Ausstellungsode an die Druckgrafik

Das Druckalbum „L’Estampe originale“ (1893–1895) ist ein Höhepunkt der Blütezeit der Druckgrafik im fin de siècle. Mit etwa 35 Drucken zeigt diese kleine Ausstellung, die noch bis zum 17. Mai im Van Gogh-Museum in Amsterdam zu sehen ist, wie vielfältig, eigenwillig und innovativ die Künstler waren, die die Drucke für dieses Album anfertigten.

Das Album „L’Estampe originale“ zeigt, wie reich und vielfältig die Druckgrafik Ende des 19. Jahrhunderts war. Das Van-Gogh-Museum ist eine von sechs Sammlungen weltweit, die eine vollständige Version dieses Druckalbums besitzen. Die Abdrücke sind wegen ihrer Zerbrechlichkeit selten zu sehen.

Ursprüngliche Druckgrafik

Im März 1893 veröffentlichte der Verleger André Marty den ersten Band von „L’Estampe originale“, einem Album moderner Drucke avantgardistischer Künstler. Jedes Quartal wurde ein Album mit zehn Abzügen veröffentlicht und an eine ständig wachsende Gruppe von Sammlern geschickt. Zwischen 1893 und 1895 wurden neun Alben veröffentlicht, mit insgesamt 95 Drucken von 74 verschiedenen Künstlern.

Die Künstler fertigten die Drucke nach den Prinzipien der „Estampe originale“, der ursprünglichen Druckgrafik an. Nach diesen Richtlinien waren Künstler persönlich in jeden Teil des Entstehungsprozesses eingebunden, vom Design bis zum Druck. Außerdem sorgten sie dafür, dass die Drucke in einer kleinen, nummerierten Auflage von hundert Exemplaren veröffentlicht wurden. Das war besonders, denn zu dieser Zeit wurden kommerzielle Drucke und Reproduktionsgrafiken in Massenproduktion produziert.

Junge Talente und etablierte Namen

Marty kombinierte avantgardistische Drucke mit traditionelleren Grafiken. Dies sprach Sammler an, die oft noch etwas konservativ waren. Das Album enthält daher Originaldrucke sowohl junger Talente als auch etablierter Namen, darunter Pierre Bonnard, Camille Pissarro, Henri de Toulouse-Lautrec und Paul Gauguin.

Der Aufstieg von Farbe und Moderne

Früher betrachteten Künstler die Farblithografie als minderwertig. Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich dies aufgrund der hohen Sichtbarkeit von Farbplakaten auf der Straße und Farblithografien in Zeitschriften. 1890 gab es auch eine Ausstellung in Paris über japanische Drucke. Seitdem gilt die Farblithografie als neu, spannend und vor allem als modern.

Frauen auf dem Bild

Die Drucke von „L’Estampe originale“ zeigen eine bemerkenswerte Anzahl von Frauen: als Muse, Mutter, Geliebte oder als geheimnisvolle Figuren. Sie bleiben oft anonym oder werden als Allegorie dargestellt. Die Drucke waren hauptsächlich für ein männliches Publikum gedacht, das die Alben zu Hause erhielt. So zeigt L’Éstampe originale nicht nur die künstlerischen Entwicklungen am Ende des 19. Jahrhunderts, sondern auch die soziale Stellung der Frauen jener Zeit.

Ein Querschnitt des Fin de Siècle

Durch die Kombination verschiedener Künstler, Techniken und Themen bietet „L’Estampe originale“ ein klares Bild einer sich wandelnden kulturellen Epoche. Das Album zeigt, wie Kunst, Geschmack und Gesellschaft um 1890 miteinander verflochten waren.

L’Estampe originale

Die Mission von André Marty, dem Herausgeber des Druckalbums „L’Estampe originale“ wurde von Roger Marx wie folgt ausgedrückt: „ein Repertoire zu schaffen und zu bewahren, das als Beweis für die Kunst unserer Zeit vor der Geschichte dient“. Das hat wunderbar funktioniert. Nicht weniger als 74 verschiedene Künstler steuerten insgesamt 97 Drucke bei, verteilt auf neun Alben. Die Portfolios, die in einer Auflage von hundert veröffentlicht wurden, wurden alle drei Monate an die abonnierenden bürgerlichen Drucksammler verteilt. Das Projekt erlangte schnell mythischen Status und gilt bis heute als das Prestigeprojekt, das während des Fin de Siècle den Trend für die Druckgrafik beflügelte.

Die Kriterien des Originaldrucks

Roger Marx erklärte die Grundidee der Auswahl im Vorwort zum ersten Album. Über Schule, Stil oder Technik stellte Marty die individuellen Eigenschaften und den Ausdruck des Künstlers. Solange er nach den Kriterien des Originaldrucks arbeitete, blieben seine ursprünglichen Absichten sichtbar. Das bedeutete, dass der Künstler in den gesamten Prozess der Entstehung des Drucks eingebunden sein musste, vom ursprünglichen Entwurf über die Papierauswahl bis hin zum Druck der endgültigen Radierung, Lithografie oder Holzschnitt.

Vollständiger Überblick über die Fin de Siècle-Druckgrafik

Da Marty die individuellen Qualitäten des Künstlers als einziges Kriterium nutzte, wurden alle modernen Stile und Bewegungen des fin de siècle auf dem Album vertreten. Die Drucke der neuesten Künstlergruppen, wie der Schule von Pont-Aven, befanden sich im selben Ordner wie Drucke etablierter Namen wie Auguste Renoir und Puvis de Chavannes. Das erste Album widmete sich stark der jüngsten Avantgarde mit den farbigen Lithographien der Nabis und Henri de Toulouse-Lautrecs.

André Marty

André Marty wurde 1857 geboren und ist als Herausgeber von „L’Estampe originale“, dem renommiertesten Druckalbum des fin de siècle, in die Geschichte eingegangen. Er produzierte jedoch viele weitere Ausgaben moderner künstlerischer Drucke für ein ausgewähltes Publikum ernsthafter Sammler. Seine weiteren Veröffentlichungen, wie die Druckreihe Le Café Concert, das Künstlerbuch Yvette Guilbert und das Druckalbum Album de la Revue blanche gehören alle zur Crème de la Crème der Pariser Druckgrafik.

Herausgeber des „L’Estampe originale“

Im Porträt von Adolphe Willette sieht man Marty, wie er in einem Anzug durch den Regen rennt und einen Bilderordner unter dem Arm hat. Für „L’Estampe originale“ lief er tatsächlich von 1893 bis 1895 ununterbrochen durch Paris, vom Künstler zum Drucker, vom Papierhändler zum Sammler, um die unendlich komplexe Entstehung dieses Druckalbums zu realisieren. Neben viel Talent fürs Arrangieren hatte Marty auch ein sehr gutes Auge für künstlerische Qualität. Die 74 Künstler, die er für sein Album gewinnen konnte, bilden zusammen einen Querschnitt der modernen Kunstwelt des Fin de Siècle.

Druckgrafik und die Blüte der dekorativen Künste

Für Marty war die Förderung der ursprünglichen Druckgrafik Teil einer größeren Bewegung, die dekorative Kunst zu einer Kunstform zu erheben. Er veröffentlichte die Zeitschrift „Le Livre vert“, in der er wiederholt betonte, dass nur das Genie des einzelnen Künstlers entscheidet, ob etwas künstlerisch ist. Ein Kunstwerk konnte daher ebenso gut ein Druck oder eine Vase wie ein Gemälde sein. Um diese Jugendstil-Idee zu unterstreichen, fertigte er dekorative Objekte von Künstlern sowie Broschen und Figuren an.

Farblithografie

Farblithografie war die Technik der modernen Druckgrafik des fin de siècle. Laut dem Kunstkritiker André Mellerio war es sogar „die unverwechselbare Kunstform unserer Zeit“. Diese Kunstform wurde zunächst hauptsächlich von der Avantgarde von Paris übernommen. Zum Beispiel waren Farbdrucke im offiziellen Salon erst 1899 erlaubt, als die Beliebtheit der Farblithografie in der modernen Kunstwelt bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Lithografieierte Plakate

Es war der „König des Plakats“ ,Jules Chéret, der mit seinen lithografiierten Werbeplakaten die Farblithografie im Alleingang zu einem künstlerischen Medium erhob. Seine leuchtenden und farbenfrohen Plakate waren eine Neuheit in den ehemals grauen Straßen von Paris. Künstler wie Pierre Bonnard und Henri de Toulouse-Lautrec ließen sich von den ästhetischen Möglichkeiten der Technik inspirieren und folgten mit eigenen künstlerischen Plakaten, die aus leuchtenden Farbflächen, geschwungenen Silhouetten und Mustern sowie dekorativer Typografie bestanden.

Zeitgenössische Ode an die Farblithographie

In seiner Abhandlung „La Lithographie originale en couleurs“ von 1898 lobte Mellerio die besonderen Eigenschaften des Mediums und brachte zum Ausdruck, was eine künstlerische Farblithografie erfüllen musste: Die Farbfelder mussten so weit wie möglich getrennt und schlicht und hell gehalten werden, mit offenen Papierteilen dazwischen. Die Komposition musste einfach gestaltet sein und ein harmonisches Ganzes bilden.

Nähere Informationen: Van Gogh Museum, Museumplein 6, Amsterdam, Telefon +31 205705200, E-Mail: info@vangoghmuseum.nl, Internet: http://www.vangoghmuseum.nl

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