Kunstbetrachtungen, Teil 1: Ist das Kunst oder kann das weg?

Egal ob Fettecken von Beuys im Museum, „Entenklos“ auf der Vechte oder ein Urinal, das als „readymade“ zur Kunst erklärt wurde – was Kunst ist, oder nicht, ist nicht leicht zu klären.

„Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit“, ist ein bekanntes Zitat des Münchener Komikers Karl Valentin, dass trotz des durchklingenden Humors deutlich zum Ausdruck bringt, was für Valentin mit Kunst unmittelbar verbunden ist: „Schönheit und erhebliche Anstrengung“. Ein weiteres bekanntes Zitat, das in unterschiedlichen Variationen zuerst vom deutschen Philosophen Herder in seiner Schrift „Kalligone“ nachzulesen ,war, lautet in seiner eher humoristischen Variante: „Kunst kommt von Können, sonst würde es ja Wunst heißen“. Es fordert die Beherrschung eines wie auch immer gearteten Könnens hin.

Kunst kommt von Können

Und das hat auch seine Gründe. Die Herkunft des Wortes Kunst von können ist etymologisch korrekt. Das zugrundliegende „kunnan“ bedeutete zudem kennen, wissen. Ursprünglich etwa Kunstfertigkeit, Fähigkeit, Geschicklichkeit bezeichnend, traten im 18. Jahrhundert die heute verbreiteten Bedeutungen „künstlerische Tätigkeit“ und Gegensatz zur Natur hinzu.

Gemeint in Verbindung mit der Bildenden Kunst, um die es in der Serie „Kunstbetrachtungen“ geht, ist die Fähigkeit, ein Bild so malen oder eine Skulptur so formen zu können, dass das Motiv oder ein Gedanke, der ausgedrückt werden soll, erkennbar sind.

In eine ganz andere Ecke jenseits der formalen und inhaltlichen Vorstellungen und Vorgaben vonseiten des Publikums, der Kritiker und großen Teilen der Bevölkerung haben sich viele Künstler seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewegt. Die Bandbreite der eingeschlagenen Richtungen reicht vom Impressionismus und Expressionismus über den Fauvismus, Dadaisms, Kubismus und Surrealismus bis hin zur absoluten Abstraktion und zur Ablehnung der Malerei als künstlerischem Ausdrucksmittel. Auf alle Fälle immer weiter weg vom klassischen Realismus und der damit verbundenen figürlichen Darstellung.

Die Aufregung über diese Entwicklungslinien der Kunst war schon im 19. Jahrhundert groß und ist sie bis heute geblieben. So befand der Kunstkritiker Louis Leroy 1874 anlässlich einer Ausstellung von mehreren Künstlern im Atelier des Pariser Fotografen Nadar, dass ein einfaches Tapetenmuster künstlerisch anspruchsvoller sei als ein Bild von Claude Monet, der heute zu den bedeutendsten Vertretern des Impressionismus gehört und dessen Werke zu mehrstelligen Millionensummen verkauft werden.

Nicht nur eine Arbeit der Ausstellung wirkte auf den Kunstkritiker unvollendet sowie skizzenhaft, sondern viele weitere mehr. Diese Meinung teilten übrigens auch zahlreiche Besucher der Ausstellung. Die geäußerte Kritik war vernichtend. Die Folgen waren sinkende Besucherzahlen, wodurch die Kosten der Ausstellung, die die Künstler selbst trugen, nicht gedeckt waren. Trotzdem ließen sie sich nicht von der von ihnen eingeschlagenen Richtung abhalten. Der spätere Erfolg sollte ihnen recht geben.

Entartete“ Kunst

Den völligen Höhepunkt der Ablehnung erlebten die Künstler der Moderne in der Zeit des Nationalsozialismus.Ihre Kunst wurde als „entartet“ gebrandmarkt, was sich mit den Begriffen „aus der Art geschlagen“ oder „andersartig“ auf den Punkt bringen lässt. Es wurde von den Nazis und ihrer Geistesverwandten der Vorwurf erhoben, dass die moderne Kunst von Pessimismus und Dekadenz geprägt sei und daher nicht dem angeblich „deutschen Geist“ von Kraft, Stärke, Wille und Macht, wie er von den Nazis vor allem mit ihrem Körperkult und ihrer Verächtlichmachung des Geistigen propagiert wurde, entspreche. Antisemitismus und Antibolschewismus spielten auch eine Rolle. Die Folgen waren dramatisch. Die Künstler wurden verfolgt, ins Exil getrieben oder ermordet, ihre Kunst zu einem nicht geringen Teil zerstört. Besonders betroffen waren jüdische Künstler wie Felix Nussbaum oder Charlotte Salomon, die im Konzentrationslager starben.