Zu Besuch in Weimar – Von Goethe bis Bauhaus-Bewegung

Schon seit ein paar Jahren fahre ich zur Buchmesse nach Leipzig. Damit verbunden ist auch ein Ausflug zu Sehenswürdigkeiten in der näheren und weiteren Umgebung.

Da durfte natürlich die wunderschöne Stadt Weimar nicht fehlen, die nicht zuletzt durch das dortige Wirken des Dichters Johann Wolfgang von Goethe zu Weltruhm gelangte und bis heute ein kultureller Standort von hohem Rang ist. Davon zeugen unter anderem die Räumlichkeiten des ersten Bauhaus-Standortes, die Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, das Nietzsche-Archiv und natürlich das Goethe-Haus am Frauenplan.

Und der erste Eindruck von Weimar, wenn man ins Zentrum gelangt: Ein absoluter Traum, man fühlt sich angesichts der vielen gut erhaltenen Häuser, Villen, Kultureinrichtungen, Schlösser oder anderer Amtssitze sofort in die Goethe-Zeit versetzt. Ganze Straßenzüge vermitteln den Eindruck, seit mehreren Jahrhunderten ohne große Veränderungen und unbeschadet geblieben zu sein. Und wenn einem einer der Helden der großen kulturellen Ära Weimars wie Goethe, Schiller oder Herder begegnet wäre, hätte es einen auch nicht gewundert.

Angesichts der Tatsache, dass wir nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung hatten, beschränkten wir uns bei dem Besuch von Sehenswürdigkeiten auf das Goethe-Haus und das Bauhaus-Museum. Aber das alleine reicht schon. So umfängt einen im äußerst repräsentativen Goethe-Haus – ausgestattet mit vielen Original-Möbeln, Kunstwerken, Nachbildungen griechischer und römischer Büsten sowie einer umfangreichen Sammlung aus seiner Tätigkeit als Naturwissenschaftler – der unermessliche Geist des Dichterfürsten, der mit dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ das Lebensgefühl der jungen Menschen seiner Zeit traf, mit dem „Faust“ das ultimative Drama um den Kampf zwischen Gut und Böse schrieb und mit vielen weiteren Werken zum führenden Vertreter der Klassik wurde, in der das geistige Schaffen der griechischen und römischen Kultur eine Renaissance erfuhr. Goethe war es auch, der dank der Unterstützung des Weimarer Fürstenhauses und dank seines Bekanntheitsgrad viele Geistesgrößen wie Friedrich Schiller und manche mehr um sich vereinen konnte und die damals noch nicht so bekannte Stadt zu einem führenden Zentrum des Geistes und der Kultur in Deutschland machte. Mit diesem Wissen im Kopf wird das Goethe-Haus immer wieder zu einem inspirierenden Ort, der die Leidenschaft nach Kunst, Kultur und Wissen stets neu zu entfachen vermag.

Auch im 20. Jahrhundert vermag es Weimar ein weiteres Mal, zu solch einem Ort zu werden. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges erwächst die Sehnsucht nach einer geistigen und kulturellen Neuorientierung. Sie manifestiert sich unter anderem in der Bauhaus-Bewegung, deren erster räumlicher Standort 1919 Weimar war. Was sich dahinter verbirgt, wird im Bauhaus-Museum auf dem ehemaligen Minolplatz am Rande des Weimarhallenparks sichtbar.

Die zwar erst 1924 formulierten Fragen „Wie werden wir wohnen, wie werden wir siedeln, welche Form des Gemeinwesens wollen wir anstreben“ bringen in knapper Form auf den Punkt, was schon vorher die Beteiligten mit Walter Gropius an der Spitze umtrieb. Er selbst formulierte folgenden Anspruch: „… Kunst … braucht die innigste Verbindung mit der Umwelt mit dem lebendigen Menschen. Erst muß der Mensch wohlgestaltet sein, dann erst kann ihm der Künstler das schöne Kleid anziehen. Das heutige Geschlecht muss von Grund auf neu beginnen, sich selbst verjüngen, erst eine neue Menschlichkeit, eine allgemeine Lebensform des Volkes erschaffen. Dann wird die Kunst kommen.“

In der Dauerausstellung werden die von der Bauhaus-Bewegung entwickelten Ideen und die daraus resultierenden Ergebnisse in mehrere Bereiche unterteilt, die aber auch in einem inneren Zusammenhang stehen: „Der neue Mensch“, „Schule als Experiment“, „Neuer Alltag“, „Neues Wohnen“ und „Bühne des Bauhauses als Experimentierfeld“. Auch die Frage „Was bleibt“ wird gestellt.

Deutlich wird im Bauhaus-Museum, wie unterschiedlich die Vorstellungen gerade beim Thema des „Neuen Menschen“ waren. Sollte es nach den Verheerungen des mit industriellen Mitteln geführten Ersten Weltkrieges und dem dadurch entstandenen Zweifel an der Technik und ihren auch zerstörerischen Möglichkeiten ein Zurück zur Natur geben? Können die infolge der Gründung der Sowjetunion aufgekommenen utopisch-sozialitischen Gesellschaftsideale eine Lösung sein? Was ist mit dem Begriff des von dem Philosophen Friedrich Nietzsche entwickelten Gedanken des Übermenschen, der sich aus den Fesseln des Christentums löst und sein Leben nach eigenen Vorstellungen in die Hand nimmt? Bekannt geworden ist auch die Wandervogelbewegung, die sich gegen das Diktat der Vernunft, der Erwachsenenwelt und der auferlegten Pflichten wendet und das Zurück zur Natur und zum Individualismus beschwört In eine ganz andere Richtung geht der Konstruktivismus. Er setzt auf die Technik der Zukunft, in der die Menschen mittels mathematischer Vernunft die Moderne verwirklichen können. Alle diese Positionen finden sich beispielhaft im Bauhaus-Museum.

Weiteres Stichwort „Schule als Experiment“: Am Bauhaus in Weimar sollen die vorher getrennten Bereich Kunst und Technik eine neue Einheit bilden. Eingerichtet werden neben dem Bereich Kunst, Architektur und Siedlungsplanug eine keramische Werkstatt, eine Metallwerkstatt, eine Textilwerkstatt, eine Möbelwerkstatt, eine Glas- und Wandmalereiwerkstatt, eine Grafische Druckerei, Werkstätten für Holz- und Steinbildhauerei und eine Werkstatt für Buchbinderei. Auch Tanz und Theater spielen eine Rolle.

Dem früheren System einer elitären Kunstakademie wird eine Absage erteilt. Kunst und Leben sollen in direkter Verbindung stehen, Unterricht und Lernen ergeben sich in Form von Experimenten, nicht in überkommenen Auffassungen. Deutlich wird, dass der Geist der 1919 ins Leben gerufenen Demokratie in Deutschland im Bauhaus seinen Widerhall findet. Dort sollen in intensiven Diskussionen Ideen entwickelt werden, wie mit Architektur, Kunst und Handwerk ein Beitrag dazu geleistet werden kann, dem modernen Menschen ein ihm entsprechendes Leben auch im täglichen Dasein zu ermöglichen. Und dass soll nicht nur für eine Elite gelten, sondern für alle. Dieser Geist wird im Bauhaus-Museum mit verschiedenen Ansätzen widergespiegelt. Wie Heike Hanada in dem Buch „Bauhaus Museum Weimar“ schreibt, soll das Gebäude eine Stätte lebendiger Vermittlung sein, die „offen ist für unterschiedliche Zielgruppen des Weimar-Tourismus, der Bildungsreise bis hin zu Schule und Studium, als Forum für Diskussionen und Veranstaltungen, als Zentrum von Aktivitäten und als Labor, in dem sich Forschen und Sammeln, Präsentieren und Vermitteln, Experimentieren und Reflektieren wechselseitig durchdringen“.

Programm des Bauhauses: Es geht bei dem zu vermittelnden Wissen um eine Verbindung zwischen Kunst und Handwerk. Zum einen wird die Meinung vertreten, dass Kunst nicht lehrbar sei, sondern in der „Gnade eines Augenblicks“ entsteht, zum anderen, dass Kunst handwerkliche Fähigkeiten voraussetzt. Ute Ackermann bringt diesen Aspekt in ihrem Beitrag „Die Institution“ zum Buch über das Bauhaus-Museum auf den Punkt: „Die Künstler und Architekten müssen zu ihrem gemeinsamen Ursprung, dem Handwerk zurückkehren. Deshalb sollten alle Schüler und Schülerinnen eine handwerkliche Lehre aufnehmen. Dementsprechend nannten sie sich Lehrlinge und Gesellen; die Professoren wurden als Bauhaus-Meister betitelt“.

Mit diesen Gedanken wurde zum Ausdruck gebracht, dass es im Bauhaus keine dünkelhafte Abgrenzung zwischen Künstler und Handwerker geben sollte. Gemeinsam sollten sowohl die „Meister“ als auch „die Lehrlinge und Gesellen“ Utopien für eine neue Gesellschaft entwickeln. So wurde unter Anleitung des „Meisters“ Walter Determann eine Siedlung im Sinne des Bauhauses geplant, mit Häusern, Möbeln, Gemeinschaftsbauten und Außenanlagen.

Bauhaus im Alltag: Selbstverständlich spielte das Bauhaus auch eine Rolle bei Dingen des Alltags. Es ging darum, das Leben im privaten Haushalt zu vereinfachen. Mobilität, Hygiene, Raumoptimierung sowie neue Licht- und Energiequellen spielten eine Rolle, aber auch der Bedarf an Haushaltsgeräten, welche die Erledigung der dieser Tätigkeiten vereinfachen konnten: Wasch- und Spülmaschinen zählten ebenso dazu wie Toaster und Staubsauger. Von zentraler Bedeutung waren die Funktionalität von Produkten, die funktionale Gestaltung und die materialgerechte Form für die maschinelle Form. Ein zentraler Satz bei der Erstellung solcher Produkte lautete: Die Form folgt der Funktion. Einige dieser Produkte sind natürlich im Bauhaus-Museum zu sehen.

Dieser Satz galt aber auch für Räume, insbesondere für die Küche, in der kein geringer Teil der Hausarbeit zu leisten war. Das aus Ideen des Bauhauses entstandene Haus Am Horn in Weimar macht deutlich, wie eine Küche neuerer Art gestaltet wurde. Hier wurden erstmals Arbeitsläufe durchdacht und in eine passende Form der Küchenmöbel umgesetzt. Alle zu erledigenden Arbeiten konnten ohne unnötigen Wege Schritt für Schritt erfolgen. Die Wohnküche alten Stils hatte ausgedient.

Ein weiterer Schritt bei der Raumgestaltung: Für die meisten Menschen war zu Zeiten des Bauhauses ein eigenes Bad in der Wohnung ein absoluter Luxus. So stellte sich die Aufgabe, mit kostengünstig in großer Stückzahl industriell gefertigten Elementen wie Armarturen, Becken und Wannen ein modern ausgestattetes Bad auf möglichst kleinem Raum unterzubringen.

Ein ganz großer Schritt: Häuser im Baukastensystem. Der Architekt und Leiter des Bauhauses, Walter Gropius, entwickelte die Idee, Gebäude als Massenprodukte fertigen zu lassen. Johannes Siebler schreibt darüber im Buch zum Bauhaus-Museum: „In Fabriken sollten einzelne Raumkörper auf Vorrat industriell gefertigt und dann vor Ort am Bauplatz zusammengefügt werden … Durch die unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten der Raumkörper und ihrer diversen funktionalen Belegung wird versucht, den individuellen Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner gerecht zu werden und gleichzeitig eine Formvielfalt in der Architektur zu erhalten“. Heute nennt sich so etwas Fertighaus, ist aber oft von wenig kreativem Geist beseelt und sieht meist sehr fad aus.

Zu erwähnen sind natürlich auch noch die Themen Bühne, Ballett und Möbel, die im Museum in aller Ausführlichkeit widergespiegelt werden. Stichwort „Triadisches Ballett“.

Zum Schluss die Frage: Ist das Bauhaus gescheitert? Was die mit dem Bauhaus verbundenen Hoffnungen auf eine neue und bessere Gesellschaft angeht, muss wohl deutlich gesagt werden, dass die Zeit direkt nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches dafür noch nicht reif genug war. Wegen Anfeindungen von der politischen Rechten musste das Bauhaus seine Zelte 1925 in Weimar abbrechen, fand aber in Dessau eine neue Heimat. Dort ging es bis 1933 weiter. Dann übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Sie schlossen das Bauhaus und vernichteten nicht nur mit diesem Schritt alle Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Neuanfang im Geist von Humanität, Demokratie und geistiger Freiheit. Geistige Barbarei, Krieg und der Massenmord an den Juden, aber auch an vielen anderen Minderheiten, bestimmten die nächsten 12 Jahre in Deutschland, aber auch in vielen anderen von Deutschland überfallenen Staaten in Europa.

Aber auch in kleinerem Rahmen konnte das Bauhaus die selbst formulierten Ziele nicht erfüllen. So gelang es bei der Entwicklung neuer Produkte nicht oder kaum, etwas zu schaffen, was für eine Mehrheit der Bevölkerung erschwinglich war. Der Vorwurf, Luxusprodukte für eine kleine Elite geschaffen zu haben, stand im Raum. Das galt auch für den Baubereich. Die von Hannes Meyer, Architekt und zweiter Direktor des Bauhauses, favorisierte Idee, auf genossenschaftlicher Ebene Bauprojekte auf die Beine zu stellen, scheiterte an der Politik. Wegen seiner linken Gesinnung wurde Meyer als Direktor entlassen.

Es gibt aber trotzdem noch eine Faszination für das Bauhaus. Wie Ulrike Bestgen im Buch zum Bauhaus-Museum schreibt, gibt es eine rege Forschungstätigkeit. Themen sind unter anderem die Weiterentwicklung von im Bauhaus entstandenen Ideen, die nach Flucht und Vertreibung der zumeist dem Nationalsozialismus gegnerisch gegenüberstehenden Schülern und Lehrern international Verbreitung fanden, die Gründung von länderübergreifenden Netzwerken und die technische Erforschung der am Bauhaus eingesetzten Materialien und Produktionsweisen. Deutlich wird das große Interesse am Bauhaus auch durch die Besucherzahlen des Museums in Weimar und des Bauhauses in Dessau samt den anliegenden Meisterhäusern.

Und was noch bleibt: die im Bauhaus-Museum zusammengetragenen Werke von Bauhaus-Künstlern, Einblicke in das Wirken der Bauhaus-Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Mies van der Rohe, das Haus Am Horn, das Haus Esters in Krefeld und die Villa Tugendhat in Brünn (Brno) und und und … Kurzum: Ein Besuch Weimars lohnt immer wieder!