Über 50 Jahre ist es jetzt her, dass ich in Berührung mit dem Werk des österreichischen Schriftstellers Joseph Roth kam. Bereits im zarten Alter von 10 Jahren sah ich mit großer Faszination – ohne alles zu verstehen, aber vielleicht manchmal zu ahnen – die Verfilmung seines Romans „Das falsche Gewicht“ durch den bekannten Regisseur Bernhard Wicki. Zu damaliger Zeit wurden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen viele Literaturverfilmungen gezeigt.
Was ich von damals als Erinnerung zurückbehalten habe, war vor allem die äußerst beeindruckende Gestalt Helmut Qualtingers, einem der besten österreichischen Schauspieler der Nachkriegszeit, in der Rolle des brutalen Eichmeisters Anselm Eibenschütz, dessen Aufgabe darin bestand, die Gewichte auf den Märkten in einem kleinen verdreckten Grenzdorf Galiziens zur Zeit der noch bestehenden – aber schon im schleichenden Untergang befindlichen – kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich-Ungarn zu kontrollieren und dies zum Unmut der Bevölkerung auch mit aller Pedanterie tat. Bei der Urgewalt, die Qualtinger ausstrahlte, schien es kaum die Möglichkeit zu sein, dass ihm oder vielmehr seiner Figur als Anselm Eibenschütz irgendwie beizukommen sei. Nicht mit Gewalt – die kommt erst später – und Verleumdung, sondern mit der Macht der Liebe oder vielmehr der erotischen Verführung, gelingt es doch. Eibenschütz verliebt sich in die wunderbar von Evelyn Opela gespielte Zigeunerin Euphemia Nikitsch, der er bedingungslos verfällt – nachvollziehbarerweise für die, die die Eleganz, Unnahbarkeit und Rätselhaftigkeit Opelas (bekannt durch Auftritte unter anderem in mehreren Folgen der Krimiserien „Der Kommissar“, „Der Alte“ sowie „Derrick“), so wie sie sich in Szene setzte, noch in Erinnerung haben.
Zweite Begegnung mit dem Werk von Joseph Roth
Aber jetzt zu meiner zweiten Begegnung mit dem Werk von Joseph Roth: Vor kurzem stieß ich auf einen 1990 im Aufbau Verlag erschienenen Band mit Romanen aus seiner Zeit im Exil und entschied mich für „Die Kapuzinergruft“ – immer noch in Erinnerung an mein frühes und nachhaltiges Fernseherlebnis mit „Das falsche Gewicht“. Auch auf die anderen, mir noch nicht bekannten Romane werde ich zurückkommen. Bevor ich aber als ersten „Die Kapuzinergruft“ vorstellen werde, soll noch auf das Leben und insbesondere die literarische Bedeutung des Autors eingegangen werden.
Anmerkungen zu Joseph Roth
Der Untergang der kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich-Ungarn ist das zentrale Thema der Werke des 1894 in Brody, Ostgalizien, Österreich-Ungarn, geborenen und 1939 im Pariser Exil gestorbenen Schriftstellers und Journalisten Moses Joseph Roth.
Erste Berichte, Artikel für Feuilletons und Kolumnen, aber auch Prosa und Gedichte, erscheinen von ihm noch zur Zeit des Ersten Weltkrieges in mehreren Zeitungen seiner Heimat, unter anderem in der Wiener Tageszeitung „Der neue Tag“, für die auch so bekannte Autoren und Journalisten wie Alfred Polgar und Egon Erwin Kisch schreiben. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erschienen Beiträge von ihm gleichfalls in mehreren deutschen Zeitungen wie der „Neuen Berliner Zeitung“, dem „Berliner Börsen Courier“, der „Frankfurter Zeitung“ und dem „Vorwärts“, dem Parteiorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – unter dem Pseudonym „Der rote Josef“.
In dieser Zeit gehört Roth zu den führenden und bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik. Hellsichtig schreibt er über den Kapp-Putsch, völkische Studenten, über die Rathenau-Attentäter, den Hitler-Prozess, die Allianz zwischen Wirtschaft und rechtsradikalen politischen Kräften – aber auch für literarische Zeitschriften
Zu Schwierigkeiten führt die unterschiedliche politische Ausrichtung der Zeitungen, bei denen er arbeitet. Dass er unter anderem beim „Berliner Börsen Courier“ kündigt, begründet Roth so: „Ich kann wahrhaftig nicht mehr die Rücksichten auf ein bürgerliches Publikum teilen und dessen Sonntagsplauderer bleiben, wenn ich nicht täglich meinen Sozialismus verleugnen will.“ Er kennt aber auch seine Eitelkeiten und schreibt weiter: „Vielleicht wäre ich trotzdem schwach genug gewesen, für ein reicheres Gehalt meine Überzeugung zurückzudrängen, oder für eine häufigere Anerkennung meiner Arbeit.“ Diese Eitelkeiten gehen dann aber so weit, dass er gegen ein hohes Honorar für die nationalistische „Münchner Neuesten Nachrichten“ schreibt, was ihm viel Kritik bei seinen schreibenden Kollegen einbringt.
So deutet sich schon an, dass die politische Haltung Roths keine gefestigte und vor allem keine ideologische ist. Einen Anstoß zu Roths Abwendung vom Sozialismus gibt eine Reportage-Reise, die er im Herbst 1926 in die Sowjetunion unternimmt. Er beobachtet dort eine Gesellschaft, deren kalte Modernität und programmatische Sachlichkeit jeglichem Lebensgeheimnis den Garaus gemacht und zu einer „geistige[n] Leere“ geführt hat, was in ihm eine Reaktion hervorruft, für die er den Ausdruck „bourgeoiser Atavismus“ findet. Der deutsche Journalist, Autor und Joseph Roth-Biograf Wilhelm von Sternburg schreibt dazu: „Roth wird in Russland nicht vom sozialistischen Saulus zum reaktionären Paulus. Aber die Reise zählt zu den wichtigen Wendepunkten in seinem Leben. Die Erlebnisse und Erkenntnisse, die ihm die Monate in der Sowjetunion bescheren, führen zum endgültigen Abschied von seiner »sozialistischen« Phase. […] Der Atheismus, dem Roth in der Sowjetunion begegnet, lässt ihn die eigenen religiösen Überzeugungen überdenken.“
Aber das ist nicht der einzige Wandel in seinen politischen Überzeugungen. Während sich Roth in frühen journalistischen Arbeiten sehr monarchiekritisch zeigt, wandelt sich diese Position später zu einer Idealisierung der Habsburger Monarchie. Er sieht zwar die Fehler und Versäumnisse – ein wiederkehrendes Thema auch seiner Romane – des nicht mehr existierenden österreichischen Kaiserreichs, malt aber gleichzeitig in romantischer Verklärung die Utopie eines Österreich, wie es hätte sein können oder sein sollen.
Einher mit dem Wandel politischer Überzeugungen geht auch ein Wandel religiöser Vorstellungen. Als Jude geboren und kurz auch dem Geist des Zionismus verbunden, wendet er sich insbesondere vor der drohenden Diktatur des Nationalsozialismus, die mit der Machtergreifung 1933 Realität in Deutschland wird, dem Katholizismus zu. In der katholischen Kirche sieht er die einzigen Kräfte, denen er zutraut, der „braunen Pest“ hinreichenden Widerstand entgegensetzen zu können – wenn sie sich dazu entschließen könnten. Dabei geht es ihm besonders um die Erhaltung des habsburgischen Grundsatzes „Leben und Leben lassen!“ im Gegensatz zur Strenge Preußens und insbesondere im Gegensatz zur menschenverachtenden Politik der Nazis. Was seine Haltung zum Faschismus angeht, ist Roths Haltung hellsichtig und klar. So schreibt er an seinen Schriftstellerkollegen Stefan Zweig: „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“ Am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, verlässt Roth Deutschland.
Als Ort seines Exils wählt er Paris, das er von seiner Tätigkeit als Auslandskorrespondent für die Frankfurter Zeitung kennt und die ihn als Stadt schon damals fasziniert. Von dort unternimmt er diverse, teils mehrmonatige Reisen, unter anderem in die Niederlande, nach Österreich – wo er vergeblich das Gespräch mit dem Bundeskanzler Kurt Schuschnigg untersucht, um ihn zu einer Abdankung zugunsten Otto von Habsburgs zu überreden, dem Vertreter der alten Dynastie – und nach Polen, wo er auf Einladung des polnischen PEN-Klubs eine Reihe von Vorträgen hält. Von Juni 1934 bis Juni 1935 hält sich Roth, wie viele andere Emigranten, an der französischen Riviera auf. Zusammen mit den Schriftstellerkollegen Hermann Kesten und Heinrich Mann mieten Roth und seine Freundin Manga Bell ein Haus in Nizza.
Anders als vielen emigrierten Schriftstellern gelingt es Roth, nicht nur produktiv zu bleiben, sondern auch Publikationsmöglichkeiten zu finden. Seine Werke erscheinen in verschiedenen Exilverlagen- und in einem christliche Verlag.
In den letzten Lebensjahren verschlechtert sich Roths finanzielle und gesundheitliche Situation rapide. Die Möglichkeit, seine Texte zu veröffentlichen, schwinden, und seine Gesundheit ruiniert er mit exorbitantem Alkoholgenuss. Am 23. Mai 1939 wird Roth in ein Armenspitaleingeliefert, in dem er am 27. Mai an einer doppelseitigen Lungenentzündung stirbt. Am 30. Mai 1939 wird Roth auf dem zu Paris gehörenden Cimetiére parisien de Thiais in Thiais beerdigt. Die Beisetzung erfolgt nach „gedämpft-katholischem“ Ritus, da kein Beleg für die Taufe Roths erbracht werden kann. Bei der Beerdigung kommt es beinahe zu Zusammenstößen zwischen den sehr heterogenen Beteiligten der Trauergesellschaft: österreichische Monarchisten, Kommunisten und Juden reklamieren den Toten jeweils als einen der ihren. Bei der geistigen Vielfalt dieses Autors ist und bleibt es schwierig, ihn in eine Ecke zu sortieren. Gut so!
Aber wie schreibt schon Dieter Kliche in seinem Essay „Die Paradoxien des Joseph Roth“: „Joseph Roth war Sozialist und Monarchist, Jude und Katholik, rationalistisch und gläubig, der Aufklärung verbunden und fortschrittsskeptisch.“ Und Roth selbst?: „… ich bin ein Franzose aus dem Osten, ein Humanist, ein Rationalist mit Religion, ein Katholik mit jüdischem Gehirn, ein wirklicher Revolutionär …“ – also eine wirklich schillernde Figur der deutschsprachigen Literatur mit vielen Facetten.
Literarisches Werk
Joseph Roth debütiert als Romanautor mit „Das Spinnenetz“, der 1923 im Fortsetzungsabdruck in der sozialdemokratischen Wiener „Arbeiterzeitung“ erscheint und sich durch eine erstaunlich frühe und bestechend hellsichtige Anatomie des aus dem Kleinbürgertums stammenden demokratiefeindlichen, reaktionären Nationalismus und späteren Faschismus auszeichnet. Es folgen Zeitromane wie das „Hotel Savoy“ und „Die Rebellion“. Die ironisch-distanziert erzählten Tatsachenberichte werfen ein skeptisches Licht auf die Nachkriegszeit.
1930 erscheint der Roman „Hiob“, mit dem Roths zweite Schaffensphase beginnt. Im Gegensatz zu den früheren Romanen, die sich durch einen klaren wie zugänglichen Stil auszeichnen, stehen sich hier die kräftige Bildlichkeit des Alten Testaments“ und die Drastik des Geschehens gegenüber. Er beschreibt den Leidensweg des jüdisch-orthodoxen Toralehrers Mendel Singer im (fiktiven) Schtetl Zuchnow in Russland und in dem folgenden amerikanischen Exil in den Vereinigten Staaten von Amerika in der Zeit von 1900 bis nach dem Ersten Weltkrieg. Mendel erleidet in der Geschichte schwere Schicksalsschläge – ähnlich derer, die der titelgebende „Hiob“ im Alten Testament erleidet – und durch die seine Frömmigkeit erschüttert und sein Glaube an Gott auf eine harte Probe gestellt werden.
In seinem 1932 erschienenen Roman „Radetzkymarsch“, einem Requiem auf das Habsburgerreich, schildert er anhand des Werdegangs der Familie Trotta den Zerfall Österreich-Ungarns. Der historische Roman, eine elegische Wiedererweckung des Habsburgerreiches und Verfallsanalyse zugleich, gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts.
Im Exil thematisiert Roth immer wieder den schon lange vor dem Ersten Weltkrieg sich anbahnenden Untergangs jener schwarz-gelben Welt Österreichs, die von Tirol bis Galizien, von Böhmen bis Dalmatien reichte und der die Menschen in Joseph Roths Romanen entstammen: „Tarabas“, „Beichte eines Mörders“, „Das falsche Gewicht“, „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ und „Die Kapuzinergruft“, in der Roth noch einmal die Familie Trotta in den Blick nimmt.
Neben den beiden bedeutenden Romanen „Hiob“ und „Radetzkymarsch“ sind es unter anderem die Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“ und der Essay „Juden auf Wanderschaft“, die seinen Rang als einer der wichtigsten deutschsprachigen Erzähler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begründen.
Zur „Kapuzinergruft“
„Der Tod kreuzte schon seine knochigen Hände über den Kelchen, aus denen wir tranken, fröhlich und kindisch.“
Welch ein Schlussbild für einen Roman: Der Ich-Erzähler bleibt nach dem Eintreten eines Uniformierten, mit dem sich symbolisch der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 ankündigt, in einem Wiener Café allein zurück – alle seine Freunde und auch das Personal haben es verlassen – und ihm verbleibt nur der Wachhund „Franz“, den er eigentlich überhaupt nicht mag, als Begleitung zurück; und den spricht er auch noch als Ober an, bei dem er bezahlen möchte. Von dort führt ihn der Weg zur titelgebenden Kapuzinergruft, in der der 1916 verstorbene Kaiser Franz Josef I begraben liegt.
In dem im Exil entstandenen Roman „Die Kapuzinergruft“ greift Joseph Roth – wie in seinem bekanntesten Werk „Radetzkymarsch“ – noch einmal das Schicksal der Familie Trotta als Thema auf. „Wir heißen Trotta. Unser Geschlecht stammt aus Sipolje, in Slowenien. Ich sage Geschlecht; denn wir sind nicht eine Familie. Sipolje besteht nicht mehr.“ – so stellt sich der Ich-Erzähler vor und weist gleichzeitig lakonisch darauf hin, dass die familiären Wurzeln unwiederbringlich ausgelöscht sind.
Was in Sipolje, aber auch in vielen anderen Ecken des früheren österreichisch-ungarischen Reiches geschehen ist, kristallisiert sich allmählich heraus und gehört zu den größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Aber davon später. Was den Ich-Erzähler angeht, macht der kein Hehl aus seinen Lebensumständen. Sie hängen zunächst damit zusammen, dass er mit der Gegenwart Österreichs, aus der er erzählt, nichts anzufangen weiß : „Ich bin nicht ein Kind dieser Zeit, ja, es fällt mir schwer, mich nicht ihren Feind zu nennen. Nicht, daß ich sie nicht verstünde, wie ich es so oft behaupte. Dies ist nur eine fromme Ausrede. Ich will einfach, aus Bequemlichkeit, nicht ausfällig oder gehässig werden, und also sage ich, daß ich das nicht verstehe, von dem ich sagen müsste, daß ich es hasse oder verachte. Ich bin feinhörig, aber ich spiele einen Schwerhörigen.“
Er ist eher stolz darauf, dass „in den verschollenen Annalen der alten österreichisch-ungarischen Armee … unser Name verzeichnet“ ist – und auf den Bruder seines Großvaters, der Kaiser Franz Joseph in der Schlacht von Solferino das Leben gerettet hat. Joseph Roth schreibt weiter: „Die geadelten Trottas waren fromm ergebene Diener Franz Josephs gewesen.“
Aus einer anderen Linie der Trottas kommt der Ich-Erzähler. Sein Vater ist ein „Rebell und ein Patriot … Er wollte das Reich reformieren und Habsburg retten. Er kannte den Sinn der österreichischen Monarchie zu gut. Er wurde aber zu verdächtig und mußte fliehen.“
Nachdem er gutes Geld in Amerika gemacht hat, treibt ihn das Heimweh nach Österreich zurück, wo er sich politisch engagiert und von einem slawischen Königreich unter der Herrschaft der Habsburger träumt. Zu diesem Zweck gewinnt er einflussreiche Freunde aus der näheren Umgebung des Erzherzog-Thronnachfolgers Franz Ferdinand, der als reformwillig gilt. Vergeblich. Der Vater stirbt etwa anderthalb Jahre vor der Ermordung Franz Ferdinands, mit dessen Tod die Ereignisse ins Rollen kommen, die den weiteren Verlauf des Romans bestimmen.
Was den Ich-Erzähler angeht, soll der zum Erben der Ideen seines Vaters werden, eine Rolle, die er aber nicht auszufüllen vermag: „Ich war damals jung und töricht, um nicht zu sagen: leichtsinnig. Leichtfertig auf jeden Fall. Ich lebte damals, wie man so sagt: in den Tag hinein. Nein! Dies ist falsch: ich lebte in die Nacht hinein; ich schlief in den Tag hinein.“
Diese Verhaltensweisen teilt er mit seinen Freunden, die alle der Oberschicht des Habsburgerreiches entstammen und komplett dem Müßiggang ergeben sind. Sie treffen sich in Restaurants, Cafés und Gaststätten und ziehen die Nächte durch. Die Konflikte, die sich in dem Vielvölkerstaat allmählich entwickeln, deuten sich in Gesprächen an, werden aber nicht weiter verfolgt. Was den immer mehr um sich greifenden Antisemitismus angeht, bedienen sie sich einer dekadenten Haltung. Weil der Antisemitismus sich auch in den unteren Schichten breit macht – und noch plumper und vulgärer geäußert wird als in den oberen Schichten – entdecken sie nicht aus innerer Überzeugung, sondern als Attitüde, plötzlich ihre Zuneigung für die Juden. Es ist eine Stilfrage geworden.
Etwas aus diesen gesellschaftlichen Verhältnissen heraus tritt der Ich-Erzähler, nachdem er Besuch von einem Verwandten erhalten hat, der als Bauer und Maronenverkäufer sein Leben fristet. Und durch diesen kommt er auch in Kontakt mit einem jüdischen Kutscher, der mit einem Anliegen an ihn herantritt. Dieser Manes Reisiger möchte seinem musikalisch begabten Enkel einen Platz am Konservatorium in Wien verschaffen. Kein Problem für Trotta, der über die richtigen Kontakte verfügt.
Ob es Attitüde oder Überzeugung ist, wird sich noch herausstellen, doch Trotta scheint auf einmal durch die Begegnung mit seinem Verwandten und dem Juden Manes Reisiger die Liebe zum einfachen Volk entdeckt zu haben. Er nimmt verstärkt Kontakt zu ihnen auf, bekommt von dem so ganz anderen Leben der beiden mit; und es wirkt, als wolle er in gewisser Weise das politische Erbe seines Vaters – die Reform eines erstarrten Systems durch die Beteiligung des Volkes – antreten und eine nicht beglichene Schuld einlösen. Das geht sogar so weit, dass Trotta die beiden als Freunde ansieht.
Und dann kommt das große Ereignis, dass die Verhältnisse zum Tanzen bringt: Der Erste Weltkrieg. Der wirkt auf Trotta wie eine weitere moralische Läuterung. Statt seinen soldatischen Pflichten an einem geschützten Ort nachzukommen, wie es seiner gesellschaftlichen Stellung entspricht, will er sich dem Regiment anschließen, zu dem auch seine neuen Freunde müssen – in Frontnähe und in ständiger Gefahr, getötet oder gefangen genommen zu werden.
Autor Joseph Roth hat wie in so vielen seiner Romane einen klaren Blick auf das, was sich gerade ereignet. Er schreibt von einer Todessehnsucht, die viele befallen hat und deren Konsequenz sich kaum jemand auszumalen vermag. Die letzte Stunde für das österreichisch-ungarische Kaiserreich hat geschlagen.
Dass es mit der Freundschaft zum einfachen Volk nicht so einfach ist, wird Trotta in den Kriegswirren erfahren. Diese sozialromantischen Träumereien sind durch einen ohne Not begonnenen Streit zwischen seinen „Freunden“ und den damit verbundenen gefährlichen Konsequenzen bald ausgeträumt. Aber damit ist die rasante Entwicklung, die durch den Krieg ins Rollen gekommen ist, noch längst nicht zu Ende – insbesondere für Trotta nicht.
Als er aus dem Krieg wieder heimkehrt, hat sich die Welt gedreht. Die alten Eliten, zu denen er gehörte, erfahren ihre Götterdämmerung. Pointiert schildert Roth diese Situation anhand der Wiederbegegnung Trottas mit seiner Frau. Noch vor dem Krieg hat sie wie viele andere Frauen ein Schattendasein geführt. Es war nicht die Liebe, die sie zusammengeführt hat. Trotta wollte wie viele seiner Freunde, die in den Krieg zogen, von einer Frau vermisst werden, ein Gefühl wie das einer Attitüde; und so wurde im Schnellverfahren geheiratet. Nach dem Krieg sind die Verhältnisse andere. Die nach außen selbstbewusst wirkende Frau Trottas ist in einem Ladenlokal anzutreffen, in dem Kunsthandwerk angeboten wird. Sie hat den Schritt in die Selbstständigkeit angetreten; und damit nicht genug hat sie auch noch eine Affäre mit einer Frau, die gleichfalls eine Rolle in dem neuen Geschäft spielt.
Doch was zunächst nach gesellschaftlichem Fortschritt – die Emanzipation der Frau und die Überwindung überkommener aristokratischer Eliten – klingt, erweist sich als hohler Schein. Mit skeptischem Blick betrachtet Roth die Nachkriegszeit. Lug und Trug herrschen und windige Geschäftsleute bestimmen die Szenerie. Die neue Gesellschaft ist nicht so, wie sie ersehnt wurde; und die alte Gesellschaft dämmert immer schneller ihrem Untergang entgegen – bis im Jahre 1933 sowohl in Österreich als auch in Deutschland autokratische Regime die Macht übernehmen.
Joseph Roth gelingt es mit seinem Roman „Die Kapuzinergruft“ auf zirka 130 Seiten, die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen und geschichtlichen Ereignisse in Österreich-Ungarn aus der Zeit kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges bis hin zur austrofaschistischen Diktatur des Engelbert Dollfuß (*1892 +1934) im Jahre 1933 kurz, prägnant und mit großer erzählerischer Qualität ohne Schnörkel auf den Punkt zu bringen – kurzum eine absolute Leseempfehlung für an Historie des 20. Jahrhunderts interessierte Literaturliebhaber.