„Unter den Menschen gibt es zuweilen diese seltsamen Sonnenwesen. Es haftet ihnen etwas ganz Besonderes an, etwas Außergewöhnliches. Wenn sie ein Café betreten, erzeugen sie unter den Gästen ein leises Raunen, fühlen sich die Leute – ob sie wollen oder nicht – auf magische Weise zu ihnen hingezogen. Zweifellos liegt das an ihrem attraktiven Äußeren, das insbesondere bei den jugendlichen Vertretern dieser Gattung hervorsticht. Doch bei echten Sonnenwesen ist da mehr als bloß körperliche Attraktivität. Liegt es an ihrer Lässigkeit? An der Aura des Kosmopolitischen, die sie umgibt? An ihrer starken Persönlichkeit oder vielleicht an der Unbekümmertheit, die sie auf eine sympathische Weise ausstrahlen? An der Freude am Leben?“ (Ilja Bohnet)
Mit 21 Jahren stand er zum ersten Mal vor der Kamera und trat im Film „Solange das Herz schlägt“ neben damals schon so bekannten Namen wie Heidemarie Hatheyer, O. E. Hasse und Hans-Christian Blech auf, er war Hans Scholten, einer der Jungs, der in dem Welterfolg „Die Brücke“ des Regisseurs Bernhard Wicki mitspielte und mit dieser Rolle ebenso wie seine Schauspielerkollegen Fritz Wepper, Volker Lechtenbrink und Michael Hinz den Weg für die spätere Karriere ebnete, und er war in der Rolle des Schauspielers Josef Kainz in dem Visconti-Meisterwerk „Ludwig II“ mit Helmut Berger, Romy Schneider und weiteren internationalen Stars zu sehen – die Rede ist von dem Schauspieler, Regisseur und Bühnenautor Folker Bohnet (*1937 + 2020), über den vor Kurzem eine „nachgelassene Biografie“ erschienen ist.
Sie basiert auf Gesprächen, die Ilja Bohnet, sein Sohn aus der Ehe mit der Schauspielerin Ann-Monika Pleitgen und der Autor des Buches, mit ihm an drei langen Frühlingsabenden in Berlin im Mai 2017 geführt hat.
Gemeinsames Ziel war es, Bohnets private wie beruflich aufregende Lebensgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen einzufangen und zumindest einen Teil der Anekdoten zu verschriftlichen, die er zu erzählen wusste.
Wie der Autor des Buches berichtet, war es ein großes Glück, dass Volker Bohnet sowohl druckreif sprechen konnte als auch in der Lage war, geordnet erzählen zu können, so dass sich die unterschiedlichen Stationen seines Lebens für den Leser nachvollziehbar miteinander verbanden.
Aufgeteilt ist das vorliegende Werk in die Erzählungen Bohnets und die durch Ilja Bohnet vorgenommenen Einordnungen des Erzählten in einem auch für Außenstehende verständlichen geschichtlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang.
Ein Blick zurück: Zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Folker Bohnet in Berlin geboren. Wie er in den Gesprächen mit seinem Sohn berichtet, hatte er eine behütete Kindheit. Der Familie war es sogar gegönnt, in dem Schloss eines befreundeten Grafen in Hohenprießnitz an der Mulde wohnen zu dürfen. Doch dieses Glück sollte ein jähes Ende nehmen. Nachdem der Zweite Weltkrieg verloren war, besetzten zuerst die Amerikaner und dann die Russen das Schloss; und das hieß für die Familie Bohnet sich ein neues Zuhause zu suchen, das sie schließlich bei Verwandten in Halle fand. Nachdem der Vater als Soldat aus dem Krieg heimkehrte, konnte ein privilegiertes Leben weitergeführt werden. Als Direktor einer Zuckerfabrik standen ihm ein Auto und ein Chaffeur zur Verfügung, und in seiner Funktion kam er auch an unterschiedlichste Güter heran, die in der Nachkriegszeit – insbesondere in der von der Sowjetunion besetzten Zone, der späteren DDR – oft Mangelware waren.
In dieser Zeit wurden, wie Bohnet im lockeren Plauderton berichtete, die Weichen für sein späteres Leben und auch sein Lebensglück gestellt. Da seine Eltern oft ins Theater gingen und nachher viele Künstler aus diesem Bereich in ihr Haus einluden, kam er in den Kontakt mit dieser besonderen Welt und war sofort begeistert: „Jede freie Minute, die mir zur Verfügung stand, saß ich fortan im Varieté, nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch hinter der Bühne. Ich hatte Zutritt zu den Garderoben und konnte mit den Künstlern, die ich zum Teil von zu Hause gut kannte, intensiv unterhalten. Ich habe dieses Völkchen angefangen zu lieben. Ich wußte, dass das mein Leben sein würde“, schwärmt Bohnet von dieser Zeit.
Doch mit dieser Begeisterung für das Theater beginnen für ihn auch die Probleme. Sein Traum, eine Karriere als Schauspieler zu starten, stößt bei dem Vater auf Widerstand, der sich für seinen Sohn ein bürgerlich-konventionelles Leben vorgestellt hat und ihn zum Jura-Studium drängt. Das belegt er aber nur pro forma. Sein Weg führt ihn zur Schauspielschule Düsseldorf und zu einer neu gegründeten Schauspielschule der UFA. Und dann geht alles ganz schnell. Ohne viel Erfahrung wird er 1958 für das von dem bekannten Regisseur Alfred Weidenmann gedrehte Filmdrama „Solange das Herz schlägt“ engagiert – mit so renommierten Schauspielern wie O.E. Hasse und Heidemarie Hatheyer. Internationalen Erfolg beschert ihm ein Jahr später seine Rolle des Hans Scholten in dem Antikriegs-Klassiker „Die Brücke“. Und so beginnt die Karriere des Volker Bohnet, die sich aber nicht nur in der Schauspielerei erschöpft, sondern auch in die Tätigkeit als Regisseur und Bühnenautor mündet.
Wie die weiteren Erzählungen Bohnets belegen, hat er in seinem Traumberuf Schauspieler Fuß gefasst und das Vorurteil seines Vaters, dass das „brotlose Kunst“ sei, widerlegt. War nun dieses Problem gelöst, ergab sich ein Weiteres: dass seiner sich schon früh zeigenden Bisexualität in einer Zeit, in der homosexuelle Handlungen noch unter Strafe standen. Als glücklichen Umstand bezeichnet er es, dass in der zumeist geschlossenen Welt der Schauspielkunst und anderer Künste andere Regeln galten und unterschiedliche sexuelle Neigungen weitestgehend nicht diskriminiert wurden.
Ein weiterer glücklicher Umstand: die Chance, als Schauspieler die große weite und nonkonformistische Welt dieses Berufes und der mit ihr verbundenen Personen kennenzulernen – auf den freizügigen Partys des bekannten Filmproduzenten Wenzel Lüdecke und durch zahlreiche Begegnungen. Wie Bohnet berichtet, war für ihn der bedeutende deutsche Komponist Hans-Werner Henze eine prägende Figur. Viele Jahre lebte er mit ihm als Paar in dessen mondäner Villa in Rom zusammen, lernte dort viele Persönlichkeiten wie den Dirigenten Leonard Bernstein und insbesondere den Regisseur Luchino Visconti kennen, der ihn für die Rolle des Josef Kainz in dem Film „Ludwig II“ engagierte und über dessen besonderen Charakter er ebenso kenntnis- wie anekdotenreich zu berichten weiß.
Auch in der Erinnerung nach knapp über 50 Jahren bewertet er diese Zeit als maßgeblich für seine Entwicklung von einem sich provinziell fühlenden deutschen Schauspieler hin zu einem sich als Kosmopolit verstehenden Menschen. Sein Dank dafür gilt Henze, durch den er „einen völlig neuen Blick auf die Welt gewann.“
Neben seinem Ausflug in die Welt des Films und Fernsehens bestimmte das Theater Volker Bohnets berufliches Leben: feste Engagements und Gastspiele an renommierten Schauspielhäusern, darunter am Thalia-Theater Hamburg, Renaissance-Theater Berlin, Schauspielhaus Frankfurt, Ernst-Deutsch-Theater Hamburg, Residenztheater München, Theater in der Josefstadt Wien, an den Städtischen Bühnen Köln, der Freien Volksbühne Berlin, den Hamburger Kammerspielen und an fast allen bekannten Komödienhäusern Deutschlands sowie bei Festspielen und Tournee-Produktionen. Dabei spielte er die unterschiedlichsten Rollen von der Klassik bis zur Komödie.
Neben seiner Arbeit als Schauspieler führte Folker Bohnet regelmäßig Theaterregie und schrieb auch zahlreiche Komödien, die im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus mit großem Erfolg aufgeführt wurden. Zu den Bekanntesten gehören „Meine Mutter tut das nicht“, „In anderen Umständen“, „Die Hausdame“ und „Ein Oscar für Emily“. Im neuen Millennium inszenierte er regelmäßig unter Intendanz von Christian Seeler am Ohnsorg-Theater in Hamburg.
Dass er im Zusammenhang mit den Komödien von der Kritik oft nur als „Meister des Boulevards“ bezeichnet wurde und seine ernsten Rollen wie Hamlet, Romeo oder den Tellheim in Lessings „Minna von Barnhelm“ in Vergessenheit zu geraten schienen, bedauert Bohnet in seinen Erinnerungen, ist aber andererseits auch stolz über das ihm entgegengebrachte Lob, denn wie er weiß, ist die Komödie, wenn sie gut sein soll, das schwierigste Genre für einen Schauspieler. Darauf geht er in seinen Erinnerungen dann noch weiter ein – verbunden mit vielen tiefen Einsichten in dieses oft unterschätzte Fach.
Bei aller Leidenschaft für Theater, Film und Fernsehen war es Folker Bohnet auch wichtig, ein Privatleben zu haben. Wie einer seiner Kollegen ihm dazu des Öfteren sagte, hatten aber die Turbulenzen in diesem Bereich vielleicht eine größere Karriere verhindert. Wie Bohnet eingesteht, war dies auch so. Er hatte Beziehungen zu Männern und Frauen – mit der Schauspielerin Ann-Monika Pleitgen war er sogar verheiratet – und manche auch gleichzeitig; und das war für die Beteiligten nicht immer einfach.
Zurückblickend nimmt er aber für sich in Anspruch, nichts bereuen zu müssen. Und das von ihm beschriebene Glück mit seinem letzten Partner und Kompagnon bei einer Vielzahl seiner Theaterstücke, Alexander Alexy, mit dem er fast 40 Jahre liiert war, scheint das zu bestätigen.
Volker Bohnet starb im Oktober 2020 im Alter von 83 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit und wurde auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf im Planquadrat PA 2 oberhalb des Prökelmoors beigesetzt.
Kurzum: Ilja Bohnets Buch über seinen Vater, basierend auf dessen Erinnerungen in einem unterhaltsamen, kurzweiligen und anekdotenreichen Ton, gibt interessante Einblicke sowohl in das Leben eines Schauspielers als auch in das kulturelle Leben Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.
Zum Autor Ilja Bohnet:
Der Autor ist promovierter Physiker und arbeitete ab Mitte der 1990-er Jahre am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg und Zeuthen, bevor er im Jahr 2012 als Beauftragter für die Grundlagenforschung mit Großforschungsanlagen in die Geschäftsstelle der Dachorganisation vom DESY, der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren, nach Berlin wechselte.
Daneben schreibt er Kriminalromane, Kurzgeschichten und Sachbücher und wurde für seine belletristischen Werke bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2019 mit dem Wunderwasser-Krimipreis für die Kurzgeschichte „Nur ein Kratzer“ (Verlag Tasten & Typen). Im Herbst 2020 veröffentlichte er sein erstes populärwissenschaftliches Buch im KOSMOS Verlag mit dem Titel „Die 42 größten Rätsel der Physik“. Der Kriminalroman „Schneeflockenrauschen“ ist sein erster Roman in der edition karo.
Ilja Bohnet, Der verzauberte Junge von der Brücke – Aus dem Leben des Schauspielers, Regisseurs und Theaterautors Folker Bohnet, 150 S., Klappenbroschur, 1 Foto fb., 7 Fotos s/w, 20 Euro, • 20,60 (A) • 23,50 CHF, ISBN 978-3-945961-42-1