Kunstbetrachtungen, Teil 14

Der Begriff der Kunst und die Unterschiede in den Künsten

Ging es in der letzten Folge der Kunstbetrachtungen noch um die Beziehung zwischen der Kunst und ihrer Rezipienten, den Wert der Kunst und philosophische Betrachtungsweisen, stehen in dieser Folge die Kunst und ihre Unterarten im Fokus – aber auch die Problematik der Begrifflichkeiten.

Sie wird sogleich zu Anfang des Kapitels „Die Kunst und die Künste“ deutlich gemacht: „Der Singular Kunst ist nicht so selbstverständlich, wie andere Singulare es sind. Ich kann zum Beispiel davon sprechen, was der Hund ist. Es ist ein fleischfressendes Haustier, das vier Beine hat und das bellt. Auch wenn Hunde groß werden können wie Kälber oder in ausgewachsenem Zustand kleiner sind als gewöhnliche Katzen, bringt eine solche Bestimmung des Hundes wenig Probleme mit sich. Sie wird allen Hunden gerecht. Mit der Kunst verhält es sich anders.“

Zunächst ausgehend davon, dass Kunst vereinfacht als etwas betrachtet werden kann, das gemacht ist (Herkunft aus dem griechischen Begriff „téchne“ und dem lateinischen Begriff „ars“, die sich mit dem Wort Herstellungskunst übersetzen lassen), definiert Autor Georg W. Bertram, dass in den unter dem Begriff Kunst zusammengefassten Künste mit unterschiedlichen Materialien und auf unterschiedliche Weise gearbeitet wird.

Was die Literatur angeht, schreibt Bertram, arbeitet diese „mit dem Material natürlicher Sprachen und formt daraus Texte unterschiedlicher Länge und Gestalt, die in stiller Lektüre oder stimmhafter und körperlicher Aufführung dargeboten werden.“

Ganz anders bei der Plastik: Bei ihr wird „gewöhnlich kein im Vorhinein strukturiertes Material verwendet. Ihren Ausgangspunkt bilden höchst unterschiedliche Dinge: mehr oder weniger formlose Steine und Hölzer, verflüssigte Metalle oder alle möglichen sonstigen gestalteten oder ungestalteten Gegenstände der alltäglichen und nicht alltäglichen Welt.“

In Bertrams folgenden Ausführungen zum Thema „Kunst – Eine philosophische Betrachtung“ wird er die genannten Materialien als ästhetische Medien (die natürliche Sprache in der Literatur und form- und gestaltbare Materialien unterschiedlichster Art in der Plastik) und die Verarbeitungsformen als ästhetische Verfahrensweisen bezeichnen.

Was Verfahrensweisen bei der Literatur angeht, können Prosa und Lyrik unterschieden werden: „Formt die Prosa aus Ausdrücken der natürlichen Sprache lange Erzählstränge, geht es der Lyrik eher darum, aus solchen Ausdrücken bestimmte Konstellationen herzustellen.“

Was die ästhetische Verfahrensweise der Plastik angeht, ist diese nach Bertram „das Bearbeiten eines oder mehrerer Materialien an ihren Oberflächen und in den Raumkonstellationen, die sie bilden.“

Deutlich wird: Die unter dem Oberbegriff Kunst definierten Künste unterscheiden sich „grundsätzlich und zum Teil tiefgreifend mit Blick auf die ihnen eigenen Medien und Verfahrensweisen.“

Für den Autor stellt sich das Problem, das aufgrund dieser großen Unterschiede zwischen Plastik und Literatur und der jeweils mit ihnen verbundenen Medien und Verfahrensweisen nicht so einfach zu erklären ist, warum sie unter dem Oberbegriff Kunst zusammengefasst werden können. Und ein weiterer Aspekt kommt noch dazu: Die genannten Unterschiede haben „zum Beispiel zur Folge, dass manche Künste sich ausstellen lassen, andere Künste hingegen Darbietungen benötigen.“

Für Bertram ergibt sich daher folgende Aufgabe: „Einen Begriff der Kunst kann man nur dann verständlich machen, wenn eine plausible Antwort auf die Frage gelingt, wie trotz der Unterschiedlichkeit der Künste von Kunst gesprochen werden kann.“

Dazu mehr in der nächsten Folge der Kunstbetrachtungen.