Paulina Broekema über ihre Faszination für Zirkusakrobaten

Als Kolumnistin für Museumsmagazine teilt Pauline Broekema in jeder Ausgabe ihre persönlichen künstlerischen Beobachtungen. In dieser Kolumne aus der Ausgabe 8/2025 der Museumstijdschrift beschreibt sie, wie ein Besuch eines reisenden Zirkus in der Normandie sie zur beeindruckenden Zirkussammlung des Allard Pierson, einem überwiegend archäologisch ausgerichteten Museum der Universität von Amsterdam führt, wo auch Gemälde, Zeichnungen, Tausende von Plakaten, Büchern, Fotografien und andere besondere Stücke über das Phänomen Zirkus aufbewahrt werden.

Eine aufgeregte Stimme ertönt aus dem Tal. Das Soundauto fährt, so scheint es, auf das Meer zu, zum Kiesstrand. Dort ragen die beeindruckenden Klippen empor, die Kalksteinklippen, die Impressionisten wie Claude Monet und Berthe Morisot so sehr liebten. Der Mann im Auto macht am Boulevard eine Kehrtwende, kehrt zurück und verspricht uns eine spektakuläre Darbietung.Am nächsten Tag folgen wir den Plakaten und kommen in einem Dorf an. Der Zirkus hat sich an einem wahrhaft königlichen Ort niedergelassen. Das mittelgroße Zelt und die beeindruckende, leuchtend gelbe Flotte stehen auf einem Rasen gegenüber einer Burg, in der Kaiserin Elisabeth von Österreich, die legendäre Sisi, einst einen Sommer verbrachte.

Mit armen Tieren herumalbern“

Sofort überkommt mich Melancholie. Die klassischen Zirkusse wie Althoff, Boltini, Sarrasani, Renz, Krone… Ich habe sie als Kind besucht. Am Tag der Ankunft gingen wir, um uns die Bauarbeiten anzusehen. Ich bin an den Lastwagen mit wilden Tieren vorbeigelaufen. Eine Tradition ohne meine Mutter. Die Tiger hinter Gittern, die Kamele, die Elefanten im Stroh: Sie hasste es, ‚mit diesen armen Tieren herumzualbern‘. Meine Mutter war darin nicht wirklich ihrer Zeit voraus. Denn schon in den 1930-er Jahren gab es Proteste gegen diese Ausbeutung von Tieren, sagt Kuratorin Frederieke van Wijk vom Allard Pierson in Amsterdam.

Ich bin bei ihr, weil ich wieder von dem Phänomen in diesem Zirkuszelt in der Normandie fasziniert war. Diese Mini-Gesellschaft. Dieses reisende Dasein. Mitarbeiter, die eine Doppelrolle erfüllen. Denn wenn wir eine Aufführung besuchen und uns auf die Holzbank neben der Arena setzen, erkenne ich sofort die Stimme des Zirkusdirektors. Er ist der Mann des Soundautos. Und wir wurden zuvor am Eingang von einem alten Clown hereingelassen, der jetzt zwischen den Liedern leuchtende Spielzeug-Windmühlen verkauft.

Schwindelerregende Farben

Das Allard Pierson, das Museum und die Kulturerbe-Sammlungen der Universität Amsterdam, besitzt eine der größten Zirkussammlungen Europas und alles rund um das Phänomen: Gemälde, Zeichnungen, tausende Plakate, Bücher, Dokumentationen, Fotografien und besondere Objekte. Van Wijk zeigt mir das Depot. Auf dem Weg zu den Schränken mit den tausenden Plakaten kommen wir an einem Kleiderständer vorbei. Es gibt ein wunderschönes Kostüm, in dem die Pferdedompteurin Valesca Wilke (*1919 – +1999) einst auftrat. Sie wurde in einem Zirkuswagen geboren, war das Kind eines Seelöwenpflegers und eines Pferdetrainers. So läuft es oft. Der Beruf wird manchmal über viele Generationen hinweg weitergegeben. Ich konzentriere mich auf Luftakrobatik. Der Teil erinnert mich an das wunderbare Schwingen im Ring – der einzige Teil des Fitnessstudios, in dem ich früher besonders gut war. Van Wijk öffnet die Schubladen der Plakatschränke nacheinander. Allein das Allard Pierson besitzt 3500 verschiedene internationale Zirkusplakate des berühmten Lithografen und Verlegers Adolph Friedländer aus Berlin.

Wunderschöne Exemplare ziehen vorbei, in schwindelerregenden Farben. Und genau deshalb mag ich das in Blau und Weiß von 1911 so sehr. Die Werbung für die französische Luftakrobaten „Troupe Banola“ zeichnet sich durch ihre Schlichtheit aus und zwingt den Betrachter somit dazu, das ausgestellte Handwerk aufmerksam zu betrachten. Es ist ein Poster als Anweisung. Folgen Sie der gestrichelten Linie und sehen Sie etwas, an dem jahrelang herumgebastelt wurde. Sieh zu, wie der Poster-Ersteller die Zirkusnummer ehrfürchtig zeigt. Man sieht es geschehen. Wie der Akrobat Geschwindigkeit macht, sich in die Luft peitscht, nach dem zweiten Balken einen Doppelsalto macht, weiter schwebt und nach einer Reise über acht Meter sicher vom Fänger eingeholt wird.

Halb zerrissene Poster


Was haben sie durchgemacht, diese Zirkusakrobaten? Ich durchforste das Internet und finde Antworten. In einem schönen Gespräch skizziert der kanadische ehemalige Luftakrobat Rodleigh Stevens der kanadischen Schriftstellerin Carolyn Whitney-Brown, wie abhängig man voneinander ist: „Meter über dem Boden musst du darauf vertrauen, dass der ‚Fänger‘ zur richtigen Zeit seine Hände ausstreckt und dich, den ‚Flieger‘, sicher hereinbringt. Du legst dein Schicksal in seine Hände, wie es manchmal im Leben der Fall ist, und musst davon ausgehen, dass du sicher bist. Und nach einem Auftritt? Dann gibt es immer eine Bewertung. Ihr stellt euch gegenseitig Fragen: Ist etwas schiefgelaufen und was kann verbessert werden? Und danach? Dann setzt du deine Reise fort“, sagt Stevens.

Ein paar Tage nach unserem Zirkusbesuch sind wir wieder im Dorf. Hier und da gibt es immer noch ein halb zerrissenes Poster. Der Rasen ist leer. Nur ein gelber Fleck in der Mitte des Geländes erinnert uns an das, was dort war. Dass einst der Zirkus dort stand.

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