Biografischer Roman von Max Gallo über Napoleon
Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Geschichte ist ohne Zweifel Napoleon Bonaparte. Aus eher ärmlichen Verhältnissen stammend schaffte es der gebürtige Korse im fast noch zarten Alter von 30 Jahren, Herrscher Frankreichs zu werden und über 15 Jahre die politische Entwicklung Europas maßgeblich zu prägen.
Um einen gleichzeitig informativen wie unterhaltsamen Einblick in das Leben und Wirken dieses außergewöhnlichen Staatsmannes und Kriegsherren zu gewinnen, empfiehlt sich die Lektüre der in Romanform geschriebenen Biografie von Max Gallo, die auch als Grundlage für einen mehrteiligen Fernsehfilm mit hochkarätiger Besetzung (unter anderem John Malkovich, Isabella Rosselini und Gerard Depardieu) diente.
Voraus gestellt sei dieser Buchempfehlung, dass der auch als Historiker und Politiker tätige Autor bei seinen vor allem biografisch geprägten Veröffentlichungen ein eher traditionelles Geschichtsbild pflegte. Für ihn waren es weniger soziale Umwälzungen und gesellschaftliche Strukturen als große Männer, die Geschichte machten. Das prägt auch seine Darstellung des Napoleon.
Der Leser, der sich aber trotzdem darauf einlässt, kann sich auf ein umfassendes, detailreiches und äußerst spannend geschriebenes Porträt eines der bedeutendsten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts freuen, dem trotz seiner persönlichen Widersprüchlichkeiten – vom Anhänger der Revolution bis zur Krönung zum Kaiser durch eigene Hand – in seiner Heimat Frankreich noch immer große Ehre zuteil wird.
Befragt nach dem Ziel, das Autor Gallo mit seinem biografischen Roman anstrebte, antwortete er vor dem Hintergrund vieler vorheriger Veröffentlichungen, in denen jeweils nur Teilaspekte Napoleons und seiner Herrschaft beschrieben wurden, dass es ihm darum gegangen sei, „diesen in tausend Teile zersprungenen Mann wieder zusammenzufügen. Ich wollte verstehen, wie man gleichzeitig den Code civil diktieren, eine Nacht mit einer Schauspielerin verbringen und den Plan für die Schlacht von Austerlitz entwerfen kann.“
Und das ist ihm wirklich gelungen. Wer sich als Leser darauf einlässt, gewinnt das Gefühl, bei allen politischen, militärischen und privaten Handlungen Napoleons diesem gewissermaßen über die Schulter schauen zu können und immer mitten im Geschehen zu sein. Zu erleben ist die Biografie eines Mannes, dem die große Karriere bis hin zum Kaiser von Frankreich nicht in die Wiege gelegt war. Die Chance, die sich ihm dank einer gewissen Protektion bietet, ist die Armee. Dort beißt er sich trotz vieler Kränkungen durch seine sogenannten Kameraden, die über ihn wegen seiner geringen Körpergröße spotten und ihn dies auch körperlich spüren lassen, durch, vertieft sich außerhalb seines Dienste in Lektüre unterschiedlichster Art und erhält als Leutnant der Artillerie bei der Schlacht um Toulon die Chance seines Lebens. Napoleon trägt mit seinem großen militärischen Wissen und Talent zum Sieg gegen die Feinde der französischen Revolution wesentlich bei. Von da an geht es steil voran. Er gewinnt weitere entscheidende Schlachten, bis ihn der Ruf der Unbesiegbarkeit umgibt und das Streben nach politischer Macht unausweichlich wird, weil das Volk seine Helden liebt. Er stürzt 1799 das seit fünf Jahren herrschende sogenannte Direktorium (Anm.: Exekutivgewalt der 1. Französischen Republik) und wird 1. Konsul.
Trotz eines gewissen Heroentums, mit dem Max Gallo seinen Helden adelt, beschreibt er aber auch andere durchaus kritische Aspekte, die das Leben sowie die politischen und militärischen Handlungen bestimmen. Der Leser lernt einen zutiefst misstrauischen, einsamen und fast nur ichbezogenen Menschen kennen, der alles dominieren und bestimmen will, was im Staate Frankreich passiert. Auch vor den Mitgliedern seiner Familie, die er zu einem nicht geringen Teil in sein Herrschaftssystem einbindet, das sich im Laufe der Jahre auf das kontinentale Europa erstrecken wird, und seiner ersten Frau Josefine macht er dabei nicht Halt in seinem Kontrollwahn. Das geht sogar so weit, dass er bestimmen möchte, wer geheiratet wird oder nicht.
Ein gehetzter Mann, so beschreibt es Gallo, begibt sich auf den Weg, der größte Herrscher seiner Zeit zu werden – wie einst Alexander der Große, dem er nacheifert. Unablässig ist er in Kriege gegen viele Länder Europas involviert, was zunächst die Reaktion darauf ist, dass sich Großbritannien, Deutschland und andere nach der Französischen Revolution und dem gewaltsamen Sturz Ludwigs des 16. sich auf die Seite des französischen Adels gestellt hatten und dabei auch auf Frankreichs Boden gegen die revolutionären Kräfte kämpften. Nicht ganz zu Unrecht sieht sich Napoleon von feindlichen Mächten umgeben. Doch das ist es nicht allein, was ihn antreibt. Es geht auch um die Eitelkeit des in jungen Jahren gekränkten Underdogs gegen die aristokratischen Eliten, die ihm mit Verachtung begegnen. Gallo kennt den Charakter von Napoleon, der sich nach Anerkennung sehnt und sich diese zumeist mit Gewalt verschafft. Bezeichnend dafür ist die von Gallo detailreich und vielschichtig geschilderte Zusammenkunft mit dem russischen Zaren Alexander 1., den er in einer Schlacht geschlagen hat. Napoleon entwickelt Sympathie für ihn, glaubt einen Bruder im Geiste kennengelernt zu haben und spinnt schon Pläne, gemeinsam ein Weltreich errichten zu wollen.
Die Enttäuschung darüber, dass Alexander 1. die Sympathie nicht erwidert, ist dann der Anfang vom Ende. Max Gallo beschreibt in aller Ausführlichkeit, wie sich Napoleon in unzähligen Kriegen an unterschiedlichsten Ecken Europas verliert, immer beratungsresistenter agiert und unter anderem mit dem Einmarsch in Russland einen großen Fehler begeht, der nicht wieder gutzumachen ist. Egomanie im Übermaß war schon immer der Wegbereiter des Untergangs vieler Herrscher. Für den französischen Kaiser ist die Herrschaft nach 15 Jahren beendet, sein Ende auf der weit entfernten Insel St. Helena tragisch und traurig.
Kurzum: Wer einmal mit dem Roman angefangen hat, Interesse an Geschichte und spannenden Persönlichkeiten hat, wird ihn kaum wieder aus der Hand legen.