„Kunst parallel zur Natur“
1987 ist die Museumsinsel Hombroich entstanden. Aus einem Park mit historischem Baum- und Pflanzenbestand hat sich ein einmaliges Ensemble aus Landschaft, Architektur und Kunst entwickelt.
Von den idyllischen Ausläufern des Flusses Erft umgrenzt, befindet sich bei Neuss die Museumsinsel Hombroich. Entstanden ist sie aus einem bereits 1816 errichteten Park mit historischem Baum- und Pflanzenbestand.
Es war der Düsseldorfer Kunstsammler Karl-Heinrich Müller, der1982 den schon lange verwilderten Park erwarb, ihn um eine angrenzende Ackerfläche erweiterte und daraus in Kooperation mit dem Gartenarchitekten Bernhard Korte ein einzigartiges Ensemble aus Landschaft, Architektur und Kunst schuf. Dabei stand die Balance zwischen Naturbelassenheit und pflegendem Eingriff im Mittelpunkt.
Balance zwischen Eingriff und Naturbelassenheit
Eine weitere wichtige Person bei diesem Projekt war der Bildhauer Erwin Heerich. Er übersetzte seine streng geometrischen skulpturalen und zeichnerischen Werke ins Architektonische. So entstanden zehn begehbare Objekte mit Außenseiten aus niederländischem Abbruch-Feldbrandstein.
Zu nennen ist auch noch der Maler Gotthard Graubner, der für die Präsentation von Ausstellungen zuständig war. Sein Konzept sah vor, dass Kunst und kulturhistorische Gegenstände aus zwei Jahrtausenden miteinander in den Dialog treten.
Dritter im Bunde war der schon erwähnte Landschaftsarchitekt Bernhard Korte. Er realisierte eine Ideallandschaft, die Topographie und Geschichte des Ortes ebenso berücksichtigt wie die gemeinsam entwickelte Vision „Kunst parallel zur Natur.“ Das gesamte Gelände ist von schon vorhandenen Geländestufen ebenso geprägt wie von früheren Verläufen des Flusses Erft.
„Die Insel wird gepflegt, als ob sie nicht gepflegt wird.“ (Bernhard Korte, Landschaftsarchitekt)
Ein Schwerpunkt der Sammlung, die ein bemerkenswertes breites Spektrum aufweist, liegt in der europäischen Moderne zum Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Zu entdecken sind Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und künstlerisch geprägte Gebrauchsgegenstände von so bekannten Namen wie Hans Arp, Constantin Brancusi, Marcel Breuer, Alexander Calder, Paul Cézanne, Alberto Giacometti, Yves Klein, Gustav Klimt, Henri Matisse, Francis Picabia und Kurt Schwitters.
Zu nennen ist auch der Künstler Anatol Herzfeld. Der Bildhauer, Maler und Aktionskünstler Anatol Herzfeld (1931-2019) studierte parallel zum Polizeidienst von 1964 bis 1972 bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie. 1972, 1977 und 1982 beteiligte er sich an der documenta in Kassel, 1975 initiierte er die Freie Akademie Oldenburg. Von 1983 bis zu seinem Tod hatte Anatol Herzfeld sein Atelier auf dem Gelände von Museum Insel Hombroich. Sein Nachlass umfasst zahlreiche Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen sowie Fotos und Filme zu seinen Aktionen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in archäologischen Artefakten von der Früh- bis zur Neuzeit sowie in Ostasiatika.
Die anfangs private Sammlung entstand dabei weder aus kunsthistorischer Mission noch aus Kriterien regelhafter Vollständigkeit, sondern aus individueller Leidenschaft der Sammler und dem Interesse an möglichst unterschiedlichen Positionen. In den Gebäuden und auf dem Gelände der Museumsinsel Hombroich ist sie gewissermaßen als ständige Installation im Wechsel des Tageslichts und der Jahreszeiten zu sehen.
Ergänzung durch Raketenstation
Wer die Museumsinsel Hombroich besucht, sollte natürlich auch die benachbarte „Raketenstation“ im Blick haben, die ebenfalls von Karl-Heinrich Müller erworben wurde. Die ehemalige Nato-Raketenstation wird seit 1994 komplementär zu Museum Insel Hombroich als Ort der Entwicklung von Kunst und Architektur und als Lebens-und Arbeitsraum für Künstler aus den Bereichen Kunst, Literatur und Musik genutzt. An ihrer Umgestaltung und Neubebauung beteiligten sich die Künstler und Architekten Raimund Abraham, Tadao Ando, Dietmar Hofmann, Erwin Heerich, Oliver Kruse, Katsuhito Nishikawa, Claudio Silvestrin und Álvaro Siza.
Per Kirkeby-Areal
Das nach Per Kirkeby benannte Areal ermöglicht in fünf Bauten des dänischen Künstlers Kunstinstallationen und die Realisierung weiterer künstlerischer Formate (Drei Kapellen), darunter die Sammlung Kahmen und das vom Clemens Sels-Museum Neuss betriebene Feld-Haus-Museum für Populäre Druckgrafik.
Ausstellung Raimund Abraham – Erdbeben der Stille
Noch bis November 2025 ist die Ausstellung „Raimund Abraham – Erdbeben der Stille“ zu sehen. Mit dem Haus für Musiker (Planung seit 1994, Ausführung 2006–2017) existiert auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss neben dem Wohn- und Geschäftshaus an der Berliner Friedrichstraße eines der beiden in Deutschland realisierten Bauwerke des österreich-amerikanischen Architekten Raimund Abraham (1933–2010). Der außergewöhnliche Rundbau ist nicht nur sein letztes fertiggestelltes Gebäude, sondern steht darüber hinaus beispielhaft für die Radikalität Abrahams. Und auch für das ambitionierte und am Ende nicht realisierte Hombroicher Raumortlabor steuerte er 2003 noch den Entwurf einer Wohnsiedlung bei, die sich mit komplexen Bezugslinien wie ein künstlicher Horizont in die Landschaft legen sollte. Fast bedeutsamer als die realisierten Gebäude sind aber Abrahams Zeichnungen und imaginären Architekturen. Mit der Aufnahme seines umfangreichen Nachlasses in die Sammlung Egidio Marzona (Berlin) bietet sich nun die Möglichkeit, das planerische, visionäre Denken dieses herausragenden Architekten mit zahlreichen Zeichnungen, Modellen, Fotos und Dokumenten sowie den in Hombroich aufbewahrten Beständen umfassend zu präsentieren.