Viel Kultur im ehemaligen Kornspeicher

1908 wurde der ehemalige Kornspeicher am Hafen in Ibbenbüren-Dörenthe erbaut. Seit der Gründung eines Fördervereins im Jahre 1998 wird das Gebäude für vielfältige kulturelle Zwecke genutzt.

Es war am 28. Mai 1998, als im Ibbenbürener Anzeiger folgende Zeilen erschienen: „90 Jahre hat er auf dem Buckel, seit 30 Jahren wurde er mehr oder weniger als „Rumpelkammer“ genutzt: Der Kornspeicher im Dörenther Hafen. Jetzt kommt Leben in die Bude: Der alte Bau soll als Kulturspeicher jeglichen kulturellen oder künstlerisch Interessierten als Probe- und Aufführungsstätte zur Verfügung stehen.“

Anlass für den Artikel war die Eröffnung des „Kulturspeichers Dörenthe“, einem neuen Kulturzentrum, das Platz für Kunstausstellungen, Theateraufführungen, Musik und manchem mehr bieten sollte. Unterschiedliche Veranstaltungen wie eine Foto-Ausstellung, ein Konzert und eine Theateraufführung wurden im Jahr der Eröffnung von den Vereinsmitgliedern und befreundeten Künstlerinnen und Künstlern auf den Weg gebracht, um zunächst einmal zu testen, ob das sanierungsbedürftige Gebäude für eine neue Nutzung überhaupt geeignet ist. Mit Erfolg – aber trotzdem war klar, dass auch weiterhin viel Arbeit nötig sein würde, um das Gebäude soweit herzurichten, dass es dem neuen Zweck dienlich sein konnte.

Kunst statt Boule

Es hätte aber auch ganz anders kommen können, wie in dem Artikel im Ibbenbürener Anzeiger nachzulesen ist: „Auf der Suche nach einer Spielmöglichkeit im Winter für seinen Boule-Verein inspizierte Walter Bergschneider das ehrwürdige Gebäude, das sich in seinem Besitzt befindet. Doch sein Vereinskollege Robert Rickert hatte eine bessere Idee, als dort Sand für das französische Kugelspiel hinzuschütten: „Dies ist ein absolut idealer Ort für kulturelle Veranstaltungen.“ Auch Bergschneiders Lebensgefährtin Monika Haselon hatte schon mit diesem Gedanken gespielt. Sie plante spontan eine Foto-Ausstellung in dem alten Speicher. Rickert, Mitglied des VHS- und Quasi So-Theaters, sprach mit seinen Theaterfreunden. Gemeinsam mit weiteren Ibbenbürener Künstlern wurde ein mögliches „Eröffnungsprogramm“ entwickelt. Sogar das Fernsehen wurde auf diese Planungen aufmerksam: Der WDR brachte einen Bericht über die bis dahin nur theoretischen Planungen. Dies war der Auslöser, auch endlich mit der praktischen Arbeit zu beginnen … Zuerst wurde der Bau Anfang März komplett geräumt, wobei auch Walter Bergschneider hilfreich zur Seite stand. Dabei mussten unter anderem vier monströse Elevatóren (Schüttschächte mit Fördereinrichtung für Getreide), bestehend aus Holz und Stahl, ausmontiert werden … Da das Gebäude seit drei Jahrzehnten nicht von Menschen genutzt wurde, hatten andere Lebewesen Einzug gehalten. Allein zwölf Säcke Taubenmist schleppten die fleißigen Helfer aus dem Speicher. Anschließend erforderte es einige Detektivarbeit, bis die letzten Schlupflöcher für jegliches Getier gestopft werden konnten. Noch jetzt sitzen Tauben auf den Fensterbänken und suchen nach einem Einlass. Eine Woche dauerte es, das Gebäude mit einem Hochdruckreiniger und Kanalwasser komplett auszuspritzen. Mittlerweile wurde schon eine Etage komplett gestrichen.“

Als dann die Idee aufkam, in den Räumen auch Kindertheater zu spielen, war der Grundstein für die Umgestaltung gelegt; ein mühevoller Weg der Sanierung, der im August 2006 abgeschlossen wurde, begann. Zwar war aus finanziellen Sanierung, wie sie auf der Regionale 2004 angeregt wurde, nicht möglich, doch die Idee, die sich mit dieser Initiative verband trotzdem umgesetzt. Möglich machte dies das Förderprogramm „Initiative ergreifen“ des Landes Nordrhein-Westfalen, das 80 Prozent der anfallenden Kosten übernahm. So war das Land letztlich mit 200.000 Euro am Gesamtumbauvolumen beteiligt, die Kulturstiftung des Kreises Steinfurt steuerte weitere 25.000 Euro durch Spenden ein, und der Förderverein insgesamt 1500 Stunden an Eigenleistung. Neue Fenster und Türen sowie eine Heizungsanlage konnten angeschafft werden und sorgten für eine Nutzbarkeit des Gebäudes im Winter, moderne Sanitäranlagen lösten das alte Not-WC ab, und eine gut begehbare Treppe erschloss das Obergeschoss. Außerdem mussten der Fußboden des alten Speichererdgeschosses erneuert und die Mauern im oberen Turmbereich neu verfugt werden.

Seit der Eröffnung hat sich der Kulturspeicher Dörenthe zu einem wichtigen regionalen Akteur für die Bereiche Kunst, Theater und Musik entwickelt. Dort vertreten sind verschiedene Initiativen und Gruppen. Dazu gehört unter anderem der „Speicher Malkreis“. Der trifft sich seit April 2006 regelmäßig am ersten Mittwoch im Monat im Kulturspeicher Dörenthe. So unterschiedlich die Mitglieder sind, verbindet sie trotzdem das gemeinsame Interesse an der Kunst und an jeglicher Art künstlerischer Gestaltung. Im Vordergrund steht die „Freude am Tun“. Inzwischen kann der „Speicher Malkreis“ auf viele erfolgreiche Ausstellungen zurückblicken, auch auf gemeinschaftliche Projekte, unter anderem mit der „Kunstfabriek Nijverdal“, einer Künstlergruppe aus der niederländischen Stadt Hellendoorn.

Seine Heimat im Kulturspeicher Dörenthe hat auch das 2019 gegründete Querbeet-Theater. Bereits mit Ihrem ersten Stück „Die Speicherahnen“ und der Aufführung von „Miss Sophies Erbe“ hatte das Ensemble einen grandiosen Erfolg feiern können. Ein weiteres neues Stück ist in Bearbeitung, Premierentermin ist der Oktober.

Zur Geschichte des Gebäudes

Der weithin sichtbare und rot geklinkerte „Turm“ des Kulturspeichers, der sich über fünf Etagen erstreckt, wurde vor rund 100 Jahren als Zwischenspeicher für die Getreidelagerung errichtet. Dicke Eisenträger leiten über massive Eisensäulen sowie die dicken Außenmauern die Kräfte nach unten, so dass die auf dicken Holzbalken liegenden Zwischendecken mit Getreide hoch belastet werden konnten. Ein Becherwerk hat das Korn über eine Verladerampe vom Kanal aus direkt in die verschiedenen Gebäudeebenen transportiert. Wegen des Aufkommens der Motorschifffahrt und des damit verbundenen erhöhten Verkehrs bestand Anfang des 20. Jahrhunderts die Notwendigkeit, ein Zwischenlager für die höhere Getreidemenge, die nun auf dem Kanal transportiert wurde, zu bauen.

In den 1950-er Jahren verlor der Getreidespeicher langsam seine ursprüngliche Bedeutung, doch da der Hafen einen wichtigen Knotenpunkt darstellt – hier treffen ein Gleis der Teutoburger Wald Eisenbahn (TWE), der Dortmund-Ems-Kanal und die Bundesstraße 219 zusammen – wurde er zu Beginn der 1960-er Jahre umgebaut und umgenutzt. An die Nordwestseite wurde nun eine zweigeschossige Rampenanlage aus Stahlbeton angebaut. Doch dieser Umbau verhinderte nicht, dass die Anlage nicht mehr genutzt wurde und zunehmend verfiel, bis …

Skulpturenpfad und „Funny Red Line“

Im Rahmen der Kooperation des Kulturspeichers Dörenthe mit zwei befreundeten Vereinen, dem Kunstverein Ibbenbüren und dem Förderverein Mettinger Schultenhof, wurde im April 2019 die „SKULPTOUR“, ein Skulpturenpfad entlang einer Route zwischen den drei Kulturinitiativen, eröffnet. Die „SKULPTOUR“ rückt 56 Kunstwerke wieder in den Blickpunkt, die im Alltag teilweise kaum noch wahrgenommen werden. Alle Kunstobjekte befinden sich zwischen Mettingen und Ibbenbüren/Dörenthe und sind zu Fuß, aber auch mit dem Fahrrad zu erschließen.

Ausgangspunkt der Skulpturenroute ist die „Funny Red Line“ der litauischen Künstlerin Dovilė Martinaitytė aus dem Jahre 2004. Ausgehend vom Kunstspeicher Mettingen zieht sie sich über den Schultenhof, verschwindet dann in der Erde, tritt aber mehrfach wieder in Erscheinung (Kreisel Schwarze Straße – Kreuzung Mettinger Grenze) und verläuft schließlich bis zur Honigfabrik und endet dann am Speicher in Dörenthe. Die Betonskulptur fällt ins Auge, erregt Aufmerksamkeit, regt Vorbeigehende zum Verweilen an (Was sagen die Formen, die Gestaltung, die Farbe aus?), fordert zum Sitzen, Spielen oder Liegen auf. Sie will Fröhlichkeit verbreiten. Das kräftige Rot verweist auf die Symbolik von Blut, Feuer und Liebe. Sie steigert das bewusste Erleben und das Fühlen von Kraft und Schönheit und steht für Willenskraft und Emotionen, ihre Wirkung ist zugleich wärmend und wohltuend. Nähere Informationen erfolgen im Internet auf http://www.funnyredline.de

Programm für das Jahr 2025

Auch in diesem Jahr bietet der Kulturspeicher wieder ein umfangreiches Programm. Zu den Klassikern dieses Programms gehören am 1. Mai ein Jazzfrühschoppen mit Matthias Beckmann & Band, am 24. August das Hafenfest mit Musik und Aktion für die ganze Familie direkt am Kanal, am 4. Oktober ein neues Premieren-Stück des Querbeet-Theaters mit dem Titel „Alte Eisen rosten nicht“, sowie am 8. November der traditionelle Kunsthandwerkermarkt „Novemberleuchten“ im und am Kulturspeicher. Ergänzt wird das Programm mit Kunstausstellungen, Seminaren und Workshops.

Nähere Informationen: Kulturspeicher Dörenthe, Hafenstraße 14, 49479 Ibbenbüren, Telefon 05455 960094, E-Mail info@kulturspeicher-doerenthe.de, Internet http://www.kulturspeicher-doerenthe.de

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