Wer war eigentlich der Künstler Friedrich Vordemberge-Gildewart? Wie sah seine Verbindung zur Stadt Osnabrück aus? Wer den Künstler Friedrich Vordemberge-Gilderwart (v-g) kennenlernen will, kann sich bei einem Stadtrundgang auf dessen Spuren begeben.
Das Projektbüro Fachbereich Kultur der Stadt Osnabrück will den Blick auf v-gs vielfältiges Wirken in seiner Heimatstadt Osnabrück lenken und dieses aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Wussten Sie zum Beispiel, dass v-g für den Stadtbaurat Lehmann, für Privatpersonen und Geschäftsleute innengestalterisch tätig war? Oder dass eines seiner Werke, welches im Osnabrücker Schloss hing, bis heute spurlos verschwunden ist? Wer neugierig geworden ist, kann Weiteres bei einem Stadtrundgang, der zusätzlich schöne Flecken von Osnabrück präsentiert und eine Vielzahl an Originalaufnahmen bereithält, erkunden. Start ist bei der Station 1, dem Geburtshaus von v-g.
Dieser interaktive Stadtrundgang basiert auf QR-Codes, die an jeder Station Informationen bereitstellt. Lediglich ein Smartphone und eine QR-Code App (kostenlos) werden für diesen Rundgang benötigt. Um die Interaktion und den Spaßfaktor zu erhöhen, haben die Initiatoren zusätzlich an jeder Station kleine Geocaches versteckt, die nur darauf warten, gefunden zu werden. Geocaching funktioniert ebenfalls mit dem Smartphone, entweder über Google Maps oder mit einer kostenlosen Geocaching-App. Da Google Maps nicht so exakt ist wie GPS-Geräte, findet sich ein Hinweis zu jedem Cache immer am Ende des Stationstextes.
Station 1: Geburtshaus
„In Osnabrück wurde ich am 17.11.1899 geboren. Meine Jugend und Kinderzeit: Handwerkerhaushalt, Spielplatz. Maschinen Werkstatt Holz Holz Holz. Aber auch Zeichnungen im Büro meines Vaters. Die Erziehung ging darauf hinaus, daß ich das Geschäft übernehmen sollte. Bevor ich Innenarchitektur studierte, mußte ich auf Rat meines Vaters die praktische Seite vorher erledigen. Mein Gesellenbrief 1918. Ostern 1919 ging ich nach Hannover zur Kunstgewerbeschule; natürlich um den Wunsch meines Vaters zu erfüllen: Innenarchitektur. Sofort begann ich neben diesem Studium, meine inneren Leidenschaften zu entfachen: ich begann zu bildhauern.“ (zitiert aus V-G Manuskript, VG Archiv Museum Wiesbaden).
v-g unterstützte 1948-1950 seine Familie bei der Instandsetzung des 1944 fast völlig zerstörten Wohnhauses in der Großen Gildewart. Er fertigte eine Vielzahl von Möbelentwürfen an und wirkte an der Gestaltung des Treppenhauses wie auch an der Gestaltung des holzvertäfelten Flurs im Obergeschoss mit. Sein letztes Relief, welches an der Wand auf dem ersten Treppenabsatz angebracht wurde, zeigt Rückgriffe auf seine früheren gestalterischen Konzeptionen, die Kombination der Grundformen Kreis und Rechteck war seit den 20er Jahren in seinen Gemälden nicht mehr zu finden. Die im selben Ton wie die verputzte Wand gehaltenen Holzleisten muteten optisch selbst als vortretende Wand an und wirkten gleichzeitig als Gerüst für die auf die Wand aufgemalten geometrischen Formen.
Nach dem Wiederaufbau des Wohnhauses entwarf v-g 1952 Auf-und Grundriss der neuen Tischlerwerkstatt für den väterlichen Betrieb und stand seinen Geschwistern beim Wiederaufbau mit Rat und Tat zur Seite. In einem Brief berichtet er: „ Im laufe des jahres habe ich bei meinen geschwistern in osnabrück die verwüstete tischlerwerkstatt neu erstehen lassen, ein betonbau mit sehr viel licht und guter arbeitsmöglichkeit….das ist seit 1933 meine erste architektur.“ (Brief an G. Honegger und Frau, 3.12.1952)
Station 2: Alte Wirtschaft Peitsche
Bei Besuchen seiner Familie in Osnabrück, zu der er ein enges Verhältnis hatte, war v-g oft Gast in der nahe am Elternhaus gelegenen Gaststätte „Alte Wirtschaft Peitsche“, wo„beim alten Albrecht ein nettes Gespräch und gute Schnäpse warteten“. (zitiert aus Friedrich Vordemberge-Gildewart. Zum 100. Geburtstag, S.70) Noch heute gilt sie als Traditionskneipe und befindet sich wie damals direkt am Heger Tor.
Station 3: Kulturgeschichtliches Museum, früher Städtisches Museum
Vom 10.10. bis 14.11. 1920 organisierte die Osnabrücker Sektion des Dürerbundes im Städtischen Museum eine Kunstgewerbeausstellung, an der auch v-g teilnahm. Das Ziel des Dürerbundes, das Echte, Schlichte, und Wahre in der Kunst zu pflegen, im Großen und im Kleinen eine harmonische Verbindung des Schönen mit dem Notwendigen und Nützlichen zu suchen, dürfte v-g bekannt gewesen sein. Seine eingereichten Werke, deren Aussehen man heute nicht mehr rekonstruieren kann, reichten von Tapeten, Druckstoffen, Kalendern bis hin zu Entwürfen von Bibliotheksräumen, einer Kunsthalle und Grabmälern.
Station 4: Bewatrek Outdoor Haus, früher Lederwarengeschäft Vordemberge
Ende der 20er Jahre entwarf v-g einen kühl-eleganten Ausstellungs-und Verkaufsraum. Im Deutschen Handwerkskalender 1932 wird geschrieben:“ Eine großzügige Verkaufsfront, sowohl architektonisch als auch betriebstechnisch…. Die Glastüren der eingebauten Schränke sind bis auf den Boden heruntergezogen, so dass eine große Ausstellungsmöglichkeit garantiert ist…Sehr vornehm wirken die zwei Tresen, in Nussbaum ausgeführt, die mit rotem Tuch, leicht auswechselbar, bezogen sind und so harmonisch mit den schwarzen Heizkörpern in den hell gehaltenen Nischen zusammenklingen. Die eingebauten Schränke sind in Zebra ausgeführt, die Umrahmung in Massaka. Ein in jeder Weise der heutigen Verkaufstechnik angepasster Laden.“
Station 5: Universität Osnabrück, früher Kulturzentrum
Seit dem 16. Mai 1931 befand sich eine Gemäldegalerie in dem Hauptgebäude des Osnabrücker Schlosses, die vom Städtischen Museum genutzt wurde. Das Werk K 33, eine Leihgabe von v-g, wurde 1932 von Geheimrat Reinecke ohne Wissen des Museumsdirektors Dr. Gummel zeitweilig entfernt. Das Bild wurde später von einer NS-Kommission als entartetes Werk beschlagnahmt und ist bis heute verschollen.
v-g, der seit seiner Aufnahme in die avantgardistischen Kreise in Hannover in den 20er Jahren als konkreter Maler an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen hatte, setzte nach dem Krieg, den er im niederländischen Exil überlebte, sein künstleriches Werk erfolgreich fort. Zudem nahm er an der Academie van beeldende Kunsten in Rotterdam einen Lehrauftrag zum Thema „Farbe als raumbildendes Element in der Architektur“ an.
Dieses Engagement in der Vermittlung seiner Kunst-und Gestaltungsauffassung führte ihn Ende November 1954 im Rahmen einer deutschlandweiten Vortragstournee zu seinem Lehrauftragsthema nach Osnabrück. In der Raumgestaltung dürfe die Farbe „niemals als selbstverherrlichung auftreten, niemals isolieren, sondern muss das ganze umschließen“. Diese neue Schwerpunktsetzung seiner Arbeit trug im entscheidenden Maße zu seiner Berufung an die Ulmer Hochschule für Gestaltung bei. Von 1954 bis 1962 lehrte v-g dort als Leiter der Abteilung für visuelle Kommunikation.
Station 6: Haus Seelig
Zwischen 1926 und 1928 wurde v-g im Haus Seelig innengestalterisch tätig. Im Obergeschoss des Hauses entwarf er für beide Räume (Bibliothek und Kombination aus Schlaf- und Wohnzimmer) ein gestalterisches Gesamtkonzept. Erstmals führte v-g in der Bibliothek abstrakte Intarsienkompositionen an einzelnen Möbelstücken ein, die seine früheren Reliefornamente ersetzen. Die Möbel des Wohn-Schlafzimmers (1928) jedoch sind ohne jegliche Ornamentik und streng orthogonal zueinander ausgerichtet. (Reduktion der Möbel weist Nähe zu den Gestaltungsprinzipien des Bauhauses auf).
Station 7: Rathaus
1927 gestaltete v-g das neue Arbeitszimmer des Stadtbaurats Friedrich Lehmann im Obergeschoss des Neuen Rathauses am Markt 2/3, wo sich heute die Arkaden der Stadtbibliothek befinden (die ursprünglichen Räumlichkeiten wurden im 2. Weltkrieg zerstört). Der Raum wurde dabei von farbigen Wandfeldern in Kombination mit schlichten, unornamentierten dunklen Nussbaummöbeln dominiert. Im Vordergrund standen wieder die Funktionalität und Reduzierung der Möbel wie auch die bestmögliche Ausnutzung des vorhandenen Raumes.
Obwohl v-gs Werk in Osnabrück über lange Zeit im Verhältnis zu seinem internationalen Erfolg wenig Aufmerksamkeit erfuhr, verlieh man ihm schließlich am 3. Januar 1955 im Friedenssaal des Rathauses die Justus-Möser-Medaille für seine Rolle als Vorkämpfer der modernen Malerei. Dennoch war in diesen Jahren keine Einzelausstellung mit Werken v-gs geplant, obwohl er bereits Ausstellungen in Paris, Mailand, Rom und Amsterdam bestückt hatte.
Station 8: Altstätter Bücherstuben
Anfang der 1930er Jahre arbeitete v-g als Werbegrafiker für die Tapetenfabrik Rasch aus Bramsche, die bereits Ende der 1920er Jahre mit der Bauhaustapete deutschlandweit für Aufsehen sorgte. Der ebenfalls in Typografie erfahrene v-g entwarf in dieser Position für die Jahre 1933 und 1934 die Jahresbücher der Firma. Als Ergebnisse entstanden das sogenannte Silberne und Goldene Rasch-Buch.
Um den verschiedensten Publikumswünschen gerecht zu werden, erweiterte die Firma Rasch 1950 ihr Angebot um die sogenannte Künstler-Tapete. Unterschiedlichste Künstlerinnen und Künstler wurden für die Gestaltung der neuen Kollektion angeworben, so auch v-g im Jahr 1953. Seine Entwürfe für die Lotura-Tapete, die in seinen Augen keinen „tutti frutti kitsch“ in Form von Ornamenten enthalten dürften, erhielten den Zuschlag und wurden 1956 produziert, gerade noch rechtzeitig, um bei der im Städtischen Museum stattfindenden Ausstellung „künstlerisches schaffen-industrielles gestalten“ ausgestellt zu werden.
Station 9: Stadthaus 1, früher Stadtkrankenhaus
Das Stadtkrankenhaus, welches sich zur damaligen Zeit am Natruper-Tor-Wall befand, bedurfte Ende der 1920er Jahre dringend einer Erweiterung. Stadtbaurat Lehmann, der entschiedener Befürworter des Neuen Bauens war, favorisierte einen Hochbau, der schließlich realisiert wurde und heute das Stadthaus 1 beherbergt. v-g, der in seiner Hannoveraner Zeit (1919-1936) unzählige Reliefs gestaltet hatte, erhielt 1928 den Auftrag, am neuen dreistöckigen Verbindungstrakt zwischen dem alten Gebäude und dem neuen Hochhaus, der Eingangsbereich und zugleich Durchfahrt werden sollte, die Pfeiler, Unterzüge und Fronten keramisch zu umkleiden. Diese wurden türkisblau lackiert. 1964/65 wurde der Haupteingang zum Wall hin verlegt und der Verbindungstrakt mit dem Relief abgerissen.
Station 10: Schütze Holzbearbeitung
1916 begann v-g auf Wunsch seines Vaters eine Tischlerlehre bei einem Meisterkollegen und Freund des Vaters, Julius Schütze. Am 30. Dezember 1918 erhielt der äußerst begabte v-g seinen Gesellenbrief, sowohl den praktischen als auch den theoretischen Teil der Gesellenprüfung bestand v-g mit „sehr gut“. In seiner handwerklichen Ausbildung wurden die Grundlagen für sein genaues, mathematisches Arbeiten und sein Gespür für Materialien,Formen und Farben gelegt. Dies zeigte sich später sowohl auf der Ebene der Malerei wie auch in seiner gestalterischen Arbeit im Bereich des Möbelentwurfs, der Typografie oder der Innenarchitektur.
Station 11: Hasefriedhof
v-g verstarb am 19. Dezember 1962 und wurde auf dem Hasefriedhof beigesetzt. Sein Grab, welches 1998 zum Ehrengrab erklärt wurde, befindet sich auf der Grünfläche links hinter der Kapelle. Nach seinem Tod schenkte seine Frau Ilse Leda der Stadt Osnabrück die Komposition „K144“.
Station 12: Heger Friedhof
Am 5. Februar 1926 wurde von der Stadt ein Wettbewerb zur Gesamtgestaltung des Heger Friedhofs, insbesondere der neuen Grabmäler, ausgeschrieben. v-g reichte mehrere Entwürfe für Grabmäler ein, von denen eine Vielzahl prämiert und von der Stadt gekauft wurden. Die Gräber sind leider nicht mehr erhalten, nur Entwürfe geben heute Aufschluss über v-gs Grabmälergestaltung.
Station 13: Schützenkreis Osnabrück Stadt e. V., früher Osnabrücker Schützenverein
Der Osnabrücker Schützenverein schrieb im Jahr 1928 einen Wettbewerb zur Gestaltung einer Kleinen Festhalle aus. Als Sieger ging v-g mit seinen avantgardistischen Entwürfen hervor. Er erwarb sich mit diesen Entwürfen internationales Renomme als Architekt der Avantgarde, seine Gebäudeentwürfe waren sowohl funktionalistisch als auch reduktionistisch und erinnerten damit an Bauformen von De Stijl und von Rietveld. Die Bezeichnung v-gs als Architekten bleibt dennoch strittig, oftmals gingen konkrete Planungen nicht über die ersten Entwürfe hinaus, auch die von ihm entworfene Tischlerwerkstatt seines Vaters wurde letztlich von einem Osnabrücker Architekten realisiert. Zur Umsetzung der Entwürfe für die Kleine Festhalle kam es nie, aus Kostengründen wurde das Projekt nicht durchgeführt.
Nähere Informationen: Projektbüro Fachbereich Kultur, Kulturhaus, Marienstraße 5/6, 49074 Osnabrück, Ansprechpartnerin Anke Bramlage, (0541) 3234211, E-Mail: bramlage@osnabrueck.de