Das neue Buch von Zeit-Journalist Holger Stark
Ein Thema beherrscht mehr als alles andere den politischen Diskurs: der Konflikt zwischen den USA und Europa – immer mehr zugespitzt von dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der mit seinen unerhörten Forderungen, Grönland und Kanada, aber auch andere Länder der Erde für sich und seine politischen wie wirtschaftlichen Interessen einzuverleiben, den Rest der westlichen Welt mehr als nur vor den Kopf stößt. Er sagt ihnen den Kampf an. Ehemalige Verbündete werden, ausgelöst durch die Politik Trumps, die nur das Recht des Stärkeren und unbegrenzten materiellen Vorteil zu kennen scheint, und in der Gewaltenteilung, Menschenrechte, Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz sich durch Willkür aufzulösen scheinen, zu neuen Kontrahenten, die nichts mehr verbindet. Stark bringt das im Vorwort zu seinem Buch auf den Punkt: „Trump kennt keine Freunde, nur Gegner und Unterworfene. Für ihn gelten keine Gesetze, internationale Abkommen sind bestenfalls lästig, Bündnisse haben nur dann einen Wert, wenn sie ihm nutzen. Die Idee des demokratischen Westens als ordnendes Weltprinzip mit all seinen Problemen, Unzulänglichkeiten und seiner schwierigen Vergangenheit wirkt wie eine zerkratzte Folie aus alten, anderen Zeiten.“
Wie es dazu kommen konnte, schildert der stellvertretende Chefredakteur der Zeit, Holger Stark, langjähriger Korrespondent in den USA und ausgewiesener Kenner der dortigen Verhältnisse, anschaulich und auf den Punkt genau in seinem neuen Buch „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“.
Aufgewachsen in den 1970-er Jahren in West-Berlin, gewissermaßen an vorderster Front des Ost-West-Konfliktes, der zunächst bis 1989, dem Jahr des Zusammenbruchs der DDR und nachfolgend der Sowjetunion, die Welt prägte, erlebte er in der damals noch geteilten Stadt die politischen Konflikte hautnah. Unmittelbarer konnte es kaum sein. Wie er berichtet, wurde er damit schon in jungen Jahren im familiären Kreis konfrontiert. So war sein Vater Anfang der 1960er-Jahre im Widerstand gegen die Mauer aktiv, die Berlin in zwei Teile schnitt, er hatte Molotowcocktails auf den sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« geworfen und später mitgeholfen, an der Bernauer Straße einen Fluchttunnel von West-Berlin nach Ost-Berlin zu graben.
Vor diesem Hintergrund ist die jugendliche Faszination des Autors für die USA, die gerade in West-Berlin für Werte wie Freiheit und Demokratie stand, während die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten, zu der auch die DDR gehörte, konkrete Beispiele vor Ort für Diktatur und Unfreiheit waren, mehr als nachvollziehbar.
Das verklärte Bild von den USA bekommt bei Holger Starck aber auch Risse. Denn er weiß, dass es in der Geschichte dieses Staates immer wieder Widersprüche zwischen dem selbst behaupteten Anspruch, ein „land of the free“ zu sein, und dem tatsächlichen politischen Handeln gibt: „Sie brachten nicht nur Mauern zum Einstürzen, sondern auch Demokratien in Lateinamerika, sie versprühten Charme am Broadway und Agent Orange in Vietnam. Sie waren anziehend und abstoßend, hocherregend und eiskalt, faszinierend und irritierend zugleich. Ein Land, das kaum jemanden gleichgültig lässt. Und ein Land, das für den Rest der Welt Referenzpunkt ist, ob es will oder nicht. Insbesondere für uns Deutsche, die von den Amerikanern (und Russen, Franzosen und Briten) vom Nationalsozialismus befreit worden waren, wofür sie zeitlose Dankbarkeit verdient haben.“
Im Rahmen seiner späteren Tätigkeit als USA-Korrespondent wird er davon noch mehr mitbekommen. Stark schreibt: „Wer sich mit den USA journalistisch beschäftigt, riskiert allerdings immer auch einen Blick in die Finsternis. 2010 koordinierte ich für den Spiegel die Arbeit an den geheimen Kriegstagebüchern der US-Armee aus Afghanistan und dem Irak, wir werteten zusammen mit Wikileaks rund 250.000 vertrauliche Depeschen des US-Außenministeriums aus, die ein Kaleidoskop der amerikanischen Außenpolitik waren und einen intimen Blick in den Maschinenraum der Macht ermöglichten, auch in seine düsteren Winkel. 2013 arbeitete ich mit Edward Snowdens NSA-Dokumenten, die er, geschockt vom Ausmaß der Überwachung, an uns Journalisten weitergereicht hatte. Unsere Enthüllung, dass der Geheimdienst NSA auch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hatte, machte Weltschlagzeilen und löste eines der größten Beben im deutsch-amerikanischen Verhältnis seit der Wiedervereinigung aus.“
Aktuell ist die Situation nicht besser. Ein Präsident wie Donald Trump ist noch weiter entfernt von den Werten wie Freiheit und Demokratie, für die die USA einst hohes Ansehen genoss.
Wie es so weit kommen konnte, erläutert Stark im ersten Teil seines Buches und bringt das schon in seinen Vorbemerkungen auf den Punkt: „Donald Trump ist das Ergebnis mehrerer großer gesellschaftlicher Krisen, die sich in den USA zu einem perfekten Sturm verdichtet haben: Die Krise der weißen Arbeiter- und Mittelklasse, die zu den Verlierern der Globalisierung zählt und die am schwersten von der Finanzkrise 2008 betroffen war, verbindet sich mit einer tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung nach zwei auszehrenden Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Das Ergebnis ist eine trotzige Weigerung vieler US-Amerikaner, sich mit dem Rest der Welt abzugeben. Und der Sound der sozialen Medien wirkt dabei wie ein riesiger Gefühlsverstärker.“
Zur vertieften Ursachenforschung bedarf es eines Blickes in die Geschichte, zurück in die 1970-er Jahre. Infolge des verlorenen Vietnam-Krieges und der damit verbundenen Kosten sind die USA nicht nur in eine gesellschaftliche, sondern auch in eine ökonomische Krise geraten. Damit nicht genug, lassen 1973 die arabischen Ölstaaten wie Saudi-Arabien, Iran, Irak und Kuweit, aber auch Venezuela, die Muskeln spielen und drehen an der Preisschraube, die schnell auf über 70 Prozent steigt. Daran vermögen auch die auf Richard Nixon folgenden Präsidenten Gerald Ford und Jimmy Carter nichts zu ändern.
Nach außen erfolgreich wirkt die Präsidentschaft von Ronald Reagan. Mit erheblichen Steuererleichterungen beschert er der Wirtschaft neues Wachstum. Gleichzeitig betreibt er eine exorbitante militärische Aufrüstung; und das hat Folgen. Die Staatsschulden steigen, begleitet von einer Hochzinspolitik, in unermessliche Höhen. Diese Politik will sein Nachfolger George Bush fortführen, doch angesichts des Haushaltsdefizites sieht er sich genötigt, die Steuern zu erhöhen, trotz seines vollmundigen Wahlversprechens („Read my lips: No more taxes“) es nicht zu tun. Nach einer Amtsperiode ist Schluss.
Auftritt Bill Clinton: Dem Politiker der Demokraten gelingt es während seiner zwei Amtszeiten von 1992 bis 2000, das Haushaltsdefizit und auch weitere wirtschaftliche Probleme wieder in den Griff zu kriegen und auch weitere. Diesen Erfolg belegt Autor Holger Stark anschaulich mit einem umjubelten Auftritt Clintons im Jahre 1999 vor dem US-amerikanischen Abgeordnetenhaus und mit einem Ausschnitt aus dessen Rede, der es auf den Punkt bringt, was erreicht worden ist: »Heute Abend stehe ich vor Ihnen, um darüber zu berichten, dass Amerika den längsten ökonomischen Aufschwung in Friedenszeiten in seiner Geschichte erschaffen hat«, ruft Clinton, unterbrochen von donnerndem Applaus, »mit 18 Millionen neuen Arbeitsplätzen, mit Löhnen, die doppelt so stark wie die Inflation steigen, mit der höchsten Zahl an Eigenheimbesitzern, der geringsten Zahl an Sozialhilfebeziehern seit 30 Jahren und der niedrigsten Arbeitslosenquote in Friedenszeiten seit 1957.« Die Vereinigten Staaten seien die »dynamischste, wettbewerbsfähigste, Arbeitsplätze schaffende Wirtschaft« in der Geschichte der Welt … Sogar den Staatshaushalt hat er sanieren können. Aus einem Haushaltsloch von 290 Milliarden Dollar im Jahr 1992 ist sieben Jahre später ein Überschuss von 70 Milliarden Dollar geworden.
Wie Stark weiter schreibt, „ist Amerika in diesen letzten Monaten des ausgehenden Jahrtausends in blendender Verfassung. Der Warschauer Pakt und die Sowjetunion sind zerfallen, der Westen und allen voran die USA haben den Wettbewerb der politischen Systeme im Kalten Krieg gewonnen.“ Dazu kommen außenpolitische Erfolge wie die Befriedung des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien.
Doch diese Erfolge trügen, wie Stark anfügt: „Das 21. Jahrhundert verspricht, zu einem goldenen, einem amerikanischen Zeitalter zu werden. Stattdessen beginnt Amerikas größte Krise seit den Bürgerrechtsunruhen der 1960er-Jahre.“
Was ist geschehen? Am 20. Januar 2001, zwei Jahre nach der umjubelten Rede von Clinton, wird dessen Nachfolger George W. Bush von den Republikanern in das Amt des Präsidenten der USA eingeführt. Und im ersten Jahr seiner Präsidentschaft passiert etwas, das die ganze Welt erschüttern wird: Der 11. September. Zwei von arabischen Terroristen entführte Passagierflugzeuge fliegen in die beiden Türme des World Trade Centers in New York, ein drittes wird in Richtung des Pentagon, des Verteidigungsministeriums der USA, gelenkt, ein weiteres stürzt während eines Kampfgetümmels zwischen Passagieren und den Terroristen ab. Befohlen hat diese Anschlagsserie Osama bin Laden, Chef der Terrororganisation al Qaida, die von Afghanistan aus operiert. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte werden die USA auf eigenem Territorium angegriffen.
Die dramatischen Folgen bringt Holger Stark auf den Punkt: „Es ist ein Angriff nicht nur auf Amerika, sondern auf den ganzen Westen, seine glitzernde, freizügige Kultur, seinen Hedonismus, aber auch den geopolitischen Vormachtanspruch. Aus dem Wohlstandsland wird eine Nation im Krieg. Zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Geschichte ruft die NATO, das westliche Verteidigungsbündnis den Verteidigungsfall aus, festgehalten in Artikel 5 des NATO-Vertrages. Der Angriff auf die USA gilt damit als Angriff auf alle Mitgliedstaaten. Das ist die Idee des Bündnisses: einer für alle, alle für einen. In den kommenden 20 Jahren werden dänische, britische, italienische, kanadische, französische und deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen und sterben. 40 Nationen ziehen mit den USA in den Krieg, 59 deutsche Soldaten lassen ihr Leben.“
Doch das ist den Falken um Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, seinen Vize Paul Wolfowitz und den Strategen Karl Rove nicht genug. Begründet mit der sich als Lüge herausstellenden Behauptung, dass der Irak über geheime Chemiewaffen verfüge und somit eine Gefahr für den Westen darstelle, „marschieren amerikanische Truppen am 20. März 2003 im Irak ein, stürzen den Diktator Saddam Hussein und in der Folge das Land ins Chaos.“ In Wirklichkeit, schreibt Stark, geht es der Bush-Regierung darum, die heimischen Rüstungs- und Erdölkonzerne profitieren zu lassen.
Ein Riss tut sich auf zwischen den USA und dem Rest des Westens, vor allem den Ländern Europas. Bis auf Großbritannien ziehen diese nicht mit in den Krieg gegen den Irak. „Mit dem Irak-Krieg beginnt die erste Phase der Entfremdung zwischen Amerika und dem Rest des Westens, insbesondere Europas. Während man den Afghanistan-Krieg als gerechten Feldzug betrachten konnte, als eine Reaktion auf Terroristen mit einer tödlichen Ideologie, die in einem Failing state Unterschlupf gefunden hatten, ist der Feldzug im Irak das hässliche Antlitz des US-Imperialismus. Und es zeigt sich eine wichtige inhaltliche Differenz, die in den Trump-Jahren noch wachsen wird: Europa versteht sich als Hüterin einer regelbasierten Weltordnung. Einen Krieg beginnen, einfach so, weil es einer Regierung und ihrer Rüstungsindustrie passt, das ist in diesem Verständnis nicht vorgesehen. Die USA wiederum machen das, was für Amerika gut ist. Wenn die Regeln des Völkerrechts nicht passen, dann werden sie eben gebeugt. Oder gleich ganz ignoriert“, schreibt der Autor und bringt das Dilemma, das sich zwischen den eigentlich Verbündeten auftut, haargenau zum Ausdruck.
Und Stark weist auch auf weitere Folgen der Kriege in Afghanistan und den Irak hin, die nicht so im Fokus stehen – die der entstandenen Kosten, deren Dimensionen ihre Wirkung bei der Bevölkerung hinterlassen: „Die Vereinigten Staaten, so viel steht fest, zahlen nicht nur im weltweiten Ansehen, sondern auch daheim einen brutalen Preis für ihre imperialen Abenteuer. Im Sommer 2011, auf dem Höhepunkt der Kriege in Afghanistan und dem Irak, befinden sich 200.000 amerikanische Soldaten im Kampfeinsatz. Alles in allem sind rund um die Welt etwa 500.000 GIs verstreut, mehr als das Doppelte von dem, was Bill Clinton als Präsident autorisiert hatte. Im Afghanistan-Krieg starben 2461 amerikanische Soldaten, weitere 20.000 wurden verletzt. Der Krieg am Hindukusch kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 825 Milliarden Dollar, andere Schätzungen gehen von zwei Billionen aus. In den acht Jahren des Irak-Feldzuges starben 4493 amerikanische Soldaten, 31.993 Militärangehörige wurden verletzt. Der Krieg kostete nach einer Bilanz des US-Verteidigungsministeriums mindestens 757,8 Milliarden Dollar.“
Das Handeln der Bush-Regierung hat schwerwiegende wirtschaftliche und politische Schäden hinterlassen, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind, wie Stark erläutert: „Tausende tote Amerikaner, Zehntausende Verletzte und Kosten im Bereich von Billionen – das sind Dimensionen, die selbst die reichste Nation der Welt nicht einfach bewältigen kann. Als Clinton seinem Nachfolger Bush das Amt übergibt, verzeichnet der US-Haushalt einen Überschuss von 236 Milliarden Dollar. Mit Beginn des Afghanistan-Kriegs, für den die Bush-Regierung hohe Kredite aufnehmen muss, stürzt der Haushalt ins Minus. Über die Jahre kollabieren die US-Staatsfinanzen, mit neuen Schulden in astronomischer Höhe von 1294 Milliarden im Jahr 2010. In einem einzigen Jahr betragen die zusätzlichen (!) Schulden der USA damit rund das Dreifache des derzeitigen Haushalts Deutschlands. Bis heute haben sich die amerikanischen Finanzen davon nicht erholt. Diese Lage muss man kennen, wenn man über Trumps Wirtschaftspolitik redet. Die Zölle, die Trump im Frühsommer 2025 verhängen wird, haben auch das Ziel, die außer Kontrolle geratene Staatsverschuldung zu bändigen, um Amerika wieder handlungsfähig zu machen. Alles in allem betragen die Schulden der Vereinigten Staaten im März 2025 die unvorstellbare Summe von 36,5 Billionen US-Dollar. Selbst für eine hyperpotente Ökonomie wie die amerikanische ist das dramatisch. Die Verschuldung entspricht mehr als 123 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA. Der private Reichtum in den USA mag gigantisch sein – aber die Schulden des Staates sind es auch. Nach Standard & Poor’s und Fitch Ratings hat im Mai 2025 auch Moody’s die amerikanische Kreditwürdigkeit herabgestuft, erstmals seit 100 Jahren, fast ein Jahrhundert nach dem Schwarzen Freitag 1929. Neue Kredite werden somit teurer.“
Wie Stark deutlich macht, stehen die USA vor fast unüberwindlichen Problemen; und es droht die Gefahr, ihre Stellung als globale Vormacht zu verlieren. Er zitiert die Historiker Peter Heather und John Rapley, die die Entwicklung in den USA mit dem Niedergang des weströmischen Reichs im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert verglichen haben, als Rom die finanziellen Mittel ausgingen, die Germanen an den Rändern einfielen und das persische Reich ungehindert emporsteigen konnte, um Rom schließlich herauszufordern: „Die westliche Hälfte des Römischen Reichs kollabierte, als die Zentrale nicht mehr über genügend Mittel verfügte, um ihren fiskalischen Gesellschaftsvertrag zu erfüllen und die Interessen ihrer steuernzahlenden und einnehmenden Eliten zu schützen“, argumentieren die beiden Briten. Beide Systeme, das Römische Reich wie die Vereinigten Staaten von Amerika, „wurden zum Zeitpunkt ihres vermeintlichen Wohlstandsmaximums von Krisen heimgesucht“, so Heather und Rapley. „Auf lange Sicht kam es in beiden zu periodischen Verschiebungen der Epizentren wirtschaftlicher und politischer Dominanz.“ Eine Verschiebung, wie sie die USA derzeit erleben. Das Persien von einst heißt heute China.“
Das Ergebnis der Präsidentschaft von George W. Bush: „Als Bush abtritt, hinterlässt er ein seelisch verwundetes, ökonomisch angeschlagenes, politisch überreiztes Land. Mehr als 75 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner sind jetzt der Meinung, ihr Land bewege sich in die falsche Richtung“, schreibt Stark und begründet damit das in der Bevölkerung vorherrschende Denken, das mit einer anderen politische Ausrichtung verbunden ist, der „Sehnsucht nach einer Rückbesinnung auf Amerika, die die Gesellschaft erfasst hat.“
Diese Sehnsucht spiegelt sich in unterschiedlichen politischen Lagern wieder, und aus unterschiedlichen Gründen, wie der Autor schreibt: „Die einen, auf der Linken, aus der Sorge vor dem Verlust ureigener amerikanischer Werte in Guantanamo, Abu Ghraib und anderswo, wo Gefangene gefoltert wurden, um ihnen Geständnisse abzutrotzen. Die anderen, auf der Rechten, weil sie nicht einsehen, dass GIs in den afghanischen Bergen und irakischen Tälern sinnlos sterben, während die Farmer in Iowa und Kohlearbeiter in Kentucky ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Schon die demokratischen Präsidenten Barack Obama und Joe Biden haben diese Forderung in ihren Amtszeiten wieder und wieder vorgetragen. Donald Trump hat sie mit seiner Drohung, aus der NATO auszutreten und den amerikanischen Schutzschirm künftig nur noch als eine Art Dienstleistung zu vermieten, lediglich auf die Spitze getrieben. Wer heute in den USA als Politiker gewählt werden will, muss den Wählerinnen und Wählern glaubhaft versichern, sich zuerst um die Sorgen der Amerikaner zu kümmern und keine teuren Abenteuer in Übersee zu finanzieren.“
Auftritt Donald Trump: Stark datiert dessen erstes Erscheinen als Politiker auf den Januar 2015, als der bei einer Veranstaltung der Republikaner in einem Theater in Des Moines, Iowa, auftritt; und Stark ist als Journalist dabei: „An einem frostigen Samstag im Januar 2015 tritt in einem Theater in Des Moines, Iowa, ein Mann auf die Bühne, den die Öffentlichkeit bislang nur als Immobilieninvestor und Entertainer kennt … Als Donald John Trump schließlich begleitet von Rockmusik auf die Bühne tritt, zieht er einen Zettel aus dem Jackett. Er hat sich sorgfältig vorbereitet auf diesen Auftritt inmitten diverser republikanischer Politiker, trotzdem umweht ihn ein überraschender Hauch von Unsicherheit. Als taste er sich noch vor. Als wisse er nicht, wie er auf andere wirke. Trump ist formeller angezogen als die meisten anderen Republikaner auf der Bühne. Scott Walker beispielsweise, der Gouverneur von Wisconsin, trägt ein hellblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Trump hingegen kommt in einem schwarzen Anzug, einem weißen Hemd und mit einer zu langen roten Krawatte, die später zu seinem Markenzeichen werden wird. Knapp eine halbe Stunde lang redet Donald Trump, er zieht über den amtierenden US-Präsidenten Barack Obama her, aber auch über seine republikanischen Parteifreunde Mitt Romney und Jeb Bush, Männer von gestern allesamt, spottet Trump, die ihre Chance gehabt hätten. Er sagt, die USA verlören Arbeitsplätze, die Arbeitslosenquote sei hoch, das Land verschuldet, Amerikas Straßen seien kaputt, die Brücken marode. Noch könne man das Land sanieren, erzählt er uns, aber es müsse jetzt schnell geschehen. Er wisse, was zu tun sei, er habe viel Geld verdient, indem er gegen andere Länder gewettet habe, er komme hervorragend mit großen Staatschefs aus. Die Vereinigten Staaten könnten bald wieder an der Spitze der Welt stehen, aber dafür müsse sich fundamental etwas ändern. Zum Beispiel die Handelsabkommen der USA mit anderen Ländern. »Jedes der Handelsabkommen, das wir abgeschlossen haben, stinkt zum Himmel«, behauptet er schon damals … Er sagt: »Ich bin ein Erbauer. Dinge zu erschaffen ist das, was ich am besten kann. Und wir brauchen einen Erbauer.« Nur er könne Amerika zu alter Größe zurückführen. Make America great again. Im Saal, nach Trumps Rede, stehen die Menschen auf und jubeln. Er bekommt mehr Applaus als alle anderen Redner vor und nach ihm. Es ist die Geburtsstunde des Politikers Donald J. Trump. Etwas von epochaler Wucht hat an diesem Samstag im Januar 2015 begonnen: der Versuch, die Weltgeschichte umzuschreiben.“
Was dann folgt ist allgemein bekannt: Die Wahl Trumps zum Präsidenten, seine Lügen und Ausraster, die Denunzierung politischer Gegner und missliebiger Medien und der Sturm zahlreicher seiner Anhänger auf das Capitol, nachdem er sich weigerte, die verlorene Wahl im Jahre 2020 anzuerkennen. Allgemein bekannt ist auch, womit seine zweite Amtszeit einhergeht: neben den schon angeführten Sachverhalten weitere Versuche, die Unabhängigkeit der Justiz zu unterhöhlen, den Kampf gegen kritische Meinungen noch massiver anzugehen und auch Manches, was bisher nicht vorstellbar schien: der selbst erhobene Anspruch auf die Annektierung souveräner Staaten und das Kidnappen des Präsidenten eines ebenfalls souveränen Staates wie mit dem Venezolaner Maduro geschehen.
Holger Stark belässt es in seinem Buch aber nicht allein mit der wirklich gelungenen Skizzierung der politischen Entwicklungen, die zur Präsidentschaft Trumps führten, sondern hat auch die veränderten politischen Rahmenbedingungen für den künftigen Umgang Deutschlands und Europas mit den USA im Blick. Der vielfach preisgekrönte Journalist und Bestsellerautor sagt, worauf sich Deutschland jetzt einstellen muss: Auf der Grundlage diverser Gespräche mit hochrangigen Regierungsvertretern in Berlin, Brüssel und Washington rekonstruiert er die Versäumnisse der vergangenen 25 Jahre – und entwirft ein präzises Bild, wie ein Leben jenseits von Amerika aussehen könnte. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es für Deutschland an der Zeit, erwachsen zu werden.
Holger Stark, „Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“, Propyläen Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten , ISBN 9783549110188, DE 26 Euro, AT 26,80 Euro