Ein anderer west-östlicher Diwan oder vielmehr ein west-östliches Bett

Zu Joseph Roths Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“

Weltbekannt sind die „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“. Was zunächst nach orientalischen Märchen und Geschichten voller Spannung und exotischem Reiz klingt, hat einen dramatischen und für eine gewisse Frau oder mehrere Frauen lebensbedrohlichen Hintergrund.

Als der König Schahriyar feststellen muss, dass seine Gattin Ehebruch begeht, ist sein Vertrauen in Frauen und ihre Treue nachhaltig zerstört. Er beschließt, nur noch für jeweils eine Nacht zu heiraten, um seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen, und am nächsten Tag aus Angst vor Untreue seine junge Gattin zu ermorden. Scheherazade, die Tochter seines Wesirs, will diesen Kreislauf der Gewalt mit einer List durchbrechen. Nachdem sie mit Schahriyar in der Nacht das Bett geteilt hat, erzählt sie ihm anschließend eine Geschichte, unterbricht diese jedoch bei Morgengrauen an ihrer spannendsten Stelle – heute würde man es Cliffhanger nennen – , wodurch der König – begierig darauf, das Ende zu hören – die Hinrichtung aufschiebt. Da Scheherazade jedoch immer wieder neue Geschichten erzählt beziehungsweise geschickt weitere in eine bereits begonnene einwebt, wiederholt sich der Prozess eintausend weitere Nächte lang. Am Ende rückt der König innerlich ab von seinem Schwur, seine Frau nach der Hochzeitsnacht zu töten, und gewährt ihr Gnade. Scheherazade durchbricht so erfolgreich den Kreislauf der Gewalt.

Bei den „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“ handelt es sich um eine Sammlung von mehr als 550 Geschichten aus dem arabischen, persischen und indischen Kulturraum und gilt als Klassiker der Weltliteratur. Die Erzählungen aus tausendundeiner Nacht umfassen verschiedene Genres, darunter Liebesgeschichten, Abenteuergeschichten und Anekdoten bis hin zu Schilderungen mit offenem erotischen Charakter.

Der Ursprung der Geschichten wird um 250 vermutet: und über die Jahrhunderte sind viele dazugekommen. Das ursprüngliche Werk ist nicht erhalten. Als älteste (nur teilweise erhaltene) Handschrift gilt die Gallandt-Handschrift. aus dem 15. Jahrhundert. Zahlreiche der Erzählungen finden sich auch in anderen Erzähl- und Märchensammlungen der klassischen arabischen und persischen Literatur.

Jahrhunderte nach dem König Schahriyar gibt es immer noch mächtige bis allmächtige orientalische Herrscher, die es im Übermaß nach Frauen gelüstet und dabei keinen Widerstand gelten lassen wollen, nicht einmal den der Frau. Doch manches Gelüst der beschriebenen Art kann erhebliche Schwierigkeiten nach sich ziehen – insbesondere wenn der Weg solch eines Herrschers vom Morgenland in Richtung Abendland führt.

Aber zunächst von Anfang an: „Im Frühling des Jahres 18.. begann der Schah-in-Schah, der heilige, erhabene und große Monarch, der unumschränkte Herrscher und Kaiser aller Staaten von Persien, ein Unbehagen zu fühlen, wie er es noch niemals gekannt hatte.“ – mit diesem Satz beginnt der Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ von Joseph Roth, in dem er von großem Witz beseelt ein weiteres Mal die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der österreichisch-ungarischen Monarchie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt – und das anhand einer Geschichte, die so schräg und skurril ist, dass sie den Leser zunächst staunen macht und am Glauben an dessen Wahrheit zweifeln lässt.

Was passiert? Wegen seines Unbehagens konsultiert der Schah seinen Obereunuchen Patominos, der ihm als Berater zur Seite steht und der auch einen Rat hat: „Herr, Eure Sehnsucht zielt nach exotischen Ländern, nach den Ländern Europas, zum Beispiel.“ Aber der Schah hat noch ein weiteres Problem: „Patominos“, sagte der Schah, „du weißt, daß ich schon wochenlang keine Frau mehr angerührt habe.“ Was soll ein Eunuch dazu sagen? In seiner Weisheit spricht Patominos: „… man muß sagen, daß Menschen meiner besonderen Art nicht viel von derlei Dingen verstehen.“ Was er hingegen versteht in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse ist, dass „die Männer dem Gesetz der Abwechslung unterworfen sind. Es ist ein trügerisches Gesetz; denn es gibt keine Abwechslung.“ Das gilt insbesondere für die Mächtigen; und der Schah scheint verstanden zu haben: „Wolltest du damit gesagt haben, daß ich dieser Abwechslung halber irgendwohin fahren sollte?“ Der kluge Patominos antwortet: „Ja Herr …, um sich zu überzeugen, daß es keine gibt.“ Und Patominos hat auch schon eine Idee. Er rät zu einer Reise nach Wien. Diese Passage wie auch die folgende deutet schon den großen Humor Roths an: „Der Herrscher erinnerte sich: „Mohammedaner waren dort schon vor vielen Jahren gewesen.“ „Herr es gelang ihnen damals leider nicht, in die Stadt zu kommen. Auf dem Stefansdom stünde sonst heute nicht das Kreuz, sondern unser Halbmond!“ „Alte Zeiten, alte Geschichten. Wir leben in Frieden mit dem Kaiser von Österreich.“ „Jawohl, Herr!“ „Wir fahren!“ befahl der Schah … Und es geschah, wie er befohlen hatte.“

Von Persien nach Wien

Dass ein Staatsbesuch so einiges an Aufwand mit sich bringt, ist klar. So reist der Schah mit seinem aus 365 Frauen bestehenden Harem an, und was er sonst noch mitbringt an Gefolge, Kleidung und vielem mehr, birgt auch logistische Anforderungen. Bei diesen Dingen gibt es nur ein kurzfristiges Problem mit dem Gepäck.

Große Probleme hingegen bringen die sexuellen Bedürfnisse des Schahs mit sich. Auf einem Ball zu seinen Ehren im Redoutensaal, Schauplatz für Bankette und Konzerte an der Wiener Hofburg, gegeben, begehrt er die Gräfin Helene W. Die Gräfin, mit dem Grafen W., einem „Sektionschef im Finanzministerium“, verehelicht, liebte einst den jungen Rittmeister Alois Franz Baron von Taittinger. Ebendieser Baron von Taittinger wird, wie es der Zufall will, während des Staatsbesuchs des Schahs „zur besonderen Verwendung abkommandiert“, weil er ein besonderes Talent für den Umgang mit Frauen hat. Da die Gräfin dem Schah für eine Liebesnacht – wegen unterschiedlicher Auffassungen über Frauen im Morgen- und im Abendland – unmöglich zugeführt werden kann und den unbeholfenen Wiener Gastgebern das Problem schier unlösbar erscheint, tritt Taittinger in Aktion. Er meint, die Gräfin W. gleiche seiner Freundin Mizzi Schinagl wie eine Zwillingsschwester. Mizzi, Tochter des Ofensetzers Alois Schinagl aus Sievering, einem Stadtteil Wiens, „arbeitet“ bei Frau Josephine Matzner im Bordell. Die Prostituierte hatte dem Baron einen Sohn geboren und ihn Alois Franz Alexander genannt. Taittinger zahlt keine Alimente, sondern hat Mizzi ein Geschäft einrichten lassen. Nebenbei ist Mizzi weiterhin im Bordell „tätig“.

Mit Kleidung und Accessoires aus dem Fundus des Wiener Burgtheaters ausgestattet, wird Mizzi als Adlige ausstaffiert, und der Schah wird zu der vorgeblichen „Gräfin“ ins Bordell lanciert. Der Herrscher ist mit der Mizzi im Bett so zufrieden, dass er ihr am nächsten Morgen eine Kette aus drei Reihen schwerer großer Perlen im Wert von ungefähr 50.000 Gulden zum Geschenk machen lässt.

So weit so gut, wäre da nicht die Situation, dass sich herumspricht, was sich an jenem Abend und in der folgenden Nacht ereignet hat. Das hat Folgen für manche Beteiligte. Joseph Roth gelingt ein weiteres Mal eine analytisch genaue Beschreibung der Gesellschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie von den niederen bis zu den höheren Ständen.

Auf der einen Seite steht der Baron Taittinger, Paradebeispiel für den Niedergang dieser einstmals großen Nation. Von wenig Ehrgeiz beseelt, versieht er seinen Militärdienst mit möglichst wenig Aufwand – er verantwortet das Kasino, in dem sich die Offiziere zu Speis und Trank treffen – und besticht durch eine schier unglaubliche Mischung aus Arroganz, Gleichgültigkeit, Dummheit und charakterlicher Schwäche. Seine Beteiligung an der Affäre mit dem Schah und der vermeintlichen Gräfin W. bringt ihn allmählich um seine gesellschaftliche Stellung. Richtig schlimm wird es für ihn, als der schmierige Redakteur Bernhard Lazik die Geschichte Mizzis und somit auch Taittingers peinliche Affäre unter dem Titel „Die Perlen von Teheran“ veröffentlicht. Und Taittinger gibt diesem Lazik, der ihn in den Abgrund stürzen wird, aus Unwissenheit – er liest weder Zeitung, noch kann er komplexe Zusammenhänge verstehen und brenzlige Situationen einschätzen – auch noch das Geld für die Veröffentlichung. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei ein intriganter Vertreter der geheimen Polizei, der über die ganze Geschichte genau Bescheid weiß.

Auf der anderen Seite steht seine ehemalige und später neue Geliebte Mizzi, der ein Auf und Ab ihres Lebens widerfährt. Mit den geschenkten Perlen des Schahs ist Mizzi auf einmal eine reiche Frau, spielt Madame und lebt auf großem Fuße. Doch klug ist sie nicht. Ein gewisser Franz Lissauer erschleicht sich Mizzis Vertrauen und eröffnet in ihrer von dem Baron eingerichteten Pfaidlerei, einem Geschäft, in dem Hemden, Bett- und Kurzwaren verkauft werden, einen schwunghaften „Handel“ mit gefälschter Brüsseler Spitze. Als Lissauers Betrug auffliegt, hat auch die geizige Frau Matzner, Inhaberin des Bordells, in dem Mizzi arbeitet, deren Geld teilweise in der Pfaidlerei steckt, herben finanziellen Verlust zu beklagen. Sie strengt einen Prozess gegen Lissauer an. Der Betrüger wird verurteilt, aber auch Mizzi bekommt als Mitwisserin sechzehn Monate Gefängnis. Die erträgt sie geduldig. Von dort schreibt sie den Baron Taittinger an, den sie immer noch liebt und der erkennt, welche Mitschuld er an ihrem Schicksal hat.

Auch hier versagen seine Instinkte, was den Umgang mit den niederen Schichten betrifft, mit denen man sich angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in einer autokratischen Aristokratie nicht einlassen sollte. Er besucht sie trotzdem, von einer Mischung aus Schuld, schlechtem Gewissen und Liebe getrieben, was seine Lage nicht verbessert. Das bleibt nicht unverborgen. Aus der Armee wegen angeblicher nervlicher Zerrüttung entlassen, treibt er sich jetzt in den Kreisen der Mizzi auf, die am Prater beheimatet sind und dort ihren Geschäften wie einem Karussell oder anderem nachgehen. Der Abgrund für Taittinger, aus der gehobenen Gesellschaft gestoßen und bei der niederen Gesellschaft nie angekommen und dort auch verhasst, rückt immer näher. Mizzi hingegen, die kurz noch von einer neuen gehobenen Stellung als Frau Baronin träumt, rappelt sich auf und verdient ihr Geld mit einem von Taittinger mitfinanzierten Wachsfigurenkabinett. Sie überlebt die Affäre.

Wie Dieter Kliche schreibt, hat die Begegnung Taittingers mit Mizzi einen an „Arthur Schnitzler gemahnenden „Reigen“ von Betrug, Gleichgültigkeit, Liebe und Geld ausgelöst, in den alle im Roman agierenden Figuren auf diese oder jene Weise verstrickt sind. Es ist eine Parodie auf das „felix austria“ und die „belle èpoque“ des Wiens der Jahrhundertwende. Und es ist mehr als diese Parodie: wieder im Niedergang einer Persönlichkeit der schlimme Weg einer Erkenntnis. Die Affäre hängt Taittinger an und verunsichert ihn … Sein bislang ausreichendes Wertungssystem „charmant“, „langweilig“ und „fad“ genügt nicht mehr, und eine neuartige, vorher nicht gekannte, ihn verwirrende Gefühlsmischung von Mitleid, Kummer, Bangnis, Weh, Schmerz, Scham, Sehnsucht, Liebe und Verlorenheit stellt sich ein.“

Hinterlasse einen Kommentar