Vom Rätselhaften zum Einfachen
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ – Literaturliebhaber kennen diesen ersten Satz aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Er gehört zu den berühmtesten Sätzen der Weltliteratur und ist der Beginn einer unheimlichen und rätselhaften Geschichte, die zu vielen Interpretationen Anlass bot und immer noch bietet.
Kurzum: Es geht in diesem Klassiker der Weltliteratur also um diesen Gregor Samsa, der zunächst als Person nicht näher beschriebern wird, und den das Schicksal der Verwandlung in ein Insekt ereilt hat. Erst denkt er noch, er hätte schlecht geträumt. Doch sein neuer Körper mit einem gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch und dünnen, zappelnden Beinchen belehrt ihn eines Besseren. Und schon beginnen die Probleme. Das Aufstehen wird aufgrund seines neuen und ungewohnten Insektenkörpers zur fast unüberwindlichen Qual und er hat den Wecker nicht gehört.
Eigentlich hätte er um 4 Uhr morgens aufstehen müssen, um seiner Arbeit als Handelsreisender in Tuchwaren nachzugehen, doch es ist schon halb 7. Eigentlich möchte er auch noch ein wenig schlafen, die Arbeit strengt ihn so an, dass er oft müde ist. Gregor Samsa will daher auch gar nicht mehr als Reisender tätig sein und kündigen. Doch da gibt es ein Problem: Er muss mit dem verdienten Geld die Schulden der Eltern abtragen, die mit einem Geschäft pleite gegangen sind. Und die Familie samt Schwester macht sich Sorgen, als sie merken, dass Gregor verschlafen hat. Es ruft die Mutter: „Gregor. Es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?“ Die Situation ist mehr als abstrus. Gregor macht sich trotz seiner besonderen Lage Gedanken, wie es mit der Arbeit weitergehen könne. Wegen der Unpünktlichkeit erwartet er ein Donnerwetter des Chefs, Er denkt realistisch, ganz konkret über seine Situation als Handelsreisender nach, ist aber gleichzeitig in seiner neuen Situation als Käfer gefangen. Eine Ausweglosigkeit, die sich auch in vielen anderen Figuren ihres literarischen Schöpfers Franz Kafka wiederfindet.
Dass in der Erzählung „Die Verwandlung“ ausgedrückte Gefühl, dass ihm trotz einer wirklich überflüssigen Schläfrigkeit ganz wohl sei und dass er „sogar einen besonders kräftigen Hunger“ habe, macht das ganze Geschehen noch umso absurder. Aber es kommt noch schlimmer. Seine Stimme, so meint er zu hören, mische sich bei seinem Versuch, der Mutter zu antworten, mit einem „nicht zu unterdrückenden, schmerzlichen Piepen …, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte.“
Bald steht auch der Vater vor der Tür, und gleichfalls die Schwester. Auch sie rufen nach Gregor und bitten, dass er die Tür öffnen möge. Der aber denkt gar nicht daran, dem nachzukommen. Sein Wunsch für den weiteren Verlauf seines Handelns ist ein anderer und klingt eigentlich sehr vernünftig: „Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Erfindung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden.“
Es geht in diesem Moment aber nicht um Erfindungen und Vorstellungen. Sein Körper ist ein ganz anderer – der eines Insektes – geworden, und das Bemühen, „sich nicht im Bette unnütz“ aufzuhalten, wird zur Qual. Kafka beschreibt es so: „Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen, aber diese untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.“
Auch weitere Versuche scheitern. Doch Gregor gibt nicht auf und sagt sich noch einmal, „daß er unmöglich im Bett bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei.“ Auch über die Arbeit macht er sich Gedanken, schließlich ist er ja schon unpünktlich. Er sagt sich: „Ehe es ein viertel Acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.“ Und so geschieht es auch. Der Prokurist steht vor der Wohnungstür und läutet. Und in Gregors Kopf dreht sich ein Fragenkarussell: „Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht fasste? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen, ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenützt hätte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen … mußte da der Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?“
Diese Überlegungen haben schmerzvolle Folgen: “Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett … Ein wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor gedacht hatte … Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagern; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.“
Und was passiert derweil vor Gregors Tür? Der Vater weist darauf hin, dass der Prokurist gekommen ist, um sich zu erkundigen, warum er seiner Arbeit nicht nachgekommen sei, und die Mutter sagt entschuldigend, dass ihm nicht wohl sei. Gleichzeitig versichert sie, dass ihr Sohn eigentlich nichts anderes im Kopf habe als das Geschäft. Der Prokurist akzeptiert zunächst den von der Mutter angeführten Grund für Gregors Fernbleiben von der Arbeit, macht aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, „daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder auch glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden müssen.“ Diese Äußerung bringt den Vater dazu, auch Druck zu machen, obwohl Gregor gesagt hat, dass er gleich kommen werde: „Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?“, fragte der ungeduldige Vater und klopfte wieder an die Tür.“
Auch die Schwester macht sich bemerkbar. Sie beginnt im Nebenzimmer zu schluchzen. Gregor macht sich über die Gründe Gedanken: „Und warum weint sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren, und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.“
Außerdem hat Gregor ja auch seine nachvollziehbaren Gründe, die Tür nicht zu öffnen. Sie sind seinem neuen Insektenkörper geschuldet, der ihm ungewohnte Schwierigkeiten bereitet: „Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse.“ Gregor interpretiert seine Verweigerung, die Tür zu öffnen, als „kleine Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde.“ Und er glaubt nicht, dass sein momentanes Verhalten Grund dafür sein könne, ihn zu entlassen. Vielmehr, so scheint ihm, wäre es viel vernünftiger, „ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören.“ Gregor hat aber auch Verständnis für das Verhalten der anderen: „ … es war eben die Ungewissheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.“
Während er noch Verständnis für das Verhalten der anderen aufbringt, steigt vor allem beim Prokuristen das Unverständnis gegenüber Gregors Verhalten, das er auch in deutlichen Vorwürfen und Drohungen artikuliert: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit Ja und Nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen … Ihre geschäftlichen Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise … Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir zwar heute früh eine mögliche Erklärung für ihre Versäumnis an – sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso -, aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste.“
Gregor ist aufgrund dieser vernichtenden Äußerungen außer sich und versucht dem Prokuristen gegenüber, sein seltsam erscheinendes Verhalten mit Unwohlsein und Schwindelgefühl zu entschuldigen, verwahrt sich gegen die Vorwürfe, weist auf von ihm eingeholte Aufträge hin, die vielleicht nicht berücksichtigt worden seien, bittet darum, seine Eltern vor solchen Anschuldigungen zu schonen, und erklärt, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist, ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!“
Während er „dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er sprach“, gelingt es ihm trotz der durch seinen neuen Körper bedingten Schmerzen im Unterleib, Herrschaft über sich zu erlangen und aufrecht zu stehen, indem er sich gegen die Rückenlehne eines nahen Sessels fallen lässt, „an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt.“
Vor seiner Tür bricht bei der Familie Panik aus. Wieder klingt seine Stimme unverständlich, der Prokurist vermutet eine Tierstimme. Die Mutter befürchtet, dass Gregor schwer krank sei und erteilt der Tochter Grete den Auftrag, den Arzt zu verständigen, der Vater hingegen verlangt nach einem Schlosser, der die Tür öffnen soll.
Gregor ist angesichts der Aktivitäten seiner Eltern „viel ruhiger geworden“. Er vermutet, dass sie verstanden haben, „dass es mit ihm nicht ganz in Ordnung war“ und dass sie bereit sind, ihm zu helfen. Seine Stimmung bessert sich im nu: „Die Zuversicht und Sicherheit, mit welchen die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen.“
Angespornt von den Aktivitäten vor der Tür versucht auch Gregor einen Beitrag zu leisten. Trotz der Schwierigkeiten, die ihm sein neuer Körper bereitet, bemüht er sich nach Kräften, an den Schlüssel zu kommen, ihn zu drehen und damit die Tür zu öffnen. Das gelingt trotz einer Verletzung. Langsam lugt er hinter der Tür hervor.
Als die da draußen ihn dann erstmals in seiner jetzigen Gestalt sehen, ist der Schrecken groß. „Oh“, ruft der Prokurist, die Mutter wird ohnmächtig und der Vater scheint ihm mit der Faust zu drohen, doch das war nur der erste Eindruck. Nach einem kurzem Moment weint er angesichts der Verwandlung seines Sohnes so stark, „daß sich seine mächtige Brust schüttelte.“
So hat Gregor das Gefühl, „daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte“, und versichert, dass er sich gleich auf den Weg machen werde: „Ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren“. In Richtung Prokurist zeigt er sich unterwürfig, entschuldigend und sagt: „Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben … Man kan im Augenblick unfähig sein, zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut.“ Gregor geht aber in der Angst, seine Arbeit zu verlieren, noch weiter, bittet und bettelt den Prokuristen an: „Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben … Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Übewrblick über die Verhältnisse als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick als der Chef selbst … Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!“
Doch alles Bitten und Betteln hilft nicht, der Prokurist wendet sich von Gregor ab. Dessen Sorgen angesichts des bevorstehenden Weggangs des Prokuristen verschärfen sich: „Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht aufs äußerste gefährdet werden sollten … Der Prokurist musste gehalten, beruhigt, überzeugt und schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing doch davon ab!“ Diese Sorgen bewegen ihn zu einem fatalen Schritt. Gregor bewegt sich auf den Prokuristen zu, der fluchtartig die Wohnung verlässt und die Treppe runterstürzt. Gleichzeitig erschrickt die Mutter angesichts seiner körperlichen Erscheinung, und der Vater versucht, ihn mithilfe eines Stocks und einer Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Gregor widersetzt sich dem nicht, doch sein Körper, den er nicht so recht zu koordinieren vermag, spielt ihm einen Streich und es dauert lange, bis er sich in Richtung Zimmer bewegen kann, in das er letztendlich mit dem Fußtritt seines Vaters befördert wird, verletzt und blutend. Dann wird es endlich still.
Der langsame Niedergang des Gregor Samsa
Als er aus einem „schweren ohnmachtsähnlichen Schlaf“ erwacht und sich zunächst „genügend ausgeruht und ausgeschlafen“ fühlt, bemerkt Gregor Samsa die körperlichen Folgen, die er von dem Fußtritt seines Vaters davongetragen hat: „Seine linke Seite schien eine einzige lange, unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittäglichen Vorfälle schwer verletzt worden … und schleppte leblos nach.“ Damit hat es mit seiner elenden Situation aber noch kein Ende. Das ihm vorgesetzte Essen, bestehend aus süßer Milch, „in der kleine Schnitten von Weißbrot schwammen“, schmeckt ihm trotz großen Hungers nicht, obwohl Milch „sonst sein Lieblingsgetränk war.“
Was ihm nach der abgebrochenen Nahrungsaufnahme auffällt, ist die Stille, die in der Wohnung herrscht. Das laute Vorlesen der Zeitung durch den Vater, das sonst jeden Morgen am Frühstückstisch erfolgt und von dem ihm die Schwester berichtet hat – er selbst war ja zu dieser Zeit schon als Reisender in Sachen Textilien unterwegs – scheint aus der Übung gekommen zu sein. Gregor kommt ins Grübeln: „Was für ein stilles Leben die Familie doch führte“, sagt er sich „und fühlte … einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können. Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollten?“
Was Gregor auch bemerkt, ist das veränderte Verhalten seiner Familie. Hatte diese am Morgen noch voller Sorge zu ihm hereinkommen wollen, ist es am Abend genau das Gegenteil: „… jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte … kam keiner mehr, und die Schlüssel steckten nun auch von außen.“
Nachdem sich die Familie zur Nachtruhe begeben hat, verfällt er wieder ins Grübeln und überlegt, „wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte.“ Erfüllt von einer Angst, deren Ursache er nicht herausfinden kann, eilt er unter das Kanapee, „wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter dem Kanapee untergebracht zu werden.“ Gregor scheint sich trotz des körperlichen Ungemachs in Form der Verwandlung in ein Insekt in sein Schicksal zu fügen.
So ist also in der Erzählung „Die Verwandlung“ etwas geschehen, was beim Leser sofort Fragen auslöst. Ist es denn die Möglichkeit, dass ein Mensch sich in ein Insekt verwandeln kann, was soll das überhaupt und was will uns der Dichter eigentlich damit sagen?
Um darauf eine Antwort zu geben, bedarf es der Literaturwissenschaft. Wie Egon Ecker, der Autor mehrerer Fachbücher über deutsche Literatur, in der Reihe Analysen und Reflexionen des Beyer Verlages über einige Erzählungen Kafkas schreibt, sei es schwierig, in Kafkas Welt einzudringen: „Seine Werke sind vieldeutig und lassen daher die verschiedensten Interpretationen zu, manche seiner Texte sind sogar kaum deutbar, weil uns der persönliche Bezug fehlt“, heißt es im Kapitel Einführung in Kafkas Weltanschauung. Das klingt allerdings, ich muss es gestehen, nicht gerade hilfreich. Es stellt sich die Frage, was ich mit einem Text soll, zu dem ich keinen persönlichen Bezug habe. Auch der Hinweis, dass gerade in der Vieldeutigkeit der Texte der besondere Reiz liegt, erscheint wenig zielführend. Von sprachlichen Zeichenkombinationen, mehreren Dekodierungen und einem aufnehmenden Reproduktionsprozess mit immer neuen Variationen ist bei Ecker die Rede. Das klingt auch für den anspruchsvolleren Leser mehr als anstrengend.
Und es kommt noch dicker. Beim Leser soll der „Prozess der weiterdichtenden, ins Offene hinausführenden Deutungsversuche“ in Gang gesetzt werden, wie es bei dem von Ecker zitierten Karl-Heinz Fingerhut in ,dessen Schrift „Zugang zu Erzählungen Kafkas über das Märchen“ in: Blätter für den Deutschlehrer, H. 3, 1971, S. 88, nachzulesen ist. Die Erkenntnis daraus lässt sich kurzfassen: Der Leser muss sich mit einem Text befassen, den er nicht versteht, und dann soll er noch den Literaten in sich wachrufen, um zumindest den Versuch wagen zu können, den Text verstehen zu wollen, den er nicht versteht, weil er nicht zu verstehen ist.
Hilfreich angesichts dieser aussichtslos erscheinenden Situation des Nichtverstehens ist es, auf andere Variationen des Motivs der Erzählung „Die Verwandlung“ zurückzugreifen, die dem Leser die Möglichkeit bieten, einen persönlichen Bezug herzustellen und auch etwas verstehen zu können.
Wie eine literarische Entdeckung – ohne Anspruch auf Erstentdeckung – meinerseits belegt, gibt es auch einen Comic-Doppelgänger von Gregor Samsa, der bisher weitestgehend ein Schattendasein in der von literarischem Feingeist geprägten feuilletonistischen Öffentlichkeit führte. Eingefleischte Donaldisten werden ihn natürlich kennen. Er heißt mit Pseudonym Gregor Ducksa, entstammt aber unter seinem richtigen Namen Donald Duck ursprünglich aus der Stadt Entenhausen, vielen aus der Reihe „Lustiges Taschenbuch“ bekannt.
Im Comic „Die Verwandlung“, so ist es dort zu lesen, heißt er aber, wie schon erwähnt, Gregor Ducksa, und lebt in Prag. Der erste Bezug zu Franz Kafka, der gleichfalls in Prag lebte, ist hier zumindest schon auszumachen.
Auch andere Figuren aus dieser mit vielen Bildern und wenig Text dargestellten Geschichte mit einem abenteuerlichen und humorvollen Inhalt, wie ein Comic als lexikalischer Begriff offiziell definiert ist, kommen einem bekannt vor. Es sind im Original Onkel Dagobert Duck als Dagotek Ducksa, die Neffen Tick, Trick und Track als Vli, Vla und Vlo, Daisy als russisches Hausmädchen Anna im Haus Ducksa, Erfinder Daniel Düsentrieb als Danielcek Düsinski und Klaas Klever als Klaasek Kleverini.
Was die in dem Comic erzählte Geschichte angeht, ist sie eine etwas andere als die in der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka. Während bei Kafka viele Fragen nach der Deutung des Textes trotz allen literaturwissenschaftlichen Bemühens offen bleiben werden, geht es im Comic etwas eindeutiger und handfester zu, was vielleicht auch der literarischen Form geschuldet ist. Oder auch dem Bedürfnis des Lesers nach einer für gewöhnliche Gemüter zu verstehenden Handlung mit einem Schluss, der keine Fragen offen lässt.
Der Ausgangspunkt der Geschichte ist aber zunächst der gleiche wie bei Kafka. Gregor Ducksa, ebenfalls Handelsreisender in Textilien, hat verschlafen. Doch im Gegensatz zu Kafka geht das weitere Geschehen seinen schnellen Gang, und auch die Ursache der Schulden ist eine andere. Durch seine ständige Schläfrigkeit hat Gregor Ducksa bei einem Transport einen Kahn mit Stoffballen versenkt, die seinem Onkel Dagotek gehörten. Der Schaden: 10.000 Kronen.
Zack zack wird daher der Held der Geschichte von seinem Onkel aus dem Bett getrieben, damit dieser durch seine Tätigkeit als Handelsreisender erzielten Erlöse sobald wie möglich seine Schulden begleichen kann. Gregor macht sich also mit seinem Musterkoffer per Zug auf den Weg von Prag nach Brünn.
Währenddessen trifft sein Onkel auf seinen ewigen Widersacher in Sachen Erfolgreiche Geschäfte, Klaasek Kleverini, der mit seinem gleichnamigen Zirkus auf Tour ist. Was es mit diesem hier schon kurz angedeuteten erzählerischen Nebenstrang der Geschichte auf sich hat, darauf ist später noch mehr einzugehen.
Wie aber der eingefleischte Leser der „Lustigen Taschenbücher“ bereits ahnt oder weiß, ist das Geschick Gregor Ducksas dem Original Donald Duck nachempfunden, der wie in seinem tragischen und richtigen Leben von einem Mißgeschick in das andere gerät. Das erhoffte Geschäft in Brünn will natürlich nicht gelingen und so nimmt das Schicksal Donalds beziehungsweise Gregors seinen verhängnisvollen Lauf.
Dass es alte Zeiten gegeben hat, wo das Wünschen noch geholfen hat, meint sein Onkel Dagotek in der Zwischenzeit zu wissen; und der wünscht sich nach einer weiteren geschäftlichen Pleite nichts anderes, als dass sein Neffe tüchtig und erfolgreich werde. Und wer kann da helfen? Erfinder Danielcek Düsinski, der, wie es der Zufall gerade so will, einen Wachmacher in Form von Pillen entwickelt hat. Schelm, der Böses dabei denkt.
Eher nicht dem Zufall, sondern der Weiterführung der bald unglaublich wirkenden Geschichte geschuldet, kommt es bei der Verabreichung der Pillen zu einem unglücklichen Vorfall. Es waren die falschen Pillen, und statt tüchtig und erfolgreich zu werden, wachsen Gregor am ganzen Körper schwarze Haare. Natürlich zum Erschrecken der Familie, allerdings nicht der ganzen Familie. Onkel Dagotek vermutet hinter dem Haarwuchs einen Trick, damit sich der Neffe vor der Arbeit drücken kann
Gerade rechtzeitig kommt da Zirkusdirektor Klaasek Kleverini ins Spiel, Er entdeckt per Zufall, was mit Gregor Ducksa geschehen ist und hat sofort ein Angebot, dass der kaum ablehnen kann: Wenn Gregor sich als „einzig echtes Haarwunder“ für einen Monat im Zirkus bestaunen lässt, winkt ihm als Lohn die Summe von 10.000 Kronen. Er wäre alle seiner Schulden ledig und könnte ein neues Leben beginnen. Gregor stimmt in seiner Verzweiflung zu.
Und was geschieht in der Zwischenzeit im Hause Ducksa? Dienstmädchen Anna entdeckt, als sie Gregor eine Suppe bringen will, sein Verschwinden. Vli, Vla und Vlo bekommen das auch mit. Eine Spur, wo er sein könnte, findet sich per Zufall in Form einer Epaulette, doch etwa Genaueres kann da noch niemand wissen.
Auch an anderer Stelle nimmt die Geschichte ihren Lauf. Onkel Dagotek, der den Grund des urplötzlichen Haarwuchses ahnt, wendet sich in seiner Not ein weiteres Mal an Erfinder Düsinski, der sofort erkennt, dass es sich durch einen Fehlgriff bei den verabreichten Pillen um Chitinin handelte, ein noch nicht erprobtes Haarwuchsmittel, nicht um ein Mittel, aus einem eher trägen und schläfrigen einen tüchtigen und erfolgreichen Neffen und Mitarbeiter zu machen. Logischerweise gibt es natürlich umgehend ein Gegenmittel namens Euchitinon, und so machen sich Dagotek Ducksa und Danielcek Düsinski auf den Weg zu Gregor, den sie immer immer noch in seinem Zimmer wähnen.
Die schon erwähnte Epaulette, die auf die Uniform eines Zirkusdirektors verweist führt dann alle auf die richtige Spur: zum Zirkus von Klaasek Kleverini natürlich, wo Gregor Ducksa zum haarigen Publikumsliebling aufgestiegen ist. Im Schlaf nach erfolgreicher Show wird ihm von Danielcek Düsinski das Gegenmittel gespritzt. Doch das Ergebnis gefällt nur Onkel Dagotek, Klaasek Kleverini kann mit einem unbehaarten Gregor im Zirkus nichts anfangen und kündigt den Vertrag, der den übermäßigen Haarbewuchs als Grundbedingung beinhaltet, sodass Gregor nicht zu seinen erhofften 10.000 Kronen kommt. Die Folge: Erfinder Düsinski muss vor dem wütenden Gregor ebenso fliehen wie Onkel Dagotec. Und so endet die Geschichte.