In der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift findet der Leser oder die Leserin viele Tipps über Kunstausstellungen in den Niederlanden und manches mehr aus der Welt der Kunst. Hier ein kleiner Ausschnitt:
Steve McQueens zurückhaltende Installationen thematisieren Rassismus und Kolonialismus
Von Julia Steenhuisen
Rassismus, Gewalt, Unschuld – sogar das ganze Universum: All das wird in der Einzelausstellung des Künstlers und Regisseurs („12 Years a slave“) Steve McQueen im De Pont Museum in Tilburg thematisiert. In drei aktuellen Werken und seiner neuen Installation „Atlas“ zeigt er, wie persönliche Erinnerungen, kollektive Geschichte und der Körper die menschliche Erfahrung prägen.
Lange Zeit dachte Steve McQueen (1969), dass sein Vater ihn auf Distanz hielt. Bis sein Vater kurz vor seinem Tod eine Geschichte erzählt. Diese Geschichte steht im Zentrum von „Sunshine State“(2022), das kürzlich vom De Pont Museum in Tilburg erworben wurde. Die monumentale Videoinstallation zeigt auf zwei Leinwänden Fragmente aus dem alten Film „The Jazz Singer“ (1927), auf denen sich ein weißer Schauspieler für eine Blackface-Performance schminkt. Auf einem Bildschirm erscheint das Bild negativ: Schwarz wird zu Weiß und umgekehrt. Dazwischen tauchen Nahaufnahmen der Sonne auf – der Ursprung allen Lebens, doch hier eine zischende Masse mit bedrohlichem Charakter.
„Leuchte auf mich, Sonnenscheinstaat…“ – McQueens Stimme ertönt über den Bildern. Er erzählt, wie sein Vater als junger Wanderarbeiter in Florida mit extremem Rassismus konfrontiert wird. Eines Abends eskaliert es in einer Bar: Es wird geschossen, er flieht, springt in einen Graben und überlebt nur knapp. Erst später erkennt McQueen, dass sein Vater ihn nicht auf Abstand gehalten, sondern beschützt hat. Die Geschichte wird in der Installation mehrfach erzählt, jedes Mal fragmentarischer. In Kombination mit den verzerrten Filmbildern entsteht ein Bild der Erinnerung als etwas, das sich verschiebt – immer wieder durch Wiederholung und Verzerrung desselben Bildes geformt.
Sichtverschiebung
In McQueens neuestem Werk „Atlas“ (2026), verschwinden Mensch und Erinnerung aus dem Bild. Das eigens für die Ausstellung angefertigte Werk besteht aus vier hängenden Monitoren in einem abgedunkelten Raum. Sie zeigen einen scheinbar endlosen Strom bewegter Punkte: eine bemerkenswert nüchterne Übersetzung von Daten eines Weltraumteleskops der Europäischen Weltraumorganisation, das Milliarden von Sternen kartiert. Die vier Richtungen der Bildschirme deuten auf Bewegung ohne Anfang oder Ende hin. Es gibt keine Geschichte, keine Orientierung. Der Mensch ist hier auf einen Punkt in einem System reduziert, das nicht zu begreifen ist.
Es ist desorientierend, ernüchternd und fast spartanisch – und doch konsequent. McQueen erhielt kürzlich den renommierten Erasmus-Preis für seine Fähigkeit, Menschen in all ihrer Verletzlichkeit zu zeigen. Hier verschiebt er diese Perspektive: Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern das endlose Universum, gegen das der Mensch seinen Maßstab verliert.
Gewalt und Verführung
McQueen lässt uns spüren, wie eine Erfahrung zuerst physisch eintritt, bevor das Bild interpretiert werden kann. Zum Beispiel im Werk „Untitled“(2025), das man durch einen Gang betritt, der in einen dunklen Raum führt, wo laute Schläge und das Klingeln einer Kette zu hören sind. Es stellt sich heraus, dass es das Geräusch eines Boxsacks ist, den McQueen trifft. Es ist im gesamten Museum zu hören und kommt mit der Gewalt von herabfallenden Bomben. Es gibt nichts zu sehen, und doch entfaltet es sich vor deinen Augen wie ein Film.
In „Bounty“(2024) entfaltet McQueen die Geschichte allmählich, durch die Verführung des Bildes. Sie besteht aus einer Serie von 47 Fotos von Blumen von der karibischen Insel Grenada, aus der McQueens Familie stammt. Die Bilder sind reich, mit üppigen Farben und scharfen Details, so stark heranzoomt, dass sie fast abstrakt wirken. Sie ziehen einen in ihren Bann und offenbaren ihre Bedeutung erst, wenn man den Kontext kennt. Hinter der natürlichen Schönheit verbirgt sich eine Geschichte von Kolonisierung, Sklaverei und Migration. Die Flora ist konstant: Während Grenada mehrfach besiedelt wurde, blieben die Pflanzen erhalten.
McQueen wechselt überzeugend zwischen verschiedenen Registern: Er spricht sowohl den Intellekt als auch die Sinne an, verführt mit Bildern und wagt es zugleich, zurückhaltend zu sein. Selbst im losgelösten „Atlas“entpuppt sich diese Sparpolitik nicht als Ausnahme, sondern als Zeichen von Selbstsicherheit – eine effektiv eingesetzte Strategie. Von Fotografie über Datenvisualisierung, von Audio bis Film – er nutzt jedes Medium, um dieselbe Frage zu stellen: Wie Geschichte in Körpern, Bildern und Erinnerungen festgehalten wird und niemals vollständig rekonstruiert werden kann.
Nähere Informationen: De Pont Museum, Wilhelminapark 1, Tilburg, Telefon +31 135438300, E-Mail: info@depont.nl, Internet: www.depont.nl
Makellose Küche (Kolumne von Pauline Broekema)
Als Kolumnistin für die Museumatijdschrift teilt Pauline Broekema in jeder Ausgabe ihre persönlichen künstlerischen Beobachtungen. Diese Kolumne aus Nr. 2 • 2026 konzentriert sich auf Piet Zwarts Bruynzeel-Küche, ein typisches Beispiel der niederländischen Designtradition. Die Küche ist im Kunstmuseum Den Haag zu sehen, aber auch in der Wohnung ihrer Freundin.
Meine Freundin Henriette ist stolz darauf: Sie besitzt etwas, das auch Teil der Dauerausstellung des Kunstmuseums Den Haag ist. Kein Mondrian oder Kandinsky, sondern die Bruynzeel-Küche von Piet Zwart (1885–1977). Sie hält sich für glücklich, dass die Küche noch da war, als sie vor zehn Jahren ihre Wohnung kaufte. Die meisten anderen Bewohner des von Architekt Willem Dudok (1884–1974) entworfenen Wohnhauses von 1956 besitzen nicht mehr Zwarts Werk. In ihrem Fall wurde etwas vorgenommen, das als zeitgenössischer galt. Während, wie man sagen würde, ist die ursprüngliche Küche zeitlos.
Die Bruynzeel-Küche besteht aus separaten Teilen, sodass sie, wie es der Designer wollte, in jedes Haus oder jede Wohnung eingebaut werden kann. Im Kunstmuseum ist es so aufgebaut, dass ich es auf einen Blick sehen konnte. Aber wo ich jetzt bin, in Henriettes kleiner Küche, umgibt er mich, sozusagen. Alles ist greifbar, was es sehr effizient macht.
Progressiv
Wie zuvor im Museum fällt mir erneut auf, wie weit Zwart mit diesem Design seiner Zeit voraus war. 1928, zehn Jahre, bevor die Küche in Zaandam industriell produziert wurde, schilderte er in der Zeitung „Het Vaderland“, was seine Idee war: „Ein Haus oder ein Geschäftsraum wachsen langsam, aber sicher zusammen, in dem die täglichen Aktivitäten mit möglichst wenig Lasten sowie maximalem Komfort und Hygiene stattfinden können.“ In diesem Geschäft sind Raum und Licht entscheidend. Bei Henriette stand die Arbeitsplatte aus gutem Grund in der Nähe des Fensters.
Unter dem Waschbecken gibt es einen Schlitz, um das Handtuch aufzuhängen, und auf beiden Seiten gibt es Öffnungen, in die die Geschirrtücher passen. Darunter sind die charakteristischen Holzstangen sichtbar, mit Platz für die Spülschale. Henriette hängte keinen Vorhang dafür auf, wie es oft geschah. Etwas, das Zwart wohl ein Dorn im Auge gewesen sein wird, weil es so sichtbar die Klarheit seines Entwurfs zerstörte.
Rebellisch
„Wer war er?“, fragt Henriette, während wir im Wohnzimmer Kaffee trinken. Ein Zaankanter, sage ich, geboren in Zaandijk, einer industriell geprägten Region mit vielen Unternehmen. Er war eines dieser Kinder, die wissen wollten, wie etwas zusammengesetzt und hergestellt wird. Das sah er in der Tischlerwerkstatt seines Vaters. Der aber mochte es nicht, dass Piet sich für die Künste entschieden hatte. Wie soll man mit ‚einem Pinsel‘ seinen Lebensunterhalt verdienen?
Studium auf dem Boden des Rijksmuseums
Zwart Jr. studierte schließlich fünf Jahre in Amsterdam an der Rijksschool voor Kunstnijverheid, die sich im Rijksmuseum befand, auf einem riesigen Dachboden mit einigen Trennwänden hier und da, zwischen dem die Schüler arbeiteten. Er lernte Zeichnen, Malen, Batik, Kupfertreiben, Weben und Holzarbeiten.
Unter den Lehrern waren illustre Typen. Zum Beispiel der österreichische Maler Georg Sturm (1855–1923). Er entwarf die Gestaltung für das Rijksmuseum und den Zentralbahnhof in Amsterdam. Zwart erinnerte sich an ihn als kleinen Mann im Frack mit Zylinder. Ordentlich gekleidet, denn wie Sturm seinen Schülern beibrachte, heißt es nicht, dass ein Künstler malen kann, nur weil er mit Farbe bedeckt ist. Piet hat sich diese Vision offenbar zu Herzen genommen: Auf einem Gruppenfoto mit Mitschülern trägt er einen dreiteiligen Anzug.
Praktische Vollkommenheit
Zwart hatte einerseits eine Vorliebe für das Absurde (so freundete er sich mit dem Dadaisten Kurt Schwitters an), aber auch für das Gewöhnliche, das ästhetisch Perfekte. Dies zeigt sich unter anderem in den innovativen Werbeanzeigen für die Niederländische Kabelfabrik in Delft. Ein Frühstücksservice bestand aus gelbem gepresstem Glas, das er gemeinsam mit H.P. Berlage (1856–1934) für die Unternehmerfrau und Museumsgründerin Helene Kröller-Müller entwarf. Auch Fotomontagen, wie zum Beispiel für das Cover des berühmten Buches „Wir Sklaven von Suriname“von Anton de Kom, fertigte er an. Und natürlich machte ihn eines der breiten Öffentlichkeit bekannt: die Bruynzeel-Küche. Dieses Werk macht ihn zu einem der Begründer jener eigenwilligen niederländischen Designtradition, die Schlichtheit mit Innovation und Experimentierfreude verbindet.
Henriette und ich gehen zurück in ihre Küche und denken über ein paar Details nach, darunter die dezent gebogenen Griffe und das, was Piet Zwart für die hohe Speisekammer erfunden hat. Darin hängt an der Innenseite der Tür eine glänzende Metallleiter mit Haltern für kleine Gegenstände wie Kräuter. Er machte Vertiefungen in den drei obersten Regalen, wo diese Regale genau hinpassten. Henriette demonstriert es und schließt die Tür. Es läuft einwandfrei. „Das“, sagt sie, „ist das, was mir an der ganzen Küche am meisten gefällt.“
Konfrontation mit der Realität im Nationalmuseum des Achtzigjährigen Krieges
Wenn man sich für die Ausstellung „Close to the war“im Nationalmuseum des Achtzigjährigen Krieges in Groenlo VR-Brillen aufsetzt, schaut man sich in zerstörten Gebieten der Ukraine um. Fotojournalisten, darunter Mykola Omelchenko, hielten Standorte in 360 Grad vor und nach der Zerstörung fest. Zum Beispiel könnendie Besucher das Hryhorii Skovoroda National Literary Memorial Museum besuchen. Zuerst sieht man ein gut gepflegtes, weißes Gebäude mit gelben Akzenten, dann denselben Ort als Ruine.
Diese direkte Erfahrung steht im Zentrum von „Close to the War“. Der Krieg in der Ukraine, der für viele Menschen fern erscheint, wird hier durch persönliche Geschichten von Zivilisten und Soldaten angesprochen, kombiniert mit militärischer Ausrüstung von der Front.
Technologie spielt eine wichtige Rolle in der Ausstellung. Im ganzen Raum sind Waffen aufgestellt, darunter eine ukrainische Marinedrohne. Und darüber hängen eine Reihe von Fotos von Kriegsopfern – Kinder, Jugendliche, Frauen und Soldaten – Netze mit Drohnen und maßstabsgetreuen Flugzeugmodellen, während das Geräusch von Kampfjets durch die Kirche hallt. Das zeigt, wie sich der Krieg verändert und Auswirkungen auf die Bodenebene hat.
Nähere Informationen: Nationaal Museum Tachtigjarige Oorlog, Mattelierstraat 5, 7141 BP Groenlo, Telefon: 085 060 1627, E-Mail: info@nmto.nl
Zuhause bei Jan Steen – 400 Jahre Leben in der Brauerei
Im Museum De Lakenhal in Leiden besteht bis 23. August die Gelegenheit, 400 Jahre Jan Steen zu feiern und in das Privatleben eines der bedeutendsten niederländischen Maler des siebzehnten Jahrhunderts einzutauchen. In dieser Ausstellung erfahren die Besucher, wie seine Kinder, Ehefrauen, Freunde und seine Kneipe nicht nur seine Umgebung waren, sondern auch seine größte Inspirationsquelle. Basierend auf Meisterwerken aus dem Rijksmuseum, dem Mauritshuis und der eigenen Sammlung des Museums werden sie eine Entdeckungsreise durch Steens Welt voller Humor, Chaos und verborgener Botschaften erleben.
Nähere Informationen: Museum De Lakenhal, Oude Singel 32, Telefon: +31 715165360, E-Mail: pr@lakenhal.nl, Internet: www.lakenhal.nl
Zuhause zwischen den Bäumen
In der Ausstellung „At Home, Between the Trees“ zeigt Sarah van Rossem ihre feinen Naturdrucke und Mirjam Withaar präsentiert ihre taktilen Filzkunstwerke. Beide teilen eine tiefe Liebe zum Wald, einem Ort, an dem sie sich zu Hause fühlen. Während ihrer Spaziergänge entfaltet sich eine vielschichtige Welt.
„Vom weichen Moos unter unseren Füßen bis zum Blätterdach hoch über uns. Überall gibt es Details. Die Brombeere zieht sich über den Waldboden, wildes Geißblatt windet sich selbst und Efeu breitet sich wie ein tiefgrüner Bodendecker aus“, heisst es dazu von der ausstellenden Kunstgalerie Notre Dame des Arts in Ubbergen.
Sarah van Rossem fängt diese flüchtigen Momente sorgfältig in ruhigen Kompositionen auf Papier ein. Ihre natürlichen Drucke fangen die Verletzlichkeit und Stärke von Pflanzen und Blättern ein. Mirjam Withaar übersetzt ihre Walderfahrung in warme, organische Filzformen. Ihr Werk lädt zur Nähe ein, strahlt Sanftheit aus und erinnert an den Schutz des Waldes.
In „At Home, Between the Trees“ entdecken die Besucherinnen und Besucher, wie Wachstum, Verfall und der Rhythmus der Jahreszeiten diese beiden Künstler inspirieren.
Nähere Informationen: Notre Dame des Arts, Rijksstraatweg 37, Ubbergen, Telefon: +31 640945341, E-Mail: info@notredamedesarts.nl, Internet: www.notredamedesarts.nl
Für die Stadt erhalten – 250 Jahre Rathaus von Weesp
In diesem Jahr feiert das Rathaus von Weesp sein 250-jähriges Jubiläum.
Seit 1776 ist dieses Gebäude das Herz des Stadtrats und eine markantes Wahrzeichen der Stadt. Schon bei den allerersten Entwurfszeichnungen strahlte das Rathaus Stolz und Anziehungskraft aus – ein Aussehen, das es bis heute hat.
Es ist nicht umsonst, dass es zu den Top 100 Nationaldenkmälern der Niederlande gehört. Im Laufe der Jahrhunderte wurden hier viele wichtige Entscheidungen über die Zukunft der Stadt getroffen. Heiraten wurden abgehalten, Wahlen wurden hier abgehalten, und Freude und Trauer wurden geteilt. Das Stadsmuseum Weesp bewahrt die Geschichte der Stadt. In dieser Ausstellung werden Objekte gezeigt, die alle mit dem Rathaus zu tun haben.
Nähere Informationen: Museum Weesp, Nieuwstraat 41, Telefon: +31 202546945, E-Mail: museumweesp@amsterdam.nl, Internet: http://www.museumweesp.nl