Etwa 100.000 Besucher kamen am 2. Juli 1995 auf das Studiogelände des WDR in Köln-Bocklemünd. Anlass war ein Fest zur 500. Folge der beliebten ARD-Vorabendserie.
Als am Sonntag. 8. Dezember 1985, um 18.40 Uhr die erste Sendung „Herzlich willkommen“ der ARD-Vorabendserie „Lindenstraße“ lief, hätte, vielleicht abgesehen von den Machern mit Erfinder, Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer an der Spitze – bekannt geworden als Vertreter des Neuen Deutschen Films durch anspruchsvolle Literaturverfilmungen wie „Der Zauberberg“, „Die Wildente“, „Theodor Chindler“ und „Ediths Tagebuch“ – kaum jemand mit dem großen Erfolg, der sich im Laufe der Jahre einstellte, gerechnet.
Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute
Entgegen der erwartbaren Inhalte deutscher Vorabendserien, die sich zumeist des Krimi-, Abenteuer- oder Herz-Schmerz-Genres bedienten, bekamen die Zuschauer bei der Lindenstraße Einblicke in den Alltag ganz normaler Leute mit ganz normalen Problemen, wie sie eigentlich jeder kennt, geboten; und die Kritiken waren auch nicht dazu angetan, einen Erfolg vorauszusehen. Ein „Panoptikum der Piefigkeit“ nannte sie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, „Dürftig und schlecht gemacht“, urteilte etwa der Fachdienst „epd / Kirche und Rundfunk“ über die erste Folge „Herzlich willkommen“. Das Blatt rügte die Serie als „Sozialkitsch“ und prophezeite ihr ein baldiges Ende; und in der Frankfurter Allgemeinen war folgende, auch nicht gerade schmeichelhafte Überschrift zu lesen: „Eine Volkshochschule feiert Jubiläum. Zum 500. Mal Lindenstraße. Kein Ende vor dem Weltuntergang“. Ähnlich fielen damals die meisten Kritiken aus.
Die Häme der Kritiker war also groß, doch davon ließ sich das Fernsehpublikum nicht abhalten und blieb am Bildschirm haften – in den besten Zeiten über 10 Millionen. So entwickelte sich die Serie zum Kult.
Mit dem Bus von Nordhorn nach Köln-Bocklemünd
Der erreichte auch die Grafschaft Bentheim – zumindest wesentliche Teile davon. 1995 bot sich dann für den Autor dieses Artikels die Gelegenheit, an einer vom Jugendzentrum Nordhorn organisierten Busfahrt nach Köln-Bocklemünd teilzunehmen, wo sich die Studios befanden, in denen die „Lindenstraße“ gedreht wurde. Anlass der Fahrt war ein großes Publikumsfest auf dem Studiogelände aus Anlass der 500. Folge.
Die Anfrage beim WDR, ob für das Grafschafter Wochenblatt, bei dem ich damals tätig war, die Möglichkeit zur Berichterstattung und zu Interviews mit den Stars der Serie bestehen würde, wurde prompt mit Ja beantwortet. Dann war nur noch daran zu denken, am Sonntag rechtzeitig beim Jugendzentrum zu sein, wo schon ein Bus bereit stand. Als kleines Team hatte ich damals den Fotografen Hans Pache (+) und zusätzlich Hans Trulsen dabei, der bei den Interviews für die Mikrofon- und Aufnahmetechnik zuständig war.
Dass die „Lindenstraße“ nach anfänglich schwachem Start ein allmählich größeres Zuschauerinteresse verzeichnen konnte, wusste ich inzwischen, aber welche Dimensionen das über damals zehn Jahre angenommen hatte, wurde mir erst vor Ort klar. Über 100.000 Besucherinnen und Besucher tummelten sich auf dem Studiogelände, auf dem als Unterhaltungsprogramm unter anderem eine große Kirmes aufgebaut war.
Mit den Stars im Backstage-Bereich
Es war daher kein Wunder, dass die anderen Teilnehmer der Busfahrt mit einem gewissen Neid auf das Team vom Grafschafter Wochenblatt blickten, da wir als Medienvertreter Zugang zum VIP-Bereich und damit auch direkten Kontakt zu den Stars der „Lindenstraße“ hatten. Wir trafen auf „Momo“, „Herrn Schiller“, „Olaf Kling“, „Mutter Beimer“, „Hans Beimer“, „Iffi Zenker“, „Valerie Zenker“ und viele mehr.
Interviews durften wir mit der wie immer quirligen und temperamentvollen „Iffi Zenker“ (Rebecca Siemoneit-Barum, Tochter des früheren Zirkusdirektors Gerd Siemoneit-Barum) und der eher sperrigen und maulfaulen „Valerie Zenker“ (Nadine Spruß) führen. Beide spielten die Töchter von „Andi Zenker“ (Jo Bolling), der 1990 in der 220. Folge als alleinerziehender Vater (Frau war bei einem Unfall verstorben) mit seiner Kinderschar, zu der auch der damals noch nicht so bekannte Til Schweiger als „Jo Zenker“ gehörte, in die Lindenstraße eingezogen war.
Nach den beiden Interviews bestand dann noch die Gelegenheit, einen Gang durch die Außenkulissen der Lindenstraße zu machen. Ein Höhepunkt für die zahlreichen Fans war nach der Übertragung der gerade anstehenden Folge eine Autogrammstunde mit den Stars, die ohne Übertreibung einen Andrang auslöste, den sonst nur nationale Acts wie „Tokyo Hotel“ oder internationale Bands wie die „Backstreet Boys“ oder „Take That“ zu ihren besten Zeiten verzeichnen konnten.
Unser Besuch in der Lindenstraße endete dann mit der WDR-Unterhaltungssendung „Hollymünd“, die wir im Backstage-Bereich verfolgen durften, und bei der als die bekanntesten Künstler die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ und die „Sparks“ auftraten.
Epilog
Zu meinem großen Bedauern wurde die „Lindenstraße“ am 29. März 2020 mit der 1758. Folge eingestellt. Begründet wurde dies von der ARD mit den gesunkenen Zuschauerzahlen, die sich zum Ende unter 2 Millionen bewegte. Das mag zwar so gewesen sein, aber die „Lindenstraße“ war mir immer viel lieber als die unzähligen und überwiegend unseligen Vorabend-Krimis, die jetzt so geboten werden. Und ich werde es der ARD nicht verzeihen, dass sie mir mit der Einstellung der Lindenstraße den Fernsehabend am Sonntag dermaßen durcheinandergebracht hat, dass ich eine ganze Zeit sehr schwermütig war; und das musste mal gesagt und geschrieben werden!!!