In der Männerwelt durchgesetzt
Dass Frauen es trotz aller Schwierigkeiten schon vor Jahrhunderten schaffen konnten, sich in einer männerbeherrschten Welt zu etablieren, zeigt das Beispiel der Künstlerin Artemisia Gentileshi. Eine Ausstellung mit ihren Werken war bis Anfang 2023 im Rijksmuseum Twenthe in Enschede zu sehen.
Große Kunst von Frauen gab es bereits im Zeitalter des Barock: Die bekannteste Vertreterin war Artemisia Gentileshi. Sie wurde 1593 in Rom als Tochter des bekannten Malers Orazio Lomi geboren. Dadurch hatte die junge Artemisia – anders als die überwiegende Mehrheit der der Frauen zu ihrer Zeit – Zugang zu Bildung und Kultur. Sie lernte von ihrem Vater, und schnell wurde klar, dass ihr künstlerisches Talent groß war.
Meisterwerk mit 17
Schon im Alter von siebzehn Jahren war sie in der Lage, ein Meisterwerk zu schaffen: eine komplexe Komposition mit mehreren Figuren. Im Mittelpunkt steht dabei die schöne, biblische Susanna, die beim Baden von zwei älteren Männern begafft und belästigt wird. Sie stellen Susanna vor eine unmögliche Wahl: Entweder sie gibt sich ihnen hin, und niemand wird es hören, oder sie weigert sich, wird trotzdem vergewaltigt und die beiden werden nachher herumerzählen, dass sie sich ihnen hingegeben hat. Gentileshi zeigt das Dilemma ohne Ausweg für Susanna, die Gefahr läuft, ihre Ehre zu verlieren. Im Gegensatz zur Auffassung mancher ihrer männliche Zeitgenossen war für die Künstlerin das Baden von Susanna keine Entschuldigung für sexualisierten Voyeurismus, sondern eine Gelegenheit, sich selbst über ihren Körper und das Sein als Frau bewusst zu werden.
In einem Brief zeigte sich Vater Orazio stolz auf seine Tochter Artemisia, die „so fähig geworden ist, dass ich es kaum zu sagen weiß.“
Trotz guter Voraussetzungen führte Artemisia das erfolgreiche römische Atelier ihres Vaters nicht fort; und das hatte Gründe. Sie wurde von Agostino Tassi, einem Freund ihres Vaters, bei dem sie Kenntnisse in perspektivischer Malerei erhalten sollte, vergewaltigt. Damit nicht genug, hielt er das Versprechen, sie zu heiraten, nicht ein – mit der Behauptung schon verheiratet zu sein, was aber nicht stimmte.
Für Artemisias Vater war diese Lüge, der Verrat, das größere Verbrechen als die Vergewaltigung. Orazio reichte eine Klage gegen seinen Freund, der die Ehre seiner Tochter wegen eines nicht eingehaltenen Heiratsversprechens geschändet hatte. Aufgrund des öffentlichen Charakters dieses Prozesses drohte Artemisia das Schicksal der von ihre gemalten Susanna im Bade zu erleiden. Nach dem Prozess, der mit einer Verurteilung für Tassi endete, begann für Artemisia ein turbulentes, aber auch relativ unabhängiges Leben.
Ein neues Leben
Sie verließ Rom und wählte Florenz als ihre neue Heimat, bevor sie 1620 wieder zurückkehrte. Danach lebte sie noch einige Jahre in Venedig, bevor sie sich dauerhaft in Neapel niederließ. In dieser Zeit heiratete sie, bekam Kinder und wurde die erste Frau, die der Accademia di Arte Disegno in Florenz beitreten durfte. Als Künstlerin war sie erfolgreich und arbeitete für nationale und internationale Kunden.
Aber es gab auch Tragödien im Leben von Artemisia Gentileshi. Von ihren fünf Kindern starben vier im jungen Alter, sie begann eine außereheliche Affäre, entfremdete sich von ihrem Mann und verlor den Kontakt zu ihrem Vater. Auch ständige Geldprobleme prägten ihr Leben.
Das relativ begrenzte Wissen über Artemisias Leben wurde durch knappe Quellen wie die Abschriften des Prozesses gegen Agostino Tassi und mehrere Dutzend diktierter oder selbst geschriebener Briefe an Kunden oder Bekannte dokumentiert. Zusammen mit ihrem gemalten Werk bietet dieses Wissen einen Einblick in das Leben einer selbstständigen, als Künstlerin arbeitenden Frau im Zeitalter des Barock. Durch ihren Beruf als Malerin erreichte Artemisia ein für die damaligen Verhältnisse großes Maß an Freiheit und Erfolg. Und ihr Werk ist es, mit dem sie viele universelle Geschichten – besonders die über Frauen – auch heute noch immer erzählt.