Mindestens 150 Jahre lang war dieses Gemälde nicht öffentlich zu sehen: Die „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ von Friedrich Nerly. Seit 1954 befindet sich das Bild im Besitz der Kunsthalle, doch bis vor kurzem war es nicht ausstellbar. Gut ein Jahr dauerte die Restaurierung mit eindrucksvollem Ergebnis: Ein vergessenes Hauptwerk des deutschen Malers Friedrich Nerly (1807–1878) kam ans Licht! Das Gemälde zeigt die antike Wasserleitung Aqua Claudia vor den Toren Roms.
Ab dem 14. März und bis zum 5. Juli steht es im Mittelpunkt der Ausstellung „Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom“. Die Ausstellung nimmt Nerlys frühe Schaffensjahre in Rom von 1829 bis 1835 in denFokus. Der deutsche Romantiker Friedrich Nerly und die Kunsthalle Bremen sind auf besondere Weise verbunden, denn die Kunsthalle Bremen besitzt mit mehr als 550 Werken nahezu die Hälfte seines Nachlasses. Der andere Teil befindet sich im Angermuseum in seiner Geburtsstadt Erfurt. Die Kunsthalle Bremen erwarb diese Werke von einer Nachfahrin des Künstlers. 1957 zeigte die Kunsthalle die erste Einzelausstellung des Künstlers und publizierte einen Katalog – den ersten, der Friedrich Nerly je gewidmet wurde. Die große Ausstellung „Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom“ knüpft nun an diese frühe Erschließung seines Werks an und präsentiert bisher unbekannte Meisterwerke von Nerly.
Die Ausstellung „Natur und Antike“ nimmt mit zahlreichen Gemälden, Ölstudien, Zeichnungen, Aquarellen und Fotografien Friedrich Nerlys frühe, prägende Jahre in Rom von 1829 bis 1835 in den Blick. Zur Zeit der Romantik pilgerten viele Künstler nach Italien, Nerly reiste bereits mit 20 Jahren dorthin. Er arbeitete in Rom, Tivoli und Olevano – damals wie heute beliebte Reiseziele von Künstlern und Touristen. An der Küste entlang reiste er nach Neapel und bis Sizilien. Dabei entstanden sonnendurchflutete Zeichnungen und Aquarelle in der Natur, die ihm als Grundlage für Gemälde dienten. Aqua Claudia – damals und heute Höhepunkt der Ausstellung ist das Gemälde „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ (1836).
Jahrzehntelang schlummerte dieses Hauptwerk im Depot der Kunsthalle und war ein schwerer Fall für die Restaurierung. Erst eine großzügige Spende ermöglichte die aufwendige Bearbeitung. Das Motiv der imposanten Ruinen des Aquädukts vor den Toren Roms war zu Nerlys Zeiten neu und spektakulär. Denn bis dahin galt die Campagna als öde und gefährlich, wegen der Räuber und der Malaria. Daher durchquerte man diese Gegend möglichst schnell, um an idyllischere Orte wie Frascati oder Tivoli zu gelangen. Die historischen Ruinen würdigte man nur im Vorbeifahren aus der Ferne. In Gemälden wurde die Aqua Claudia daher bis zum frühen 19. Jahrhundert nur im Hintergrund dargestellt, wie beispielsweise in dem berühmten Bild „Goethe in der römischen Campagna“ (1787) von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751–1829).
Erst seit den 1820-er Jahren zogen Dichter und Künstler zunehmend in die Campagna, ergriffen von der erhabenen Stimmung und der Erinnerung an die römische Geschichte. Zunächst entstanden nur Zeichnungen und kleine Ölstudien. Friedrich Nerly war einer der ersten, der die Ruinen des Aquädukts zum Hauptmotiv eines großen Gemäldes machte. Die Ausstellung untersucht auch die spätere Rezeption dieser Ruinen und schlägt den Bogen in die Gegenwart. Die Fotoserie „Aqua Claudia“ (2014) von Hans-Christian Schink regt aktuelle Debatten an: über vergessene und wiederentdeckte Orte, über den Wandel unseres Blicks auf das kulturelle Erbe Italiens und über die Geschichte und Zukunft der Wasserversorgung – ein essentielles Thema in Zeiten des Klimawandels.
Friedrich Nerly blieb sein Leben lang in Italien, zunächst in Rom und ab 1837 in Venedig. Nerlys Werke öffnen nicht nur ein Fenster in die Romantik, sie inspirieren auch zu neuen Reisewegen nach Italien, zur Auseinandersetzung mit der antiken Architektur und der römischen Ingenieursbaukunst. Sie lassen darüber hinaus die griechischen Mythen Homers anklingen, die bereits Goethe – ebenso wie Nerly – auf seiner italienischen Reise als Begleiter in der Tasche hatte.
Fakten zur Ausstellung
Die Ausstellung „Natur und Antike“ arbeitet intensiv mit den Nerly-Beständen der Kunsthalle Bremen und präsentiert darüber hinaus Leihgaben u.a. aus dem Angermuseum in Erfurt, dem Thorvaldsen Museum in Kopenhagen und der Nationalgalerie Berlin. Außerdem werden Werke aus Privatbesitz gezeigt, die der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich waren und für die Ausstellung teilweise frisch restauriert wurden. Sie stammen aus bedeutenden alten Sammlungen; ein Gemälde befand sich zuvor im Besitz des dänischen Kronprinzenpaars. Die Ausstellung „Natur und Antike“ umfasst rund 160 Arbeiten.
Neben Werken von Friedrich Nerly sind auch Bilder der Aqua Claudia unter anderem von Carl Blechen, Gaston Lenthe, Johann Wilhelm Schirmer und Carl Spitzweg zu sehen. Sie zeugen von der Karriere dieses Bildmotivs, das im Verlauf des 19. Jahrhunderts sehr populär wurde. Eine begleitende Ausstellung mit dem Titel „Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen“ (14. März bis 5. Juli) gibt Einblick in Nerlys späteres Schaffen: Sie ist zeitgleich im Kupferstichkabinett zu sehen.
„Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen“ (14. März – 5. Juli)
„Venedig und immer Venedig, von allen Seiten, groß und klein, zur alten und jetzigen Zeit“, schrieb Friedrich Nerly im Jahr 1845 über seinen künstlerischen Alltag. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit sieben Jahren in der Lagunenstadt, nachdem er zuvor in Rom gelebt hatte. Durch die Heirat mit einer Venezianerin aus gutem Hause war er ausgezeichnet vernetzt und sein zentral gelegenes Atelier im Palazzo Pisani etablierte sich als beliebtes Ziel vieler Reisender. Mit pittoresken Ansichten bediente der Künstler die Nachfrage der Touristen, die in immer größerer Zahl eintrafen. Zu seinen erfolgreichsten Motiven gehörten die Piazzetta und die Markussäule bei Mondschein, die er über 30 mal wiederholte.
Für Nerly war Venedig ein unerschöpflicher Motivschatz: Der Teilnachlass des Künstlers, der seit 1953 in der Kunsthalle Bremen aufbewahrt wird, umfasst zahlreiche Zeichnungen, die er in den 41 Jahren vor Ort bis zu seinem Tod 1878 geschaffen hat, darunter brillante Impressionen venezianischer Fenster, gotischer Architektur, schwarzer Gondeln und vor Anker liegender Segelschiffe. Aus dieser Zeit stammen auch seine zwei berühmtesten Motive und gleichzeitig seine Erfolgsbilder, von denen die Kunsthalle Bremen zwei Gemälde besitzt, „Die Markussäule in Venedig bei Mondschein“, um 1837, und „Canale Grande mit Blick auf Santa Maria della Salute“, 1838/39. Sie werden neben 50 Papierarbeiten in der Ausstellung präsentiert werden.
Nähere Informationen: Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen, Telefon: +49 (0)421 – 32 9080, Fax +49 (0)421 – 32908470, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de