Verführer, die täuschen – Magali Reus im Museum Beelden aan Zee – Rezension von Eda Dijksterhuis

In den Händen von Magali Reus bekommen alltägliche Gegenstände eine andere Bedeutung und sogar eine andere Persönlichkeit. Im Museum Beelden aan Zee wirft die Bildhauerin ein surrealistisches Licht auf Scheveningen.

Vier Kapseln einer Zahnpastatube, die Rückseite eines Ohrrings, ein Kamm mit unregelmäßigen Zähnen. In den Bildern von Magali Reus (*1981) gibt es viel Wiedererkennbarkeit. Und doch sind diese alltäglichen Dinge nicht leicht zu verstehen, so losgelöst sind sie von ihrem üblichen Kontext. Wer erwartet schon eine Mausefalle in einer offenen Sardinendose? Oder bekommt man kein unangenehmes Gefühl bei dem hellblauen Farbton der Form, die eine Niere oder eine riesige Bohne darstellt?

„Ungehorsame Objekte, die ein anderes Bild von sich selbst zeigen“, nennt die Künstlerin selbst ihr Werk in der Ausstellungsbroschüre. Man kann die Skulpturen auch als ‚Verführer, die täuschen‘ bezeichnen. Weil sie den Zuschauer ständig auf die falsche Spur bringen. Dabei reagiert Reus auf die menschliche Neigung, in allem etwas zu sehen: ein Gesicht in einer Augenhöhle oder einen Oktopus in einem Kleiderhaken. Der Bildhauer verbindet diese assoziative Fähigkeit mit einem technisch perfekten Finish und einer surrealen Neigung, was zu einem Seherlebnis führt, das zugleich ästhetisch befriedigend und kognitiv verwirrend ist. Es sind schöne, aber leicht verstörende Bilder.

Fishy business

Reus ist eine Sammlerin unter den Bildhauern. Wie die Zeitgenossen David Jablonowski (*1982) und Ruta Butkute (*1984) beginnt sie nicht mit einem formlosen Stück Ton oder einem Steinblock, sondern stapelt bestehende Objekte, die bereits eine Anwendung und Bedeutung haben. Sie sind jedoch so geneigt, dass Form und Funktion teilweise getrennt sind und man sie betrachtet, als würde man sie zum ersten Mal sehen. So schön kann eine Zahnpastakappe sein!

Seit ihrer Ausbildung an der Rijksakademie (2013–2014) und dem Gewinn des renommierten Prix de Rome 2015 werden Reus‘ Werke regelmäßig gezeigt – insbesondere in der Galerie Fons Welters, die im vergangenen Jahr geschlossen wurde. Doch „Tales and Reals“ im Museum Beelden aan Zee ist – nach „Mussard“ (2016) im Stedelijk Museum Amsterdam – ihr zweiter Museums-Solo-Auftritt. Und was für ein passender Ort für ein solches Debüt. Reus wurde in der Nähe in Scheveningen geboren und wuchs dort auf. Für die drei Werkserien, die sie derzeit zeigt, kehrt sie zur Landschaft ihrer Jugend zurück: Meer, Hafen, Boulevard, Industrie und Tourismus. Aber vor allem: fischige Angelegenheiten.

Zum Beispiel besteht die „Merlin-Serie“aus Sardinendosen mit unerwartetem Inhalt. „Streamers“ist der Titel der Fischgräten, die aussehen, als wären sie mit Puderzucker bestäubt und auf eine Bühne in Form eines Kanalschachts gelegt worden wie umgestürzte Weihnachtsbäume. Und „Rig“ ist eine Reihe von Hooks mit allem von einem abstrahierten Schläger, Supermarktetiketten und Knochen bis hin zu den bereits erwähnten Zahnpastakappen. Sie sind extrem vergrößerte Blinker, die Art von Köder, mit der Angler hoffen, Hecht, Barsch und Forelle zu fangen.

Die frühen Arbeiten der perfektionistischen Künstlerin Reus waren recht bescheiden. Dann begann sie, größer und barocker zu arbeiten. Und jetzt ist sie wieder kompakt und nüchtern. Die Werke sind Wohnzimmergröße, was in der monumentalen Ehrenhalle von Beelden aan Zee gewagt ist. Mit einer einfachen, aber effektiven Intervention bleibt alles mühelos. Mit wenigen Wänden wurden ein Innen- und ein Außenbereich geschaffen. Das „Innere“ ist gefüllt mit den „häuslicheren“ Arbeiten, den Dosen und Fischgräten. An der Wand rundherum hängen die Haken in Gefechtsordnung und nutzen die Schraubenlöcher im Beton gut. Die codeartigen Titel sind in derselben Schriftart, die man auch auf Schiffscontainern etwas weiter unten im Hafen findet.Solche Details gehören für Reus dazu. Bis hin zum Informationsblatt, das aussieht wie die VVV-Karten, die man in Badeorten findet. Alles ist richtig und perfekt fertig. Stahl wird lasergeschnitten, perforiert, gewalzt, geschweißt und pulverbeschichtet. Polyester wird besprüht, geschliffen und gewachst. Und Sperrholz geformt und eingelegt.Mit so viel perfektionistischer Handarbeit kann es leicht zu weit gehen und einfach zu schön werden. Doch Reus‘ Werk ist buchstäblich und im übertragenen Sinne mit einem scharfen Hook ausgestattet, der den Blick hängen lässt. Dadurch kann Entfremdung wirken, Details offenbaren sich, und als Betrachter beginnt man, über Konsum, unsere Beziehung zum Meer und unsere Beziehung zu alltäglichen Dingen nachzudenken, die wir eigentlich nicht richtig betrachten.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 3. Mai.

Nähere Informationen: Museum Beelden aan Zee Harteveltstraat 1, 2586 EL Den Haag, Niederlande, Telefon: 070 – 358 58 57, E-Mail: info@beeldenaanzee.nl

Hinterlasse einen Kommentar