Zum Roman „Die Beichte eines Mörders“ von Joseph Roth

Semjon Semjonowitsch Golubtschik: ein politischer Prototyp

Das große erzählerische Talent von Joseph Roth, das den an der europäischen Historie des 19. und 20. Jahrhunderts interessierten Leser sofort mitnimmt, hatte ich ja schon gelobt. Da kann es dann auch nicht ausbleiben, das von mir noch weitere Werke dieses Autors in die Hand genommen wurden.

An dieser Stelle soll es um die „Beichte eines Mörders – erzählt in einer Nacht“ gehen, zuerst 1936 beim Verlag Allert de Lange in Amsterdam erschienen, der sich vor dem Hintergrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der damit verbundenen Flucht und Vertreibung vieler Schriftsteller auf deutsche Exilliteratur spezialisiert hatte.

Schon drei Jahre befindet sich der Autor im Exil, aber entgegen den Schwierigkeiten manch anderer Autoren, die das gleiche Schicksal wie Joseph Roth erlitten haben, bleibt dieser produktiv und findet auch Möglichkeiten zur Veröffentlichung.

Diese Zeit des Exils ist auch die, in der die Handlung des Romans „Beichte eines Mörders“ spielt. Der Ich-Erzähler, selber Exilant, ist wie der Autor in einem Hotel in Paris untergekommen. Viel Zeit verbringt er dort in dem russischen Restaurant „Tari Bari“, dass durch eine besondere Eigenart besticht oder diesen Eindruck zu erwecken weiß: Dort scheint die Zeit wie aufgehoben zu sein: „Eine blecherne Uhr hing an der Wand. Manchmal stand sie, manchmal ging sie falsch; sie schien die Zeit verhöhnen zu wollen“, schreibt Roth.

Einer der Gäste, zumeist russische Exilanten, die vor den kommunistischen Herrschern geflohen sind, fällt dem Ich-Erzähler besonders auf, denn er hat den Eindruck, „daß (dies)er in jeder Stunde des Tages im Restaurant „Tari-Bari“ anzutreffen sei.“

Wichtiger aber ist, welch widersprüchlichen Eindruck dieser Gast hinterlässt, der im Roman später eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle spielen wird: „… das sonst ehrliche und sympathische Angesicht des Mannes bekam, wenn er lächelte, nicht gerade einen widerwärtigen, wohl aber einen gleichsam verdächtigen Zug. Sein Lächeln war war nicht etwas Helles, es erhellte also nicht das Gesicht, sondern es war trotz aller Freundlichkeit düster, ja, wie ein Schatten huschte es über das Angesicht …“

Noch viel wichtiger als die Auffälligkeit und der äußere Eindruck des Gastes, den er beim Ich-Erzähler erweckt, ist aber die Geschichte, die dieser zu erzählen hat, und die sofort an bürgerliche Dramen des 18. und 19. Jahrhunderts erinnert, in denen der Konflikt zwischen der noch herrschenden Aristokratie und dem aufstrebenden Bürgertum gespiegelt wird; und das hat mit der Zeit zu tun, in der die Vorgeschichte des Romans spielt, Jahre vor dem Ersten Weltkrieg im zaristischen Russland.

Golubtschik, so heißt dieser seltsame Gast, hat durchaus eine spannende Geschichte zu erzählen, die den Leser in Atem hält. Er ist ein unehelicher Sohn des Fürsten Krapotkin, aber ehelich der Sohn des einfachen Försters Golubtschik. Die Mutter war mit dem Fürsten fremdgegangen. Als Gymnasiast fordert der Junge in Odessa von seinem Vater, er wolle Krapotkin heißen und auch als solcher von diesem anerkannt werden. Der Fürst lacht ihn aus und speist ihn mit einem Geschenk ab. Golubtschik entfernt sich wie ein begossener Pudel. Zuvor macht er auf dem fürstlichen Schloss noch die Bekanntschaft seines Halbbruders, des jungen Fürsten Krapotkin. Dieser tückische Junge wird aber vom alten Fürsten geliebt. Golubtschik will – getrieben von unbändigem Ehrgeiz und unbedingtem Hass – den Halbbruder vernichten, koste es, was es wolle. An seiner Seite hat er den undurchsichtigen, mephistophelischen und aus Ungarn stammenden „Hopfenkommissionär“ Jenö Lakatos, der ihn als vermeintlicher Freund in seinem Anliegen zu unterstützen scheint, doch in Wirklichkeit sich als Verräter erweist. Durch dessen Intrige gerät er bei der Polizei in Verdacht, ein Dieb zu sein; und wie ein böser Geist, den man nicht los wird, taucht dieser immer wieder im Leben Golubtschicks auf.

Eingeschüchtert lässt sich Golubtschik im Gefängnis als Spitzel anwerben und wird Agent bei der Ochrana, der politischen Geheimpolizei des zaristischen Russland. Eine der ersten Aufgaben: sich das Vertrauen oppositioneller oder revolutionärer Kräfte zu erschleichen, um sie zu Aussagen zu verleiten, die diese ins Gefängnis bringen. Aus dieser Tätigkeit als Spion, gepaart mit dessen unbedingten Willen und Ehrgeiz, in die Fußstapfen eines Fürstensohnes zu treten, entwickelt Autor Joseph Roth eine Geschichte, die an die großen Romanciers des 19. Jahrhunderts wie Victor Hugo, Emile Zola oder Guy de Maupassant erinnert. Das gilt auch für den Protagonisten, der allmählich in einen moralischen Zwiespalt gerät. Einerseits genießt er die Macht, die er durch seine Tätigkeit verliehen bekommt – samt Geld, schönen Frauen und einem nur nach außen scheinendem gesellschaftlichen Status als vermeintlicher Fürstensohn -, andererseits weiß er um die Schlechtigkeit seines Tuns, hadert damit, lässt aber davon nicht ab. Und letztendlich erweist er sich nur als eine Figur, die in einem intriganten Spiel von unbekannten Fäden gezogen wird und bei dem irgendwann keiner mehr weiß, wer auf welcher Seite steht. Was übrigens die von Golubtschick eingestandenen Morde angeht, darf der Leser gespannt sein – aber auch, was dessen tragisches und zum Schluss armseliges Schicksal angeht.

Gedrungen von verborgenen Kräften, von Hass und Neid ebenso beseelt wie von unbändigem Ehrgeiz sowie moralisch schwach ohne inneren Kompass wird Golubtschick zum Prototypen für das beginnende 20. Jahrhundert und dessen politischer Akteure aus den unteren Reihen, die sich ebenso wie ihre Führer zum Täter machen – sowohl für das bolschewistische Russland als auch für das nationalsozialistische Deutschland. Einmal mehr erweist sich Joseph Roth als hellsichtiger Autor, der die politischen Entwicklungen seiner Zeit erkennt und auf den Punkt genau zu beschreiben weiß.

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