Dem in Lengerich geborenen Gert Huizinga (*1927 +2018) ist ein Museum zu verdanken, dass interessante Einblicke in das Leben und Werk eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts bietet – und in das seiner künstlerischen Weggefährten.
Zum Sammler Gerd Huizinga
Gert Huizinga studierte nach dem Abitur an der renommierten Kunsthochschule auf dem Lerchenfeld in Hamburg – gemeinsam mit Paul Wunderlich und Vico von Bülow, besser bekannt als Loriot. Nach seiner künstlerischen Ausbildung ließ er sich als Werbegrafiker in seinem Heimatort Lengerich nieder, doch die Leidenschaft für die Kunst ließ ihn nicht los und so erwarb er Anfang der 1950er-Jahre seinen ersten Picasso, einen Linolschnitt. Huizingas Bekanntschaft mit Picassos einstiger Lebensgefährtin Marie-Thérèse Walter führte dann dazu, dass er sich fortan auf das Sammeln von Picasso-Lithografien konzentrierte; und durch die Begegnung und spätere Freundschaft mit Picassos Drucker Fernand Mourlot konnte Gert Huizinga bis Ende der 1990er-Jahre weitere Werke, insbesondere sehr seltene Zustandsdrucke, für seine Sammlung gewinnen. Sie umfasst weit über 700 Grafiken und gilt damit als die weltweit vollständigste Lithografie-Kollektion von Picasso.
Mit dem beständigen Wachsen der Sammlung reifte bei Gert Huizinga und seiner Ehefrau Jutta irgendwann der Gedanke, sich von ihrem Kunstschatz zu trennen, um ihn einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So brachten sie im Mai 1997 die Sammlung in eine neu gegründete Stiftung ein. Weitere Stifter waren die Sparkassen in Westfalen-Lippe, die Westdeutsche Landesbank und die Westfälischen Provinzial-Versicherungen. Die Stiftung ist Trägerin des im Jahr 2000 eröffneten Kunstmuseum Pablo Picasso Münster.
Zur Geschichte des Gebäudes
Im Jahr 1997 gründeten die westfälisch-lippischen Sparkassen und die Westdeutsche Landesbank Girozentrale gemeinsam mit den Sammlern Gert und Jutta Huizinga die Sparkassenstiftung Pablo Picasso. Ziel der Stiftung war die Errichtung eines Museums, das seinen Besuchern Einblicke in das Leben Picassos, sein Werk und insbesondere sein lithografisches Wirken gewährt.
Für den Museumsbau stellte die damalige Stadtsparkasse Münster den Druffel’schen Hof sowie den Hensenbau im Herzen der Münsteraner Innenstadt zur Verfügung. Diese sollten zu einem Gebäude verbunden und für den modernen Museumsbetrieb umgebaut werden. Beauftragt wurden dazu die renommierten Architekten Hilmer & Sattler & Albrecht aus München: Sie hatten bereits beim Umbau der Berliner Gemäldegalerie und dem Umbau des westlichen Stülerbaus gegenüber des Schlosses Charlottenburg in Berlin zum „Museum Berggruen“ bewiesen, dass sie es verstanden, Alt und Neu miteinander zu verbinden.
Die Arbeiten für das neue Museumsgebäude begannen im Februar 1999. Nach der aufwendigen Sicherung der historischen Fassaden konnten die dahinter liegenden Gebäude bis auf die Keller abgerissen werden. Bereits am 7. September 2000 wurde das Graphikmuseum Pablo Picasso Münster feierlich eröffnet. Anlässlich seines 10-jährigen Bestehens wurde es in Kunstmuseum Pablo Picasso Münster umbenannt, um die breiter gefassten Ausstellungsprojekte widerzuspiegeln.
Heute ist das Museum über die Freitreppe des Druffel’schen Hofes sowie über die sich auf der Rückseite des Gebäudes befindenden MünsterArkaden, zugänglich. Über zwei Etagen erstrecken sich die rund 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche des Museums. In wechselnden Ausstellungen werden hier die unterschiedlichen Arbeitstechniken und Schaffensperioden Picassos und seiner Künstler-Kollegen präsentiert. Zusätzlich dient das Museum als besonderer Veranstaltungsort für Tagungen, Workshops oder Feste und kann zu einem solchen Zweck gemietet werden. Als einziges Picasso-Museum Deutschlands etablierte sich das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster seit seiner Eröffnung zu einem Ort von nationaler und internationaler Bedeutung.
Zur Sammlung
Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster beherbergt neben der weltweit umfangreichsten Sammlung der Lithografien Pablo Picassos weitere Picasso-Bestände in verschiedenen künstlerischen Techniken und aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Große Werkkonvolute seiner künstlerischen Mitstreiter Georges Braque, Marc Chagall, Joan Miró und Henri Matisse gehören ferner zu den Schätzen des Museums.
In wechselnden Ausstellungen beleuchtet das Picasso-Museum das facettenreiche Werk des Spaniers, indem es sein grafisches Schaffen in Dialog zu Malerei und Skulptur stellt. Solchen Querbezügen gehen auch die seinen künstlerischen Weggefährten gewidmeten Ausstellungen des Museums nach. So ist es – ganz im Sinne seines Namenspatrons – ein Haus des beständigen Wechsels, das mehrfach im Jahr mit Sonderausstellungen lockt.
2010 wurde das Museum anlässlich seines 10-jährigen Jubiläums von Graphikmuseum Pablo Picasso Münster in Kunstmuseum Pablo Picasso Münster umgetauft. Schon zehn Jahre später empfing das Haus am Picassoplatz seine 1.5 Millionste Besucherin.
Picasso und die Druckgrafik
Pablo Picasso (1881-1973) gilt als einer der genialsten Künstler der Moderne, für viele ist er der Inbegriff von Schöpferkraft und Genialität schlechthin. Er hinterließ ein gigantisches Werk an Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafiken. Sein grafisches Œuvre ist das umfangreichste, das ein Künstler im 20. Jahrhundert geschaffen hat. Bei Künstlerkollegen und schöpferisch tätigen Menschen galt und gilt Picasso unangefochten als größter Zeichner seiner Epoche. Schon der Künstlerkollege Wassily Kandinsky stellt fest: „Matisse die Farbe – Picasso die Zeichnung.“ Auch der Modeschöpfer Karl Lagerfeld hat beispielsweise in einem Interview Picasso als den in seinen Augen bedeutendsten Zeichner des vergangenen Jahrhunderts beschrieben.
Picasso ist 18 Jahre alt, als er seine erste Radierung schafft. Er berücksichtigt bei diesem Erstlingswerk mit der Darstellung eines spanischen Picador noch nicht, dass druckbedingt eine Seitenumkehrung der Darstellung erfolgt. So zeigt die Radierung den Stierkämpfer mit der Lanze in der Linken. Statt das Werk nochmals zu komponieren, nennt er es einfach „Der Linkshänder (El Zurdo)“. Bis ins hohe Alter widmet sich Picasso der Druckgrafik in den verschiedensten Techniken. So entstehen bis 1972, also ein Jahr vor seinem Tod, noch Grafiken.
Zur Technik der Druckgrafik
Nur die Druckgrafik bietet dem Künstler die Möglichkeit, im Werkprozess sogenannte Zustandsdrucke zu schaffen. Hierbei prüft er die Komposition und verändert dann gegebenenfalls die Bildanlage. Picasso geht in der Regel nicht mit einer fertigen Bildidee ans Werk, sondern konkretisiert diese erst im Schaffensprozess. Angesichts seines prozessualen Bilddenkens boten ihm die druckgrafischen Techniken besonders gute Rahmenbedingungen für sein Schaffen. Picassos berühmte Stierfolge aus dem Winter 1946 belegt dies besonders eindrucksvoll. Von einem einzigen Lithostein gedruckt, ändert der Künstler im Rahmen von insgesamt elf Zustandsdrucken grundlegend die Komposition. Aus einem naturalistisch durchgebildeten Jungstier wird der Stier in einer Linie, der nunmehr nur noch wie eine grafische Chiffre für den Stier anmutet.
Die grafischen Techniken
In der Druckgrafik unterscheidet man generell zwischen Hochdruck, Flachdruck und Tiefdruckverfahren. Bei einem Hochdruckverfahren tragen die erhabenen Bildpartien auf dem Druckträger die Darstellung. Der Holzschnitt und der Linolschnitt fallen beispielsweise in diese Kategorie. Beim Flachdruckverfahren liegen alle Bildpartien auf einer Ebene. Bei der Lithografie (von lithos gr. = Stein) handelt es sich um ein solches Verfahren. Beim Tiefdruck sind die in den Druckträger gefurchten oder geritzten Bildpartien Träger der Darstellung. Die Radierung gehört zum Beispiel dieser Kategorie an.
Picassos künstlerische Phasen:
- Die 1930-er Jahre: Die Suite Vollard – Der Künstler hinter der Maske
In den dreißiger Jahren schafft Picasso eine hundert Grafiken umfassende Folge, die nach dem auftraggebenden Kunsthändler „Suite Vollard“benannt wurde. Ambroise Vollard (1868-1939) war einer der profiliertesten Galeristen in Paris. Er vertrat so prominente Künstler wie Cézanne, Renoir und Picasso. Bereits 1901 hatte Vollard Werke des jungen Picasso in Paris ausgestellt. Der Spanier hingegen würdigte seinen Kunsthändler 1910 durch ein kubistisches Porträt. Bereits 1913 hatte Vollard editorisches Geschick bewiesen, indem er Picasso eine Folge von achtzehn Druckplatten abkaufte, die die Thematik der Akrobaten und des Zirkusvolkes umkreisten. Diese Serie ist als „Gauklersuite“bekannt geworden.
Als Vollard und Picasso im Jahr 1930 überein kommen, wieder im Hinblick auf eine bedeutende Grafikfolge zusammen zu arbeiten, ist Picasso bereits ein äußerst erfolgreicher und wohlhabender Künstler. Durch den Kauf des Schlosses Boisgeloup in der Normandie verfügt er erstmals über die Möglichkeit eines geräumigen Ateliers für seine skulpturale Arbeit. In den Grafiken der Suite Vollard zitiert Picasso immer wieder das eigene skulpturale Schaffen der dreißiger Jahre. Mit Marie-Thérèse Walter ist Ende der zwanziger Jahre eine neue Muse in sein Leben getreten. Er verewigt sie in zahlreichen Kopfbüsten.
Picasso jongliert in der Suite Vollard, deren Entstehungsprozess sich über neun Jahre zieht, mit verschiedenen Stilen. Surrealistische Formverwandlungen paaren sich mit einer klassizistisch inspirierten Welt, in deren Mittelpunkt Gestalten in antikischer Nacktheit stehen.
In einigen Blättern umkreist Picasso die Gestalt Rembrandts, den er nach eigenem Bekunden für den historisch unerreichten Großmeister der Grafik hält. Seit Ende der zwanziger Jahre hat sich Picasso das mythologische Mischwesen des Minotaurus zum eigenen Wappentier erkoren. Halb Mensch, halb Stier verkörpert der Minotaurus mustergültig verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit.
Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster konnte 2002 eine komplette „Suite Vollard“auf dem internationalen Kunstmarkt erwerben. Mit dieser grafischen Folge kann das Museum die verschiedenen stilistischen Impulse im Schaffen Picassos in den dreißiger Jahren dokumentieren.
- Die 1940-er Jahre: Die Zeit mit Françoise Gilot – Picassos „Lithografisches Fieber – Die Période Françoise
Erst im Winter 1945/46 entdeckt Picasso die Lithografie als Drucktechnik für sich und seine Kunst. Er ist damals also bereits 54 Jahre alt. Nur sporadisch und vereinzelt hatte er bis dahin Werke in dieser Technik geschaffen. In der Pariser Druckerei von Fernand Mourlot unweit des Gare de l‘Est experimentiert Picasso ab November 1945 mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Steindrucks. Es entstehen in schnellem Rhythmus umfangreiche Werkfolgen. Picassos Umgang mit der Technik ist undogmatisch und äußerst individuell, sodass sein Drucker bemerkt, dass jemand, der so arbeitet wie Picasso, als Lehrling wohl nie eine Anstellung finden würde.
Neben dem Steindruck lotet Picasso auch die Möglichkeiten der Zinkographie aus, bei der eine Zinkplatte als Druckträger Verwendung findet. Im Gegensatz zu den schweren Lithosteinen ist diese leichter zu handhaben, insbesondere wenn es sich um größere Formate handelt. Im besetzten Paris hatte Picasso die junge Studentin Françoise Gilot kennengelernt. Sie hat selbst künstlerische Ambitionen und wird Picassos Muse.
In immer neuen Variationen und Werkfolgen umkreist Picasso die Physiognomie seiner jungen Muse. Sein Drucker Mourlot spricht vom „lithografischen Fieber“, das den Spanier befallen habe. Als Picasso seinen Lebensmittelpunkt von Paris an die Côte d’Azur verlegt, flacht die lithografische Fieberkurve erkennbar ab. Bis in das Jahr 1968 entstehen noch weitere Werke in dieser Drucktechnik, doch der Schaffensrhythmus verlangsamt sich merklich.
3. Die 1950-er und 1960-er Jahre – Die Zeit mit Jaqueline Roque – Picassos Spätwerk und die Pèriode Jaqueline
Mit Jacqueline Roque tritt in den fünfziger Jahren eine neue Frau in Picassos Leben. Der Spanier lernt sie in der Töpferei Madoura in Vallauris kennen, wo er Keramiken schafft. Beide heiraten am 2. März 1961. Picasso inthronisiert die neue Muse sogleich in seiner Kunst. Für Jaqueline wählt er vor allem die Profilansicht. Aufgrund ihres südländischen Aussehens verleiht er ihr den Spitznamen „die Spanierin.“
1954 wird Picasso, der ein begeisterter Anhänger des Stierkampfs ist, gebeten, ein Plakat für eine in Vallauris stattfindende Corrida zu schaffen. Dieser Umstand bietet ihm Gelegenheit, sich mit der für ihn neuen Drucktechnik des Linolschnitts zu beschäftigen. Er gestaltet für diesen Anlass mit dem Hohleisen in markanten Linienzügen ein auf Weitsicht angelegtes Plakat in schwarz-weiss. In schneller Folge entstehen weitere Werke im Medium des Linolschnitts. Picasso experimentiert in den Folgejahren insbesondere mit farbig reich orchestrierten Werken. Sein Umgang mit der Technik ist wie so oft äußerst unkonventionell. So verwendet er beispielsweise für feinste Schraffuren des Linoleums Nägel oder Pferdebürsten. Mit Hidalgo Arnéra kann Picasso in Vallauris auf einen im Linolschnitt sehr versierten Drucker zurückgreifen. Gegen 1961/62 verlangsamt sich der schnelle, schöpferische Rhythmus, in dem Picasso mit dem Drucker Arnéra zusammenarbeitet. Nur noch sporadisch entstehen Linolschnitte in seinem späteren Werk. Pablo Picasso gilt als der Künstler, der den Linolschnitt zu einer anderen Verfahren ebenbürtigen künstlerischen Drucktechnik gemacht hat.
Picassos Freunde und Wegbegleiter
Der spanische Künstler Pablo Picasso ist der Namenspatron des Kunstmuseum Pablo Picasso Münster. Seine künstlerische Ausbildung erfährt der junge Picasso in Spanien, doch wird er in Paris, der damaligen Welthauptstadt der Künste, zum großen Revolutionär der Kunst des 20. Jahrhunderts. Eine erste Reise führt ihn 1900 nach Paris. Ab 1904 lässt er sich dauerhaft in der französischen Metropole nieder. In diesem Schmelztiegel treffen sich Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa und stimulieren sich gegenseitig. So drängt es Marc Chagall bereits 1912, sein heimatliches Russland zu verlassen, um in Paris Anschluss an die internationale Avantgarde zu bekommen. Auch Picassos Landsmann Joan Miró kommt 1920 aus Katalonien nach Paris und formt in Kreisen der dortigen Surrealisten seinen unverwechselbaren Stil.
Picassos Kunst kann nicht isoliert verstanden werden, sondern nur im Wechselspiel mit den Strömungen und Impulsen seiner verschiedenen Schaffensphasen. Vor diesem Hintergrund hat das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster seit seiner Gründung systematisch Werkkonvolute anderer bedeutsamer Künstler der „École de Paris“ vereint. So beherbergt es mehrere Hundert Werke von Picassos künstlerischem Mitstreiter Georges Braque, von Marc Chagall und Joan Miró. Auch Henri Matisse, zu dem Picasso in einem starken Konkurrenzverhältnis stand, ist mit einer bedeutsamen Kollektion in Münster vertreten.
Georges Braque
Kaum ein Künstler arbeitete so eng und intensiv mit Picasso zusammen wie Georges Braque. Beide entwickelten zwischen 1907/08 und 1914 zusammen den Kubismus als eine der größten Revolutionen in der Kunst der Moderne.
Im Frühjahr 2004 erhielt das Münsteraner Picasso-Museum von der Sparkasse Münsterland Ost 208 Grafiken als Dauerleihgabe. Diese Sammlung bietet einen repräsentativen Querschnitt durch das gesamte grafische Schaffen Braques‘ von 1926 bis zu seinem Todesjahr 1963. Im Gegensatz zu den Werken Picassos ist die Mehrzahl der Grafiken Braques‘ farbig gestaltet. „Ich bin kein revolutionärer Maler, ich suche nicht die Überspanntheit, die Spannung genügt mir.“ Diesem künstlerischen Motto folgte Braque in seinem langen Künstlerleben. Der Franzose fand nach dem kubistischen Abenteuer mit Picasso zu einer ganz eigenständigen Formsprache. Konform zu seiner Devise, er suche nicht die Überspanntheit, umkreist Braque immer wieder einmal gefundene Bildthemen, ohne sich jedoch zu wiederholen: das Stillleben, antike Sujets wie „Phaeton auf seinem Himmelswagen“ oder „Der Vogel im Flug“ sind von zentraler Bedeutung für sein Werk.
Auch in den Malerbüchern der Stiftung Classen wird das gesamte Spektrum der Motivwelt Braques‘ erfahrbar. Zu Beginn der 30er Jahre illustriert der Franzose die Theogonie (Göttergeburt) des antiken Autors Hesiod. Braque schafft eine sehr originelle Bildsprache, bei der sich die antike Götterwelt als kurvig mäandernde Linienschwünge artikuliert. Im Spätwerk der frühen 60er Jahre hingegen verdichten sich in der Darstellung fliegender Vögel zentrale künstlerische Fragestellungen für Braque: wie kann man Bewegung in einem statischen Medium wiedergeben, wie ist die Unendlichkeit des Raumes auf einer endlichen Bildfläche zu repräsentieren. Das 1962 erschienene Malerbuch „L’Ordre des oiseaux“vereint die schönsten diesem Thema gewidmeten Darstellungen Braques‘. Seine Vögel im Flug sind von solcher Prägnanz und Eindringlichkeit, dass die französische Post eine solche Darstellung als Firmenlogo führt.
Marc Chagall
Hervorstechendstes Merkmal der Bildwelt Chagalls ist das Glühen und Pulsieren seiner Farben. In der Kunst der Moderne gilt er als unerreichter Farbkünstler und auch Pablo Picasso bewunderte den unverwechselbaren Koloristen Chagall, als er einmal ausführte: „Ich mag zwar nicht seine fliegenden Bauern und Kühe, aber als Farbkünstler ist er einzigartig.“
Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster beherbergt seit 2008 eine 137 Grafiken umfassende Chagall-Sammlung, die die Sparkasse Münsterland Ost erwarb, um sie dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. Die Lithografien und Holzschnitte entstanden mehrheitlich in der Pariser Druckerei Mourlot, in der auch Braque, Matisse und Picasso arbeiteten. Chagall und Picasso verbindet der Umstand, dass sie die wohl fruchtbarsten Grafiker der Klassischen Moderne sind. So steht das lithografische Werk von Chagall demjenigen Picassos in nichts nach, es ist mit über eintausend Werken sogar noch umfangreicher. Über den Stellenwert der Grafik in seinem Schaffen hat Chagall einmal geäußert: „Wenn ich einen Lithografiestein oder eine Kupferplatte anfasste, hatte ich das Gefühl, als ob ich einen Talisman berührte.“ Während Picasso vornehmlich als Großmeister der schwarz-weißen Linienkunst gilt, schuf Chagall analog zu seinen Gemälden farbig reich orchestrierte Grafiken.
Die im Picasso-Museum aufbewahrte Kollektion umfasst eine Vielzahl von Unikaten und seltenen Zustandsdrucken. Hierdurch besitzt sie einen ausgesprochenen Werkstatt-Charakter, der die Entstehung der Werke und insbesondere das Bilddenken Chagalls sinnfällig macht.
Die Stiftung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster besitzt weitere prominente Werke Marc Chagalls, die die Kollektion der Grafiken komplettieren und abrunden. Mit den für das Malerbuch „Die toten Seelen“ (geschaffenen Radierungen bringt Chagall in liebevoll-ironischer Pointierung seinem heimatlichen Russland eine Hommage. Die Grafiken illustrieren die von Nicolai Gogol verfasste Erzählung eines windigen Steuerbetrügers, der in der russischen Provinz einen großangelegten Verwaltungsbetrug plant. Mit den 105 ganzseitigen Radierungen, die er ab den frühen 30er Jahren für die Bibel schuf, hat Chagall nach eigenem Bekunden sein grafisches Meisterwerk hinterlassen. Die Illustrationen folgen persönlichen Vorlieben und nicht religiösen Dogmen. Chagall bezeichnete die Bibel als „reichste poetische Quelle aller Zeiten.“ Konform zu dieser Äußerung behandelt Chagall die Bibel als Sammlung exemplarischer menschlicher Schicksale, er sucht das Weltliche im Religiösen und religiöse Dimensionen im vordergründig Weltlichen.
Im Jahre 2025 wuchs die Chagall-Sammlung des Picasso-Museum weiter: Meret Meyer, Enkeltochter Marc Chagalls und Vizepräsidentin des Comité Chagall in Paris, schenkte dem Museum anlässlich des 25jährigen Jubiläums 118 Lithografien und zehn Malerbücher ihres Großvaters aus ihrem Privatbesitz. „Mit der Schenkung möchte ich die bestehende Chagall-Sammlung des Picasso-Museums ergänzen und Möglichkeiten für weitere Ausstellungen und neue Blickwinkel auf Chagall schaffen“, erklärt Meret Meyer. Die Sammlung enthält auch über vierzig Entwurfsskizzen Chagalls, die zum Zeitpunkt der Schenkung noch nie öffentlich zu sehen waren. Die Werke erlauben intime Einblicke in die Arbeitsweise des größten Farbvirtuosen des 20. Jahrhunderts.
Henri Matisse
Pablo Picasso und Henri Matisse lernten sich in Paris im Jahre 1905 im Hause der amerikanischen Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein kennen. Beide Künstler beäugten sich eifersüchtig im Hinblick auf das Schaffen des anderen. Sie standen lebenslang in künstlerischer Konkurrenz, die jedoch von gegenseitigem Respekt geprägt war.
Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster beherbergt seit 2015 neben seinen umfangreichen Picasso-Beständen auch die größte deutsche Matisse-Sammlung. Die 121 Grafiken umfassende Kollektion wurde dem Museum von der Sparkasse Münsterland Ost als Dauerleihgabe übergeben. Die Werke lagerten über sechzig Jahre im Pariser Banksafe der Familie Matisse.
Die Sammlung umfasst mit Holzschnitten, Radierungen, Lithografien und Linolschnitten alle bedeutenden grafischen Techniken. Sie deckt im Werk des Franzosen einen Schaffenszeitraum von 1906 bis 1951 ab. Somit spannt sie einen Bogen vom frühen, fauvistischen Matisse bis hin zum reifen Künstler, der in Vence und Nizza seine farbenprächtigen Scherenschnitte schuf.
Der Schwerpunkt der Kollektion liegt auf der sogenannten ersten Nizza-Periode in den 1920er Jahren, als sich Matisse wegen des Lichts und des milderen Klimas an der Côte d’Azur niederließ. Er umkreist in diesen Jahren immer wieder das Thema des Frauenaktes, dem er durch vorderorientalische Gewandung und Dekor den Hauch des Fremdländisch-Exotischen verleiht.
Die 30er bis 50er Jahre im Schaffen von Matisse werden durch die insgesamt zehn Malerbücher dokumentiert, die in der Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster vereint sind. Mit zarten Radierungen hat Matisse in den frühen 30er Jahren eine visuelle Begleitmusik zu Gedichten von Stéphane Mallarmé geschaffen. Neben antiken Gestalten lässt er hier auch Impressionen seiner zuvor unternommenen Tahiti-Reise aufscheinen. Mit „Jazz“gestaltet der späte und von Krankheit gezeichnete Matisse das kühnste und ungewöhnlichste Malerbuch des 20. Jahrhunderts. Gleich einem Jazzmusiker, der Themen improvisierend variiert, umkreist der Franzose in kühnen, bisweilen dissonanten Farbakkorden die Welt des Zirkus, der Akrobaten und professionellen Spaßmacher. Sie sind gleichnishaft im Hinblick auf das moderne Künstlertum zu verstehen – im Zentrum der Aufmerksamkeit stehend bleiben sie doch gesellschaftliche Außenseiter und Randexistenzen.
Joan Miró
Pablo Picasso war zwölf Jahre älter als Joan Miró. Als dieser im März 1919 erstmalig nach Paris reiste, galt einer seiner ersten Besuche dem bereits berühmten Landsmann. Die Familien beider kannten sich aus Barcelona und waren miteinander befreundet. So fand Joan Miró freundliche Aufnahme bei Picasso, mit dem ihn zeitlebens eine Künstlerfreundschaft verband.
Die Stiftung Classen zählt zwei der gelungensten und berühmtesten Malerbücher von Joan Miró zu ihren Schätzen. Für das Werk „Parler seul“schuf Miró Lithographien zu Gedichten von Tristan Tzara (eigentlich Samuel Rosenstock). Sie waren im Sommer 1945 in einer psychiatrischen Klinik in Saint-Alban (Lozère) entstanden. Die tiefgreifende menschliche Erfahrung der Gespräche mit den Patienten hat Tzara in den Werken verewigt. Miró und der Dadaist Tzara waren seit den 20er Jahren miteinander befreundet. Die künstlerische Symbiose aus Texten und poetischen Bildzeichen zeugt von der engen Zusammenarbeit beider Künstler in diesem vierhändig geschaffenen Werk.
Das Malerbuch „A toute épreuve“ist das ehrgeizigste Projekt Mirós im Medium der Buchgrafik. Die Gedichte Paul Eluards kreisen thematisch und motivisch um Katalonien und seinen mit der Ehefrau Gala 1930 unternommenen Besuch bei Salvador Dalí. Gala verliebte sich damals unsterblich in Dalí und verließ ihren Mann. Miró schlug vor, Holzschnitte für die Gedichte zu schaffen. Fast zehn Jahre arbeitete er an diesem ambitionierten Werk und schrieb im Juni 1948: „Ich habe Versuche gemacht, durch die ich sehen konnte, was es heißt, ein Buch zu machen, nicht zu illustrieren, die Illustration ist immer etwas Nebensächliches. Wichtig ist, dass ein Buch die ganze Würde einer in Marmor gehauenen Statue hat.“ Texte und Bilder stehen folglich in einem äußerst freien, eher assoziativen Bezugsverhältnis, akzentuieren und rhythmisieren die Gedichte und bilden bisweilen zeichenhaft verkürzte Notabene-Zeichen.
Porträtfotografien von Picasso, Matisse, Miró, Chagall und Braque
Zum 25. Geburtstag des Picasso-Museums hat der Sparkassenverband Westfalen-Lippe dem Museum eine bedeutsame Sammlung von 133 Fotografien als Dauerleihgabe überreicht. Die Aufnahmen zeigen Porträts von Pablo Picasso und seine Künstlerkollegen Henri Matisse, Georges Braque, Marc Chagall und Joan Miró. Die Sammlung umfasst Fotografien von René Burri, Robert Capa, Philippe Halsman, Herbert List, David Seymour und Michel Sima. Sie zählen zu den renommiertesten Fotografen des 20. Jahrhunderts und hatten das Glück, die größten Künstler der Moderne vor ihre Kameras zu bekommen.
Die Werke entstammen der großen Zeit des Fotojournalismus, die in den 1920er-Jahren einsetzt und dem das Aufkommen des Fernsehens als Massenmedium ein Ende bereitet. So kreuzen sich in der Fotosammlung Kunst- und Mediengeschichte.
Nähere Informationen: Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, 48143 MünsterTelefon: +49 (02 51) 4 14 47-10, Telefax: +49 (02 51) 4 14 47-77, E-Mail: info@picassomuseum.de. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.