Kreative sind Störenfriede

Nachklang zur Veranstaltung Lesung & Talk mit Jean-Remy von Matt im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg

Jean-Remy von Matt begeisterte gestern Abend über 170 Gäste im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg und las sechs Passagen aus seinem neuen Buch „Am Ende, von dem er selbst sagt, dass es mit zunehmendem Lesen immer langweiliger wird. „Kreativität muss der erwarteten Ordnung widersprechen – Kreative sind Störenfriede, aber eben sehr wertvolle Störenfriede, denn ohne sie bliebe alles beim Alten.“ Mit dieser Aussage setzte er das erste Statement des Abends, ließ es aber nicht das letzte sein. Faszinierende Geschichten aus seinem Leben folgten und haben den Weg seiner Karriere zwischen Eitelkeit und Bescheidenheit eindrucksvoll beschrieben.

Fragen von Walter Smerling, Direktor des MKM Museum Küppersmühle, nach dem Ausmaß seines Selbstwertgefühls, das an einer guten Headline hängt lösten sich ab durch Schilderungen, die seinen aktuellen Alltag als Konzeptkünstler darstellten. Jean-Remy von Matt und Walter Smerling lieferten sich ein unterhaltsames Gespräch, antworteten prompt sowie unerwartet und zogen so das begeisterte Publikum in ihren Bann. Auf die Frage, ob man Kreativität erlernen könne, entgegnete von Matt, „dass wir kreativ geboren werden und uns die Kreativität eher abtrainiert wird nach der Kindheit, also durch den Ernst des Lebens, durch die Schule und manchmal auch durch die Verantwortung, die man übernimmt. Kreativität geht zumeist verloren, wenn wir ein vernünftiges, systemrelevantes Mitglied der Gesellschaft werden, denn Kreativität ist nicht nur Ungehorsam, sondern auch oft Unvernunft.“ Einen Ausblick in die Zukunft wagt er mit der Aussage, dass „KI nie genau so kreativ sein kann wie ein Mensch.“ Er führt aus: „Ich glaube, da KI sich nur aus Daten der Vergangenheit ernährt, fehlt ihr etwas, was für Kreativität sehr wichtig ist, nämlich der Blick nach vorne, also die Fantasie. Das ist auch etwas, was nicht jeder Mensch kann, nämlich die Fantasie über die Vernunft zu setzen. Und darum, glaube ich, dass man Kreativität bis zu einem gewissen Grad auch trainieren und lernen kann, der High-End-Bereich von Kreativität aber nur einer bestimmten Art von Geistern offensteht. Deswegen ist es ja so wichtig, dass wir Kunst anschauen, immer wieder. Denn sie provoziert uns das aus den Bildern herauszuholen, was darin steckt.“ Somit liefert er auch gleich die passende Begründung, warum die Lesung seines aktuellen Buchs in einem Museum für Moderne Kunst stattfindet. Auf die abschließende Frage von Walter Smerling nach einem Wunsch von Jean-Remy von Matt, der noch auf seine Erfüllung wartet, entgegnete er „als ‚junger‘ Konzeptkünstler nicht belächelt zu werden“, eine Maßnahme, die da helfen würde, sei „eine Ausstellung in der Küppersmühle“.

Ob es also schon bald zu einem erneuten Wiedersehen im MKM kommt, bleibt spannend. Ein unterhaltsamer Abend mit kreativen Denkanstößen, neuen Erkenntnissen und viel guter Laune.

Biografie

Jean-Remy von Matt wurde 1952 in Brüssel geboren, wuchs in Zürich auf und lebt seit 1975 in Deutschland, heute in Berlin. Er verbrachte fast fünf Jahrzehnte als Kreativer in verschiedenen Werbeagenturen. 1991 gründete er mit seinem Partner, Holger Jung, die Agentur Jung von Matt, die bald zu deiner der größten unabhängigen Agenturen in Europa wurde. Ihre Agentur galt jahrzehntelang als die kreativste Deutschlands und war mehrfach „unabhängige Agentur des Jahres“ bei den Cannes Lions. Im Jahr 2020 begann er, sich mit konzeptioneller Kunst zu beschäftigen. Bald hatte er seien ersten Ausstellungen in Museen und Galerien. Seine bis heute bekanntesten Arbeiten, die in zahlreichen Publikationen besprochen wurden, sind seine Lebenszeit-Installationen, mit denen er unsere Vergänglichkeit sichtbar und damit bewusst macht. Bereits 2002 entwickelte Jean-Remy von Matt für sich eine Lebenszeituhr. Im Jahr 2022 präsentierte er dann seine erste Lebenszeitskulptur Carpe Vitam Clock. Als kreativer Kopf fasziniert ihn die gestaltbare Zukunft viel mehr als die bereits abgeschlossene Vergangenheit. Unsere Lebenserwartung ist eines seiner Lieblingsthemen. Die über 400 Werke der Ausstellung „passage“ aus verschiedenen Jahrzehnten und Werkgruppen bilden eine Passage durch das künstlerische Universum von Susan Hefuna. Sie bedient sich in ihren Ausdrucksformen eines breiten Spektrums von Medien, das von der Zeitung, Skulptur und Installation bis hin zu Video, Fotografie und Performance reicht.

Nähere Informationen: Museum für moderne Kunst Küppersmühle, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg, Telefon 0203 30194811, E- Mails: kasse@museum-kueppersmuehle.de (für Kasse und Information), buchung@museum-kueppersmuehle.de (für Buchung von Führungen und Workshops) und office@museum-kueppersmuehle.de (für Stornierungen und Fragen zu Tickets), Internet: www.museum-kueppersmuehle.de. Geöffnet ist von Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

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