Langsam füllt sich auf meiner Internetseite Herr Meistermann die Sammlung von Informationen über die Kunstmuseen in Duisburg. Und da darf das Lehmbruck-Museum nicht fehlen. Schließlich gilt er heute neben Ernst Barlach (*1870 +1938) als wichtigster deutscher Bildhauer der Klassischen Moderne. In nur zwei Jahrzehnten schuf er ein ungewöhnlich ausdrucksstarkes und umfangreiches Lebenswerk.
Bevor hier aber das Museum in den Fokus gerückt wird, sollen der Künstler, dem es gewidmet ist, und sein Werk, das internationale Beachtung gefunden hat, kurz vorgestellt werden.
Biografisches
Heinrich Wilhelm Lehmbruck wird am 4. Januar 1881 in Meiderich geboren. Schon früh zeigt sich seine künstlerische Begabung. Sein Zeichenlehrer, Gerrit van Driepenbrock, erkennt sein Talent und fördert ihn. Er lernt zunächst an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf von 1895 bis 1899. 1901 beginnt er ein Bildhauerstudium an der Königlichen Akademie in Düsseldorf. Unter der Leitung des Bildhauers Karl Janssen wird sein handwerkliches Können geschult, vor allem in der Gestaltung naturalistischer und klassizistischer Genreplastik.
Mit 23 Jahren besucht Lehmbruck die Internationale Kunstausstellung in Düsseldorf, die mit renommierten Künstlern aus aller Welt die aktuelle Gegenwartskunst erstmals nach Düsseldorf bringt. Dort begegnet er den Arbeiten Auguste Rodins. Er unternimmt mehrere Studienreisen, die ihn unter anderem nach Italien führen.
Im Mai 1906 präsentiert Lehmbruck seine Plastik „Badende“ in der Deutschen Kunstausstellung in Köln, im selben Jahr beendet er sein Studium. 1907 bezieht er sein erstes Atelier in Düsseldorf und tritt dem Verein der Düsseldorfer Künstler bei. Im selben Jahr werden im Pariser Salon vier seiner Werke ausgestellt und Lehmbruck reist zum ersten Mal nach Paris. Auch in den Folgejahren nimmt er regelmäßig an Pariser Ausstellungen teil.
Er pflegt Kontakte in die Kunst- und Sammlerszene und freundet sich mit Sammlern wie Karl Ernst Osthaus und Carl Nolden an, die in den Folgejahren zu seinen wichtigsten Förderern werden. Im Juni 1908 heiratet Lehmbruck Anita Kaufmann.
Nach mehreren erfolgreichen Ausstellungsbeteiligungen beschließt die Familie Lehmbruck, nach Paris zu ziehen, wo Wilhelm Lehmbruck Auguste Rodin in dessen Atelier in Meudon besucht. Lehmbruck präsentiert seine Werke auf dem Salon der Société nationale des beaux-arts, der Berliner Secession, der Kölner Sonderbund-Ausstellung sowie der Armory Show in den USA. In der Pariser Zeit entstehen einige seiner wichtigsten Werke wie die Stehende weibliche Figur (1910), die Kniende (1911), die Große Sinnende (1913) und der Emporsteigende Jüngling (1913/14). Als der Erste Weltkrieg ausbricht, muss die Familie nach Deutschland zurückkehren.
Lehmbruck bezieht im Dezember sein neues Atelier in Berlin. Zum Kampfeinsatz an die Front muss er nicht, arbeitet aber für kurze Zeit in einem Hilfslazarett in Berlin-Friedenau. Es entstehen die Hauptwerke der Gestürzte (1915/16) und der Sitzende Jüngling (1916/17).
Ende 1916 kann Lehmbruck seine Werke in der Kunsthalle Mannheim in einer umfassenden Einzelausstellung präsentieren. Nach dieser Ausstellung beschließt die Familie, nicht mehr nach Berlin zurückzukehren, sondern südwärts in die Schweiz zu ziehen, um dort auf das Ende des Krieges zu warten.
Lehmbruck freundet sich in Zürich mit dem Schriftsteller Fritz von Unruh und dem Dichter Albert Ehrenstein an. Er lernt die junge Schauspielerin Elisabeth Bergner kennen, die ihm Modell steht. Lehmbruck entwickelt starke Gefühle für sie. Als idealisiertes Bildnis entsteht das außergewöhnliche Porträt Betende (1918). Zu dieser Zeit beginnt sich sein Gemütszustand zu verschlechtern.
Wegen eines Auftrages kehrt Lehmbruck 1919, kurz nach Kriegsende, noch einmal nach Berlin zurück. Er beschäftigt sich mit der Anthroposophie Rudolf Steiners und spielt mit dem Gedanken, nach Indien auszuwandern. 1919 unterzeichnet Wilhelm Lehmbruck einen Aufruf Steiners, der die Grundlage für eine gesellschaftliche Neuordnung nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges schaffen sollte. Am 24. Januar 1919 wird Lehmbruck zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt, die höchste Anerkennung für einen deutschen Künstler. Die Nachricht dieser Würdigung kann ihn jedoch nicht davon abhalten, sich am 25. März 1919 in Berlin das Leben zu nehmen. Er wird nur 38 Jahre alt.
Zum Werk
Zwischen 1898 und 1906 entsteht Wilhelm Lehmbrucks plastisches Frühwerk. Es spiegelt im Wesentlichen den Stilpluralismus der Gründerzeit wider, den ihm sein Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie, Carl Janssen, während seiner Studienjahre vermittelt hat. Vor allem angeregt durch Auguste Rodins und Aristide Maillols Werk findet Lehmbruck bis zur Übersiedlung nach Paris 1910 zu seinem eigenen plastischen Stil: in sich gekehrte, vergeistigte Figuren, die sich nach strengen Proportionsmaßen tektonisch aufbauen und dennoch anmutige Haltungen einnehmen.
Während seiner Pariser Jahre von 1910 bis 1914 steigert Lehmbruck den Ausdruck seiner idealtypischen Figuren durch Längung und Verräumlichung der Körper. Mit seinen von den Zeitgenossen als „gotisch“ bezeichneten Figuren, die in Gips, Steinguss und Terrakotta – seltener auch in den teureren Materialien Bronze und Marmor – gearbeitet sind, gelingt Lehmbruck der internationale Durchbruch zur Moderne.
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kehrt Lehmbruck nach Berlin zurück. In den folgenden Jahren wandelt sich das Tektonische in seinem Werk ins Expressive, Fragmentarische und Reduzierte. In den Berliner und Zürcher Jahren bis 1918/1919 entstehen die existenziellen Antikriegsplastiken des Gestürzten und des Sitzenden Jünglings, sensible und erschütternde Figuren voller Melancholie und Einsamkeit, die eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Menschlichkeit, innerem Frieden und paradiesischer Welt zum Ausdruck bringen.
Parallel zu seinen Plastiken schafft Lehmbruck in seinen Pariser Jahren ein umfangreiches malerisches Werk mit Bildnissen, Akten und Gruppenkompositionen, welche die gleichermaßen harmonischen wie auch konfliktgeladenen Beziehungen zwischen den Geschlechtern thematisieren. Stilistisch münden diese Gemälde in den bewegten, zeichnerischen Expressionismus der letzten Jahre.
In Paris entsteht außerdem Lehmbrucks druckgrafisches, knapp 5000 Blätter umfassendes Werk, hauptsächlich Radierungen, in denen er eine eigene Ikonografie entwickelt, aber auch Themen seiner Plastiken aufgreift. Energisch und unkonventionell geht er mit dem Grabstichel und den Papieren beim Drucken um und verändert wiederholt die Zustände dieser Blätter.
Bindeglied zwischen allen Kunstgattungen – und doch immer wieder auch autonom – sind Lehmbrucks Zeichnungen, in denen sich die linienreiche Suche nach der Idealform mit der Zartheit des Ausdrucks verbindet. Zusammenfassend hat Lehmbruck mit seinem Werk nach 1910 durch die in ihm entwickelte metaphysische Tektonik und abstrahierte Expressivität einen frühen und wesentlichen Beitrag zum modernen Menschenbild in der Kunst des 20. Jahrhunderts geleistet.
Zur Geschichte des Museums
Mit seiner mehr als 100-jährigen Geschichte kann das Lehmbruck Museum auf eine abwechslungsreiche Entwicklung zurückblicken. Es zählt heute zu den traditionsreichsten Häusern Deutschlands und gehört mit seinen Werken des 20. und 21. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Skulpturensammlungen Europas.
Die Gründung eines Kunstvereins legt 1905 den Grundstein für das spätere Museum. Nur zwei Jahre später übernimmt dieser neben seinen kulturhistorischen Aufgaben auch den Aufbau einer Sammlung zeitgenössischer Kunst. Durch die Fabrikantenfamilie Böninger wird 1912 der erste Ankauf einer Arbeit von Wilhelm Lehmbruck realisiert.
1916 gelingt der nächste wichtige Schritt auf dem Weg hin zum Museum. Die Familie Böninger überlässt der Stadt Duisburg das Grundstück an der Düsseldorfer Straße – der Standort des heutigen Gebäudes – und stellt 30.000 Mark für den Aufbau eines Museums und einer Sammlung zeitgenössischer Skulptur zur Verfügung. 1925 entwickelt Gründungsdirektor August Hoff auf Basis der Lehmbruck-Sammlung das Kunstmuseums.
Eines der dunkelsten Kapitel des Hauses folgt 1937: Im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ der Nationalsozialisten verliert das Städtische Kunstmuseum rund 100 seiner Werke, darunter auch Arbeiten aus Lehmbrucks wichtigster Schaffensphase (1910–1918). „Die Kniende“ wird in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt und später von den Nationalsozialisten verkauft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt das Museum wieder zu wachsen und schon bald wird klar: Die Sammlung braucht einen eigenen Bau. 1964, sechs Jahre nach Baubeginn, wird im Kant Park das von dem Sohn des Künstlers, Manfred Lehmbruck, entworfene Wilhelm Lehmbruck Museum eröffnet. Kurz darauf findet eine der bis heute wichtigsten Gründungen für das Museum statt: 1968 wird Der Förderkreis des Wilhelm Lehmbruck Museums e.V. ins Leben gerufen. Bis heute unterstützt der daraus hervorgegangene Freundeskreis das Museum tatkräftig.
Da die Sammlung wächst, wird bald eine Vergrößerung des Gebäudes notwendig. In den 1980er Jahren entwirft Manfred Lehmbruck gemeinsam mit Klaus Hänsch den Erweiterungsbau, der die Ausstellungsfläche nahezu verdoppelt. Im Jahr der Einweihung wird 1987 auch die überregional beachtete Kunstvermittlung ins Leben gerufen.
Im Jahr 2000 erfolgen zwei weitere historische Schritte in der Museumsgeschichte: Einerseits wird die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum gegründet, andererseits schließen sich der Museumsverein Duisburg und der Förderkreis des Museums zum Freundeskreis Wilhelm Lehmbruck Museum e.V. zusammen.
Nach mehrjährigen Verhandlungen gelingt es 2008, den Nachlass Wilhelm Lehmbrucks dauerhaft für Duisburg zu sichern. 33 Skulpturen, 18 Gemälde, 11 Pastelle, 819 Zeichnungen und 260 Druckgrafiken bereichern die Sammlung, wodurch das Lehmbruck Museum seinen Status als einzigartiges Künstlermuseum festigt.
Nähere Informationen: Lehmbruck Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 47051 Duisburg, Postadresse: Düsseldorfer Straße 51, 47049 Duisburg, Telefon: +49 (0) 203 283-3294. Fax: +49 (0) 203 283-3892, E-Mail info@lehmbruckmuseum.de