Nicht die Caine war sein Schicksal – aus der Bahn geworfen und dann?

„Das Schicksal schläft nie. Es lauert hellwach in jedem Moment. In uns selbst. Unbemerkt führt es uns durch die ebenen Täler der Sorglosigkeit, nur um dann geduldig zu warten … Es wartet auf den perfekten Augenblick, um mit geballter Faust zuzuschlagen und jene Nachricht zu überbringen, die wir für unmöglich gehalten hätten.“ – mit diesen Sätzen auf der ersten Seite seines deutlich autobiografisch geprägten Romans „Shake it, Baby“ hält Oliver Peral nicht lange hinter den Berg – eben so wenig wie mit dem Untertitel „Ein Roman über Parkinson und andere Katastrophen“, der gleich auf der Titelseite prangt.

Bei dem Rundfunkjournalisten Oliver Peral (unter anderem bei Radio Hamburg, NDR, N-Joy, Antenne Aachen und aktuell beim Städtenetwork Radio 21 – Rockland Radio – Antenne Sylt) hat es wie bei seinem Protagonisten Oliver Vega Berger, ebenfalls Rundfunkjournalist, mit einem Zittern in den Händen angefangen – bei der Arbeit. Zunächst noch abgetan als Reaktion auf zu viel Stress bei der Arbeit oder auf Magnesiummangel – worauf hin er alles aufkauft, was es an Präparaten gegen Magnesiummangel gibt -, schleichen sich dann doch die Gedanken an eine richtige Erkrankung ins Hirn. Was folgt ist das, was wohl viele tun, die in einer ähnlichen Situation sind: Sie befragen Dr. Google, doch was dieser „berufene“ Arzt anzubieten hat, ist wenig hilfreich, denn dort werden laut dem Autor und seines Protagonisten nur Ängste bedient, die wiederum zu unzähligen Klicks führen. Dem Geschäftsmodell von Google ist genüge getan, aber die von Krankheit Betroffenen – egal ob es sich um reale, mögliche Krankheiten oder vielleicht nur Scheinkrankheiten handelt – bleiben allein mit ihrer Not.

Nachdem noch weitere Symptome wie Zucken, Muskelschmerzen, Schlaflosigkeit und häufiger Harndrang hinzukommen, lässt sich Oliver Vega Berger zu einem Neurologen überweisen. Auch hier kommt es zu einem Phänomen, das in Deutschland die meisten kennen: das Warten auf einen Termin. Womit also die Zeit und die Ungeduld vertreiben? Mit der Hinwendung zu Wundermitteln wie Globuli und Heilpflanzen.

Doch dann ist irgendwann der Tag der Wahrheit. Das erschreckende Ergebnis der Untersuchung: Morbus Parkinson, eine Erkrankung, von der ungefähr ein Prozent der Weltbevölkerung über 60 Jahren betroffen ist. Die Parkinson-Krankheit ist damit nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung der Welt. In Deutschland wird derzeit von 300.000 bis 400.000 erkrankten Menschen ausgegangen – und einer davon ist der Autor.

Die Erkrankung beginnt schleichend und schreitet danach zeitlebens fort, die Symptome werden im Verlauf stärker und daher auch besser erkennbar. Das Idiopathische Parkinson-Syndrom beginnt typischerweise einseitig (und bleibt im Verlauf einseitig stärker); als Frühzeichen gilt beispielsweise das reduzierte und später fehlende Mitschwingen eines Armes beim Laufen. Nicht selten treten Schulterschmerzen und einseitige Muskelverspannungen auf.

Das Parkinson-Syndrom ist definiert durch das Vorliegen von Akinese und eines der drei anderen Leitsymptome: Rigor, Tremor und posturale Instabilität.

Mit dem Begriff Akinese (auch Bradykinese oder Hypokinese) wird eine allgemeine Bewegungsarmut bezeichnet und ist Voraussetzung für die Diagnose eines Parkinson-Syndroms. Sie macht sich bei allen Bewegungen bemerkbar. So vermindert sich das Muskelspiel, was den Gesichtsausdruck bestimmt (Maskengesicht oder auch Hypomimie), das Sprechen wird leise und undeutlich (Mikrophonie), das Schlucken verzögert sich (scheinbar vermehrter Speichelfluss oder Pseudo-Hypersalivation), die Geschicklichkeit der Hände lässt besonders bei schnellen Bewegungen nach (Schriftbild wird kleiner oder auch Mikrographie), die Rumpfbewegungen sind erschwert (vermindertes Umlagern im Schlaf), das Gangbild wird kleinschrittig und schlurfend.

Zu diesem obligaten Krankheitszeichen muss mindestens eines der folgenden drei Symptome kommen: Rigor (auch Rigidität)

Damit wird eine Muskelsteifheit aufgrund einer Steigerung des Muskeltonus bezeichnet. Sie wird durch eine unwillkürliche Anspannung der gesamten quergestreiften Muskulatur hervorgerufen und führt oft auch zu Muskelschmerzen. Nach außen sichtbar sind eine leichte Beugung von Ellenbogengelenk, Rumpf und Nacken sowie später der Kniegelenke. Bei passiver Bewegung der Gelenke von oberer und unterer Extremität tritt das Zahnradphänomen auf, bei dem es den Anschein hat, die Bewegung im Ellenbogengelenk laufe über ein Zahnrad, das die Bewegung in wechselnden Intervallen bremst. Körpernahe Muskelgruppen sind oft stärker betroffen (axialer Rigor). Eine gekrümmte Fehlhaltung des Körperstammes durch die Tonuserhöhung wird als Kamptokormie bezeichnet.

Ruhetremor:

Durch die wechselseitige Anspannung entgegenwirkender Muskeln entsteht ein relativ langsames Zittern (Antagonistentremor – vier bis sechs Schläge pro Sekunde, selten bis neun Schläge pro Sekunde), das bei aktiver Bewegung abnimmt. Es ist typisch für das idiopathische Parkinson-Syndrom (75 Prozent) und weniger typisch für atypische Parkinson-Syndrome (25 Prozent), auch der Tremor ist einseitig betont. Der Tremor ist das augenfälligste Symptom.

Posturale Instabilität:

Die verminderte Stabilität beim Aufrechthalten des Körpers kommt durch eine Störung der Stellreflexe zustande. Die kleinen, aber schnellen reflektorischen Ausgleichsbewegungen werden verzögert, so dass es zur Gang- und Standunsicherheit kommt. Die Wendebewegung wird unsicher, die Patienten kommen dabei ins Trippeln. Sie bekommen Angst zu fallen; diese Fallangst kann sie noch zusätzlich zur motorischen Behinderung beeinträchtigen. Bei früh stark gestörten Stellreflexen muss ein atypisches Parkinson-Syndrom bedacht werden.

Die unterschiedlichen Symptome können beim einzelnen Erkrankten unterschiedlich stark ausgeprägt sein oder ganz fehlen; Auftreten und Stärke wechseln auch im Tagesverlauf.

Das alles befällt auch den Autor und seinen Protagonisten. Und wie bei den anderen Betroffenen kommt die Frage auf: Warum ich? Damit nicht genug, kommt auch noch Wut dazu. So schreibt Oliver Peral: „Warum nicht jemand, der nichts zu sagen hat? Warum nicht ein Arschloch? Oder irgendein bedeutungsloser Trottel, oder warum nicht gleich ein Radiomoderator, dessen bedeutungsloses Geschwätz schmerzte wie eine nächste Gallenkolik. Warum trifft es die, die noch etwas wollen vom Leben? Ist das Zufall? Oder Schicksal? Oder einfach nur ein komischer Tritt in die Eier.“

Trotz dieses Schicksals ist dem Autor ein Erfahrungsroman gelungen, in dem er mit viel Humor, Selbstironie und einem versöhnlichen Blick auf den Umgang mit der Erkrankung – aber auch ironisch und ungeschönt – darauf eingeht, wie das Leben plötzlich den Takt wechselt.

Statt sich vom Leben schütteln zu lassen, schüttelt er lieber selbst: Witz, Wut und wunderbare Pointen über das Dasein mit einer Krankheit, die keine Gnade kennt. Zwischen Tablettenplänen und Tremor-Attacken stemmt sich Oliver Peral mit Ironie gegen das Stigma, das Diagnose heißt – und eröffnet in einer Stadtteil-Bücherei einen surrealen Stuhlkreis: Dort trifft er auf Ikonen wie Muhammad Ali, Michael J. Fox, Salvador Dalí und Ozzy Osbourne – alle vereint durch ein nervöses Zittern.

Kurzum: Ein rasanter, bewegender und trotz allem lebensfroher Roman über Kontrollverlust, Kreativität und Kämpfergeist und ein Buch, das Betroffene, Angehörige und Gesunde bewegt. Weil es aufrüttelt – und versöhnt – mit dem Ziel, Mut zu machen und gleichzeitig auch Angehörige zum Schmunzeln (und Nachdenken) zu bringen.

Shake it, Baby – Roman über Parkinson und andere Katastrophen“ von Oliver Peral ist bei Books on Demand erschienen und kann unter der ISBN 978-3-8192-8376-5 bestellt werden.

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