Wir da oben und die da von unten

Betrachtungen zum „Zauberberg“ von Thomas Mann

Es ist schon eine merkwürdige Geschichte, die Thomas Mann in seinem 1924 erschienenen monumentalen Roman „Der Zauberberg“ erzählt. Da kommt mit Hans Castorp ein Sohn aus großbürgerlichen Verhältnissen von Hamburg nach Davos, um seinen Cousin Joachim Ziemsen, der sich dort wegen einer Lungenerkrankung in einem Sanatorium aufhält, für drei Wochen zu besuchen und bleibt für sieben Jahre, bis 1914 die damalige Welt erschüttert wird.

Bevor ich aber über meine Lektüre des Romans berichte, muss ich vorausschicken, dass ich vorher die monumentale Verfilmung von Hans W. Geissendörfer aus dem Jahre 1982 gesehen hatte, von der ich trotz mancher gängiger Kritik an Literaturverfilmungen immer noch sehr begeistert bin. Es war vor allem die schauspielerische Leistung von Christoph Eichhorn in der Rolle des Hans Castorp, die mich sofort für dieses große Kinoerlebnis einnahm.

Es reist dieser blasiert wirkende und noch sehr lebensunerfahrene Bürgersohn, Student der Ingenieurswissenschaften für das Schifffahrtswesen und von zuhause aus mit einem großen Erbe ausgestattet, von seiner Heimatstadt nach Davos in eine ganz andere Welt, in die Welt des Zauberbergs, in der Krankheit, Tod und ein zumeist dahinplätschernder Alltag, geprägt von üppigen Mahlzeiten, Liegekuren, Untersuchungen, Behandlungen, Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen, das Leben der Kurgäste bestimmen und die Zeit dahinfließen lassen.

Es ist die ganz andere Luft in bergigen Höhen, es sind die Erzählungen seines Cousins über das befremdliche Leben im Sanatorium, der Sanatoriums-Alltag und die Begegnungen mit den teilweise von Thomas Mann karikaturenhaft überzeichneten Figuren seines Romans – von der äußerst dummen Frau Stöhr über das tratschhafte Fräulein Engelhart und den unterwürfigen Herrn Wehsal bis hin zum charismatischen Mynheer Peperkorn – , die Hans Castorp zu Beginn des Romans verwirren und überfordern. Manches Mal wirkt er so, als sei er besoffen oder zumindest total durcheinander; und die durch Überforderung ausgelösten Ermüdungserscheinungen zwingen ihn in den ersten Tage zu früher Bettruhe. Es war für mich faszinierend zu sehen, wie Christoph Eichhorn diese wiederkehrende komplexe Stimmungs- und Gedankenlage eines zeitweisen Nervenbündels schauspielerisch umzusetzen wusste.

Aber bevor ich mich in meinen Betrachtungen über den Film verliere, der neben weiteren grandiosen Schauspielerinnen und Schauspielern wie Rod Steiger, Margot Hielscher, Alexander Radszun, Rolf Zacher und Hans-Christian Blech durch seine üppige Ausstattung und grandiose Landschaftsbilder immer noch besticht, zurück zum Roman und seinem Helden. Ich muss gestehen, dass mir in jungen Jahren bei der ersten Lektüre die Satzungetüme Thomas Manns sehr aufstießen und ich – kaum bis zur Hälfte durchgekommen – den „Zauberberg“ für viele Jahre zur Seite legte. Im zweiten Anlauf hat es dann vor Kurzem geklappt, auch wenn es viel Zeit in Anspruch nahm.

Mann ohne Eigenschaften, ein Parzifal vielleicht?

Wer ist denn nun dieser Hans Castorp? Äußerlich ist er ja schon beschrieben worden, aber für wen oder was steht er als literarische Figur? Dazu gibt es die verschiedensten Beschreibungen. Für den einen ist er ein unbeschriebenes Blatt, das im Laufe des Romans gewissermaßen vollgeschrieben wird mit den Erlebnissen und Gesprächen, die ihm auf dem Zauberberg widerfahren, für den anderen ein „Mann ohne Eigenschaften“ wie Ulrich aus dem gleichnamigen Roman von Robert Musil, wiederum andere bemühen den Parzival von Wolfram von Eschenbach, der, von nichts wissend, in eine fremde Welt gestoßen wird. In einem Artikel der Zeit hat es der bekannte Schriftsteller Martin Mosebach auf den Punkt gebracht, wie es mit Hans Castorp bestellt ist: „Der Jüngling Castorp, keineswegs dumm, aber denkungewohnt und über das hinaus, was er im Gymnasium erfahren hat, nicht weiter unterrichtet … wird zum willigen Objekt vielfältiger Bildungsanstrengungen – er wird von dem Freimaurer und Humanisten Settembrini in die Grundlagen der Aufklärung und des Republikanismus eingeweiht, von (dem Jesuiten) Naphta in den anthropologischen Pessimismus der Gegenaufklärung, er erhält ein ausführliches anatomisches Privatissimum vom Chefarzt (Hofrat Berends) des Sanatoriums, sammelt Erfahrungen in der Liebe, in der Psychoanalyse und Parapsychologie und in der Malerei und geht immer wieder das Wagnis des Selberdenkens ein.“

Settembrini und Naphta – zwischen Aufklärung und heiligem Terror

Um das von Mosebach Geschriebene zu verstehen, bedarf es einiger Erklärungen, insbesondere zu den Herren Settembrini und Naphta. Beide nehmen sich Hans Castorps an und versuchen, dessen Weltbild zu beeinflussen. Der Journalist und Schriftsteller Settembrini ist ein enthusiastischer und unbeirrbarer Vertreter der Philosophie der Aufklärung, ein Anhänger des Humanismus, des Fortschritts und der Demokratie. Sein Gegenpart ist der Jesuit und ehemalige Lehrer Naphta. Er glaubt wie der Großinquisitor aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ nicht an die Fähigkeit des Menschen, vernünftig zu handeln, sieht die wissenschaftlichen Erkenntnisse – ausgehend von der kopernikanischen Wende – als kontraproduktiv an, da sie die christlich-metaphysische Bedeutung der Erde als von Gott geschaffener zentraler Planet und der auf ihr lebenden Menschen als höchste Krönung der Schöpfung auf ein Minimum reduziert habe, und übt vernichtende Kritik an dem sogenannten Fortschritt, der nur den Interessen des bürgerlichen Kapitalismus diene, kurz der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Aus seinem durchaus nihilistischen Denken heraus fordert er den heiligen Terror, der durchaus Ähnlichkeiten mit der Inquisition des 15. Jahrhunderts hat.

Was die Auseinandersetzung zwischen diesen extremen Gegenpolen des philosophischen Denkens bei Hans Castorp auslöst, stellt sich für Mosebach wie folgt dar: „Da lässt Thomas Mann seinen Parzifal über all das, was er in naiver Faszination aufgeschnappt hat, mit eigenen Worten unter wiederholter Aufputzung der sich ihm eingeprägt habenden Begriffe darauflosphilosophieren … In enthusiastischer Folgsamkeit vorgetragen, einer Bereitschaft, sich Dinge zu eigen zu machen, deren Tragweite ihm gar nicht bekannt ist, werden große Gedankengebäude zu drolligen Schlagwortgirlanden …“

Was die Liebe, die Psychoanalyse und Parapsychologie angeht, mit der Hans Castorp auf dem Zauberberg in Berührung kommt, bedarf es auch einiger Erklärungen. Dass Hans Castorp in der Liebe angesichts seines Alters und der zumeist noch von Prüderie geprägten Gesellschaft ebenso ein unbeschriebenes Blatt ist wie in den schon angesprochenen Angelegenheiten, nimmt nicht weiter wunder. Die einzige erotische Erfahrung vor seinem Aufenthalt im Sanatorium ist der Besuch eines Bordells. Auf dem Zauberberg ist es die geheimnisumwitterte und nicht minder faszinierende Clawdia Chauchat, die trotz mancher Anzeichen ihrer Erkrankung die Aufmerksamkeit Hans Castorps auf sich zieht – zunächst nur dadurch, dass sie beim Eintritt in den Speisesaal die Tür hinter sich zuknallen lässt. Daraus wird mehr, soll aber hier nicht weiter ausgeführt werden.

Was heute Psychoanalyse genannt wird, heißt in Thomas Manns Roman Seelenzergliederung und ist zu damaliger Zeit der letzte Schrei, ausgelöst vor allem durch Sigmund Freud. Für das Thema zuständig ist der Assistent des Chefarztes, Dr. Edhin Krokowski, eine mysteriöse, fast rasputinhafte Figur, der regelmäßig gut besuchte Vorträge zu diesem Thema hält.

Schräge Züge nimmt es auf dem Zauberberg an, als ausgelöst durch ein seltsames Ereignis, ein neuer Hype die Szenerie dort bestimmt. Auch hier ist Hans Castorp involviert. Auf dem Zauberberg macht das Gerücht die Runde, dass eine gewisse Ellen Brand, ein neunzehnjähriges Mädchen aus Dänemark, über magische Kräfte verfüge, was dazu führt, dass mit ihr spiritistische Sitzungen durchgeführt werden, bei denen vermeintliche parapsychologische Effekte eine große Rolle spielen. Alle scheinen des Glaubens zu sein, mit den Toten in Kontakt treten zu können.

Und dann geht auf einmal alles ganz schnell und dem Ende zu. Unter der Überschrift „Der große Stumpfsinnn“ beschreibt Mann, wie sich die Bewohner zumeist jeder für sich in einer atemlosen Hektik mit allen möglichen Arten der Ablenkung von der Briefmarkensammlung über das Legen von Patiencen bis hin zu den schon angesprochenen spiritistischen Sitzungen beschäftigen.

Was aber noch viel schlimmer ist: der Ausbruch von Gewalt unter den Bewohnern, aber auch zwischen Bewohnern und Personal, aus nichtigen Anlässen. Eine der schlimmsten Folgen: das durch einen Streit ausgelöste Duell zwischen Settembrini und Naphta, das tödlich endet.

Alles endet mit dem großen Donnerknall: der Verkündigung des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Alle Bewohner verlassen den Zauberberg und Hans Castorp findet sich unvermittelt als Soldat in der Schlacht von Langemarck wieder.

Zeitgeschichtliche Aspekte

Was den Zauberberg als Ort und symbolische Bedeutung ausmacht, stehen hier natürlich Krankheit und Tod – wie in vielen anderen Werken Thomas Manns – deutlich im Fokus. Was aber bei der Lektüre noch auffallender ist, ist der Eindruck, in eine hermetisch abgeschnittene Welt einzutreten, die eine so ganz andere ist als die da unten, wo die Bewohner oder Patienten ursprünglich hergekommen sind. In aller Ruhe absolvieren sie bis kurz vor dem „Donnerknall“ auf dem Zauberberg ihren Sanatoriums-Alltag zwischen Liegekuren, dem Einnehmen von Mahlzeiten, kleinen Spaziergängen und abendlichen Vergnügungen. Und wenn jemand an seiner Lungenerkrankung stirbt, wird alles getan, damit es so wenig wie möglich auffällt.

Martin Mosebach schreibt in seinem Artikel von einer „Lungenheilanstalt, in welchem die Insassen aus den gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen ihrer Herkunft über viele Jahre herausgelöst sind und sich in einer Ausnahmesituation befinden.“

Ganz anders sieht die Welt außerhalb des Zauberbergs aus. Immer wieder drohen Konflikte zwischen den westlichen Großmächten aufgrund ihrer imperialen Bestrebungen; an allen Seiten wird aufgerüstet. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, wie Mosebach ausführt: „ … die Länder, aus denen diese Kranken stammen, befanden sich in den Jahren vor dem großen Krieg ja keineswegs im Zustand zeitvergessener Trance. Gern sieht man die Vorkriegszeit als Phase der Dekadenz, man sieht überall die Anzeichen eines Endes – die Kunst und Literatur sind nicht unschuldig an diesem Bild, das sich vor die explosive ökonomische Aktivität, die Entdeckungen der Naturwissenschaften, die Erschließung ganzer Kontinente schiebt, ein allgemeines Erstarken, das am Ausbruch des Weltkonfliktes durchaus ursächlich beteiligt war. So ist denn die Szenerie der zeitlos verdämmernden Lungenkranken weniger eine Parabel der ausgehenden Kaiserreiche, als (vielmehr) Ausdruck eines tiefen Gefühls der Unwirklichkeit, das bei manchen durch Krieg und Revolution entstanden sein mag, als tausendjährige Monarchien wie die Seifenblasen zerplatzten.“

Von dem von Mosebach angesprochenen Gefühl der Unwirklichkeit war ja auch Thomas Mann betroffen. Er hatte den Krieg befürwortet und war vom Bestand des preußisch-deutschen Kaiserreiches überzeugt.

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wandelte sich sein politisches Denken hin zur Demokratie. 1933 emigrierte Thomas Mann nach der Machtübernahme des totalitären Nazi-Regimes von Deutschland in die USA und wurde dort zum führenden Sprecher für die Wiederherstellung einer Demokratie in Deutschland.

Kurzum: Trotz der Satzungetüme Thomas Manns und manch sehr komplexen Ausführungen zum Thema der Zeit als auch zu anderen Themen lohnt sich die Lektüre, bei der manche Kritiker auch Parallelen zu aktuellen politischen Entwicklungen zu erkennen glauben – nicht ganz zu unrecht.

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