Über einen weiteren von Joseph Roth im Exil geschriebenen Roman: „Tarabas – ein Gast auf dieser Erde“

Österreicher, Jude, Katholik, kaisertreuer Legitimist, Offizier, Journalist, Dichter, Revolutionär, Sozialist, Konservativer – diese Zuschreibungen von Dieter Kliche in einem Essay treffen auf einen der interessantesten österreichischen Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu: Joseph Roth (*1894 +1939).

Nachdem ich schon in einem vorherigen Artikel über diesen Journalisten und Romanschriftsteller und insbesondere seinen Roman „Die Kapuzinergruft“ geschrieben hatte, ließ mich das Interesse einfach nicht los; und so nahm ich mir gleich einen weiteren Roman Roths vor: Tarabas – ein Gast auf dieser Erde“.

Mit seiner schnörkellosen Sprache und seinem großen erzählerischen Talent gelingt es Joseph Roth wie schon in seinen anderen Romanen, den Leser im Nu in den Bann zu ziehen und ihn insbesondere für seine Hauptfigur, den Gutsbesitzersohn Nikolaus Tarabas, einzunehmen; und das nicht gerade, weil der von sympathischem Charakter ist, sondern vielmehr weil er eine höchst interessante und zwiespältige Persönlichkeit ist, dessen Leben und Handeln von den geschichtlichen und politischen Entwicklungen seiner Zeit geprägt ist – wie das vieler Menschen, die in der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg gelebt haben.

Wer ist dieser Nikolaus Tarabas, der aus dem galizischen Dorf Koryla in Russland stammt und die Technische Hochschule in St. Petersburg besucht? Ohne, das Roth es genauer ausformuliert, erkennt Tarabas oder wird durch andere Mitstudenten auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Zarenreich aufmerksam gemacht, das von einer kleinen aristokratischen und korrupten Kaste beherrscht wird, die ihren Reichtum allein der schweren und äußerst mühseligen Arbeit ihrer Leibeigenen verdanken. Der Unterschied zwischen arm und reich ist exorbitant; und beeinflusst von revolutionärem Gedankengut aus dem Westen Europas, dessen Bandbreite sich von sozialdemokratischen, sozialistischen, sozialutopischen, kommunistischen bis hin zu anarchistischen Ideen erstreckt, bestimmt die Frage nach sozialer Gerechtigkeit und nach der Gleichberechtigung aller die Diskussion in zunächst kleinen politischen Zirkeln, die sich an den Universitäten entwickeln, aber auch in intellektuellen Kreisen. Berühmte Beispiele dafür sind der Schriftsteller Fjodor Dostojewski und der Philosoph und Revolutionär Wladimir Lenin.

Aber zurück zu Nikolaus Tarabas: Er beteiligt sich, beeinflusst von studentischen Kameraden, an einem Anschlag auf einen zaristischen Gouverneur; und das hat Folgen. Vor Gericht wird er zwar freigesprochen, aber von seinem Vater von Haus und Hof verwiesen und mit Geld dazu überredet, nach Amerika auszuwandern. Roth bringt die Situation des Tarabas kurz und knapp auf den Punkt: „Der junge Tarabas verließ die Heimat, unbesonnen, wie er zwei Jahre vorher Revolutionär geworden war. Er folgte der Neugier, dem Ruf der Ferne, sorglos und kräftig und voller Zuversicht auf ein „neues Leben“.

Doch dass will nicht gelingen. Amerika wird nicht seine Heimat. Orientierungs- und haltlos bewegt er sich durch die Steinwüste New Yorks, lässt sich treiben, die Gedanken voller Heimweh. Einziger Halt ist die Liebe zu einem Mädchen, die ebenfalls aus Russland stammt und von der er hofft, dass wenigstens sie ihn verstehe. Von Eifersucht getrieben wird dieses Mädchen Auslöser einer Schlägerei zwischen Tarabas und dem Wirt, bei dem das Mädchen beschäftigt ist. Bevor die Polizei kommt, tritt Tarabas die Flucht an – mit der Befürchtung im Kopf, dass er den Wirt womöglich erschlagen hat. Der erste Teil einer Weissagung einer Zigeunerin auf einem Jahrmarkt, dass er ein Mörder, aber auch ein Heiliger sei, scheint sich zu bewahrheiten.

Auf der Flucht bekommt er eine Nachricht mit, die seinem Leben eine neue Wende gibt: Eine Zeitung vermeldet den Beginn des Krieges zwischen Österreich und Russland, der schließlich Auslöser des Ersten Weltkrieges wird. Der ursprüngliche Gedanke, sich dem ersten Polizisten auszuliefern, den er antrifft, ist sofort vergessen. Tarabas wendet sich an die russische Botschaft, um sich als Soldat registrieren zu lassen. Ein Schiff bringt ihn in die alte Heimat: „Gebräunt, gekräftigt, neugierig auf die Heimat und begierig auf den Krieg, verließ Tarabas eines Morgens im Hafen von Riga das Schiff.“

Glückliche Umstände begleiten seine Rückkehr. Von dem früheren Prozess wegen des Anschlages auf den Gouverneur ist Dank der Beziehungen und dem Geld seines Vaters keine Rede mehr, die Gnade des Zaren und eine Ernennung zum Leutnant sind erteilt.

Tarabas ist sofort von seiner neuen Mission mehr als beseelt: „Seiner Meinung nach war er es, der dem Zaren die Gnade erwies, im dreiundneunzigsten Infanterieregiment als Leutnant zu dienen. Es wäre ein schwerer Schaden der russischen Armee widerfahren, wenn man Tarabas degradiert hätte“, schreibt Roth über die Gedankengänge seinen Helden, dessen vermessenes Selbstbild keine Grenzen mehr zu kennen scheint.

In seiner neuen Rolle als Krieger für das Vaterland angekommen, lässt er diese seine Mitmenschen spüren. Im Zug auf dem Weg zu seiner Familie nennt er sich einen „Kurier des Zaren“ und beansprucht ein Coupé allen für sich. Der Krieg macht ihn zum entfesselten Menschen, der keine Grenzen mehr zu kennen scheint. Den Respekt und die Liebe seiner Familie fordert er bei seiner Heimkehr – kurz bevor es für ihn an die Front geht – mit seiner neuen Autorität ein, spürt aber, dass er beides nicht bekommt; und als er seine Cousine verführt, schmeißt ihn sein Vater ein weiteres Mal aus dem Haus.

Im Krieg wird Tarabas als außerordentlicher Frontoffizier wegen seines unerbittlichen Kampfeswillens und seines todesverachtenden Mutes zum Hauptmann befördert. Er führt die Untergebenen mit eiserner Faust, lässt töten und tötet. Was als soldatische Tugend des Tarabas von seinen Vorgesetzten geschätzt wird, ist, so wie es Roth schreibt, in Wirklichkeit dessen Todessehnsucht, wie sie in vielen Ländern Europas um sich gegriffen hat. Die alte Welt taumelt ihrem Untergang entgegen; und die neue Welt, zumindest in Russland, kündigt sich in der Revolution an, die die zaristische Herrschaft mit Gewalt beendet. Die damit verbundenen Konsequenzen und politischen Schlussfolgerungen blendet Tarabas aus. Er macht weiter wie bisher und hält die Reste seiner Kompanie zusammen – auch mit Stock und Fäusten.

Doch dann tritt ein wildfremder rothaariger Soldat, ein Jude, auf. Ohne genau zu wissen, woran es liegt, spürt oder meint Tarabas zu spüren, dass von diesem eine zunächst unsichtbare Gefahr für ihn ausgeht. Eines Tages tritt der bei Tarabas vor und behauptet, die Revolutionhabe gesiegtund der BürgerTarabas könne nach Hause gehen. Der Hauptmann aber lässt sich nicht entmachten – schon gar nicht von einem Juden, den er für einen sicheren Unheilsbringerhält. Tarabas dringt zu den neuen Machthabern vor, tritt resolut auf und wird tatsächlich als Oberst eingesetzt. Er soll in der Garnison Koropta ein Regimentaufstellen, nicht weit von seinem Heimatort Koryla entfernt.

Dort geriert er sich als allmächtiger Herrscher, der er aber nur scheinbar ist. Aber das kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Tarabas wirkt wie ein Prototyp für grenzenlose Machtanmaßung, dem die Herrschaft über Menschen eine Selbstverständlichkeit ist und der in Zeiten des Krieges und damit einhergehenden politischen Veränderungen zu meist kurzfristiger Größe gelangt.

Zu seinem Machtzentrum bestimmt er den Gasthof des von ihm verachteten Juden Kristianpoller, der für ihn und seine Offizier alles an Essen und Trinken bereitzustellen hat, was verfügbar ist. Dort werden Gelage gefeiert; und durch seine unbändige Trunksucht droht Tarabas allmählich, die Kontrolle über seine Garnison und den Ort Koropta zu verlieren. Damit nicht genug, werden ihm auch seine Grenzen aufgezeigt. Die militärische Macht übt der nur nach außen schwach wirkende General Lakubeit aus, ehemals Advokat von Tarabas’ Vater und Vertreter der neuen Herrscher, der über die familiären Angelegenheiten des Tarabas ebenso Bescheid weiß wie über die Geschehnisse in Amerika. Er ordnet an, dass der frischgebackene Oberst ein Regiment aufzustellen und aus in Koropta herumlungernden Männer zu rekrutieren habe. Bei einer Inspektion macht General Lakubeit seinen Oberst Tarabas darauf aufmerksam, dass unzuverlässige Soldaten zu entwaffnen und aus dem Regiment zu entfernen sind – ein Vorbote der späteren stalinistischen Säuberungsaktionen, bei der Millionen tatsächliche oder vermeintliche Feinde der bolschewistischen Herrschaft zu Tode kommen. Tarabas lässt die „Entlassungskandidaten“ betrunken machen.

Dann entgleisen die Ereignisse. Im Gasthof Kristianpollers wird ein Marienbild entdeckt. Dem Wirt wird unterstellt, einen heiligen Ort geschändet zu haben. Betrunkene Bauern und Soldaten beginnen ein Pogrom gegen die jüdische Minderheit. Ohnmächtig steht Tarabas den Ereignissen gegenüber. Auch seine Getreuenkommen bei den Ausschreitungen durch Christenhand um. Um die Juden vor weiteren Übergriffen zu schützen, befiehlt er, dass diese ihre Häuser nicht verlassen dürfen. Da läuft ihm der rothaarige jüdische Bethausdiener Schemarjah über den Weg. In seiner Wut misshandelt ihn der Oberst. Tarabas meint zu Recht, Schemarjah sei der Vater jenes rothaarigen Revolutionärs, der ihn nach Hause schicken wollte.

Tarabas erkennt, nachdem er das Verbrechen an Schemarjah begangen hat – er hat ihm den Bart ausgerissen – dass er ein Unhold ist, ein Mörder sogar. Er will büßen, will seinen ganzen mörderischen Glanz ablegen. Deshalb legt er die Zeichen seiner Macht ab und wird zum bettelnden Landstreicher. Dieses entbehrungsreiche Leben ruiniert die Gesundheit des vormals robusten, kerngesunden Soldaten.

Wie Dieter Kliche in einem Essay über die Exilromane Joseph Roths schreibt, hat „Tarabas, ein Gast auf dieser Erde“ einen deutlichen Bezug auf die politischen Verhältnisse in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Kliche schreibt: „Tarabas“ wie auch der Napoleon-Roman „Die Hundert Tage“, der ein Jahr später erscheint, zeigen die Machtanmaßung und die Usurpation von Herrschaft über Menschen als Hybris.“ Er erkennt aber auch weitere Bezüge: „Bereits der Titel verweist auf das Motiv der Gewalt: der Name Tarabas assoziiert in gleicher Weise den biblischen Mörder Barabas, den – anstelle von Jesus – die Juden bei Pilatus freibitten, wie den gewalttätigen Kosakenführer Taras Bulba in Gogols gleichnamiger Novelle.“ Kliche verweist auch auf den Literaturwissenschaftler Claudio Magris, der mehrere von Roth geschriebene Werke als „Bildungsromane mit religiösem Hintergrund“ bezeichnet.

Ein weiterer Verweis Kliches bezieht sich auf die Zweiteilung des Romans „Tarabas“ in „Die Prüfung“ und „Die Erfüllung“. Sie erinnert ihn „an Dostojewskis „Schuld und Sühne“, vor allem aber an die Struktur mittelalterlicher Heiligenlegenden, in denen die wunderbare Bekehrung eines Sünders zur Buße und schließlich zu seiner Heiligsprechung führt. Die Romanlegende ist dabei von weiteren christlichen Motiven durchsetzt: die verzückte Marienverehrung der Soldaten und Bauern, die Motive von Weissagung und Pilgerschaft, von Martyrium, Demut und Selbstverleugnung. Die christliche Legende liefert ein Gleichnis für individuelle Erlösung innerhalb eines sozialen Chaos, einer aus den Fugen geratenen Welt.“ Darüber hinaus erkennt Kliche im Roman „Tarabas“ einen jüdisch-religiösen Hintergrund, basierend auf der Tradition chassidischer Geschichten.

Kurzum: Roth ist wie mit „Die Kapuzinergruft“ auch bei „Tarabas“ ein Roman gelungen, der plastisch die Ereignisse rund um den Ersten Weltkrieg und dessen fatale Nachwirkungen am Beispiel der von ihm geschilderten zeittypischen Protagonisten zu schildern weiß. Eine absolute Leseempfehlung.

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