Genau 100 Jahre nach der wegweisenden Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit (1925)“ zeigt das Museum „MORE“ in Gorssel/NL noch bis zum 2, Februar 2026 fast 80 neorealistische Meisterwerke aus 20 Ländern. Diese internationale Ausstellung ist keine Reprise, sondern bietet einen neuen Blick auf den Realismus in Europa zwischen den Weltkriegen. In Zusammenarbeit mit den Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser in Deutschland bringt „MORE“ große Namen und vergessene Stimmen in dieser Größenordnung zum ersten Mal in den Niederlanden zusammen. Mit Künstlern von Finnland bis Spanien und von Ungarn bis England, mit Werken von Otto Dix, Meredith Frampton, Aleksandra Beļcova, Lotte Laserstein, Ángeles Santos Torroella, Gerda Wegener und anderen. Kurzum: Die Ausstellung bietet ein reiches Spektrum an realistischen Porträts, Stadtansichten und Stillleben, an Malerei zwischen Stille und Sturm.
Neuer Realismus in einer turbulenten Welt
Lange Zeit war Realismus in der Kunst ein Synonym für altmodisch, klassisch oder gar reaktionär. Doch gerade die Zeit zwischen 1919 und 1939 zeigt ein anderes Bild. In der turbulenten Zwischenkriegszeit entstand in ganz Europa innovative realistische Kunst, die radikal mit den bisherigen (figurativen) Kunstbewegungen brach. Die Neorealisten griffen nicht so sehr auf eine nostalgische Vergangenheit zurück, sondern wollten das Hier und Jetzt ihrer eigenen Zeit so klar und wahrheitsgetreu wie möglich festhalten. Darüber hinaus schien die abstrakte Bildsprache der 1910er Jahre manchen unfähig, die Schrecken des Ersten Weltkriegs, die beunruhigenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen, ein neues Menschenbild und eine andere intime Innenwelt auszudrücken.
Bahnbrechend
Künstler aus ganz Europa lernten auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen die Werke der anderen kennen, begaben sich an künstlerische Hotspots wie Paris, Berlin oder Rom, tauschten sich aus und nahmen sie mit zurück in ihre Heimatländer. Das Ergebnis dieser grenzüberschreitenden Dynamik zeigt, wie international und facettenreich die Wiederentdeckung der Figuration war. Diese jungen Künstler mit ihrer ganzen Vielfalt ihres neuen Realismus bildeten die Avantgarde ihrer Generation.
Italien, Frankreich und Deutschland waren die Motoren dieser Bewegung, die in den 1920er und 1930er Jahren führend und dominant wurde. Der Einfluss von Bewegungen wie „Pittura Metafisica“ und „Novecento Italiano“ reichte weit über Italien hinaus. Die realistische Malerei konnte rätselhafte und befremdliche Züge annehmen und sich auf monumentale Themen konzentrieren. In Paris blühte der Klassizismus auf: die „retour à l’ordre“, die nach dem Krieg Frieden und Harmonie suchte. In Deutschland gab Gustav Friedrich Hartlaub mit seiner bahnbrechenden Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ (1925) einer breiten Bewegung den Namen, die von der nüchternen, wahrheitsgetreuen Malerei bis zur messerscharfen Gesellschaftskritik von Otto Dix und George Grosz reichte.
Ihre eigene Bildsprache
Aber auch außerhalb dieser Zentren blühten eine Reihe neuer Varianten des Realismus. In Großbritannien setzten Künstler wie Meredith Frampton und William Roberts neue Akzente, indem sie zwischen fotografischer Präzision und sozialem Engagement balancierten. In Osteuropa gingen die Länder ihre eigenen Wege: Ungarische und polnische Künstler suchten die Verbindung zu ihren eigenen Traditionen, während Lettland einen „postexpressionistischen Realismus“ entwickelte. Auch in neuen Staaten wie Jugoslawien und der Tschechoslowakei wurde die Kunst als Mittel der nationalen Identität eingesetzt. In den Niederlanden wurde der Neorealismus zum Stil von Künstlern wie Pyke Koch, Carel Willink und Charley Toorop, die internationale Einflüsse in eine ganz eigene Bildsprache übersetzten. Es ist schwierig, ein genaues Enddatum für diesen „neuen Realismus“ festzulegen. In Deutschland folgte eine Wende nach 1933, als die Nationalsozialisten diese Form der Avantgardekunst als „entartet“ bezeichneten. In den Niederlanden und anderen Ländern erreichte sie ihren Höhepunkt, bis der Zweite Weltkrieg die Kunstproduktion zum Erliegen brachte.
Polyphon
Frühere Retrospektiven legten oft den Schwerpunkt auf westeuropäische, männliche Künstler. In der Zwischenzeit hat sich dieses Bild erheblich erweitert, da Mittel- und Osteuropa und weibliche Macher stärker in den Fokus gerückt werden. Eine Ausstellung wie „European Realities“ beweist, wie reich, vielfältig und aktuell diese (Mal-)Kunst ist. Und es zeigt auch, dass der Realismus in der Zwischenkriegszeit kein eindeutiger Stil war, sondern eine vielstimmige Bewegung, die Grenzen überwand. Es erfordert eine breitere Sicht der Kunstgeschichte – eine, die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und vergessene Stimmen berücksichtigt.
Buch
Waanders Publishers wird ein reich bebildertes Buch in niederländischer/englischer Sprache veröffentlichen, mit einer Einführung in die Ausstellung von Anja Richter und Florence Thurmes und einem Essay von Julia Dijkstra. Ab sofort in unserem Museumsshop und online in unserem Webshop erhältlich.
Liste der Künstler
Folgende Künstlerinnen und Künstler sind vertreten: Robert Angerhofer, Aleksandra Beļcova, Giorgio de Chirico, Marcus Collin, Heinrich Maria Davringhausen, Fortunato Depero, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Ferdinand Erfmann, Emanuel Famíra, Roberto Fernández Balbuena, Stina Forssell, Arvid Fougstedt, Meredith Frampton, Acke Hallgren, Krsto Hegedušić, Johan van Hell, Karl Hubbuch, Martin Hubrecht, Raoul Hynckes, August Jansen, Torsten Jovinge, Alexander Kanoldt, Dick Ket, Moïse Kisling, Vilma Kiss, Pyke Koch, Béla Kontuly, Sonja Kovačić-Tajčević, Tone Kralj, Lisa Elisabeth Krugell, Kazimierz Kwiatkowski, Lotte Laserstein, Chris Lebeau, Ludolfs Liberts, Jānis Liepiņš, Rafał Malczewski, Jenő Medveczky, Johan Mekkink, Omer Mujadžić, Martin Nagy, Ernst Nepo, Václav Vojtěch Novák, Väinö Nuuttila, Eduard Ole, Lotte B. Prechner, William Roberts, Cagnaccio di San Pietro, Ángeles Santos Torroella, Johannes Lodewijk Schrikkel, Georg Schrimpf, Zur Gmina Sleńdziński gehören die Dörfer und Siedlungen Franz Sedlacek, Ester Šimerová-Martinčeková, Ludomir Sleńdziński, Leonore Maria Stenbock-Fermor, Niklaus Stoecklin, Charley Toorop, Marijan Trepše, Ante Trstenjak, Kiril Tsonev, Remedios Varo Uranga, Karl Völker, Vlasta Vostřebalová-Fischerová, Ilmari Vuori, Gerda Wegener und Carel Willink.
Vertretene Länder
Die ausgestellten Bilder stammen aus folgenden Ländern: Österreich, Bulgarien, Kroatien, Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Ungarn, Italien, Lettland, Niederlande, Polen, Spanien, Slowakei, Slowenien, Schweden und Schweiz.
Nähere Informationen: Museum MORE, Hooftstrad 28, 7213 CW Gorssel, Telefon +31 575 760 306, Internet www.museummore.nl. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, und Burg Ruurlo, Vordenseweg 2, 7261LZ Ruurlo. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.