Aus Anlass des 30-jährigen Bestehens hat die in Münster gegründete und in Köln ansässige Gruppe „Erdmöbel“ das Album „Hätte Sehnsucht Gewicht“ vorgelegt und auf Tour vorgestellt. Weitere Termine folgen.
26 Jahre zurück liegt meine erste Begegnung mit der Gruppe „Erdmöbel“ in Form einer CD mit dem Titel „Erste Worte nach Bad mit Delfinen“, die ich als Promo-Material bekam und die mich vor allem wegen ihrer doch etwas abseitigen Texte – ein Trost angesichts der Abgeschmacktheit vieler deutscher Texte anderer Musiker – begeisterte. Damals war ich Redakteur bei einem regionalen Anzeigenblatt und dort auch für die Seite „Inside/Outside“ zuständig, auf der vor allem über Rock- und Popmusik berichtet wurde. Wenn ich mich recht erinnere, sollten „Erdmöbel“ im Rahmen eines Clubkonzertes im Café des Jugendzentrums Nordhorn spielen.
Eine weitere Band, die auch dort spielen sollte, hieß „Obst Obscure“, die sich bei einer ihrer Veröffentlichungen von dem Schriftsteller Franz Kafka inspirieren ließen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zu „Erdmöbel“ (DDR-Begriff für Sarg): Die in Münster gegründete und heute in Köln ansässige Band, bestehend aus dem Sänger, Gitarristen, Trompeter und Schriftsteller Markus Berges, Ekki Maas (Gitarre, Computer, Gesang und Mundharmonika sowie Produzent), Wolfgang Proppe (Keyboards) und Christian Wübben (Schlagzeug und Gesang), wurde 1995 gegründet. Bereits ein Jahr später erschien ihr erstes Album „Ende der Diät“ – noch stark beeinflusst von der anglo-amerikanischen Singer- und Songwriter-Tradition, aber auch mit Rock- und Experimental-Elementen, wie zu lesen ist.
Sprechen kann ich persönlich von dem zweiten und schon erwähnten Album „Erste Worte nach Bad mit Delfinen“, das ich als Promo-Material für einen Artikel erhalten hatte. Und da kann ich immer noch sagen: Einfach klasse. Und das gilt nicht nur für die hervorragend gespielte und sehr abwechslungsreiche Musik aus unterschiedlichsten Stilrichtungen, in der Produzent Ekki Maas auch immer mehr elektronische Elemente eingebunden hatte, sondern gleichfalls für die Texte von Markus Berges, die wirklich zu den besten gehören, die deutschsprachige Rock- und Popmusik zu bieten hat. Nicht umsonst schrieb die Süddeutsche Zeitung von der „größten deutschsprachigen Band unserer Tage“; und die Zeit brachte es mit diesem Satz auf den Punkt: „Als hätten Gottfried Benn, Hans Christian Andersen und die Pet Shop Boys gemeinsam eine Band gegründet.“
Wie es Markus Berges gelingt, in aller Lässigkeit und aller Ernsthaftigkeit die schrägsten, absurdesten, assoziationsreichsten, aber auch liebevollsten lyrischen Lieder zu singen, ist wirklich einzigartig. Ein Beispiel gefällig: „Man sieht ihr das nicht an, an ihr ist gar nichts dran, aber von Kopf bis Fuß tätowiert von innen“, das von einer Supermarktverkäuferin der etwas anderen Art handelt. Oder im Lied „Das Beste vom Osten“: „keine Hostessen, halbnackt in Gummibooten, oder auf Tischen mit gespreizten Beinen das Comeback des Variete mit Niveau im Berliner Nachtcafe mit Toiletten comme ll faut weiß wie Schnee“ – oder im Lied „Trost im Stich“: „keine Kröte kann kleine Jungs aufblasen um Jahre später davon zu erzählen in ihrer Kellerbar mit Fellen an den Wänden wie glasig dein Blick war, als sie endlich von dir abließ.“ Kurz gesagt mit Versen dergleichen hätten „Erdmöbel“ alle Literaturpreise dieser Welt verdient.
Gleiches gilt für das Album „kung fu fighting“, das mit eingängig-poppigen Melodien und Texten höchster literarischer Qualität aufwartet – wie auf allen Veröffentlichungen. Zu gefallen wissen auch Refrains wie „Die Gefäße weiten sich / Der Bann bricht“ (Mein Favorit) und viele weitere mehr.
Gewissermaßen ein Konzeptalbum hat die Gruppe 2007 mit „no 1 hits“ aufgelegt. Da haben sich die vier Musiker 12 englischsprachige Nr. 1-Hits von den Bee Gees über Nirvana bis Crash Test Dummies und Procol Harum ausgesucht und diese ins Deutsche übertragen sowie in ihrer speziellen Art musikalisch interpretiert – wunderbar wie auch die Vorgänger-Alben.
Aktuell liegt aus Anlass des 30-jährigen Bestehens das Album „Hätte Sehnsucht Gewicht“ vor, das Erdmöbel gemeinsam mit dem Kaiser Quartett eingespielt haben, einem deutschen Streichquartett, das sich zunächst auf Studioaufnahmen im Bereich Charts, Film- und Kinomusik konzentrierte, und später mit vielen bekannten Musikern wie Chilli Gonzales, Jarvis Cocker, Kettcar, den Leoniden und Gregory Porter zusammenarbeitete – auch live vor Publikum.
Mit großem Erfolg wurde das Album, gewissermaßen ein Best of, auf Tour vorgestellt: unter anderem zweimal in der ausverkauften Elbphilharmonie in Hamburg. Weitere Termine folgen.
Nachtrag: Ich werde mir noch die anderen Veröffentlichungen zulegen und bei nächster Gelegenheit mal ein Konzert besuchen.



