Wissenswertes aus der Grafschaft Bentheim

Auf eine weitere Entdeckungsreise durch die Grafschaft Bentheim laden die Autoren des Bentheimer Jahrbuches 2026 ein, das vor Kurzem in den Räumlichkeiten des Kreis- und Kommunalarchives an der Nino-Allee in Nordhorn offiziell vorgestellt wurde.

Geboten wird auf über 300 Seiten eine abwechslungsreiche Mischung aus heimatkundlichen Betrachtungen über Natur und Landschaft bis hin zu Erinnerungen aus Geschichte und Zeitgeschehen; und auch die plattdeutsche Sprache findet ihren festen Platz mit Geschichten und Gedichten.

Was diese Ausgabe wie auch die der Vergangenheit ausmacht, ist der tiefere Blick, den die Autorinnen und Autoren auf die Themen ihrer Artikel geworfen haben. Was für den Außenstehenden beispielsweise nur ein historisches Gebäude mit hohen Mauern ist, wird durch die Lektüre des Bentheimer Jahrbuches zu einem Ort der Geschichte und vieler spannender Geschichten, die sich dahinter verbergen.

Wer heute beim Gymnasium Nordhorn am Stadtring vorbeifährt, wird es für eine Selbstverständlichkeit halten, dass eine Kreisstadt mit über 50.000 Einwohnern über eine höhere Schule verfügt. Dass Nordhorn aber nicht immer die heutige Bedeutung hatte und eine höhere Schule vor Ort nicht selbstverständlich war, lässt sich im Artikel „100 Jahre Gymnasium – Wie es im Jahre 1925 zur Gründung kam“ von Jan Leutnantsmeyer, ehemaliger Lehrer und Oberstudienkoordinator am Gymnasium Nordhorn, nachlesen.

Welcher Wandel sich in einem Gebäude vom Bau in den 1930-er Jahren bis in die Gegenwart entwickeln kann, belegt der Artikel „Vom Lichtspielhaus zum Kulturtempel“ über das Capitol an der Neuenhauser Straße in Nordhorn. Autor Andreas Meistermann skizziert die Geschichte von der Gründung als Kino im Jahre 1939 über die Schließung im Jahre 2013 bis hin zur Renovierung, Sanierung und Umgestaltung zu einem Ort für Kulturveranstaltungen unterschiedlichster Art sowie zur erfolgreichen Neueröffnung im Jahre 2024.

Noch länger zurück liegt die Gründung des Klosters Frenswegen. Der Historiker Dr. Werner Rohr lenkt in seinem Artikel aber den Blick auf die Gründung der Stiftung Kloster Frenswegen vor 50 Jahren, mit der das Gebäude vor dem dauerhaften Verfall bewahrt und einer Neunutzung als ökumenischer Bildungs- und Begegnungsstätte zugeführt werden konnte.

Was diesem Artikel eine gewisse Würze verleiht, ist die deutliche Kritik, die Rohr an der vor 50 Jahren beschlossenen Satzung übt, in der die beteiligten Stifter vom Fürstlichen Haus bis zu den Kirchen im Falle anstehender Verbindlichkeiten von jeglicher Nachschusspflicht befreit waren. Damit verbunden ist eine schwache finanzielle Ausstattung vonseiten der Stiftung, die bis heute immer wieder zu großen Problemen führt, wenn unter anderem Sanierungs- und Renovierungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

Wer es noch nicht gesehen und davon noch nichts gehört und gelesen hat, wird zunächst etwas verwundert sein. Die Rede ist vom neuen Wehrgang an der historischen Stadtmauer am Beginn der Mauerstraße in Schüttorf. Was auf den ersten Blick wie eine Kulisse für einen mittelalterlichen Film aussieht, basiert auf einer Idee von Floris Kröner vom Heimatverein Schüttorf, Gerd-Ludwig Hienz, Vorsitzender des Heimatvereins Samtgemeinde Schüttorf und der Autorin des Artikels „Ein Denkmal für die Zukunft – Der Wehrgang an der historischen Schüttorfer Stadtmauer“, Elke Bischop-Stentenbach, die sich durch ihr Engagement für die Geschichte der Grafschaft Bentheim einen Namen gemacht hat.

Wie sie erläutert, war es das Ziel, mit dem Bau des Wehrgangs, „ein Stück Geschichte und die Bedeutung der Stadtmauer in die Köpfe der Menschen“ zurückzuholen. Des weiteren geht sie auf vom Heimatverein geplante Aktivitäten in Verbindung mit dem Wehrgang und auf die historischen Gründe ein, die im 14. Jahrhundert zum Bau einer Stadtmauer in Schüttorf führten.

Kritische Anmerkungen zur Kommerzialisierung der niedersächsischen Archäologie durch private Grabungsfirmen, die auch in der Grafschaft Bentheim zum Zuge gekommen sind, bestimmen einen Artikel von Dr. Christoph Otto, Projekt- und Grabungsleiter für archäologische Maßnahmen und Lehrbeauftragter an der Universität Münster. Seine Befürchtungen betreffen die Gewinn-Orientierung der beteiligten Unternehmen und den wirtschaftliche Druck, dem diese durch knappe Mittel, begrenzte Zeitfenster und Fachkräftemangel ausgesetzt sind.

Wer mehr über die im Volksmund „Poaschebarg“ oder „Osterberg“ genannte Erhebung an einem Altarm der Vechte bei Neuenhaus wissen will, sollte sich den von Elke Bischop-Stentenbach und Matthias Bollmer geschriebenen Artikel „Hatte die Turmhügelburg Grasdorf eine Vorburg – Georeferenzierte Radarprospektion am „Poaschebarg“ durchlesen.

Das Thema Archäologie in der Grafschaft Bentheim greift Dr. Otto in einem weiteren Artikel auf. Darin geht es um eine Untersuchung auf dem Zebelinger Esch am Nordrand der Stadt Schüttorf und um die Frage, ob dort eine Burg existiert hat.

Mit dem Thema „Von Ehehindernissen und Dispensen – Zur Rechtsprechung des Oberkirchenrats der Grafschaft Bentheim in Ehesachen“ beschäftigt sich Dr. Heinrich Voort, langjähriger Vorsitzender des Heimatvereins Grafschaft Bentheim. Er blickt in seinen Ausführungen zurück in das 17. Jahrhundert, in dem sowohl der Fürst als auch hohe Vertreter der Verwaltung großen Einfluss auf das Privatleben der Menschen hatten. Wie Voort ausführt, wurde ein vierköpfiges Gremium bestimmt, „gotsförchtige, verständige und erfahrne“ Männer, die sich neben vielen anderen Aufgaben auch um „streitige Ehesachen“ zu kümmern hatten. Dazu gehörten unter anderem gebrochene Eheversprechen, voreheliche Schwängerung und eine bestrittene Vaterschaft. Ein weiteres Thema: der Grad der Blutsverwandschaft. Auf einige Fälle dieser Art und die Veränderungen und Zuständigkeiten in diesem Bereich, die sich nach dem Übertritt des Grafen Ernst Wilhelm zu Bentheim im Jahre 1668 zum katholischen Glauben und weitere geschichtliche Ereignisse wie die Besetzung deutscher Gebiete durch Napoleon I ergeben, geht Dr. Voort in seinem Beitrag zum Bentheimer Jahrbuch ein.

In einem weiteren Beitrag skizziert er den Wandel, der sich bei der Zuständigkeit im Schulwesen vom 18. bis 20. Jahrhundert vollzogen hat, die lange Zeit in den Händen der Kirche lag, bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Monarchie die Überführung des Schul- und Bildungswesens in staatliche Verantwortung vollzogen wurde.

Mit Bedauern werden viele Radfahrer auf die Schließung von „Arnolds Bauerncafé“ im Jahre 2022 zurückblicken. Dass sich hinter dem zum ehemaligen Bauerncafé gehörenden Hof eine 1200-jährige Geschichte mit vielen Drehungen und Wendungen verbirgt, wissen wohl nur die Wenigsten. Nachzulesen ist das im Artikel „Vom Vollerbhof zum Bauerhocafé – Die 1200-jährige Geschichte des Hofes Stegemann in Samern“ aus berufenem Namen. Geschrieben wurde er von Anne Hartgering, Schwester von Arnold und die Tochter von Marie und Hermann Hartgering.

Auf „Motivsuche in Bentheim“ lädt Helmut Schönrock ein. Der ehemalige Lehrer und aktuell als Kurator für das Museum am Herrenberg in Bad Bentheim tätige Autor beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Darstellung der Bentheimer und Gildehauser Steinbrüche in den Bildern des niederländischen Landschaftsmalers Jacob van Ruisdaels.

Um 1650 hat Ruisdael auch die Grafschaft Bentheim bereist. In den folgenden Jahren malte er in seinem heimischen Atelier unter anderem mehrere Ansichten von der Burg Bentheim. Ein von etwa 1655 stammendes Burg-Gemälde Ruisdaels, das in der Burg Bentheim zu sehen ist, wurde erst 1988 wiederentdeckt. Der Landkreis Grafschaft Bentheim ersteigerte es während einer Auktion und stellte es 23 Jahre lang im Kloster Frenswegen in Nordhorn aus. Erst 2012 kam es im Rahmen der Kunstaktion „raumsichten“ an den Ort, den es zum Motiv hat: die Burg Bentheim. Weitere seiner Gemälde von Burg Bentheim sind unter anderem im Reichsmuseum Amsterdam und in der Nationalgalerie Dublin ausgestellt.

Auf Spurensuche hat sich Wilhelm Hoon begeben und sich der Frage gestellt, wie die Burg in Lage vor 400 Jahren aussah. Ausgangspunkt seines Artikels ist eine Zeichnung des Landmessers Arnold Wilhelm Schraders (*1671 +1752) aus dem Jahre 1735, der damals mit seinem Sohn Johann oder Joan (*1707 +1776) vom Haus Twickel in Delden/NL, Eigentümer der Burgruine, den Auftrag erhielt, die Felder, Äcker und Wasserläufe rund um Lage zu vermessen und zu kartieren. Und dabei entstand auch ein Bild der Ruine.

Weitere Themen des Bentheimer Jahrbuches sind unter anderem die Lagerung von Ausgaben der Grafschafter Nachrichten im Kreis- und Kommunalarchiv, die Kanäle und Schleusen in der Grafschaft Bentheim, das Schicksal eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Natur und Landschaft sowie Heimatkunde und Grafschafter Platt.

Das Bentheimer Jahrbuch ist im örtlichen Buchhandel erhältlich.

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