Mythische Kreaturen, die zurückbeißen – eine Rezension

Das Museum van Bommel van Dam in Venlo/NL wurde von Meerjungfrauen, Zyklopen, Riesen, Sphinxen und anderen Grenzfällen zwischen Mensch, Tier und Fantasie übernommen. In der Gruppenausstellung „Fantastische Kreaturen“, die dort noch bis zum 22. März zu sehen ist, erforschen Künstler aus den Niederlanden und aus mehreren anderen Ländern neue Bedeutungen dieser mythischen Figuren.

Mit dem ersten Werk setzt die Ausstellung sofort den Ton. „Medusa“ (2022) von Susanna Inglada (*1983) ist ein monumentales, wirbelndes Textilwerk, dem man nicht entkommen kann. Inglada zeigt kein bedrohliches Monster, sondern einen weichen, gequälten Körper, aus dem blaue und grüne Tränen fließen. Die mythische Figur – von Poseidon vergewaltigt und von Athene bestraft – erscheint hier als Opfer statt als Monster. Inglada kehrt die Perspektive des Mythos um: Wer wurde hier tatsächlich zu einem Monster gemacht und von wem?

In den Werken von Nina van de Ven (*1988) erscheinen menschlich-tierische Figuren in Pastell- und Holzkohlefarben mit Lederhandschuhen, Hüten sowie Haut und Kleidung voller Tiermotive. Die Zeichnungen erinnern gleichzeitig an mittelalterliche Marginalien, ägyptische Reliefs und Comics. In dieser Vielzahl von Bildsprachen gelingt es Van de Ven, einen erkennbaren Stil in Schwarz-Weiß zu schaffen. Die Bedeutungen ihrer Zeichnungen sind nicht eindeutig. Das erinnert an die Entstehung von Bildern, die ständig neue Bedeutungen annehmen.

Die Arbeit „Inkanyamba“ (2021) von Buhlebezwe Siwani (*1987) ist eine malerische Leinwand, die aus einer goldenen Unterlage besteht, auf der eine Mischung aus billiger Seife, grünen Pigmenten und Harz gegossen wurde – eine Anspielung auf Reinigungsmittel, die von schwarzen Frauen in weißen südafrikanischen Haushalten verwendet werden. Die abstrakten Formen, besonders im Kontext der Ausstellung, wirken fast animalisch. Materielle Spuren und spirituelle Vorschläge drücken aus, wie koloniale Geschichte, Traditionen und persönliche Erfahrungen miteinander verflochten sind.

Eine vergessene Quelle

Unter allen zeitgenössischen Werken taucht ein historischer Name auf: Marianne van der Heijden (*1922 +1998). Ihre gemalten Radierungen aus den achtziger Jahren aus der eigenen Sammlung des Museums sind die Inspirationsquelle für die Ausstellung. Obwohl sie über vierzig Jahre alt sind, wirken sie überraschend frisch – Hybridfiguren, scheinbar lässig gezeichnet und leicht im Ton. Ihre Figuren scheinen ebenso sehr aus einer Kindergeschichte hervorgegangen zu sein wie aus Van der Heijdens eigener Suche nach Identität und Glauben. Die Frage ist immer, wie die Realität mit unserer Vorstellungskraft zusammenhängt oder sie sogar mythologisiert.

Der Klang, der subtil durch den Saal schwebt, entpuppt sich als „Grosse fatigue“(2013) von Camille Henrot (1978). Das Video – das 2013 in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde – zeigt Computerfenster, Archive, Tiere, Galaxien, Museumsvitrinen und Wikipedia-Seiten in einer fieberhaften Montage. Eine Stimme zählt Schöpfungsgeschichten und biologische Fakten auf, als würde alles auf denselben Schreibtisch passen. Der Film deutet auf eine Art zeitgenössische Mythologie hin: Unsere Zeit ist nicht durch eine einzige Geschichte geprägt, sondern durch eine Fülle von Geschichten, so gleichwertig wie verwirrend.

Ornamente und Tierformen

In mehreren Werken erscheinen Tiere als dekorative Motive, kombiniert mit anderen Elementen. Das Tier als Dekoration ist ein erkennbares Phänomen in einer Welt, in der echte Tiere kaum noch physisch um uns herum sind. Dies steht in starkem Gegensatz zu Angry animals“ (2024) von Hella Jongerius (*1963). In ihren Keramiktierköpfen erhalten Tiere eine ‚Stimme‘. Es handelt sich um Skulpturen, die ihre Funktion als Utensilien verloren haben und daher jegliche Form von Knechtschaft ablehnen. Sie scheinen zurückzublicken oder zurückzubeißen.

Eine klare historische Perspektive stammt von María Sosa (*1985) mit ihrer mehr als fünf Meter breiten Installation „Los monstruos no vivían aquí“ (2020). Sie basiert auf mittelalterlichen Weltkarten, auf denen unbekanntes Gebiet von Monstern bewohnt wurde. Sosa kehrt die Perspektive um: Es waren nicht die seltsamen Kreaturen, die gefährlich waren, sondern die Entdecker selbst. Das wahre Monster könnte derjenige sein, der die Karte zeichnet.

Trotz ihres mythologischen Themas ist „Fantastische Kreaturen“ keine historische oder bombastische Ausstellung. Die Werke werden sorgfältig und oft bescheiden präsentiert. Wenn man langsam hinschaut, sieht man, wie Mythen sich mit Fragen zu Geschlecht, Arbeit, Kolonialismus und der Art und Weise vermischen, wie Bilder Macht ausüben, zum Beispiel auf andere Tiere. Das Fantastische hier entpuppt sich nicht als Flucht aus der Realität, sondern als eine Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie wir sie ordnen wollen. (von Bas Blaasse, erschienen in der neuen Ausgabe der Museumstijdschrift)

Nähere Informationen: Museum van Bommel van Dam. Keulsepoort 1, 5911 BX Venlo, Telefon: +31(0)77 3513457, E-Mail: info@vanbommelvandam.nl

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