Auch Erinnerungen an vergangene Ausstellungen sind schön. Beispielsweise an „Brücke zur geistigen Welt – Meisterwerke des Expressionismus“ im vergangenen Jahr.
Wer die letzten Tage und Wochen mit Regen und trübem Himmel miterlebt hat, weiß, wie schön es ist, aus den eigenen vier Wänden herauszukommen, sich auf Abwechslung von dem grauen Einerlei des Wetters zu freuen und mal wieder was richtig Schönes zu erleben. So hat es mich sehr gefreut, einen Anruf von einer guten Freundin erhalten zu haben, verbunden mit der Frage, ob ich Lust hätte, nach Münster zu fahren. Kaum zehn Minuten später stand ich an der Straße, wo ich mit Auto abgeholt wurde.
Eine gute Entscheidung, wie sich schnell herausstellte. Die zunehmend depressiv stimmenden Wolkengebilde lösten sich entgegen aller Erwartung allmählich auf, blauer Himmel brach sich Bahn und auch manch Sonnenstrahl erhellte das Gemüt. In Münster angekommen, fand sich schnell eine Parkgelegenheit auf dem Schloßplatz, und von dort ist es ja nur ein kurzer Weg ins Stadtzentrum, die Kreuzstraße hoch, am legendären „Blauen Haus“ entlang, am Antiquariat „Wilsberg“ (bekannt aus der ZDF-Krimiserie) vorbei, linker Hand die Überwasserkirche, weiter gerade aus bis zum blitzeblanken Dom, vor dem gerade samstags ein reges Markttreiben herrscht. Trotz der vielen Menschen findet sich immer irgendwo ein Platz, um eine Kleinigkeit zu essen oder einen Kaffee zu trinken. Alternativ gibt es auch gleich gegenüber dem Markt ein schönes, mit 1950-er Jahre-Lampen und großformatigen Werbemotiven auf Emaille dekoriertes Café, in dem man es sich gut gehen lassen kann.
Frisch gestärkt machen wir uns auf den Weg Richtung Prinzipal-Markt, dort kurz rechts halten und dann wieder links zum Picasso-Platz, wo sich das gleichnamige Museum befindet, beheimatet im früheren Druffel´schen Hof und dem angrenzenden Hensenbau. Ziel erreicht: die Ausstellung „Brücke zur geistigen Welt – Meisterwerke des Expressionismus“.
Ein weiteres Mal haben die Macher des von dem Grafiker und Sammler Gert Huizinga (+2018) ins Leben gerufenen Museums eine Ausstellung auf die Beine gestellt, die ein Muss für alle Freunde der modernen Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. Von Edvard Munch über Emil Nolde, Otto Dix und Max Beckmann bis hin zu Ernst-Ludwig Kirchner, Franz Marc und August Macke ist alles vertreten, was im Expressionismus Rang und Namen hat.
Was sie eint, ist die Abkehr von der reaktionär bis konservativ ausgerichteten bürgerlichen Gesellschaft. Es gilt, neue Ausdrucksformen der Kunst jenseits der überkommenen Konventionen auszuprobieren und auf der Leinwand umzusetzen. Vereinfachung, Abstraktion, Verzerrung und eine gänzlich andere Verwendung von Farben mit oft symbolischen Assoziationen sind die zentralen Elemente des Expressionismus. Die Künstler begeben sich auf die Suche nach einer neuen Spiritualität, bei der auch die christliche Religion eine Rolle spielt. Sie wollten eine Kunst schaffen, die den seelischen Zustand und die persönliche Einstellung des Künstlers auf den Betrachter überträgt. Kurzum: Angestrebt wurde eine Kunst, die nicht erlernt werden konnte, sondern neu erfunden werden musste. Trotzdem blieb es nicht aus, sich an Vorbildern zu bedienen. Motive aus der Renaissance von Künstlern wie Albrecht Dürer und Matthias Grünewald wurden zeitgemäß interpretiert, afrikanische Stammeskunst neu entdeckt.
Beispielhaft stehen dafür in der Ausstellung zwei Bilder von Edvard Munch: das weinende Mädchen mit der toten Mutter und die „Madonna“, auch bekannt als Madonna-Gesicht oder Liebende Frau. Beide Bilder ergreifen den Betrachter mit ihrer schonungslosen Direktheit. Zusätzlich Staunen allerdings macht aber das Madonna betitelte Bild, das vom Namen ursprünglich für die Jungfrau Maria steht. Zu sehen ist aber eine durchaus sinnlich wirkende Frau mit nacktem Oberkörper und geschlossenen Augen, hinter der manches mehr zu entdecken ist als das Sinnbild der Mutter Jesu aus der Bibel. Die Interpretationen dieses Bildes gehen auch fast ausschließlich in eine nichtbiblische Richtung. Sie reicht von der Darstellung des Orgasmus bis hin zur Entstehung des Lebens, die sich in einem ebenfalls dargestellten Embryo links unten im Bild widerspiegelt. Eine Verbindung mit dem Tod wurde von Munch selbst hergestellt. Ein wesentlicher Faktor der Wirkung des Bildes ergibt sich neben der Darstellung des Frauenkörpers durch die Farbkontraste braun und rot, blau und schwarz sowie durch das schwarz gemalte Haar und den Heiligenschein in signalrot.
Was die Künstler auch beschäftigt, ist das alltägliche Leben der Menschen in der Großstadt, das vielfach von Not und Elend gekennzeichnet ist. Dafür stehen unter anderem die Werke von Max Beckmann und Otto Dix. Ebenfalls schonungslos ist ihr Blick. Fast abwenden möchte man sich, wenn sie Prostituierte in all ihrer Hässlichkeit und körperlichen Ausgemergeltheit im Bild festhalten und auch vor der Darstellung von an Syphilis Erkrankten nicht Halt machen.
Eine große Bedeutung für die expressionistischen Künstler hat die Verwendung von durckgrafischen Techniken und die Auseinandersetzung mit ihren spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten. Die Ausstellung in Münster präsentiert über 100 Werke, die so entstanden sind. Bekannterweise ist der Holzschnitt mit seinen groben Furchen und gezackten Linien als die herausragende künstlerische Technik des Expressionismus bekannt geworden, aber die Expressionisten revolutionierten auch die Formsprache der Radierung und der Lithografie.
Die Ausstellung in Münster dokumentiert in aller Ausführlichkeit auch die Religion und die künstlerische Auseinandersetzung mit ihr, die sich vor allem nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches in vielen Werken der Künstler des Expressionismus wiederfindet. Es geht um die Suche nach einer neuen Spiritualität, die aber ohne den Reflex auf die Bibel und ihre Inhalte nicht auszukommen scheint, wie es unter anderem die Bildreihe „Vater unser“ von Max Pechstein belegt. Die 12 Holzschnitte vermitteln dem Betrachter in drastischer und Ehrfurcht gebietender Weise die tiefe und ernste Botschaft des vielfach einfach nur so daher gesagten Gebetes. Beeindruckend in der Ausstellung sind gleichfalls die Darstellungen des gekreuzigten Jesus und das damit verbundene göttliche und menschliche Elend.
Es ist aber noch einiges mehr an großen und beeindruckenden Werken zu sehen.
Nähere Informationen: Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, 48143 MünsterTelefon: +49 (0251) 41447-10, Telefax: +49 (0251) 414 47-77, E-Mail: info@picassomuseum.de. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.