Poeten einer anderen Wahrnehmung oder „Die Gefäße weiten sich / Der Bann bricht“

Aus Anlass des 30-jährigen Bestehens hat die in Münster gegründete und in Köln ansässige Gruppe „Erdmöbel“ das Album „Hätte Sehnsucht Gewicht“ vorgelegt und auf Tour vorgestellt. Weitere Termine folgen.

26 Jahre zurück liegt meine erste Begegnung mit der Gruppe „Erdmöbel“ in Form einer CD mit dem Titel „Erste Worte nach Bad mit Delfinen“, die ich als Promo-Material bekam und die mich vor allem wegen ihrer doch etwas abseitigen Texte – ein Trost angesichts der Abgeschmacktheit vieler deutscher Texte anderer Musiker – begeisterte. Damals war ich Redakteur bei einem regionalen Anzeigenblatt und dort auch für die Seite „Inside/Outside“ zuständig, auf der vor allem über Rock- und Popmusik berichtet wurde. Wenn ich mich recht erinnere, sollten „Erdmöbel“ im Rahmen eines Clubkonzertes im Café des Jugendzentrums Nordhorn spielen.

Eine weitere Band, die auch dort spielen sollte, hieß „Obst Obscure“, die sich bei einer ihrer Veröffentlichungen von dem Schriftsteller Franz Kafka inspirieren ließen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zu „Erdmöbel“ (DDR-Begriff für Sarg): Die in Münster gegründete und heute in Köln ansässige Band, bestehend aus dem Sänger, Gitarristen, Trompeter und Schriftsteller Markus Berges, Ekki Maas (Gitarre, Computer, Gesang und Mundharmonika sowie Produzent), Wolfgang Proppe (Keyboards) und Christian Wübben (Schlagzeug und Gesang), wurde 1995 gegründet. Bereits ein Jahr später erschien ihr erstes Album „Ende der Diät“ – noch stark beeinflusst von der anglo-amerikanischen Singer- und Songwriter-Tradition, aber auch mit Rock- und Experimental-Elementen, wie zu lesen ist.

Sprechen kann ich persönlich von dem zweiten und schon erwähnten Album „Erste Worte nach Bad mit Delfinen“, das ich als Promo-Material für einen Artikel erhalten hatte. Und da kann ich immer noch sagen: Einfach klasse. Und das gilt nicht nur für die hervorragend gespielte und sehr abwechslungsreiche Musik aus unterschiedlichsten Stilrichtungen, in der Produzent Ekki Maas auch immer mehr elektronische Elemente eingebunden hatte, sondern gleichfalls für die Texte von Markus Berges, die wirklich zu den besten gehören, die deutschsprachige Rock- und Popmusik zu bieten hat. Nicht umsonst schrieb die Süddeutsche Zeitung von der „größten deutschsprachigen Band unserer Tage“; und die Zeit brachte es mit diesem Satz auf den Punkt: „Als hätten Gottfried Benn, Hans Christian Andersen und die Pet Shop Boys gemeinsam eine Band gegründet.“

Wie es Markus Berges gelingt, in aller Lässigkeit und aller Ernsthaftigkeit die schrägsten, absurdesten, assoziationsreichsten, aber auch liebevollsten lyrischen Lieder zu singen, ist wirklich einzigartig. Ein Beispiel gefällig: „Man sieht ihr das nicht an, an ihr ist gar nichts dran, aber von Kopf bis Fuß tätowiert von innen“, das von einer Supermarktverkäuferin der etwas anderen Art handelt. Oder im Lied „Das Beste vom Osten“: „keine Hostessen, halbnackt in Gummibooten, oder auf Tischen mit gespreizten Beinen das Comeback des Variete mit Niveau im Berliner Nachtcafe mit Toiletten comme ll faut weiß wie Schnee“ – oder im Lied „Trost im Stich“: „keine Kröte kann kleine Jungs aufblasen um Jahre später davon zu erzählen in ihrer Kellerbar mit Fellen an den Wänden wie glasig dein Blick war, als sie endlich von dir abließ.“ Kurz gesagt mit Versen dergleichen hätten „Erdmöbel“ alle Literaturpreise dieser Welt verdient.

Gleiches gilt für das Album „kung fu fighting“, das mit eingängig-poppigen Melodien und Texten höchster literarischer Qualität aufwartet – wie auf allen Veröffentlichungen. Zu gefallen wissen auch Refrains wie „Die Gefäße weiten sich / Der Bann bricht“ (Mein Favorit) und viele weitere mehr.

Gewissermaßen ein Konzeptalbum hat die Gruppe 2007 mit „no 1 hits“ aufgelegt. Da haben sich die vier Musiker 12 englischsprachige Nr. 1-Hits von den Bee Gees über Nirvana bis Crash Test Dummies und Procol Harum ausgesucht und diese ins Deutsche übertragen sowie in ihrer speziellen Art musikalisch interpretiert – wunderbar wie auch die Vorgänger-Alben.

Aktuell liegt aus Anlass des 30-jährigen Bestehens das Album „Hätte Sehnsucht Gewicht“ vor, das Erdmöbel gemeinsam mit dem Kaiser Quartett eingespielt haben, einem deutschen Streichquartett, das sich zunächst auf Studioaufnahmen im Bereich Charts, Film- und Kinomusik konzentrierte, und später mit vielen bekannten Musikern wie Chilli Gonzales, Jarvis Cocker, Kettcar, den Leoniden und Gregory Porter zusammenarbeitete – auch live vor Publikum.

Mit großem Erfolg wurde das Album, gewissermaßen ein Best of, auf Tour vorgestellt: unter anderem zweimal in der ausverkauften Elbphilharmonie in Hamburg. Weitere Termine folgen.

Nachtrag: Ich werde mir noch die anderen Veröffentlichungen zulegen und bei nächster Gelegenheit mal ein Konzert besuchen.

Discotheken- und Jugendkultur in der Region

Der Nordhorner Historiker Werner Straukamp ist einer der Autoren des Ausstellungskataloges „Charly für ´ne Mark – Eine Disco im Museum“. Anlass war die „Eröffnung“ einer Land-Discothek im Museumsdorf Cloppenburg.

Meine erste Erinnerung an den Besuch einer Discothek liegt schon über 40 Jahre zurück. Ich war zu Besuch bei meinen Cousins in Werlte. Dort saßen wir oft im Zimmer meines ältesten, leider sehr früh verstorbenen Cousins Michael, und hörten mit der damals besten Technik, die High Fidelity, kurz Hi Fi, zu bieten hatte, die prägende Musik der 1960-er und 1970-er Jahre von Deep Purple über Uriah Heep und Jethro Tull bis hin zu Santana, Doors und Pink Floyd.

Auf dem Bike zur Disco

Eines Tages machte ich im Rahmen meines Besuchs zwei besondere Erfahrungen, die mir heute noch unvergesslich sind: Ich durfte auf einem Motorrad mitfahren und ein bisschen Easy Rider-Luft schnuppern, und zum ersten Mal in meinem Leben, ich mochte 16 oder 17 Jahre alt sein, sollte ich eine Disco von innen erleben dürfen – damals für mich noch etwas sehr Besonderes. Der Weg führte nach Bippen bei Fürstenau, wo es das legendäre „Fiz Oblon“ gab.

Mit großen Augen betrachtete ich die im Flackerlicht tanzenden Menschen mit ihren so ganz anderen Klamotten, als ich sie kannte. Die Musik, die ich von Michael kannte, wurde hier auch gespielt, aber natürlich in einer ganz anderen Lautstärke. Ich war begeistert, aber zum Tanzen noch zu schüchtern, bewegte nur ein wenig Kopf und Füße. Die erste Nervosität wich, als ich eine Zigarette in der rechten Hand, und in der anderen ein Bier hatte.

So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches“

Zwischendurch saßen wir dann auch in einem schummrig beleuchteten Raum, bestückt mit alten, gemütlichen Möbeln, Emaille-Werbeschildern und Bildern mit gelegentlich befremdlichen Motiven an den Wänden. Hier hing man einfach ab und ich betrachtete die Leute, die ebenfalls ganz anders waren, als die, die ich sonst so kannte. So waren lange Haare bei Männern nichts Ungewöhnliches, und natürlich durften Jeans, Rüschenhemden und Leder nicht fehlen, ebenso wenig selbst gedrehte Zigaretten.

Auslöser für die Erinnerung an diese Zeit war 2021 die Veröffentlichung eines Kataloges, der aus Anlass der „Neueröffnung“ der Diskothek „Zum Sonnenstein“ herausgebracht wurde. Es handelte sich dabei um eine „Neueröffnung der besonderen. Sie erfolgte auf dem Gelände des Museumsdorfes Cloppenburg. Die einstige Landgaststätte „Zum Sonnenstein“ im kleinen Ort Harpstedt bei Bremen war in den 1960-er Jahren ein Tanzlokal mit Livemusik und regelmäßigem „Sängerwettstreit.“ 1973 wurde die Gaststätte zu einer Discothek umgewandelt. Nach der Schließung im Jahre 2014 ist das „Zum Sonnenstein“ inklusive der kompletten Inneneinrichtung und der Musik- beziehungsweise DJ-Technik komplett erhalten geblieben. 2018 wurde das ganze Gebäude abgebaut und im Museumsdorf Cloppenburg wieder aufgebaut. Seit dieser Zeit wird die Discothek mit zugehörigem Bistrobereich, Musik- und Lichtanlage, beleuchteter Tanzfläche, DJ-Pult, Plattensammlung, Barhockern und Biergläsern den Besucherinnen und Besuchern präsentiert.

Einer der Autoren des Kataloges ist der Nordhorner Historiker Werner Straukamp. Sein umfangreicher Artikel trägt den Titel „Discotheken- und Jugendkultur entlang der Bundesstraße 213 – 1965 bis 1989“.

Wie Straukamp in einem Gespräch berichtete, war das Projekt des Wiederaufbaus der Discothek der Auftakt einer konzeptionellen Neuorientierung. Dessen früherer Leiter Uwe Meiners hatte es sich vorgenommen, auch die Wohn-, Freizeit- und Konsumkultur der Nachkriegszeit darzustellen.

Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt durch ausführliche Forschungsarbeiten, die ihren Widerhall in dem Katalog fanden. Nachdem Werner Straukamp in einem Zeitungsartikel vom 1:1-Wiederaufbau der Discothek „Zum Sonnenstein“ erfahren hatte, setzte er sich mit Uwe Meiners zusammen.

Aufwändige Recherche

Dabei entstand die Idee, statt einer allgemeinen Disco-Kultur in der Bundesrepublik Deutschland einen eher regionalen Rahmen zu wählen und die Geschichte der Landdiscotheken entlang der B 213 vom Grenzübergang Frensdorfer Haar bei Nordhorn bis nördlich nach Delmenhorst zu betrachten.

Aufwändig Recherchearbeiten begannen. So galt es für die Autoren, neben den Tageszeitungen der Region alle Exemplare der damals bekannten Pop- und Rockzeitschriften wie Bravo, Sounds, Pop, Twen und Spex auf das Stichwort Discothek hin zu sichten. Entsprechende Materialien fanden sie unter anderem in einem Institut der Universität Münster und in der Bibliothek der Universität in Oldenburg, aber natürlich auch vor Ort bei den Grafschafter Nachrichten oder in kommunalen Archiven.

Wie dem liebevoll gestalteten, inhaltsreichen und unterhaltsam zu lesenden Katalog zu entnehmen ist, fand die Disco-Kultur in der Grafschaft Bentheim ihren Anfang im Jahre 1967 am Hohenkörbener Weg in Nordhorn. Der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin eröffnete dort in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Friseursalons das „Whisky A Go-Go“. Es kamen danach unter anderem das nach dem Hit einer Band aus den USA benannte „Little Annie Fanny“ und das „Capri“ im Nordhorner Stadtteil Blanke.

Aber auch kleinere Orte der Grafschaft wurden vom Disco-Fieber erfasst. In Bad Bentheim wurden das „Oldtimer“ und das „Domino“ eröffnet, in Schüttorf ein weiteres „Whisky A Go-Go“ und das „Tiffany“. Zunächst wenig passierte in der Niedergrafschaft, bis junge Leute 1971 die Interessengemeinschaft Beatfans Emlichheim gründeten. Mit Erfolg. Werner Straukamp schreibt: „Man nimmt die Sache selbst in die Hand. Im Clubraum am Bremarkt finden ab Ende Mai 1971 regelmäßig Disco-Abende statt.“ Weitere Discotheken folgten; und der Boom schien kein Ende zu nehmen. Wie Straukamp weiter schreibt „sind allein im südlichen Weser-Ems-Raum … Woche für Woche mindestens 60.000 Besucher zu verzeichnen.“ Eine Zahl, die bis Anfang der 1980-er Jahre auf bis zu 200.000 ansteigt. Aus eigener Erfahrung berichtete der Historiker und Autor, dass damals ein sogenanntes Disco-Hopping nicht ungewöhnlich war. Das hieß, dass man schaute, welche Musik so lief und welche Leute so da waren, und wenn es nicht passte, fuhr man einfach weiter zum nächsten Laden.

Sein Ende fand der Boom der Landdiscos im Laufe der 1980-er Jahre. Professionell geführte Großraumdiscotheken liefen ihnen den Rang ab, und die zunehmende Mobilität machte es auch nicht einfacher. Noch ein paar Jahre länger hielt sich die Disco-Kultur in den Jugendzentren. So boomte das JZ Nordhorn bis in die Hälfte der 1990-er Jahre.

Auch zu diesem Aspekt wie auch zu den damals organisierten Musikfestivals hat Werner Straukamp Materialien zusammengetragen, die deutlich machen, wie engagierte junge Leute eigene, von den Erwachsenen unkontrollierte Räume entdeckten und für sich einnahmen. Diese konnten aus Platzgründen nur in Teilen im Katalog veröffentlicht werden. Daher ist der komplette Forschungsbericht als frei herunterladbare pdf-Datei auf der Webseite des Museumsdorfes Cloppenburg veröffentlicht worden.

Longplayer“ als pdf

Die Aspekte, die der Nordhorner Historiker in seinem sogenannten „Longplayer“ ausführlicher beleuchtet hat, sind vielfältig. Aktuell zur Erscheinung des Kataloges und der pdf-Datei konnte Straukamp auf die besonderen Entwicklungen der Disco-Kultur in Zeiten von Corona eingehen, die zum Beispiel von Partyabenden per „Drive-in-Disco“ geprägt waren, und das Geschehen auf den Parkplatz beziehungsweise in das private Auto verlegt wurde. So etwas versuchte vor Ort beispielsweise das „Index“ in Schüttorf, das im Mai und Juni 2020 eine ganze Reihe von Auto-Discopartys veranstaltete.

Die einstige Jugend kommt in die Jahre.“

Weitere besondere Entwicklungen, die Straukamp in seinem Forschungsbericht aufgreift, betreffen die Musealisierung und die Retromanie, die in den 2000-er Jahren in Verbindung mit Pop-, Disco- und Jugendkultur ensteht. Das, was früher neu, subversiv und bei der Mehrheit der Gesellschaft zunächst verpönt war, wird zum Gegenstand von wissenschaftlichen Betrachtungen oder Ausstellungen in bildungsbürgerlichen Orten wie Museen. Und manche Retro-Disco, die eine ältere Klientel (Ü30, Ü50 etc.) anspricht oder sich vergangenen Zeiten (80-er oder 90-er Jahre Party) widmet, wirkt wie eine Nostalgie-Veranstaltung, die auch sentimentale Züge annehmen kann. Die einstige Jugend kommt in die Jahre.

Viel ausführlicher als im Katalog „Charly für ´ne Mark“ widmet sich Straukamp in seinem „Longplayer“ auch den Entwicklungen, die zur Entwicklung einer eigenen Jugendkultur in der Bundesrepublik Deutschland geführt haben. Wie der Historiker dazu unter anderem ausführt, hatte damals der hohe Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, heute bekannt unter dem Namen „Babyboomer“, und das Wirtschaftswunder daran einen wesentlichen Anteil.

Lange Themenliste

Die Liste der in dem „Longplayer“ behandelten Themen ist aber noch breitgefächerter und reicht von der Entwicklung einer Festival- und Open Air-Kultur über die Entstehung von Jugendzentren bis hin zu Politik, Mode und Werbung.

Nähere Informationen: werner.straukamp@web.de und http://www.museumsdorf.de

Kulturoase in Münster: „Hawerkamp 31“

Zu den Orten, die die deutsche Techno-Szene geprägt haben, gehört auch ein ehemaliges Fabrikgelände in Münster. Hier haben schon „Dr. Motte“ und „Westbam“ aufgelegt.

Vorgeschichte

Es war in der schönen spanischen Stadt Valencia, als ich in den 1990-er Jahren meine erstes Hör- und Seherlebnis mit Techno hatte. Damals machte ich Urlaub, und von unserem Standort auf einem Zeltplatz in Alicante begaben wir uns mit dem Zug auf den Weg. In Valencia angekommen, wurden wir auf die Frage, wo denn hier das Nachtleben zu erleben sei, in Richtung einer Restaurant-, Bar- und Disco-Meile direkt am Meer verwiesen – ausdrücklich versehen mit der Warnung, dass dort wegen einer signifikant hohen Kriminalitätsrate (Diebstahl, Raub, Drogen und sogar Mord) besser vorsichtig sein solle; und keinesfalls sollte man sich in der Nacht am Strand aufhalten, da dort alles Mögliche geschehen könne. Abenteuerlustig und eher sorglos, wie wir damals waren, machten wir uns direkt auf den Weg.

Techno in Valencia

Und so, wie es uns beschrieben wurde, war es auch. Bars, Diskotheken und Restaurants reihten sich zahlreich aneinander, das Meer rauschte im Hintergrund und einige der Gestalten, die dort saßen oder gingen, vermittelten schon einen etwas befremdlichen Eindruck. Noch bis heute erinnere ich mich an eine Gruppe komplett schwarz gekleideter junger Männer, die mit wirren, flackernden und Angst machenden Blicken ihre Umgebung fixierten. Der Eindruck, dass sie wohl illegale Drogen unbestimmbarer Art zu sich genommen hatten, war vermutlich nicht ganz falsch. Was noch auffiel, war die Polizeidichte, aber irgendjemand musste ja die braven Partygänger vor den bösen Buben schützen.

Nachdem wir gut gegessen hatten, stürzten wir uns ins Getümmel und landeten, ohne es zu ahnen, in einer Techno-Disko. Die eher einfach strukturierte Musik war von einer hohen Beat-Dichte, Piano- oder Synthesizer-Loops und viel Bass gekennzeichnet, die Tanzbewegungen hatten durch den Einsatz von Stroboskop-Lichtern zum Teil etwas Zuckendes an sich und die Menge schien wie in Trance zu sein. Ich war sofort „geflasht“, wie früher einmal gesagt wurde. Ich wollte sofort davon einfach mehr, wir blieben den ganzen Abend und die ganze Nacht, so groß war die Begeisterung über diesen für mich damals neuen Sound.

Als ich später in Nordhorn einem anderen Freund davon berichtete, bekam ich eine gute Nachricht. Er erzählte, dass es so etwas auch in Münster gebe. Weitere gute Nachricht: Er mochte diese Musik auch und hatte sogar ein Auto. So machten wir uns über Landstraße und Autobahn auf den Weg in die westfälische Universitätsstadt, die abgesehen von den zahlreichen Studenten doch eher als Hort bürgerlicher Behaglichkeit mit pittoreskem Stadtkern, dem Prinzipalmarkt, bekannt war.

In Münster angekommen, ging die Fahrt in Richtung Münsterlandhalle und von dort direkt auf ein düsteres Industriegelände mit zum Teil abgewrackten Fabrikgebäuden. Auf dem Gelände einer ehemals international tätigen Baufirma hatten sich in Absprache mit der Konkursverwaltung Künstler, Kleinbetriebe und Klubs niedcrgelassen, die gegen Miete die Räumlichkeiten nutzen konnten.

Als ich nun vor Jahr und Tag mit einem Freund zum ersten Mal da war, steuerten wir zunächst die „Sputnik-Halle“ an, in der Alternativ-Rock gespielt wurde. Die Techno-Jünger, so wusste es Insider, würden sich erst gegen 1 oder 2 Uhr nachts, manchmal auch später, einfinden. Aber dafür war auf dem Gelände, wo die Autos geparkt waren, einiges los. Fenster wurden heruntergekurbelt, etwas übergeben, und dann wurde das Fenster wieder hochgekurbelt. Was da vor sich ging, war für die Insider natürlich sofort zu erahnen.

Gegen 2 Uhr verließen wir die Sputnik-Halle und suchten das „Fusion“ auf. In den nebelgeschwängerten und zum Teil sehr dunklen Räumen wiederholte sich dann das Geschehen, das ich zum ersten Mal in Valencia erlebt hatte. Wiederum war ich begeistert von dieser Freude und Exstase, die Techno auszulösen vermag, und bin es bis heute geblieben.

Neben dem Fusion gibt es als Klubs auch noch das „Triptychon“, die „Favela“ und das „Conny Kramer.“

Selbstverwaltung durch Verein

Nachzulesen ist die Geschichte und Struktur des Hawerkamp auf der eigenen Internetseite: „Der Hawerkamp 31 e.V. verwaltet seit dem 1. Januar 2013 das Hawerkamp-Gelände in Eigenregie.
2006 hatte der Vorgängerverein Erhaltet den Hawerkamp e.V. die Selbstverwaltung begonnen. Grundlage ist ein Miet- und Überlassungsvertrag zwischen dem Verein und der Stadt Münster.
Der Hawerkamp 31 e.V. ist ein Mieterverein. Die Mieter des Geländes (Clubs, Schrauber, Künstler und viele mehr) zahlen ihre Miete an den Verein, der sich um die Bewirtschaftung, Verwaltung und Verkehrssicherheit der Gebäude kümmert und somit Erhalt und Weiterführung des Selbstverwaltungsprojektes sichert. Ziel des Vereins ist der Erhalt und die Weiterentwicklung des Selbstverwaltungsprojektes, nicht das Ziel der Gewinn- oder Einnahmemaximierung. Besonderes Ziel ist die Förderung von Kunst und Kultur auf dem Gelände. Das Selbstverwaltungsprojekt ist in dieser Form einzigartig in der Bundesrepublik.

Nach 100-jähriger Firmengeschichte wurde 1988 Peter Büscher & Sohn, eine auch international tätige Baufirma mit Betonwerken, aufgegeben. Das seit 1919 bestehende Betriebsgelände Am Hawerkamp wurde dann von der eingesetzten Konkursverwaltung an Künstler, Kleinbetriebe, Clubs und ähnliche Nutzer vermietet. Im Zuge der Neuordnung des Hafengeländes erwarb die Stadt Münster die Liegenschaft mit den darauf befindlichen Gebäuden. Inzwischen hatte sich hier eine beachtenswerte „Szene“ gebildet, die 1993 in einer ersten gemeinsamen Ausstellung mit dem Titel „Werksgelände“ die ansässigen Künstler vorstellte. Für die Kulturhauptstadtbewerbung der Stadt Münster Anfang der 00er Jahre wurde das Gelände zu einem wichtigen Baustein im Bewerbungsportfolio: hier „sorgen kreative und wagemutige Künstler, Gewerbetreibende … für frischen Wind“. Mit dem „Erhaltet den Hawerkamp e.V.“ konnte der Rat der Stadt dann 2004 im Masterplan zur Hafenentwicklung die Sicherung der „Kulturszene Hawerkamp“ auf den Weg bringen, die ab 2006 in Selbstverwaltung besteht und zunächst bis 2015 befristet war. Seit 2013 wird der „KAMP“ durch den neu gegründeten Verein „H31e.V.“ selbstverwaltet, die Überlassung ist inzwischen mit Verlängerungsoptionen bis 2025 gesichert. Noch heute zeigt sich die Geschichte der Firma Büscher & Sohn auf dem Gelände. Der alte Lockschuppen im Herzen des Hawerkamp dient als Veranstaltungsfläche, die Halle B ist fast im Originalzustand erhalten. Betonplatten bilden ein Gebirge und selbst in den Clubs und Ateliers atmet das alte Betonwerk weiter. Diese Spuren zu erhalten ist eines der Ziele des Vereins. Münster war und ist ein Ort auch der Arbeiter und der Produktion. Der Hawerkamp als Kulturstandort hat seit 25 Jahren seine eigene Geschichte geschrieben.Kunstausstellungen, Konzerte, Clubfestivals, Kunstkurse, legendäre Crossover-Veranstaltungen, Konzerte in Schrauberwerkstätten, Theater in der alten Werkshalle B und das jährliche EdH-Festival ziehen tausende Besucher an. So wie der Hawerkamp ein Ort des öffentlichen Lebens ist, so ist er auch ein Ort der Arbeit. Mehr als 50 bildende Künstler, sowie Drucker, Schneider, Fahrrad- und Autoschrauber, Handwerksbetriebe, Clubs und Konzertveranstalter, Architekten, Caterer, soziokulturelle Vereine, probende Bands und Theatergruppen sind auf dem Gelände tätig.Diese anfänglich eher zufällige Nutzungsvielfalt hat sich bewährt als wesentlich für den Bestand und die Entwicklung des Geländes, da diese Heterogenität sowohl produktive Reibung als auch umsichtige und gegenseitige Energien und Synergien erzeugt, die einer einfältigen Monotonie widerstehen kann. Ein solches „Biotop“ gibt auch den sich sonst fast regelmäßig einstellenden Gentrifizierungen kaum Chancen. Inzwischen ist der „KAMP“ ein weit über regionale Grenzen bekanntes Gelände. So finden Konzerte und Partys mit internationalen Bands und DJ´s statt. Film und Fernsehteams nutzen die einzigartige Kulisse.“

Der Hintergrund zu den Liedern und manchem mehr

Paul McCartney gibt in seinem zweibändigen, sehr aufwendig und liebevoll gestalteten Buch „Lyrics“ Einblicke in das eigene Schaffen und das der Beatles.

Als Fan der besten Band der Welt kam ich natürlich an einem Buch nicht vorbei, und das war das zweibändige, beim C. H. Beck Verlag erschienene Werk „Lyrics“ von Paul McCartney. Der Ex-Beatle, der vor allem mit John Lennon Musikgeschichte prägte wie kaum jemand sonst, hat darin Texte der Beatles-Songs und auch Songs der Nach-Beatles-Ära, autobiografische Kommentare aus erster Hand, handgeschriebene „lyrics“, Erinnerungsstücke, Fotografien und manches mehr zusammengestellt – kurzum neue und bisher unbekannte Einblicke in das Leben und Schaffen sowohl der Beatles als auch Paul McCartneys.

Wie Paul McCartney im Vorwort zu „Lyrics“ schreibt, war er schon immer wieder mal dazu gedrängt worden, eine Autobiografie auf Papier zu bringen. Aber das sollte nie so richtig gelingen; es fehlte einfach die Zeit. „Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tour“, berichtet er. Keine guten Bedingungen, um sich für längere Zeit auf das Erlebte zu konzentrieren, Erinnerungen zu ordnen und sie niederzuschreiben. Und Tagebücher oder dergleichen waren auch nicht vorhanden.

Was es aber immer gab waren seine Songs und natürlich die mit John Lennon gemeinsam geschriebenen, entstanden über einen Zeitraum von inzwischen über 65 Jahren. Sie sind es, die alphabetisch geordnet die Grundstruktur der beiden Lyrics-Bände bilden.

Wer wissen möchte, wie die Songs entstanden sind, welche Inspirationsquellen es gab und was sich hinter manchen Textzeilen verbirgt, deren Sinn sich nicht immer gleich direkt erschließt, wird in diesem Mammut-Werk fündig.

Als ein Beispiel von vielen: „Get back“ aus dem Jahre 1969, geschrieben mit John Lennon in der Endphase der Beatles kaum ein Jahr vor der Trennung. In McCartneys Erinnerung ging es angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Auflösung der Band aufgrund von persönlichen und künstlerischen Differenzen bei dem Song um Sehnsucht, um die Rückkehr zu den Wurzeln und konkret um eine Wiederbelebung der Band, die wieder gemeinsam spielt und auftritt. Doch John Lennon gab im Gespräch mit McCartney zur Antwort: „Ich mache nicht mit, ich steige aus. Tschüss“. Und so endete eine unvergeßliche Ära der Musikgeschichte, aber die Erinnerung bleibt.