Eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Swinging Nordhorn – Jugend in einer Kleinstadt im Grünen“ wird am Samstag, 14. Februar, ab 20 Uhr im Saal 2 der Alten Weberei in Nordhorn der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie besteht aus 14 großformatigen Collagen über eine Jugend zwischen Rock´n Roll, Pop, Mode, Kino, Festivals und Protest.
Als prominenter Gast konnte der ESC-Kommentator und NDR-Musikjournalist Peter Urban gewonnen werden, der aus seinem Buch „On Air – Erinnerung an ein Leben mit der Musik“ vorlesen wird. Im Anschluss gibt es Live-Musik mit Frank Stehle & Friends featuring Peter Urban. Gespielt werden Coverversionen aus den 1960-ern, 1970-ern und 1980-ern.
Veranstalter ist der Förderverein Kulturzentrum Alte Weberei.
Eigene Erinnerungen
Wenn ich mich an meine Jugend in Nordhorn erinnere, gibt es einige zentrale Eckpunkte, die auch viele meiner Altersgenossen geprägt haben. Womit könnte ich anfangen? Vielleicht mit meinen ersten Konzert-Erlebnissen, die ich im Konzert- und Theatersaal hatte: „Birth Control“ und „Floh de Cologne“. Gegensätzlicher hätte deren beider Musik kaum sein können: Zum einen dynamischer und hypnotischer Krautrock mit vielen Soloeinlagen, zum anderen mit Jazz vermischter Politrock, kombiniert mit kabarettistischen Einlagen im Geiste der APO und nachfolgend der DKP und damit ideologisch eins zu eins einem dialektisch-marxistischen Weltbild verpflichtet. Gehört beziehungsweise gelesen hatte ich von der Gruppe in der Konkret, einer Zeitschrift für Politik und Kultur mit weit links stehenden Positionen, die auch heute noch existiert. Ob ich damals den ideologischen Überbau verstanden habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht hatte es mich einfach nur gereizt, bei einer Veranstaltung dabei zu sein, die wegen ihrer politischen Ausrichtung schon den Hauch des Verbotenen hatte.
Eine weitere Veranstaltung dieser Art war ein Filmabend der DKP in einem gemieteten Raum des damaligen Bahnhofrestaurants. Gezeigt wurde „Nackt unter Wölfen“. Basierend auf dem Roman von Bruno Apitz drehte der bekannte Regisseur Frank Beyer den gleichnamigen Film, der vom Ende des Dritten Reiches im Konzentrationslager Buchenwald handelt. Im Mittelpunkt steht ein dreijähriges Kind, das von den Gefangenen versteckt wird, um es vor den Schergen des Naziregimes zu schützen, die es ermordet hätten, wenn sie es entdeckt hätten. Als ich mir mit den anderen den Film anguckte, fühlte ich mich wie das Mitglied einer verschworenen kleinen Gemeinschaft.
Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ich mich schon früh für Politik interessierte und auf der Suche nach politischer Orientierung war. Ich sah mich politisch auf der linken Seite, ohne allerdings eine ideologisch gefestigte Einstellung zu haben. Die Ereignisse, die einen damals prägten: die Taten der RAF, der Kampf des Staates gegen diese und die damit verbundenen Folgen wie politisch erregte Diskussionen, die Rasterfahndung, die dadurch entstandene Angst vor einem übermächtigen Staat, die Atomkraft und die Angst vor deren Nutzung, die Beschäftigung mit der damals sogenannten Dritten Welt, angeregt durch die auch in der Grafschaft Bentheim entstandenen Dritte Welt-Läden, und der Konflikt zwischen Ost und West, der unter anderem durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) entschärft werden sollte. Direkt vor Ort beschäftigte die Menschen neben dem Kernkraftwerk in Lingen auch noch der von der Royal Air Force genutzte Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range, gegen den immer wieder protestiert wurde – sogar mit Schulstreiks.
Von Interesse waren für mich aber nicht nur die großen politischen Themen, sondern auch die Musik. Und da darf ein Name nicht fehlen: Georgies. Der leider heute nicht mehr existierende Laden war ein Kultort. Fast wöchentlich oder noch öfters stöberte ich dort nach LPs, die ich, bevor ich mir eine eigene Plattensammlung zulegte, bei meinem viel zu früh verstorbenen Vetter Michael gesehen und gehört hatte. In seinem vom Rest des großen Elternhauses meiner Mutter etwas abgetrennten Zimmer im früheren Dachboden hörte ich über eine Anlage höchster Qualität alles, was damals Rang und Namen hatte: die Rolling Stones, Deep Purple, Pink Floyd, Santana, Crosby Stills Nash & Young, Yes, Uria Heep, Mike Oldfield und auch schon Vertreter der damals im Kommen begriffenen Krautrock-Musik wie Wallenstein, Birth Control, Frumpy und manche mehr. Es gab aber nicht nur Rock zu hören, sondern auch Klassik. Was mir von damals noch in Erinnerung ist: die Vier Jahreszeiten von Vivaldi, die Brandenburgischen Konzerte von Bach und Toccata & Fuge – ebenfalls von Bach.
Neben der Musik faszinierten mich auch Bücher, ebenfalls beeinflusst von meinem äußerst belesenen Vetter Michael. Einer der Klassiker damals: Hermann Hesse. Obwohl schon 1962 verstorben, war er einer der Kultautoren vieler Jugendlichen meiner Generation. Seine Werke wie Demian, Unterm Rad und vor allem Der Steppenwolf trafen den Nerv. Das Aufbegehren gegen überkommene Autoritäten und die Sinnsuche vor dem Hintergrund einer vom Konsum und Materialismus geprägten Gesellschaft bestimmten das Denken der Heranwachsenden.
Nicht fehlen darf bei diesen Erinnerungen an eine Jugend in Nordhorn das Jugendzentrum. Dort kam ich erst im Alter von 17 oder 18 Jahren hin. Der Grund: Bis dahin kannte ich keinen, der dort hinging. Erst durch einen ehemaligen Freund lernte ich das Jugendzentrum kennen und war sofort begeistert. Dort wurde die Musik gespielt, die ich hörte, und dort waren auch die Leute, mit denen man politisch auf einer Wellenlänge war und mit denen man auch andere Interessen wie Musik und Literatur teilte. Legendär noch immer: die Discos am Mittwoch und am Wochenende in der zumeist proppenvollen Tenne, die anfangs nur bis 23 Uhr liefen. Später kam noch die Scheune dazu, um dem Besucherstrom gerecht zu werden. Neben der Disco gab es im Jugendzentrum auch viele unvergessliche Konzerte mit Herman Brood, The Touch mit Terence Trent D´Arby als Sänger, Cuby & The Blizards und später Rausch, Abwärts, Reamonn mit Ray Garvey als Frontmann, H-Blockx, Rammstein (tatsächlich) und vielen vielen mehr. Das waren noch Zeiten.
Ich könnte vermutlich noch viel mehr aus dieser Zeit erzählen, wollte mich aber nur auf die Punkte beziehen, die wohl viele meiner Generation gemein haben. Und ich freue mich auf die Eröffnung der Ausstellung.