Auf den Spuren von Piet Mondrian

Ein Museum in Winterswijk zeigt die Anfänge eines Klassikers der Moderne.

Was die meisten von dem niederländischen Künstler Piet Mondrian kennen, sind vor allem seine streng geometrischen Gemälde, bestehend in einer charakteristische Struktur aus einem schwarzen Raster und mit rechteckigen Flächen in den Grundfarben, die noch bis heute in Kunst, Architektur, Mode, Werbung und Populärkultur widergespiegelt werden.

Wie sich Mondrian von einem traditionellen und konventionellen Maler zu einem Künstler entwickelte, der mit Farbe und Form experimentierte, dokumentiert das Museum „Villa Mondriaan“ in der niederländischen, im Achterhoek gelegenen Gemeinde Winterswijk, die zur Provinz Gelderland gehört – nicht weit auf deutscher Seite von Stadtlohn und Gescher entfernt.

Anmerkungen zum frühen Piet Mondrian

Piet Mondrian gehört ohne Zweifel zu den einflussreichsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Er schuf die Stilrichtung des Neoplastizismus und war einer der wichtigsten Vertreter des niederländischen Konstruktivismus sowie der konkreten Kunst; und mit seinem Spätwerk gehört er zu den Begründern der abstrakten Malerei.

Doch wie fing das alles an? Piet Mondrian wurde am 7. März 1872 als zweites von fünf Kindern in Amersfoort an der Kortegracht 11 als Sohn von Pieter Cornelis Mondriaan (1839–1915) und dessen Frau Johanna Christina Mondriaan (geb. Kok, 1839–1909) geboren. 1880 übersiedelte die Familie nach Winterswijk, wo Pieter Cornelius Mondriaan als Lehrer und Schuldirektor tätig war.

Bereits mit 14 Jahren erfolgte eine intensivere Beschäftigung Piet Mondrians mit der Kunst. Er nahm Zeichenunterricht bei seinem Vater und seinem Onkel Frits, der ein geschätzter Landschafts- und Interieurmaler war.

Nach dem Willen des streng calvinistischen Vaters sollte Piet aber Lehrer werden und so begann der zunächst die Laufbahn eines Zeichenlehrers. Hierfür erwarb er 1889 die Lehrbefähigung für Volksschulen und 1892 die Lehrbefähigung als Zeichenlehrer für höhere Schulen. Da Mondrian sich jedoch nicht zum Lehrer berufen fühlte, entschied er sich, noch im November 1892 an der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam ein Studium der Kunst zu beginnen, das er bis 1894, mit anschließenden Abendkursen bis 1897, fortführte.

Stark geprägt von dem strengen Calvinismus seines Vaters, interessierte er sich für die Theosophie, eine philosophisch-esoterische Bewegung mit mystisch-religiösen und spekulativ-naturphilosophischen Denkansätzen, die im 19. Jahrhundert entstand, sich mit der Suche nach der „göttlichen Weisheit“ beschäftigte, die Welt als einen Ausdruck Gottes verstand, alles Wissen auf Gott bezog und in dieser Verbindung Gott oder das Göttliche auf einem Weg intuitiver Schauung unmittelbar zu erfahren trachtete. Diese Denkrichtung beeinflusste in unterschiedlichster Weise das Schaffen vieler Künstler aus der Generation Mondrians.

Nun aber weiter zu Mondrians künstlerischer Frühphase: In den Jahren 1898 und 1901 bewarb er sich um den niederländischen „Prix de Rome“, den angesehensten Kunstpreis der Niederlande, und wurde beide Male abgelehnt. Nachdem Piet Mondrian zwei Stillleben verkauft und einen Porträtauftrag ausgeführt hatte, reiste er 1901 mit einem befreundeten Maler nach Spanien. Da er sich dort nicht behaglich fühlte, kehrte er schnell in seine Heimat zurück. Er konnte in Spanien nichts malen – zu verschieden war das Licht im Vergleich zu seiner Heimat. 1904 lebte er zurückgezogen in Uden, wo er sich vermehrt mit der schon angesprochenen Denkrichtung der Theosophie auseinandersetzte, ein Prozess, der bis an sein Lebensende dauern sollte. Im Jahr 1905 bezog Mondrian sein erstes Atelier in Amsterdam, wo er bis 1908 hauptsächlich naturalistische Arbeiten sowie wissenschaftliche Zeichnungen für die Universität Leiden anfertigte. Ein weiterer wesentlicher Schritt in dieser künstlerischen Frühphase war die Berufung in den Vorstand der 1910 gegründeten Künstlergruppe „Moderne Kunstkring“ (Anm.: bekanntestes Mitglied war neben Mondrian Jan Toorop, dessen Werke in vielen niederländischen Museen zu sehen sind) berufen, die bis 1916 bestand. Bereits ein Jahr nach der Gründung fand die erste Ausstellung dieser Künstlergruppe im Stedelik Museum in Amsterdam mit insgesamt 166 Exponaten statt – unter anderem von Paul Cézanne, Pablo Picasso und George Braque. Mondrian zeigte sechs Werke, darunter „Evolution“ und „Die rote Mühle“. Mit dieser Ausstellung und dem Umzug nach Paris endet die künstlerische Frühphase Mondrians.

Mondrians Frühphase und deren Widerspiegelung im Museum „Villa Mondrian“

Ausführlich wird diese künstlerische Frühphase im Museum „Villa Mondrian“ in Winterswijk dokumentiert – ein biographisch bedeutender Ort im Leben des Künstlers, an dem seine Entwicklung zum Maler beginnt.

Die Geschichte der Villa Mondrian beginnt im Jahr 1880, als die Familie Mondrian nach Winterswijk zieht. Einige Tage später, nachdem sie sich dort eingerichtet haben, erteilt Vater Mondrian, ein strenger Calvinist, in der nahegelegenen Schule den ersten Zeichenunterricht. Auch der junge Piet wird früh im Zeichnen unterrichtet, aber Vater Mondrian ist nicht an dessen Ausbildung zum Künstler interessiert. Er sieht für seinen Sohn die Laufbahn zum Lehrer vor.

Dennoch arbeitet Piet an der Entwicklung seiner eigenen künstlerischen Handschrift. Gemeinsam mit seinem Onkel Frits übt er sich an Motiven in der regionaltypischen Landschaft des Achterhoek. Der Tradition folgend, fängt er dort unter anderem einen laubbedeckten Wald mit dunklen Brauntönen malerisch ein. Seine Gemälde und Studien sind den Werken von Frits sehr ähnlich.

Mit großer Beharrlichkeit und Unternehmungslust bewirbt sich Piet um ein Stipendium. Dieses Stipendium ermöglicht es ihm, 1892 seinen ersten Zeichenunterricht an der Reichsakademie Amsterdam zu nehmen. Wie jeder Heranwachsende versucht der junge Piet, seiner künstlerischen Identität und einem eigenen, authentischen Stil Gestalt zu geben. In diesen ersten Schritten seiner Entwicklung werden die Konturen seines späteren Stils sichtbar.

Zunächst prägend ist der Impressionismus, der nach der frühen Ablehnung in Frankreich allmählich internationale Anerkennung erfährt. So malt Mondrian impressionistisch beeinflusste Landschaften seiner niederländischen Heimat wie die „Bäuerliche Szenerie mit St.-Jacobskirche“ und folgt damit dem Stil der bekannten „Haager Schule“. Ein weiteres Beispiel: Das Gemälde „Mühle im Sonnenlicht: Die Winkeler Mühle“aus dem Jahr 1908 zeigt beispielsweise Mondrians Auseinandersetzung mit einem traditionellen holländischen Motiv. Das Bild ist vom Fauvismus beeinflusst und orientiert sich an Vincent van Gogh. Die Mühle, im Gegenlicht vor gelbblauem Hintergrund präsentiert, ist mit roten und blauen Strichen gemalt, wobei die roten die blauen Striche zum Teil überdecken. Die Anwendung pointillistischer Maltechnik wird als Mittel eingesetzt, um die Form zu entmaterialisieren, und die Bezugnahme auf den Fauvismus in der Farbgebung dient dazu, die Wirklichkeit noch mehr zu abstrahieren.

Von der früheren Heimstatt zum heutigen Museum

Mehr als ein Jahrhundert, nachdem die Familie Mondrian ihre ersten Spuren in Winterswijk hinterlassen hatte, zieht das Museum in die Villa ein. Ein wichtiger Teil von Mondrians Frühwerk wird in den beiden neu errichteten Ausstellungsräumen gezeigt. Die ausgestellten Werke belegen, wie sich Piet Mondrian von einem konventionellen Zeichner und Maler allmählich zu einem Künstler entwickelt, der später mit Farbe und Form experimentieren wird. Anfänge des Stils, mit dem er später in der ganzen Welt berühmt werden sollte, sind bei genauerer Betrachtung schon früher zu erkennen.

Das ehemalige Wohnhaus vermittelt einen Eindruck vom Leben der Familie Mondriaan in Winterswijk. Zu sehen sind auch Werke von Piet Mondriaans drei Lehrern aus seiner Winterswijker Zeit: seinem Vater Piet Cornelis Mondriaan sr., seinem Onkel Frits Mondriaan und dem Maler Jan Braet von Überfelt. Hier wird die Beziehung zwischen Piet Mondriaans Frühwerk und dem Umfeld, in dem es entstand, sichtbar. Im Obergeschoss der Villa vermitteln Fotografien aus der persönlichen Sammlung des Fotopioniers Ger Fiolet ein Bild von Mondriaans späterem Leben.

Darüber hinaus wird hier und im neu errichteten Arco-Pavillon im Erdgeschoss zeitgenössische Kunst ausgestellt. Im angrenzenden Garten werden Gemüse und Obst angebaut, wie damals, als die Familie Mondriaan hier lebte.

Obwohl das Museum erst vor 12 Jahren eröffnet wurde, ist die Villa in Winterswijk schon ein Begriff in der Kunstszene. Diese Präsenz war aber trotz der weltweiten Berühmtheit Mondrians lange nicht gegeben. Im Jahr 1982 war das damals stark vernachlässigte Gebäude sogar vom Abriss bedroht. Dem kunstinteressierten Ehepaar Jan und Elizabeth Nijhuis gelang es jedoch, mit der Unterstützung mehrerer Winterswijker Bürger dies zu verhindern.

Dank der Bemühungen des Ehepaares Nijhuis und ihrer Unterstützer sowie mit Unterstützung der Gemeinde und der Provinz konnte dann nicht nur der Abriss verhindert, sondern auch die Idee für ein Piet Mondrian-Museum, die heutige Villa Mondriaan, im Jahr 2013 umgesetzt werden. Am 21. Mai 2013 wurde es von der früheren niederländischen Königin Beatrix eröffnet.

Kooperation mit dem Kunstmuseum Den Haag

Das Museum Villa Mondrian unterhält eine langfristige Partnerschaft mit dem Kunstmuseum Den Haag. Dank dieser einzigartigen Zusammenarbeit kann die Villa Mondriaan jedes Jahr auf eine große Anzahl von Leihgaben aus der größten und wichtigsten Mondriaan-Sammlung der Welt zurückgreifen. Viele der frühen Werke Mondriaans, die noch nie ausgestellt worden sind, wurden und werden in Winterswijk gezeigt. Jedes Jahr wird das Ausstellungskonzept geändert und die Gemälde werden durch neue Leihgaben ausgetauscht.

Café lädt zum Verweilen ein

Zum zehnjährigen Bestehens des Museums Villa Mondriaan wurde ein neues Café im Museum eröffnet. Dort kann unter anderem ein spezielles Mondriaan-Gebäck, eine köstliche Tasse Kaffee oder Piet’s Bier von der Brouwerij Wentersch genossen werden – natürlich mit Boogie Woogie-Musik im Hintergrund. Zusätzlich zu den regulären Öffnungszeiten des Museums ist das „Café Mondriaan“ den ganzen Mai über auch am Freitagabend geöffnet.

Nähere Informationen: Museum Villa Mondriaan, Zonnebrink, 47101 NC Winterswijk, Telefon +31 (0) 54351 5400, E-Mail info@villamondriaan.nl. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.