Etwa 70 Prozent der Erdoberfläche ist mit Wasser bedeckt, davon sind 96,5 Prozent Meerwasser. Müsste die Erde nicht eigentlich „Planet Wasser“ heißen? Die Weltmeere gelten als der Ursprung allen Lebens auf der Erde. Sie bieten Rohstoffe, Energie, Nahrung, Transportwege und funktionieren als Klimamaschine. Die kulturhistorische und immersive Ausstellung Expedition Weltmeere, die noch bis zum 6. April in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen ist, beleuchtet nicht nur die „oberflächliche“ Beziehung zwischen Mensch und Meer, sondern taucht auch in die geheimnisvollen submarinen Gefilde ein.
Bereits seit 4000 Jahren nutzen Menschen die Wasserwege als globalen Highway, deshalb mutet es geradezu paradox an, dass wir heute über die Oberflächen von Mond und Mars mehr wissen als über die Weltmeere, deren Tiefen lediglich zu fünf Prozent erforscht sind. Die Weltmeere waren stets imaginäre Räume, die Sehnsüchte weckten, Fantasie anregten, aber auch Ängste schürten. Seit jeher spielten sie beim Austausch zwischen Völkern und Kontinenten eine Schlüsselrolle: Waren, Ideen und Religionen verbreiteten sich immer auch auf dem Seeweg. Die Meere wurden auf der Suche nach Siedlungsmöglichkeiten, nach Gold, Gewürzen und neuen Wissensquellen überquert. So entstanden in einem jahrhundertelangen Prozess von Interaktionen vielfältige Verbindungen und Netzwerke rund um den Globus.
Bereits in der Frühzeit war die Seefahrt ein Mittel ökonomischer und machtpolitischer Expansion: Wer die Meere beherrschte, hatte auch am Land das Sagen. Der beschämendste Aspekt dieses transkontinentalen Strebens nach Macht und Reichtum war der Handel mit versklavten Menschen aus Afrika (15. bis 19. Jahrhundert), deren Schwerstarbeit den Wohlstand Europas und der Vereinigten Staaten von Amerika überhaupt erst ermöglichte. Die Ozeane und Meere sind der größte zusammenhängende Lebensraum unseres Planeten. Da sie Wärme und CO2 in großen Mengen speichern, haben sie maßgeblichen Einfluss auf Wetter und Klima. Umgekehrt nehmen sie und ihre Ökosysteme durch die Auswirkungen des Klimawandels erheblichen Schaden. Auch Überfischung, industrielle Nutzung, intensiver Schiffsverkehr und die anthropogene Verschmutzung drohen die faszinierende Vielfalt der Weltmeere zu vernichten.
Zu den Zielen der 2021 gestarteten UN-Ozeandekade gehört neben Maßnahmen zum Schutz der Meere auch das Bestreben, das Wissen über die Ozeane zu verbreiten und stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Das Thema Weltmeere bietet unzählige Betrachtungsperspektiven und Zugänge. Die Ausstellung Expedition Weltmeere richtet den Fokus auf das lustvolle Erforschen und Erkunden unterschiedlicher Facetten der marinen Welten, deren Transformationsprozesse sowie die vielfältigen kulturellen Beziehungen zwischen Mensch und Meer. Sie hebt die Schönheit der rätselhaften Lebensräume unter Wasser hervor und weist gleichzeitig hin auf ihre Bedrohung durch Verschmutzung, Lärm, Übernutzung mariner Ressourcen und den vom Menschen verursachten Klimawandel.
Die Ausstellung konzentriert sich auf drei große Themenschwerpunkte: Die Tiefsee mit ihren rätselhaften Lebenswelten und dem fragilen Ökosystem, die Weltmeere als umkämpfter Wirtschaftsraum und Grundlage der Globalisierung und schließlich die Weltmeere als Sehnsuchtsort und Transferraum für Menschen und Ideen. Diese geheimnisvollen Gefilde waren schon immer eine Inspirationsquelle für Fantasie und Kreativität: Neben Originalobjekten aus Natur, Wissenschaft und Technik führen historische wie zeitgenössische Kunstwerke die gefährdete Schönheit der marinen Flora und Fauna vor Augen und animieren zum Nachdenken über die wechselvolle Beziehung zwischen Mensch und Meer.
Die beiden immersiven Stationen in der Ausstellung, Der Fahrstuhl in die Tiefsee und Die Unterwasserstation, vermitteln neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in einem zeitgemäßen Format. Bei der Station Der Fahrstuhl in die Tiefsee sind Assoziationen mit der Nautilus, dem berühmten Unterwasserboot des Kapitän Nemo, durchaus naheliegend. Der Fahrstuhl wurde als eine Kabine für mehrere Personen konzipiert, deren „Fenster“ aus großen Monitoren bestehen, auf denen auf acht „Etagen“ die dort lebende Meeresflora und -fauna in Originalaufnahmen zu sehen sind. Die Unterwasserstation erzählt die Geschichte der Endurance, des vermutlich berühmtesten Expeditionsschiffs der Wissenschaftsgeschichte, mit dem der Polarforscher Ernest Shackleton 1914 zu seiner Trans-Antarktis Expedition aufbrach. Das Schiff sank 1915, ohne sein Ziel zu erreichen, sein Wrack wurde erst 2022 in 3008 Metern Tiefe entdeckt – eine weltweite Sensation. Die realitätsnah gestaltete Unterwasserstation bietet den Ausgangspunkt für die Erkundung des Wracks der Endurance auf dem Meeresboden.
Ausstellungstexte
Die Weltmeere sind der Ursprung allen Lebens auf der Erde. Sie bilden das größte zusammenhängende Ökosystem auf unserem Planeten und sind Lebensraum für geschätzt mehr als zwei Millionen Arten. Für unser Leben sind sie unentbehrlich als Klimaregulator und Sauerstoffproduzent. Sie liefern Nahrung, Rohstoffe und Energie. Und obwohl sie etwa 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, wissen wir mehr über Mond und Mars als über die Weltmeere. Unsere Ausstellung taucht in diese geheimnisvollen submarinen Gefilde ein und beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Meer. Im Mittelpunkt stehen das Erforschen und Erkunden der marinen Welten. Wir feiern ihre Bedeutung und ihre Schönheit und verweisen gleichzeitig auf ihre Gefährdung. Wir präsentieren die Weltmeere als Wirtschaftsräume und Transferzonen für Menschen, Waren und Ideen. Und wir erzählen von den Ozeanen als Quelle kreativer Fantasie und der Abenteuerlust sowie als Ursprung tiefer Ängste gleichermaßen. In der Mitte der von den Vereinten Nationen 2021 ausgerufenen Dekade der Ozeane und im Jahr der Nachhaltigkeit in der Bundeskunsthalle will die Ausstellung das Wissen über die Weltmeere und ihre existenzielle Bedeutung stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.
Der Blaue Planet
Vom Weltall aus betrachtet, erscheint die Erdkugel in einem kräftigen Blau. Das liegt an der Größe der Ozeane, die zirka 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken. Seit der Mensch sich aufgemacht hat, die Ozeane zu erobern, nutzt und erforscht er sie, bedroht aber auch deren Existenz. Um sich auf See zu orientieren, sind Schiffe auf Navigationsinstrumente und Karten angewiesen. Früher mussten die Seeleute ihren Weg mit Hilfe der Gestirne finden, um anhand der Position der Himmelskörper den eigenen Standort zu bestimmen. Heute vertrauen sie auf moderne Techniken wie Radar und GPS. Trotz ihrer riesigen Ausdehnung sind die Unterwasserwelten immer noch wenig erforscht. Dabei sind die vielfältigen marinen Lebensräume mit ihrem überwältigenden Reichtum an Flora und Fauna nicht nur der Ursprung allen Lebens auf unserem Planeten, sondern auch ein Reich voller Wunder und Rätsel. Doch die Ozeane sind zunehmend bedroht. Das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde leidet unter menschengemachten Problemen wie Lärm, Vermüllung, Übernutzung mariner Ressourcen und Klimawandel.
Die Kunst der Navigation
Solange es die Seefahrt gibt, nutzten Menschen Hilfsmittel, um sich auf dem Meer zu orientieren. Zunächst waren es die Sterne, der Sonnenstand und die Küstennavigation. Seit dem Mittelalter gehörten das Astrolabium, der Kompass sowie Portolankarten mit ihren Seerouten zur Grundausstattung der Schiffe. Die Erfindung des Sextanten und des Chronometers zur Bestimmung der Breiten- und Längengrade im 18. Jahrhundert machte, zusammen mit den ersten wissenschaftlichen Weltkarten, eine präzise Navigation möglich. Im Zuge der ersten großen Expeditionen erfolgte schließlich im 19. Jahrhundert die Kartierung der Meeresfläche und die Tiefenmessung. In der heutigen Navigation, die für die Sicherheit und die Erforschung der Weltmeere unverzichtbar ist, werden traditionelle und moderne Methoden wie Radar, Echolot und GPS verwendet.
Unterwasserwelten
„Die vielleicht größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts über den Ozean war die Entdeckung des Ausmaßes unserer Unwissenheit“, stellt Sylvia Earl, eine der weltweit führenden Meeresforscherinnen, ernüchtert fest. Zwar haben die meereskundlichen Expeditionen seit dem 19. Jahrhundert das Wissen über die Unterwasserwelten erweitert, doch die Weltmeere sind heute in ihrer Gesamtheit lediglich zu fünf Prozent erforscht. Die gerade stattfindende technologische Revolution bietet neue Möglichkeiten, diese unbekannten Welten zu ergründen. Dabei stellt sich heraus, dass das Leben in den Meeren genauso bunt und vielfältig ist wie auf dem Festland. Die abwechslungsreichen Geländeformationen und mehr als zwei Millionen Arten stehen für die schier grenzenlose Vielfalt des marinen Lebensraums. Diese geheimnisvollen Gefilde sind seit jeher auch eine ergiebige Inspirationsquelle für die menschliche Fantasie und Kreativität.
Bedrohte Lebensräume
Die Ozeane geraten zunehmend aus der Balance. Das größte zusammenhängende Ökosystem auf unserem Planeten leidet unter den von Menschen verursachten Schäden wie Lärm, Vermüllung, Übernutzung mariner Ressourcen und Klimawandel. Insbesondere die Erwärmung der Meere bedroht die Lebensräume zahlreicher Meeresbewohner. Durch die Aufnahme von Kohlendioxid und die Vermischung des Treibhausgases mit dem Wasser versauern die Ozeane. Die jüngsten Messungen am Great Barrier Reef vor der Küste Australiens belegen, dass die Schäden durch die Korallenbleiche ein Rekordausmaß erreicht haben. Eine weitere Gefahr stellen die zirka 150 Millionen Tonnen Plastikmüll dar, die in den Ozeanen treiben und sich in fünf riesigen Müllstrudeln sammeln.Die nicht abbaubaren Mikroplastikpartikel dringen in alle Meeresregionen vor und gefährden hunderte von Tierarten, die das Plastik mit ihrer Nahrung aufnehmen.
Die Globalisierung der Weltmeere
Seit jeher spielten die Weltmeere beim Austausch zwischen Völkern und Kontinenten eine Schlüsselrolle. Man überquerte sie auf der Suche nach neuen Siedlungsmöglichkeiten, Rohstoffen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. So entstanden bereits in der Frühzeit vielfältige Verbindungen und Netzwerke rund um den Globus. Die Weltmeere waren auch immer, spätestens jedoch seit dem Beginn der Globalisierung im 15. Jahrhundert, ein umkämpfter Wirtschaftsraum und Schauplatz des Strebens nach Macht und Reichtum, an dem alle seefahrenden Nationen beteiligt waren. Heute sind die Meere das Rückgrat der globalen Wirtschaft. Zunehmend wurden die Ozeane in die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Systeme eingebunden. Heute betrachtet man sie nicht nur als geografische Räume, sondern als Orte vielfältiger Interaktionen, die internationale Regelungen und Kontrollen erfordern. Die globale Vernetzung und zunehmende menschliche Nutzung der Meere führen zu bedrohlichen ökologischen Problemen. Auch hier ist internationale Zusammenarbeit erforderlich, um eine nachhaltige Nutzung ihrer Ressourcen sicherzustellen.
Ozeane im Austausch
Seit Tausenden von Jahren existierten auf den Ozeanen zahlreiche Seewege und Netzwerke, und auch untereinander waren die Weltmeere stets verbunden. Das 15. und 16. Jahrhundert markiert jedoch einen großen Umbruch. Die damaligen europäischen Versuche, auf dem Seeweg nach Indien zu gelangen, führten zu Entdeckungen, die die Weltmeere auf eine neue Art und Weise miteinander verknüpften. Von nun an zogen sich neue Seerouten kreuz und quer über die Ozeane, und zwischen den Kontinenten wurde ein Schiffsverkehr mit einem weltweiten Austausch von Waren, Menschen, Tieren und Pflanzen etabliert. Die Erschließung neuer Seewege ging mit dem Beginn der Kolonisierung und Besiedlung der neu entdeckten Territorien durch Europäer einher. Diese Expansionspolitik auf den Weltmeeren setzte sich auch nach dem so genannten „Entdeckerzeitalter“ fort.
Globale Handelsrouten
Maritime Handelsrouten waren seit jeher Achsen des wirtschaftlichen und kulturellen Austauschs zwischen Regionen und Kontinenten. Im 16. Jahrhundert gelang es den europäischen Kolonialmächten mit nautischen und logistischen Kenntnissen, aber auch mit Waffengewalt, die Grundlage für ein weltumspannendes maritimes Handelsnetzwerk zu schaffen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit der Einführung der Dampfschiffe ein neues Zeitalter. Diese schnellere und zuverlässigere Transportmöglichkeit wirkte sich auch auf die Weltwirtschaft aus. Heute werden ca. 90 % des internationalen Güterverkehrs auf dem Seeweg abgewickelt. Möglich machte dies die Erfindung des standardisierten Containers 1956. Die einfache wie geniale Idee, Waren nicht einzeln als Stückgut, sondern gebündelt zu transportieren, revolutionierte den Welthandel und wurde zum Symbol der Globalisierung.
Profit um jeden Preis ‒ Der transatlantische Sklavenhandel
Der europäische Sklavenhandel zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert stellt eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Es wirkt bis heute in allen Teilen der Welt nach. Die Kolonialmächte zwangen zirka 13 Millionen Afrikaner in die Sklaverei, um sie auf den profitbringenden Plantagen in der neuen Welt als praktisch kostenlose Arbeitskräfte einzusetzen. Neben Waren wie Gold, Gewürze, Zucker, Tabak und Baumwolle wurde auch die Handelsware Mensch transportiert. Aus verschleppten Menschen wurden „Sklaven“, denen man alle Rechte und jegliche Humanität absprach. Die Überfahrt fand unter menschenunwürdigen Bedingungen auf speziell für diesen Zweck umgebauten und ausgerüsteten Sklavenschiffen statt. Mehr als 1,8 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Erst mit der Sklavenbefreiung in den USA 1865 endete die institutionell legitimierte Sklaverei in den Industrienationen.
Weltmeere als Ressource: Fischerei
Seit Jahrzehnten schrumpfen die Fischbestände in den Weltmeeren. Die Ursachen liegen in der industriellen Fischerei mit großen Fangflotten und moderner Technik, aber auch im illegalen Fischfang, fehlenden Kontrollen, hohen Fischkonsum und Aquakulturen. Die Folgen der Überfischung sind dramatisch: Die Fischpopulationen brechen zusammen, marine Ökosystem werden durch den Einsatz von Schleppnetzen zerstört oder geraten ins Ungleichgewicht, und viele Menschen verlieren dadurch ihre Lebensgrundlage. Die Lösungen im Kampf gegen die Überfischung sind bekannt: eine nachhaltige Fischerei mit festgelegten Höchstfangquoten und Schutzzeiten sowie marine Schutzgebiete, in denen gar nicht oder nur eingeschränkt gefischt werden darf. Aber auch ein verändertes Verhalten der Verbraucher, weniger oder bewusster Fisch zu konsumieren und dabei auf Zertifizierungen wie das MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) zu achten, ist wichtig.
Weltmeere als Ressource: Rohstoffe
Neben der Öl- und Gasgewinnung aus dem Meeresboden, die mittlerweile ein Drittel der weltweiten Förderung ausmacht, sind es die mineralischen Rohstoffe aus der Tiefsee, die eine zentrale Rolle für die Zukunft spielen. Denn Manganknollen, Massivsulfide und Kobaltkrusten liefern wertvolle Metalle und seltene Erden für moderne Technologien. Diese Rohstoffe, die auf dem Meeresboden jenseits der nationalen Hoheitsgebiete (mehr als 200 Seemeilen vor der Küste) zu finden sind, werden im Internationalen Seerechts übereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 als das „gemeinsame Erbe der Menschheit“ bezeichnet. Ihr kommerzieller Abbau hat noch nicht begonnen und ist hoch umstritten. Er ist nur mit der Genehmigung der Internationalen Meeresbodenbehörde möglich, die entsprechende Lizenzen vergibt und verhindern soll, dass nur reiche Industrienationen oder Konzerne von den Rohstoffen profitieren.
Schutz der Meere
„Wir müssen die Ozeane retten, wenn wir uns selbst retten wollen“, erklärte die Seerechtsexpertin, Ökologin und Publizistin Elisabeth Mann Borgese (Anm.: Bekannt wurde die Tochter von Thomas Mann durch den Dokumentarfilm „Die Manns“ von Heinrich Breloer) bereits in den 1960er-Jahren. Heute ist die Bedrohung für die Weltmeere und somit für unsere gesamte Lebensgrundlage durch Verschmutzung, Lärm, Übernutzung mariner Ressourcen und den vom Menschen verursachten Klimawandel mehr als dramatisch. Die im Jahr 2021 gestartete Ozeandekade der Vereinten Nationen hat sich daher zum Ziel gesetzt, durch gemeinsame Forschungsprojekte, Handlungsstrategien und Informa tionskampagnen bis 2030 einen gesunden und nachhaltig bewirtschafteten Ozean zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss auch das Wissen über den Ozean und seine massive Gefährdung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Gerade jetzt, in Zeiten der geopolitischen Krise ist der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, NGOs und Zivilgesellschaft von höchster Bedeutung.
Ozeane als Transferraum für Menschen und Ideen
Die Beziehung zwischen Mensch und Meer ist so alt wie die Menschheit selbst. Sie ist von dem Wunsch geprägt, die grenzenlosen Weiten der Ozeane zu erkunden und zu erschließen. So entwickelten sich die Weltmeere zu einer Transferzone, deren Passagen auch für unterschiedliche Migrationsbewegungen offenstehen. Die Beweggründe hierfür sind vielfältig: Politische und religiöse Motive, Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche und soziale Zukunft haben Millionen Menschen auf die Reise geschickt. Mit den Menschen reisten auch Ideen zu neuen Ufern. Die Hafenstädte entwickelten sich zu Informationsbörsen und Umschlagplätzen für Nachrichten aus aller Welt. Ob die Ideale der Französischen Revolution oder die vibrierenden Tanzrhythmen der afrikanischen Diaspora – sie alle verbreiteten sich ebenfalls übers Meer. Die menschliche Wahrnehmung des Meeres wurzelt in einem Spannungsfeld zwischen Wissensaneignung und der Sehnsucht nach dem Unbekannten. Seit der Frühzeit befeuerten die Mythen über mächtige Seegottheiten und furchterregende Ungeheuer in den Meerestiefen Abenteuerlust und Fantasie der Menschen gleichermaßen.
Migration übers Meer
Die Migration über das Meer hat viele Facetten: Die Beweggründe der Menschen reichen von freiwilliger Auswanderung bis zur lebensrettenden Flucht. Schon in prähistorischer Zeit migrierten Menschen über die Weltmeere. So begann die polynesische Besiedlung hunderter von Inseln im Pazifik bereits um 1500 v. Chr. Der Atlantik erlebte eine erste große Migrationswelle im späten 15. Jahrhundert. Sie brachte Europäer, vor allem aber Millionen von versklavten Menschen aus Afrika nach Amerika. Eine weitere Migrationswelle folgte im 19. Jahrhundert, als schätzungsweise mehr als 50 Millionen Menschen aus Europa nach Nord- und Südamerika auswanderten. Die Hauptursachen hierfür waren wirtschaftliche Not, politische Umbrüche und religiöse Verfolgung. Diese Motive bedingen bis heute die Migration über die Meere auf der ganzen Welt. Neben Krieg, Armut und Verfolgung gehört mittlerweile auch der Klimawandel dazu.
Transatlantischer Ideentransfer – Die Haitianische Revolution
Im 18. Jahrhundert entwickelten sich die Hafenstädte der europäischen Kolonien in der Karibik zu bedeutenden Knotenpunkten eines weitgespannten Informationsnetzes. So verbreiteten sich die Ideale der Französischen Revolution von 1789 auch über den Seeweg. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte weckte Hoffnungen bei vielen versklavten Menschen, die auf den Zuckerrohrplantagen der französischen Kolonie Saint-Domingue Schwerstarbeit leisteten. Doch eine Abschaffung der Sklaverei in Übersee war nicht vorgesehen. 1791 erhoben sich Tausende Sklaven gegen die Plantagenbesitzer. Nach einem brutalen Bürgerkrieg riefen die siegreichen Aufständischen am 1. Januar 1804 den ersten und einzigen von ehemaligen Sklaven gegründeten Staat der Weltgeschichte aus. In Anlehnung an den ursprünglichen indigenen Namen der Insel hieß er fortan Haiti.
Sagen, Mythen, Abenteuer
In allen Kulturen gibt es Sagen, Mythen und Legenden, die von in den Meeren lebenden furchteinflößenden Wesen erzählen. Diese Meeresungeheuer beschäftigen seit alters die Fantasie der Menschen: Sie sind riesengroß, bringen Schiffe zum Kentern und töten Menschen. Sie verkörpern eine zerstörerische Macht, während die Meeresgottheiten das Meer, seine Bewohner und die Naturgewalten repräsentieren. Götter wie Poseidon oder Triton gehören der antiken Mythologie an, in vielen außereuropäischen Kulturen spielen Meeresgottheiten wie die nordische Sedna jedoch nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Vorstellung von geheimnisvollen „ozeanischen Mächten“ hat auch in der modernen Welt nichts von ihrer Faszination verloren. Doch bereits Jules Verne zeigte, dass die Tiefsee kein Ort des Schreckens, sondern der Entdeckung ist, und inspirierte so Genera tionen von Forschenden, die Unterwasserwelten zu erkunden.
635 Tage im Eis – Die British Imperial Trans-Antarctic Expedition von Ernest Shackleton
Angetrieben von dem Ziel, als erster den antarktischen Kontinent zu durchqueren, bricht der Polarforscher Ernest Shackleton (1874–1922) am 8. August 1914 zu seiner Antarktis-Expedition auf. Doch sein Schiff, die Endurance, erreicht den Eiskontinent nie. Wenige Seemeilen vor dem Ziel bleiben Shackleton und seine 28-köpfige Besatzung im Packeis stecken. Von den Eismassen eingeschlossen und schließlich zerquetscht, sinkt ihr Schiff im November 1915. Es folgt eine der dramatischten Rettungsaktionen der Forschungsgeschichte, die im August 1916 ein glückliches Ende findet. 10 Mehr als 100 Jahre später macht sich der Unterwasserarchäologe Mensun Bound mit seinem hochspezialisierten Team auf die Suche nach der Endurance. Am 5. März 2022 ist die Sensation perfekt – das Sonarbild des nahezu unzerstörten Wracks geht um die Welt.
Publikation
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation Expedition Weltmeere. Magazin zur Ausstellung. Herausgeber ist die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Mit über 40 Beiträgen aus Wissenschaft und Kunst von David Barrie, Daniela Baumann, Rachel L. Carson, Katharina Chrubasik, Volker Dehs, André Freiwald, Rainer Froese, Amitav Gosh, Gerd Hoffmann-Wieck, Florian Huber, Andrea Koschinsky, Mark Lenz, Agnieszka Lulińska , Olaus Magnus, Ina Makosi, Nele Matz-Lück, Alexander Meier-Dörzenbach, Katja Mintenbeck, Maike Nicolai, Martin Papirowski, Grischka Petri, Henriette Pleiger, Heike Raphael-Hernandez, Iris Schröder, Felix Schürmann, Simon Schwartz, Julia Sigwart, Dava Sobel, Christiane Stahl, Solvin Zankl, darunter Interviews mit Antje Boetius, Mensun Bound, Boris Herrmann und Katja Matthes Umfang und Format Broschur, 21 x 29,7 cm 194 Seiten, 190 farbige Abbildungen Deutsche Ausgabe Hirmer Verlag, München Preis: 19,90 Euro, Buchhandelspreis: 25 Euro.
Nähere Informationen: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Museumsmeile Bonn, Helmut-Kohl-Allee 4, 53113 Bonn, Telefon: +49 228 9171-200, Fax: +49 228 234154, E-Mail: info@bundeskunsthalle.de