Ausgehend von der Realität

Das Museum „MORE“ mit Sitz in dem niederländischen Ort Gorssel (Provinz Gelderland) ist das größte Museum für die Kunstrichtung des Modernen Realismus in Europa.

Zum Thema Realismus in der Kunst

Bevor in diesem Artikel auf das Museum „MORE“ eingegangen wird, bedarf es einiger Bemerkungen über die künstlerische Ausrichtung. Bekannt ist der Streit darum, was Kunst ist, darstellt oder aus der Sicht des Betrachters – aber auch des Künstlers – darzustellen hat oder darstellen sollte.

Begonnen hat er damit, dass sich mit dem Impressionismus viele Künstlerinnen und Künstler von den herkömmlichen Vorstellungen über malerische Darstellungsformen lösten und ihre eigenen Vorstellungen einbrachten, wie ein Motiv auf die Leinwand gebannt werden kann. Eines der bekannten Merkmale des Impressionismus ist die Abkehr vom Atelier oder Studio als Ort der malerischen Tätigkeit und der stattdessen neu eingeschlagene Weg in die Natur, die Landschaft. Die dort eingefangenen Stimmungen, Lichtverhältnisse und subjektiven Eindrücke bestimmten das Gemalte. Sowohl die Maler als auch deren Werk stießen zu Beginn dieser neuen Kunstrichtung auf große Ablehnung. Es stellte sich für manche die Frage, ob dass denn noch Kunst sei.

Dieser Streit verschärfte sich, je mehr sich die Künstler von der figurativen Malerei entfernten und die abstrakte Malerei im 20. Jahrhundert die Überhand gewann. Es wurde sogar der Untergang der figürlichen Malerei befürchtet. Widerstand regte sich. Ein Beispiel dafür ist das Museum „MORE“ in Gorssel und der Ableger, das Schloss Ruurlo im gleichnamigen Ort in unmittelbarer Nähe von Gorssel.

In einem sehr deutlichen Statement für die figürliche Malerei ist vonseiten des Museums Folgendes zu lesen: „Der realistische Stil verschwand auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Die Sammlung des Museums „MORE“ umfasst verschiedene zeitgenössische Künstler, die sich für handwerkliche Meisterschaft und Genauigkeit interessieren. Vor allem aber bieten sie uns einen ganz eigenen Blick auf die Wirklichkeit. Das Museum „MORE“ präsentiert in seiner ständigen Sammlung über 200 Bilder von niederländischen Malern, die dem „Modernen Realismus zugerechnet werden. Dazu gehören unter anderem Jan Mankes, Carel Willink, Pyke Koch und Charley Toorop. Sie wurden manchmal „die kultivierten Herren des guten Geschmacks“ genannt. Absichtlich ein bisschen doppelt. Aber wie sich das für Herren und auch Damen von hohem Stand gehört, überdauert ihre realistische Kunst mühelos den Zahn der Zeit. Die Künstler aus der Sammlung des Museums „MORE“ zeichnen sich durch ihre technische Perfektion, ihr großes Handwerk und ihren scharfen Blick auf die Wirklichkeit aus. Ungestört von modischen Launen bauen sie oft auf der Tradition der holländischen Meister, flämischen Primitiven oder italienischen Renaissance-Kunst auf. Jedoch immer auf ganz eigene Weise. Ihr Werk kann mysteriös oder rücksichtslos sein oder einen Blick auf eine Realität werfen, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Diese Spitzenkünstler stehen international in der gleichen Tradition wie Alexander Kanoldt, Otto Dix, George Grosz, Giorgio de Chirico, Salvador Dali, René Magritte, Paul Delvaux, Edward Hopper und George Tooker. … Das „MORE“ ist eine private Initiative des Sammler-Ehepaares Hans und Monique Melchers, die Spitzenwerke niederländischer, moderner, realistischer Künstler aus den letzten hundert Jahren als nationales Kulturerbe einem breiten Publikum zeigen wollen.“

Zum Museum

Das von dem Sammler-Ehepaar Hans und Monique Melchers initiierte Museum wurde vor 10 Jahren eröffnet. Entworfen wurde es wurde von dem bekannten Museumsarchitekten Hans van Heeswijk. Er war auch verantwortlich für die Renovierung der Eremitage Amsterdam, des Mauritshuis in Den Haag und des neuen Eingangs zum Van Gogh Museum. Das ehemalige Rathaus von Gorssel diente als Ausgangspunkt für Van Heeswijks Entwurf. Der historische Teil des Gebäudes aus dem Jahr 1914 blieb erhalten. Die Teile, die später hinzugefügt wurden, wurden durch Neubauten ersetzt. Das Museum ist als zweistöckiger, pavillonartiger Bau angelegt und befindet sich in einer parkähnliche Umgebung.

Seit Juni 2017 ist der zweite Standort des Museum MORE, das Schloss Ruurlo, geöffnet. Schwerpunkt der dortigen Ausstellung ist das Werk und Leben des Malers Carel Willink (*1900 +1983), der zu den Vertretern des Magischen Realismus gehört und als „Kühler Großmeister“ in die Geschichte dieser Stilrichtung eingegangen ist. Das Schloss, in dem der Künstler auch gelebt hat, blickt auf eine lange Geschichte zurück und wird 1326 erstmals urkundlich erwähnt. Das heutige Gebäude stammt aus dem 16. Jahrhundert. Dem Architekten Hans van Heeswijk ist hier das Kunststück gelungen, moderne Architektur mit fünf Jahrhunderten Baugeschichte zu verbinden. In diesem Jahr verwandeln sich die oberen Räume der Burg Ruurlo übrigens in Dioramen, Räume in Räumen und Krabbelwege aus Pappe. In Jemima de Jonges erster musealer Einzelausstellung (*2001) wandeln die Betrachter durch irreale Welten, in denen die Grenzen zwischen Video, Installationskunst, Performance-Kunst und Theater schwer zu ziehen sind.

Sammlung und Ausstellungen

Neben den schon erwähnten Bildern aus der Sammlung Melchers sowie Neueinkäufen präsentiert das Museum „MORE“ auch zahlreiche Sonderausstellungen mit früheren und aktuellen Vertretern der realistischen Malerei. Zur Zeit laufen Ausstellungen mit Werken von Erik Mattijssen und dem Künstlerehepaar Hans Bosman (*1958 +2012) und Loes Enklaar (*1950 +2017) sowie die Sammelausstellung „Pop Models – Women in European Pop Art“. Zu verweisen ist auch noch auf eine der größten und schönsten Sammlungen von Jan Mankes (siehe unten).

Zu Jan Mankes

Jan Mankes (*1889 +1920) ist als „zurückgenommenster Maler Hollands“ in die Kunstgeschichte eingegangen. Er starb jung an Tuberkulose, was zu dem Mythos beitrug, der seine Kunst umgab.

Bis zu seiner Heirat mit Annie Zernike, der ersten Pfarrerin der Niederlande, lebte Mankes bei seinen Eltern, die aufs friesische Land gezogen waren. Dort konnte er sich in seine große Liebe zur Natur vertiefen. Er malte im Freien, fertigte Vogelstudien und Stillleben an, und er zeichnete oft Tiere, „bis er sie innerlich träumen konnte“. Beispielhaft dafür steht die Eule aus dem berühmten Gemälde „Große Eule auf dem Bildschirm“ aus dem Jahr 1913, die im Haus der Familie Mankes lebte. Der Vogel war als Geschenk vom Mäzen des Künstlers geschickt worden, dem Zigarrenfabrikanten und Kunstsammler Aloys Pauwels. Mankes schrieb später dazu:Es ist wie eine Erscheinung aus einem Märchen, etwas Königliches, etwas, das man nie anfassen möchte, ja, es ist für mich wegen dieser silbernen Brust total perfekt geworden.“ Märchenhaft und zart sind in der Tat treffende Charakterisierungen von Mankes großartigem Werk. Mankes als Person hatte die Anmutung eines genialen Einsiedlers. Sein zartes, zurückhaltendes Werk beeinflusste auch spätere Künstler wie Dick Ket und Wim Schumacher. Mankes selbst wurde von Kunsttraditionen früherer Generationen beeinflusst. Als Junge ging er jeden Sonntag von Delft nach Den Haag, um Bilder von Holbein, Vermeer und von flämischen Primitiven im Museum „Mauritshuis“ zu sehen. So will es zumindest die Legende.

Bis zu seiner Heirat mit Annie Zernike, der ersten mennonitischen Pfarrerin der Niederlande, lebte Mankes bei seinen Eltern, die aufs friesische Land gezogen waren. Dort konnte er sich in seine große Liebe zur Natur vertiefen. Er malte im Freien, fertigte Vogelstudien und Stillleben an. Er zeichnete ebenso oft Tiere, „bis er sie innerlich träumen konnte“.

Um 1915 malte Mankes eine Reihe von Werken mit Bäumen, in der zwei kleine Figuren fast schwebend gemeinsam durch eine Landschaft gehen, als könnten sie vom Himmel absorbiert werden. Sie sollen eine Anspielung auf den Maler selbst und seine geliebte Annie sein. Der Einfluss von Annie ist auch in dieser Arbeit zu sehen. Gemeinsam vertieften sich Mankes und Zernike in Literatur, Poesie, Malerei und Theologie, in die philosophische Richtung des Humanismus und in teils mystisch gefärbte Ideale. Auch Themen wie Frieden und eine vegetarische Ernährung waren ihnen wichtig.

Nähere Informationen: Museum MORE, Hooftstrad 28, 7213 CW Gorssel, Telefon +31 575 760 306, Internet www.museummore.nl. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, und Burg Ruurlo, Vordenseweg 2, 7261LZ Ruurlo. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

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