nicht Nolans Art, der normalerweise viel Wert auf gepflegte Grünanlagen legt und auch sonst auf Ordnung achtet. Doch der hat andere Probleme, wie Jeffrey bald feststellen wird, als er im ebenfalls heruntergekommen wirkenden Herrenhaus auf ihn trifft, Die Geschichte, die dieser ihm dann erzählt, lässt dem Leser das Blut in den Adern gefrieren.
Wie bei Edgar Allan Poe spielen dabei eine verstorbene Frau und ein äußerst kluger Rabe die zentrale Rolle. Bei der verstorbenen Frau handelt es sich um Zelma, die schwer depressive Lebensgefährtin von Nolan, die vor ihrem Selbstmord eine innige Bindung zu einem Kolkraben hatte, zu dem sie so etwas wie eine Seelenverwandtschaft empfand. Nichts schien zwischen diese beiden zu passen, auch nicht Nolan, der zunächst wie ein Ausgestoßener dem äußerst bizarren Geschehen nur als passiver Zuschauer beiwohnen konnte. Doch diese Rolle vermochte er nicht zu akzeptieren und sann auf Rache. Mit ungeahnten Folgen, die an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden sollen.
Kurzum: Sabine D. Jacob ist mit dem im Verlag Der Schatten erschienenen „Rabenauge“ ein Roman gelungen, der den Leser bis zum Schluss fesselt. Immer will man wissen, wie es weitergeht. Auch unerwartete Handlungsstränge, die sich gut in die Geschichte einfügen, tragen zur atemlosen Spannung frei. Kritisch anzumerken ist die sehr mangelhafte Gestaltung des Buches. Das betrifft sowohl das Cover wie die Rückseite, die Auflistung der Kapitel ebenso wie die Wahl der Schriftart. Völlig überflüssig ist die Abbildung der Vögel auf den Textseiten. Wünschenswert wäre auch ein aufmerksameres Korrektorat und Lektorat gewesen, um manch klischeehafter Beschreibung handelnder Figuren ebenso entgegenzuwirken wie der Verwendung missglückter Metaphern. Trotzdem bleibt „Rabenauge“ gerade für Freunde des Genres eine absolute Leseempfehlung.