Am 25. Januar 2025 wäre der in Lingen geborene Künstler Harry Kramer (*1925, Lingen +1997, Kassel) 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass realisiert die Kunsthalle Lingen unter dem Titel „Harry Kramer und seine Zeit“ eine Gruppenausstellung mit dem Anspruch, Automobile Skulpturen, Schiebeplastiken, Brotköpfe und Schiebebilder von Harry Kramer im Zusammenhang mit weiteren Werken von Künstlerinnen und Künstlern zu präsentieren, die ebenfalls Aspekte wie Bewegung, Relationale Ästhetik, Licht und aktive Teilnahme der Betrachterinnen und Betrachter in ihrer künstlerischen Arbeit mitgedacht haben.
Präsentiert werden zwei und dreidimensionale Kunstwerke der Künstlerinnen Eva Aeppli, Mary Bauermeister, Hanne Darboven, Rebecca Horn und Charlotte Posenenske und der Künstler Konrad Klapheck, Otto Piene, Dieter Roth und Jean Tinguely.
Die Ausstellung wird am Freitag, 13. September, 10 Uhr, eröffnet. Zu sehen ist sie bis zum 11. Januar 2026.
Zu Harry Kramer
„Eine zutiefst moderne, weil vielfach gebrochene und in sich reflektierte Künstlerrolle“ – so bezeichnet Stefan Lüddemann den gebürtigen Lingener Künstler Harry Kramer. Sein Werk ist von mehreren einzelnen Phasen geprägt, in denen sich der Bildhauer, der nie eine künstlerische Ausbildung absolvierte, ganz einer Sache verschrieb.
Wer Harry Kramer im Gedächtnis behalten hat, der kennt vor allem seine Drahtskulpturen. Zwischen 1961 und 1967 entstanden, sorgte er mit diesen „kinetischen Plastiken“ auf der documenta 3 für Furore: Der Korpus aus Drahtgitter, in Form einer Kugel, eines Kubus, später auch einer Hand oder einem Fuß nahekommend, ein kleinteiliger Kosmos aus schwarzen, gitterartigen Streben. Darin ein „System beweglicher Elemente“, über Gummibänder verbunden, die die Kraft eines kleinen Elektromotors übertragen und, wenn er eingeschaltet ist, den ganzen Aufbau stetig in Bewegung halten. Ruckartig, wie aus dem Takt gebracht, schwanken kleine Kugeln, Rädchen drehen sich, winzige Hämmer schlagen an Glöckchen, ein rastloses Wuseln im Drahtgestell. Innerhalb seines Werkes scheinen diese Plastiken aber wie der folgerichtige nächste Schritt: Von seinem mechanischen Theater – einer „unheimlichen Phantasmagorie“, schreibt 1955 ein Journalist der ZEIT über die „13 Szenen“, die in der Berliner Springer Galerie gezeigt werden – zu den automobilen Figuren, schon körperlos, bloße Köpfe auf Rändern, die sich robotergleich auf ihren großen Zahnrädern fortbewegen, und den Kurzfilmen mit ebenjenen Figuren und ihrer „bizarren Komik“ für die Kramer den Bundesfilmpreis und einen „Goldenen Löwen auf der Filmbiennale in Venedig erhält. Von dort ist es nicht weit zu den Drahtskulpturen der 1960er-Jahre.
Sie zitiert er auch in den Möbelskulpturen des späteren Jahrzehnts: Alltagsgegenstände werden kombiniert mit einfachen Möbelstücken, in grellen Farben bemalt und mit vereinzelten Glühbirnen beleuchtet. Diese Objekte ebenso wie die „Schiebeplastiken“, organische Formen mit passgenau zusammengefügten Teilelementen, die gegeneinander verschoben werden können, treffen auf zwiegespaltene Meinungen in der Kunstwelt. Kramer macht „aus dem sperrigen Kunstwerk ein Objekt, das ebenso Handschmeichler wie Augenfreude ist“ und von vielen als Versuch abgetan wird, endlich auch auf dem Kunstmarkt erfolgreich zu sein.
1970 erfolgt dann ein Einschnitt innerhalb seiner Arbeit: Er übernimmt die Professur für Bildhauerei an der Gesamthochschule Kassel: „Kunst nicht vorzuführen, sondern authentisch vorzuleben“ ist seine Maxime. In der flachen Hierarchie seiner Klasse unterstellt er seine eigene Produktion fast gänzlich dem Kollektiv, in dieser Phase entstehen nur wenige Arbeiten. Stattdessen wird er selbst zum Kunstwerk: In der Serie „Künstliche Menschen“ von 1972/73 werden zwei Automaten ausgestellt, die nach seinem Gesicht und Körper abgeformt sind. Wirft man eine Münze ein, bewegt der eine die karobedeckten Gliedmaßen, der andere öffnet eine kleine Flügeltür in seiner Brust und spielt eine Aufnahme von Kramers Stimme an.
Fast 10 Jahre nach seinem Antritt in Kassel begann er wieder mit einem eigenen Projekt, den Schrifttafeln zur Apokalypse: Auf 24 Tafeln befinden sich die Texte der Johannesoffenbarung, übersetzt in einen Code aus vier verschiedenfarbigen Punkten in Acryl. Zum Auftakt der Retrospektive Harry Kramers 1995 in Lingen waren diese Tafeln in eine spektakuläre Performance integriert, bei der der Künstler ebenfalls anwesend war. Auf der die Halle IV der Länge nach durchziehenden Empore wurden sie auf Staffeleien ausgestellt, und mit 20 Scheinwerfern beleuchtet, den einzigen Lichtquellen im Raum. Die Scheinwerfer eines LKW erleuchteten den Besuchern den Weg, die die Halle zum Avantgarde-Jazzrock der Band „Ugly Culture“ aus Köln betraten.
Sein letztes Projekt war die Nekropole in Kassel, ein Künstlerfriedhof für namhafte KünstlerInnen, den er zu großen Teilen aus seinem eigenen Kapital und dem Verkauf des Mechanischen Theaters finanzierte. Harry Kramer wurde selbst anonym auf dem Gelände am Habichtswald bestattet.
Biographisches
Harry Kramer wird am 25. Januar 1925 in Lingen geboren, in einer ärmlichen Umgebung, in der seine Eltern ihm ein Leben als Straßenfeger prophezeien, weil er der deutschen Rechtsschreibung nicht Herr wird. Als er 7 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose. Danach zieht sich der schmächtige Junge Harry in sein Innerstes zurück, nennt sich, rückblickend auf diese Zeit, später einen Hochstapler. Nach einer Ausbildung zum Friseur und dem Kriegsdienst arbeitet er vier Jahre lang als Tänzer und Schauspieler, bevor er 1952 mit der Arbeit am „Mechanischen Theater“ beginnt. 1956 zieht er nach Paris, es folgen Aufenthalte in den USA, Ausstellungen und eine Gastdozentur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Von 1970 bis 1992 lehrt er Bildhauerei an der Gesamthochschule Kassel, in seinem letzten Jahr dort eröffnet die Kasseler Nekropole. Am 20. Februar 1997 stirbt Harry Kramer in Kassel.
Zum Kunstverein Lingen
Der Kunstverein Lingen wurde 1983 gegründet und und leistet seitdem durch Vermittlung zeitgenössischer Kunst einen wichtigen Beitrag zu Bildung und Aufklärung. Er ist eine von Mitgliedern getragene gemeinnützige Einrichtung und ist sowohl Träger der Kunstschule Lingen, verortet am Universitätsplatz, als auch der Kunsthalle Lingen, die sich an der Kaiserstraße befindet. Der Gründung voraus ging 1978 als freie Initiative von Künstler:innen und kunstinteressierten Bürger:innen der Stadt Lingen (Ems) die Lingener Mal- und Kreativschule, aus der heraus 1982 der Mal- und Kreativschul-Verein Lingen gegründet wurde.
Um unter seiner Trägerschaft auch Ausstellungen zeitgenössischer Kunst durchführen zu können, wurde dieser am 2. Juni 1983 in Kunstverein Lingen umbenannt. Von 1983 bis 1997 wurden Kunstwerke regional, national und international bekannter Künstler:innen im Foyer des Theaters an der Wilhelmshöhe präsentiert. Die Mal- und Kreativschule zog 1986 in Räume des Professorenhauses am Universitätsplatz, seit 1997 residiert sie als Kunstschule Lingen in der ebenso dort verorteten Alten Lateinschule. Der Kunstverein Lingen war Initiator des 1984 gegründeten niedersächsischen Landesverbandes der Kunstschulen.
Am 12. Oktober 1997 konnte die vom Kunstverein getragene Kunsthalle Lingen in großzügigen Räumen in der Halle IV des ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerks eröffnet werden und vermittelt dort bis heute künstlerisch formulierte Inhalte zeitgenössischer Themen. Von 1995 bis 2003 war der Kunstverein Lingen Kunsthalle Sitz der Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine (ADKV), in der er bis heute Mitglied ist. Der Kunstverein Lingen e.V. wurde 2021 mit dem Prädikat „Immaterielles Kulturerbe der Deutschen Unesco Kommission“ versehen.
Der Kunstverein Lingen beabsichtigt, einen positiven Beitrag für Gesellschaft, Kultur und Kunst zu leisten. Dies beinhaltet hohe Standards und ethische Ansprüche im Vereinsleben beider von ihm getragenen Institutionen nach innen und außen, den Respekt vor den Menschenrechten, den Respekt vor der Kunstfreiheit und die Unterstützung sozialer Organisationen. Gemeinsam legen die Kunstschule und die Kunsthalle Lingen Wert auf die Vermittlung von Kunst und die Wertschätzung der Kunstfreiheit in der Öffentlichkeit, insbesondere bei Kindern, Jugendlichen sowie sozial schwächer gestellten Bevölkerungsgruppen und setzen sich gegen jegliche Form von Diskriminierung im Hinblick auf ethnische Herkunft, Nationalität, Hautfarbe, Weltanschauung, Religion, Geschlecht, sexuelle Identität oder Alter ein.
Zur Kunsthalle Lingen
Sehen und Denken – die Kunsthalle Lingen ist das Zentrum für außerschulische Bildung und Aufklärung durch Vermittlung von bildender Kunst der Gegenwart. Es werden Einzel- und Gruppenausstellungen von regional, national und international bekannten Künstler:innen präsentiert, ergänzt durch ein breit gefächertes Programm an unterschiedlichen Formaten der Kunstvermittlung ebenfalls mit jeweils zeitgenössischem Inhalt. Heute gesellschaftlich und politisch relevante Aspekte wie zum Beispiel Ökologie, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz oder Postkolonialismus kommen in den Ausstellungen und den Formaten der Kunstvermittlung der Kunsthalle Lingen zur Sprache. Dies beginnt bereits bei der Präsentation von Kunstwerken unterschiedlicher Medien, gefertigt von Künstler:innen unterschiedlicher Herkunft.
Zum anderen fördert die Einbeziehung von Kulturproduzent:innen aus verschiedenen Bereichen den interdisziplinären Austausch und etabliert die Lingener Kunsthalle als offenes Forum für Kunstvermittlung unterschiedlicher Ansätze. Vorträge zu kunst- und philosophiespezifischen Themen, Gespräche mit Künstler:innen, Konzerte, Kunstreisen, Publikationen, Führungen oder Kochabende und ein breites Angebot an gestalterisch orientierter Kunstvermittlung für Menschen jeden Alters tragen zur Erfüllung des Bildungsauftrags der Kunsthalle Lingen bei.
Die Kunsthalle Lingen betreut und präsentiert in unterschiedlichen Ausschnitten einen Teil des Nachlasses des 1925 in Lingen geborenen Künstlers Harry Kramer, der 1964 an der documenta III in Kassel teilnahm und dort 1997 starb.
Kunstschule Lingen
Bilden mit Kunst: Forschen, Experimentieren, Kunst erleben und gestalten – die Kunstschule Lingen vermittelt Kunst und Kreativität. Die Kunstschule Lingen ist eine außerschulische Bildungseinrichtung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit kunst- und kulturpädagogischen Angeboten der bildenden sowie angewandten Kunst, wie zum Beispiel ästhetische Frühförderung, Malerei, Zeichnen, Druckgrafik, Holz- und Keramikwerkstätten. Sie bietet Wochenend- und fortlaufende Kurse, Ferienwerkstätten, Ausstellungen und Events, Fortbildungen, interdisziplinäre Projekte sowie regionale und überregionale Kooperationen an.
Im niedersächsischen Landesverband ist sie mit rund 40 anderen Kunstschulen vernetzt, die nach dem gemeinsamen Konzept „bilden mit kunst“ arbeiten und kontinuierlich kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe fördern. Neben dem Standort Lingen hat die Kunstschule drei Außenstellen in Baccum, Emsbüren und Spelle.
Die Kunstschule Lingen schafft Räume, in denen eigenständiges Handeln mit Kreativität und Fantasie mittels der Kunst möglich ist. Das Ziel ist die Stärkung der individuellen Fähigkeiten und kreativen Ausdruckskraft jedes Einzelnen. Die mit der ästhetisch-künstlerischen Bildung erworbenen sozialen und künstlerischen Schlüsselkompetenzen öffnen besonders bei Kindern die Sinne für ein neugieriges Lernen und kreatives Gestalten. Für Jugendliche als auch für Erwachsene bietet die Kunstschule eine berufliche Orientierung sowie künstlerische Weiterbildung.
Neben dem eigenständigen Bildungssystem hat die Kunstschule den konzeptionellen Schwerpunkt, innovative Impulse und Vernetzungen für das gesellschaftliche und kulturelle Leben in kommunalen und überregionalen Zusammenhängen zu schaffen.
Nähere Informationen: Kunsthalle Lingen, Kaiserstraße 10a, 49809 Lingen, Telefon 0591 59995, E-Mail: info@kunsthallelingen.de. Geöffnet ist die Kunsthalle von Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.
Quellen:
Internetseite der Kunsthalle Lingen
Lüddemann, Stefan: Harry Kramer. Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen, Bd. 64. Bonn, 2007.
Die Zeit, 22/1955, 2. Juni, kgl. Online unter : http://www.zeit.de/1955/22/mechanisches-theater.
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