Nach „Die Akte Adenauer“ hat sich der Schriftsteller Ralf Langroth einem weiteren Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte gewidmet: dem Fall Otto John.
Es war im Jahr 1954, als ein politischer Skandal die Bundesrepublik Deutschland erschütterte. Otto John, Jurist, Widerstandskämpfer gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft und erster Präsident des neu gegründeten Bundesamtes für Verfassungsschutz, begab sich nach einer öffentlichen Gedenkfeier der Bundesregierung für die Mitglieder des 20. Juli 1944 im Bendlerblock gemeinsam mit dem Arzt Wolfgang Wohlgemuth nach Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR. Dort gab er zwei Erklärungen im Radio der DDR ab, auf die dann noch eine Pressekonferenz folgte.
Dabei begründete er seinen Übertritt in die DDR mit der Kritik an Bundeskanzler Konrad Adenauer, dass dessen Politik der Westbindung und der Remilitarisierung (Stichwort Aufbau der Bundeswehr) das Ziel der deutschen Einheit gefährde. John sagte wörtlich: „Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben, weil ich hier die besten Möglichkeiten sehe, für eine Wiedervereinigung und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein.“ Außerdem klagte er den seiner Meinung nach wieder wachsenden Einfluss früherer Nationalsozialisten in der Bundesrepublik an.
Die genauen Umstände des Übertritts eines höheren Vertreters der Sicherheitsorgane der Bundesrepublik Deutschland in die DDR konnten nie abschließend geklärt werden. John behauptete, dass er von seinem Begleiter Wohlgemuth betäubt und mit einem Auto in den Osten verschleppt wurde.
1955 gelang ihm mit der Hilfe des dänischen Journalisten Henrik Bonde-Henriksen die Flucht nach West-Berlin, wo er am 22. Dezember verhaftet wurde. Wegen Landesverrates wurde John vom 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe am 22. Dezember 1956 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Doch schon zwei Jahre später erfolgte die Begnadigung durch Bundespräsident Theodor Heuss und kaum zwei Wochen später konnte John das Zuchthaus verlassen.

Nach seiner Entlassung bemühte er sich bis an sein Lebensende vergeblich um seine Rehabilitierung. Wissenschaftler aus den Bereichen Politik, Geschichte und Jura kamen bei ihrer Beschäftigung mit dem Fall John immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Zweiter Fall für Philipp Gerber vom BKA
Nachdem Autor Ralf Langroth mit dem Roman „Die Akte Adenauer“ ein starker Auftakt seiner Reihe um den BKA-Ermittler gelungen ist, setzt er sich mit dem Thriller „Ein Präsident verschwindet“ ein weiteres Mal mit bundesrepublikanischer Geschichte aus der Nachkriegszeit auseinander. Umfassende Recherchen zu den politischen und historischen Hintergründen werden von Langroth vor der authentisch dargestellten Kulisse Westdeutschlands der 1950er Jahre spannend und unterhaltsam zum Leben etweckt. Und wieder macht er Philipp Gerber zum Helden seiner Geschichte.
Auf Wunsch von Bundeskanzler Konrad Adenauer übernimmt Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe Bonn die Ermittlungen. Gerber hat dem Bundeskanzler schon einmal geholfen, doch dieses Mal hat er auch ein persönliches Interesse: Seine Geliebte, die Journalistin Eva Herden, ist verschwunden, ein Foto zeigt sie an der Seite von Otto John.
Ralf Langroth, Ein Präsident verschwindet, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-00477-3
