Präsentation in den Fotoräumen vom 18. April bis 11. Oktober
Die Sammlung Fotografie des Museum Ludwig umfasst rund 70.000 Werke von den Anfängen der Fotografie im frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. In seinen Fotoräumen stellt das Museum regelmäßig Werke zu ausgesuchten Themen und Fotografen zusammen.
Die Präsentation zeigt eine Auswahl von Fotografien aus Ost- und Westdeutschland, die um das Jahr 1980 entstanden sind. Die Arbeiten von sieben Fotografen geben Einblicke in gesellschaftliche und alltägliche Lebenswelten beider deutscher Staaten, die von unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen geprägt waren.
Porträtfotografien von Derek Bennett, Christiane Eisler und Ute Mahler treffen auf Aufnahmen von Henry Maitek und Evelyn Richter, die Alltagsszenen festhalten. Karl Kugel dokumentierte seine Reise vom Rheinland nach West-Berlin und montierte die Abzüge zu einem Fotoessay. Erasmus Schröter fotografierte mit einer Infrarotkamera nächtliche Straßenszenen in Leipzig und verfremdete damit den vertrauten Blick auf das Alltägliche. In vielen Fällen geben erst die Bildtitel Aufschluss darüber, ob die Fotografien in der Bundesrepublik oder in der DDR entstanden sind.
Die ausgewählten Arbeiten zeigen keine historischen Ereignisse. Stattdessen richten sie den Blick auf scheinbar beiläufige Situationen und Menschen. Viele der Bilder entziehen sich einer eindeutigen Lesart, da sie bewusst auf typisierende Darstellungen verzichten. Gerade diese Offenheit unterläuft Erwartungen an sichtbar unterschiedliche Lebensrealitäten in zwei politischen Systemen. Ergänzende Informationen zum historischen Kontext helfen dabei, das Abgebildete einzuordnen.
In der Bundesrepublik veränderte sich die Gesellschaft um 1980 durch Arbeitsmigration sowie durch das Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen. Politische Debatten und Demonstrationen – etwa zum NATO-Doppelbeschluss, zu Umweltfragen oder zu Hausbesetzungen – prägten die öffentliche Diskussion. Diese Entwicklungen gingen mit einem politischen Wandel einher, der schließlich zur konservativ-liberalen Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl führte.
In der DDR waren die Unterzeichnung der Schlussakte der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ 1975 in Helsinki mit Hoffnungen auf größere Freiheiten verbunden, die jedoch enttäuscht wurden. Gleichzeitig verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme, und die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechterte sich spürbar. In weiten Kreisen wurden daher die 1980er Jahre als eine Phase bleierner Stagnation erlebt.
Das Leben in der Bundesrepublik wird in der Präsentation von drei Fotografen porträtiert, die in Polen, den USA und Frankreich geboren wurden und somit einen Blick von außen auf die deutsche Gesellschaft werfen. Bereits die Titel ihrer Arbeiten – „Deutschland ins Gesicht geschaut“ von Henry Maitek (1969), „Stille Zwiesprache. Bildnisse von Deutschen“ von Derek Bennett (1978–1981) und „Deutsche Reise“ von Karl Kugel (1983/1987) – verweisen auf ihre Auseinandersetzung mit dem Bild der Deutschen nach 1945.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR sind in den Arbeiten von vier Fotografen eingefangen, die mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig verbunden sind. Ute Mahler, Christiane Eisler und Erasmus Schröter studierten dort; Evelyn Richter lehrte von 1981 bis 2001 an der Hochschule. In der DDR kam der Fotografie eine besondere gesellschaftliche Funktion zu: Sie sollte die Staatsdoktrin des „real existierenden Sozialismus“ vermitteln. Entsprechend streng waren die staatlichen Vorgaben bis Mitte der 1970er Jahre. Erst danach wurden größere Freiheiten bei der Wahl der künstlerischen Ausdrucksmittel eingeräumt, und lebensweltliche Themen hielten Einzug in die Fotografie. Während des Rektorats von Bernhard Heisig (1976–1987) bot die HGB ihren Studierenden vergleichsweise große Freiräume. Evelyn Richter steht exemplarisch für eine Lehre, die das selbstbewusste, eigenständige Entscheiden über Themen und Motive förderte.
Der Schwerpunkt der Präsentation liegt auf Fotografien aus der Zeit um 1980. Ergänzend werden einzelne Arbeiten von Henry Maitek und Evelyn Richter aus den 1960er Jahren gezeigt, die den zeitlichen Rahmen erweitern und zusätzliche Perspektiven eröffnen.
Yilmaz Dziewior: „Mit der Präsentation „Zweimal Deutschland um 1980“ schöpft das Museum Ludwig einmal mehr aus dem reichen Schatz seiner Fotosammlung. Darüber hinaus freue ich mich, dass wir durch die Beschäftigung mit ostdeutschen Positionen der besonderen Geschichte unseres Hauses Rechnung tragen, die dank Peter und Irene Ludwig schon früh durch Werke aus der DDR geprägt wurde.“
Liste der Fotografinnen und Fotografen: Derek Bennett (*1944 – +1990), Christiane Eisler (geb. 1958), Karl Kugel (geb. 1957), Ute Mahler (geb. 1949), Henry Maitek (1922–2007), Evelyn Richter (*1930 – +2021) und Erasmus Schröter (*1956 – +2021).
Nähere Informationen: Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln, Telefon: +49-221-221-26165, E-Mail: infomuseum-ludwig.de. Das Museum ist Dienstag bis Sonntag (inkl. Feiertage) jeweils von 10 bis 18 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat von 10 bis 22 Uhr geöffnet.