Der Satz vom Ende der Kunst
In Teil 11 der Kunstbetrachtungen ging es, ausgehend von Ausführungen des deutschen Philosophen Martin Heidegger, um das Phänomen der Vergänglichkeit, um die Geschichtlichkeit ästhetischer Erfahrungen. Nach Auffassung des Autors von „Kunst – Eine philosophische Einführung“, Georg W. Bertram, kann eine ästhetische Selbstverständigung des Betrachters bei der Auseinandersetzung mit Kunst sowohl bei zeitgenössischer Trance-Musik wie bei antiken Kultgegenständen zustande kommen – immer vor dem „jeweils eigenen geschichtlichen Hintergrund“, wie Bertram schreibt.
Das Thema der Vergänglichkeit greift auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf. Er vertritt die These, dass ästhetische Praktiken als selbstverständigende Praktiken, kurz die geistige Auseinandersetzung des Betrachters mit einem Kunstwerk, an Bedeutung verlieren könnten. Bekannt ist diese These als Satz vom Ende der Kunst. Hegel meint, dass es dazu kommen könne, das Kunstwerke nicht auf ewige Zeit die gleiche Resonanz hervorrufen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es zahlreiche Erfahrungen solcher Art gibt. Sowohl die Malerei als auch andere Künste wie die Literatur und insbesondere ihre Erschaffer haben Zeitläufte unterschiedlichster Art erlebt – von höchster Resonanz bis zum mehr oder minder großen Vergessen. Kurz gesagt: Ein Kunstwerk entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn es beim Betrachter Gedankengänge auslöst, wenn es den Betrachter berührt und er einen persönlichen Zugang dazu findet. Und das ist dem stetigen Wandel unterzogen. Autor Bertram spricht von der Geschichte des Entstehens und Vergehens von Selbstverständigungen und schreibt: „Wo Kunstwerke ästhetisch erfahren werden, werden sie als Selbstverständigungen gesucht und hinterfragt.“ Im umgekehrten Schluss verlieren sie an Wert, wenn die Selbstverständigung unterbleibt.
„Kunst und Philosophie der Kunst“
Im nachfolgenden Kapitel „Kunst und Philosophie der Kunst“ erklärt er den Zusammenhang von Kunst und Philosophie. Trotz der Tatsache, dass die Philosophie eine recht abstrakte Angelegenheit sei und die Kunst hingegen sinnlich und konkret, erläutert Bertram weiter, entstehe die Verbindung dieser zunächst gegensätzlichen Bereiche über den schon genannten Begriff der Selbstverständigung: „Wenn Kunst Selbstverständigung ist, dann gehört zu ihr immer das Nachdenken darüber, ob und wie sie als Selbstverständigung funktioniert. Kunst hängt untrennbar damit zusammen, dass sie als Kunst … befragt wird.“
Hier kommt dann die Kunstkritik ins Spiel, die unterschiedliche Formen annehmen kann – von der Interpretation und Bewertung von Kunstwerken über Gespräche bis hin zu Erfahrungsberichten und Artikeln in der Zeitung. Darin wird laut Bertram darüber nachgedacht, ob und wodurch Kunstwerke gelingen oder scheitern und was sie für uns wertvoll macht.“
Und die Philosophie hat auch ihre Aufgabe – mit dem Nachdenken über Kunst auf theoretischer Basis. Konkret heißt das für den Autor: „Sie muss die mit der Kunst verbundene Fragwürdigkeit so aufgreifen, wie sie sich in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken ergibt. Die Philosophie der Kunst hat so die Aufgabe, die für die Kunst konstitutive mangelnde Selbstverständlichkeit und ihren Wert als Selbstverständigung explizit zu machen. Sie erweist sich damit möglicherweise als ein hilfreicher Partner in der Begegnung mit Kunst.“ Die Philosophie kann in diesem Zusammenhang laut Bertram „das Ziel haben, die Standards, die im Nachdenken über Kunst im Spiel sind, zu diskutieren und das Nachdenken so über das Erreichen und Verfehlen seiner eigenen Standards aufzuklären.“
Für Bertram auch wichtig: die Unterscheidung zwischen ästhetisch Erfahrenden (Betrachter, bei denen ein Kunstwerk Gedanken in Gang setzt) auf der einen Seite und der Philosophen auf der anderen Seite. Gleichzeitig, schreibt Bertram weiter, kann die ästhetische Praxis des Betrachters Gegenstand „fruchtbarer theoretischer Erkundung werden … Die philosophische Theorie entwickelt sich in Auseinandersetzung mit den Erfahrungen, die Rezipierende (Anm.: in diesem Fall eine Person, die sich über ein Kunstwerk informieren will) in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken machen.“
