Kunstbetrachtungen, Teil 16

Möglichkeit ästhetischer Erfahrung mit Prosa

Wie sich der geneigte Leser vielleicht noch erinnern mag, ging es in der letzten Folge der Kunstbetrachtungen um die Unterscheidung zwischen Raum- und Zeitkünsten, ausgehend von Gotthold Ephraim Lessings Schrift „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“.

Ebenfalls erklärt wurde die Kunst, die des Raumes bedarf.

Im Gegensatz dazu steht die Literatur, die den Zeitkünsten zugerechnet wird. Autor Georg W. Bertram erläutert: „Wird mir ein Gedicht oder eine Prosa vorgetragen, kann ich die Augen schließen. Ich kann in einem kleinen Raum, im Freien oder in einem Fahrzeug unterwegs sein: Dieser Unterschied betrifft die Möglichkeiten ästhetischer Erfahrungen mit dem jeweiligen Text nicht wesentlich. Was ich hingegen benötige, um den Text ästhetisch erfahren zu können, ist Zeit. Der hat eine bestimmte Dauer, innerhalb deren er sich entfaltet. Seine ästhetischen Elemente stehen nicht nebeneinander, sondern nacheinander.“

Gleiches gilt nach Lessing für die Musik: „Unter die Zeitkünste ist nach Lessing auch die Musik zu rechnen. Auch für die Musik gilt, dass sie Zeit benötigt, um stattfinden zu können. Ich kann schon ein einfaches musikalisches Thema nicht erfassen, wenn ich es nach zwei Sekunden abbreche. Mehr noch als die Literatur hat die Musik eine Dauer, die ihr gesetzt ist … Die Musik kann zudem – mehr als Lessing sich vielleicht vorstellen konnte – unabhängig von einem bestimmten Raum ästhetisch erfahren werden. Ob mein Konzertsaal die Berliner Philharmonie ist, eine Terrasse, das Auto oder bloß ein kleiner Kopfhörer beim Spaziergang: In jedem Fall lässt die Musik sich ästhetisch erfahren“, führt Bertram weiter aus.

Was aber unterscheidet die angesprochenen Künste noch? Für Bertram ist zu trennen zwischen Künsten, die aufgeführt werden müssen, „und solchen für die das nicht zutrifft.“ Weiter schreibt Bertram: „Musik und Literatur sind Aufführungskünste … Bei ihnen kommt es zu einem Unterschied zwischen Vorlage und Realisierung. Ein gedrucktes Exemplar … steht als solches jenseits der Frage, ob es als Kunst bestehen kann oder nicht. Erst in meiner Lektüre rückt es in die Dimension ästhetischer Wahrhaftigkeit. Ein solcher Unterschied spielt hingegen bei Raumkünsten nicht in gleicher Weise eine Rolle. Zwar gibt es auch bei der Architektur Vorlagen; diese sind aber nicht das Werk … Im Fall der Architektur ist das Werk letztlich auf den realisierten Bau beschränkt. Genauso ist es im Falle von Plastiken und Bildern. Auch in ihrem Fall zählt die faktische Realisierung als das Werk. Erst wenn eine solche Realisierung ausgestellt wird, ist das Werk für einen Rezipienten zugänglich … Zeitkünste sind Aufführungskünste; Raumkünste hingegen Ausstellungskünste.“

Allographische und autographische Künste

In diesem Zusammenhang kommt Bertram auf den US-amerikanischen Philosophen Nelson Goodman zu sprechen, der in seiner Schrift „Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie“ von allographischen und autographischen Künsten spricht und nach Bertram eine noch andere Unterscheidung zwischen Zeit- und Raumkünsten vornimmt.

Allographisch sind Künste in Goodmans Lesart diejenigen, bei denen die „Unterscheidung zwischen einem Original und einer Fälschung keinen Sinn gibt.“ So kann ein Buch mehrere Male gedruckt werden, ohne dass eine Fälschung vorliegt.

Anders ist es in der Kunst. Bertram macht dies beispielhaft klar: „Ein zweites Exemplar von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ stellt … mindestens eine Kopie, wenn nicht gar eine Fälschung dar. All die Künste – wie die Literatur, die Musik, aber auch der Tanz … sind allographisch. Bei Architektur, Plastik und Malerei ist das nicht so … Jede Realisierung stellt so ein Original, einen Autographen dar.“

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