Bauhaus-Kunst in Borghorst

„Maßstab ist die Natur – Unzulänglich werden wir Menschen ins Leben gestellt. Unzulänglich ist auf Vollkommenheit bezogen. Das sollten wir sehr ernst sehen. Trägheit ist gegeben, damit wir in ihrer Überwindung zu Charakter kommen.“ (Heinrich Neuy)

Im nahen Münsterland ist ein Museum beheimatet, das dem Leben und Werk des 2009 verstorbenen Bauhaus-Künstlers Hermann Neuy gewidmet ist.

Zur Person:

Der am 27. Juli 1911 im Wallfahrtsort Kevelaer am Niederrhein geborene Hermann Neuy gehörte zu den jüngsten Künstlern des Bauhauses, der dort sein Studium im Jahre 1930 begann, es aber aufgrund der zugespitzten politischen Ereignisse vor dem Hintergrund der sich ankündigenden Herrschaft des Nationalsozialismus nicht beendete. Schon im März 1932 ließ er sich für ein praktisches Seminar beurlauben und kehrte nicht wieder ans Bauhaus zurück. Erst mehr als 50 Jahre später sollte er das Bauhaus wieder besuchen.

Sein Interesse für die Kunst entwickelte sich aber schon eine Zeit vorher mit einem prägenden Erlebnis. Am Weihnachtsabend 1925 bekam Heinrich Neuy seinen ersten Malkasten und begann, ermuntert durch den Landschaftsmaler Josef Pauels, mit Landschafts- und Porträt-Studien. Im gleichen Jahr nahm er auch eine Lehre im Tischlerhandwerk auf. Nach dem Abschluss der Tischlerlehre besuchte Neuy die Kunstgewerbeschule in Krefeld. Seine dort entstandenen Möbel- und Einrichtungsentwürfe zeichneten sich durch klare Funktionalität und Strenge aus, wie es auch dem Bauhaus-Stil entsprach. Von 1930 bis 1932 besuchte er diese in Dessau und wurde in seinem künstlerischen und handwerklichen Schaffen von so bedeutenden Lehrern wie Wassily Kandinsky, Josef Albers und Ludwig Mies van der Rohe geprägt.

Um nach seinem abgebrochenen Studium für seinen Lebensunterhalt und den seiner Frau zu sorgen, übernahm er die Tischlerei seines Schwiegervaters in Steinfurt-Borghorst. Ein weiteres Mal bestimmten die politischen Ereignisse das Leben von Heinrich Neuy im Jahre 1940. Infolge des von den Nationalsozialisten begonnenen Zweiten Weltkrieges wurde er Soldat in der Luftwaffe. 1944 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und später in englische Kriegsgefangenschaft. Seine Zeit dort verbrachte er mit dem Malen von Porträts seiner Mitgefangenen, die er Jahrzehnte später einmal zu einer Bilderserie mit Köpfen aus geometrischen Mustern verarbeitete. In englischer Kriegsgefangenschaft hatte er dann das Glück, einem älteren schottischen Militärarzt zu begegnen, der ihm die Möglichkeit und das entsprechende Material verschaffte, seine abstrakte Malerei fortzusetzen. Es entstanden fünf „Gewitter“-Bilder sowie umfangreiche Zyklen zu den Themen „Lyrik“ und „Freude“. Im Oktober 1947 endete die Kriegsgefangenschaft und Heinrich Neuy kehrte nach Steinfurt-Borghorst zurück, wo er seinen Tischlereibetrieb und das Geschäft für Möbel und Kunsthandwerk weiterbetrieb. Er begann erneut mit der Lehrlingsausbildung. Dabei engagierte er sich in einem pädagogisch ganzheitlichen Sinne, nahm auch zahlreiche Mädchen zur Tischler-Ausbildung an und sah eine besondere Herausforderung darin, sozial auffälligen Jugendlichen neue Orientierungen zu bieten.

1960 begann er wieder mit Ausstellungen seiner künstlerischen Werke. Als Maler und Zeichner richtete Neuy sein Interesse vor allem darauf, durch Form und Farbe Phänomene wie Charaktereigenschaften, Jahreszeiten und insbesondere musikalische Klänge sichtbar zu machen. In diesem Zusammenhang arbeitete er auch mit dem in Borghorst lebenden Komponisten Buster Flood zusammen, der Heinrich Neuys Bilder vertonte, während sich dieser von den Musikstücken zu bildhaften Kompositionen inspirieren ließ. Dem Aquarell räumte er in seinem Werke besonderen Raum ein.

Weitere Stationen im Kurzüberblick

1970 trat Heinrich Neuy dem Welbergener Kreis bei, 1971 begann er mit der Aquarellserie „Architektura“, 1987 mit dem Zyklus „Klassische Charakterbilder“, 1989 eröffnete er eine eigene Galerie, 1991 erhielt er den Kulturpreises der Stadt Steinfurt, 1994 kehrte er nach 62 Jahren mit einer eigenen Bilderausstellung an das Bauhaus Dessau zurück, und 1996 wurde anlässlich seines 85. Geburtstages das von ihm geschaffene Kunstobjekt „Energie, Rechtschaffenheit, Aktivität“ feierlich enthüllt. Nach einem langen und erfüllten Leben verstarb Heinrich Neuy im Jahre 2003.

Ein Museum zu Ehren von Heinrich Neuy

Kurz nach seinem Tod wurde die Heinrich Neuy-Stiftung ins Leben gerufen, um das Leben und Werk von Heinrich Neuy für die Nachwelt zu erhalten. 2011 konnte nach der mehrjährigen Restaurierung und Erweiterung des aus dem Jahre 1668 stammenden Stiftskurienhauses in Steinfurt-Borghorst das Heinrich Neuy Bauhaus Museum am Standort Kirchplatz eröffnet werden.

Entstanden ist ein kleines, aber feines Refugium, in dem „Alt“ und „Neu“ aufeinander treffen und beide sich harmonisch ergänzen.

Das 1668 erstmals erwähnte Stiftskurienhaus der Stiftsdame Margareta Cornelia von Merveldt des ehemaligen Kanonissen- und Damenstiftes Borghorst wurde behutsam restauriert und durch einen dreigeschossigen verglasten Anbau zum Garten hin „geöffnet“ und erweitert. Im Erdgeschoss befinden sich ein Museumsshop, ein Café und ein Restaurant.

Im Obergeschoss trifft der Besucher auf helle, freundlich und großzügig gestaltete Ausstellungsflächen und die Stiftsbibliothek mit einer historischen Darstellung des ehemaligen Damenstifts Borghorst.

Ausgestellt werden vorwiegend Arbeiten von Heinrich Neuy, anderen Bauhaus-Schülern und Bauhaus-Lehrern in Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen. Geöffnet hat sich die Heinrich Neuy-Stiftung auch für die Sammlungen und Nachlässe anderer „Bauhäusler“, um diese auch dauerhaft komplett erhalten zu können – eine wahre Bereicherung.

Das Museum, das sich auch über die Region hinaus einen guten Namen gemacht hat, möchte darüber hinaus die Besucherinnen und Besucher in die Gedankenwelt des Bauhauses einführen. Mit den Initiatoren des Bauhauses sowie den zahlreichen Lehrern und Studenten entstand vor allem in den 1920-er Jahren eine neue Sprache der Gestaltung, die zahllose Klassiker in Architektur, Design und Malerei hervorgebracht hat. Bis heute beeinflusst diese ungewöhnliche sowie äußerst kreative Epoche nachhaltig viele Bereiche des Wohnens.

Zu diesem Zweck sind im Heinrich Neuy Bauhaus Museum neben den schon erwähnten Ausstellungen auch Türklinken, Lampen, Lichtschalter, Tapeten, Glas, Keramik und Möbel – allesamt aus Entwürfen von Bauhaus-Künstlern stammend – zu sehen. Ergänzend werden Vorträge angeboten und Projekte begleitet und entwickelt.

Der Um- und Erweiterungsbau für das Museum wurde vorwiegend mit ehrenamtlichem Engagement gestaltet. In der Bauphase konnten erhebliche Eigenleistungen mit Unterstützung des Denkmalpflegewerkhof e.V. Steinfurt und des terra nova e.V., Ochtrup, erbracht werden. Dazu kamen finanzielle Zuwendungen privater wie auch gewerblicher Förderer aus der Region. So konnten rund 50 Prozent der Mittel generiert werden. Gefördert wurde die Maßnahme auch durch Mittel des Landes Nordrhein-Westfalen, der NRW-Stiftung, des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe und der Stadt Steinfurt.

Auch das Museum wird überwiegend ehrenamtlich geführt; unterstützt durch Mitarbeiter mit Behinderungen in einem kleinen Integrationsbetrieb. Darüber hinaus können immer wieder Förderer aus der Region gewonnen werden.




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