Mit verstörendem Humor und originellen Kompositionen haben das Fotografenduo Blommers & Schumm in den letzten drei Jahrzehnten die Regeln der Modefotografie herausgefordert. Bei der Retrospektivausstellung „Mid-air“, die noch bis zum 23. Februar 2026 im Fotomuseum Foam in Amsterdam ist nicht alles so, wie es scheint.
Eine Frau in einem ordentlichen blauen Anzug mit Lackschuhen liegt auf der Straße, den Kopf an einem Bordstein gelehnt. Benommen schaut sie in die Kamera, zwischen ihren Zähnen ist eine Lücke, und sie hält eine Zigarette in der Hand. Das Bild charakterisiert sowohl den ästhetischen als auch den disruptiven Fotografiestil von Anuschka Blommers und Niels Schumm (beide 1969).
Sie lernten sich an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam kennen und arbeiten seit 1997 zusammen. Während Schumm sich zunächst auf Stillleben und Blommers auf Porträts konzentrierte, entwickelte sich ihre Zusammenarbeit bald zu einer gemeinsamen Praxis.
Einer ihrer ersten Aufträge ist sofort für Viktor & Rolf, das sich mit skurrilen, kreativen und theatralischen Werken einen Namen macht. In den folgenden Jahrzehnten arbeiteten sie für Modemarken wie Gucci, Balenciaga und Hermès sowie für avantgardistische Magazine wie „Self Service“, „The Gentlewoman“ und „RE Magazine“. Das Duo arbeitet fast immer auf Provision, schafft es aber auch, die Grenzen im kommerziellen Rahmen zu verschieben. Und das sorgt für spannende, experimentelle und leicht absurde Bilder. Damit ebneten sie auch anderen den Weg, innerhalb der Modefotografie mehr zu experimentieren.
Mopp und Bügelbrett
Dieser Humor und Witz sind in „Mid-air“ reichlich präsent. Es ist nicht unverständlich, dass der Titel der Ausstellung auf die Momente verweist, in denen Menschen oder Objekte in den Fotografien von Blommers & Schumm für einen Moment zu ’schweben‘ scheinen, aber dennoch perfekt ausbalanciert sind. Das Foto eines Glases, das am Rand eines Tisches balanciert, ist ein gutes Beispiel dafür. Für das Magazin Middle Plane holte Blommers & Schumm David Hockney vor die Kamera. Kein konventionelles Porträt, sondern eine Art Collage aus Alltagsgegenständen: ein Wischmopp für Haare, Bleistifte für eine Nase und ein Modeartikel von Bottega Veneta als Kopfbedeckung. In einem anderen Raum hängt ein Foto einer Frau, die auf einem Bügelbrett liegt, angefertigt für das „Buffalo Magazine“. Auf den ersten Blick sieht es nicht besonders aus, bis man genauer hinsieht. Wenn das Foto um eine Vierteldrehung gedreht wird, scheint das Modell aufrecht auf einem Block zu stehen. Eines der vielen Beispiele in der Ausstellung, in denen Blommers & Schumm mit der Perspektive spielen. Und die deine Aufmerksamkeit sechs Jahre später noch fesseln und dich in leichter Verwirrung und Staunen zurücklassen.
Anti-Glamour
In der Serie „Class of 1998“ für das Magazin „Self Service“ schauen junge britische Mädchen mit geschwollenen Augen, errötendem Rouge und Lippenstift direkt in die Kamera. Niemand lacht, manche wirken schüchtern. Sie sehen aus wie Puppen. Ein Gegenstück zu den glänzenden Modeberichten mit super selbstbewussten Models.
Blommers & Schumm rauben der Modefotografie ihren gewohnten Glamour. Das ist der rote Faden durch ihr Werk. Sie arbeiten genauso gerne mit Familie und Freunden wie mit professionellen Models. Nicht die teure Kleidung steht im Mittelpunkt, sondern das Porträt als Ganzes – die Dynamik der Pose oder des Gesichtsausdrucks einer Person. Immer mit einem überraschenden Winkel.
Die Wand aus Polaroids, auf der sich das Duo als Testmodelle verwendet, ist eine gute Ergänzung. Auch hier keine Perfektion. Das Duo drängt sich dabei in lustige Positionen. Bei ihren Selbstporträts werden ihre Nasen mit Klebeband zu Schweinenasen verzerrt.
Schau, schau, schau
Die Galerietexte sind rar; Der Fokus liegt auf dem Suchen. Im zweiten Raum gibt es drei Bildschirme mit Kampagnen-Bildern. Es ist schade, dass das schnelle Tempo, in dem sie gespielt werden, sodass die Bilder nicht haften bleiben.“Mid-air“ ist am besten, wenn die Werke mit unserer Perspektive spielen, oft mit einem Hauch von Humor. Eine IKEA-Lampe, die wie zwei Beine mit Unterwäsche aussieht, oder ein offenes Buch mit Seiten, die wie zwei Brüste aussehen. Die Fotos in „Mid-air“ bringen einen regelmäßig zum Lächeln. Das Duo fordert dich heraus, weiter genau hinzuschauen. (Text von Rosa Lee Szorzynski, erschienen in der Museumstijdschrift).
Nähere Informationen: Foam Museum Amsterdam, Keizersgracht 609, 1017 DS Amsterdam, Telefon: +31 20 5516 500, Internet: http://www.foam.org