„Schweinische Kunst“ in Kassel

Die Ausstellung „Documenta“ war schon immer für Überraschungen gut. Das war auch 1997 der Fall, als dort die „Bunte Bentheimer“ Kunstcharakter bekam.

Dass Schweine philosophieren können, weiß man spätestens nach folgendem kurzen Dialog: Sagt das eine Schwein zum anderen: „Es ist Wurst, was aus uns wird.“ Antwort: „Ich weiß.“ Dass aber das Schwein in der Kunst der Moderne Bedeutung gefunden hat, ist vielleicht vielen nicht mehr so geläufig.

Geschehen ist das im Jahre 1997 bei der „documenta X“ in Kassel. Die bekannten Künstler Rosemarie Trockel und Carsten Höller hatten damals die „Bunte Bentheimer“ zum Kunstobjekt erkoren. Die Schweinerasse, die von dem Isterberger Landwirt Gerhard Schulte-Bernd durch koordinierte Weiterzucht und Vermarktung (Motto „Erhalten durch Aufessen“) vor dem Aussterben bewahrt wurde, war in einem ökologischen Musterstall, genannt „Haus für Schweine und Menschen“, in der Nähe der Orangerie in der Karlsaue zu einem Bestaunen vor verspiegeltem Glas für das Publikum freigegeben.

Aber wie kam nun das Schwein zur Kunst? Das hatte die „Bunte Bentheimer“ der künstlerischen Leiterin der documenta, Catherine David, zu verdanken, die im Gegensatz zum Ansatz der vorangegangenen documenta, die aktuelle Weltkunst-Szene zu spiegeln, eine ganz andere inhaltliche Ausrichtung anstrebte. Die von ihr verantwortete documenta X sollte zu einer Schau über das Thema Globalisierung, zu einer „kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart“ werden. Statt eines Epochenquerschnitts der Kunst hatte David eine politisch gemeinte Themenschau eingerichtet.

Irgendwie pervers, sich da so gegenseitig durch die Scheibe anzuschauen“

Mit einer gewissen Süffisanz schrieb Jürgen Hohmeyer vom Magazin „Der Spiegel“ zur documenta von 1997 folgende schöne Zeilen: „Wer in den Stall sah und sich an den glücklichen Tieren erfreute, dachte unweigerlich über Massentierhaltung, Ausbeutung und Gewinnmaximierung nach. Gedankenvoll entspannt sollen documenta-Besucher schließlich am Ende ihres Parcours, in einem Heckengeviert des Kasseler Aueparks, dem Bruder Tier ins Auge blicken. Rosemarie Trockel und Carsten Höller unterhalten da ein Gehege für eine Familie der im Kotelett-Wettbewerb minder effektiven und daher existenzbedrohten Schweinerasse „Schwarzbunte Bentheimer“. Der Eber hat sein Werk getan: Eine von zwei Säuen säugt im Stroh ihre sieben neugeborenen Ferkel, die andere wird noch während des ersten Ausstellungsmonats werfen – vielleicht vor den Augen von Kunstfreunden, die sich diesseits der Trennscheibe bequem auf einer schiefen Ebene fläzen. Und eine Besucherin sagte mit kritischem Blick: „Irgendwie pervers, sich da so gegenseitig durch die Scheibe anzuschauen.“

Trockene Fakten zum saftigen Fleisch

Um die „Bunte Bentheimer“ nun wieder auf den profanen Boden der Tatsachen zurückzubringen, seien folgende, eher trockene Fakten kurz erwähnt: „Das Bunte Bentheimer Schwein ist ein mittelgroßes Schwein im Landschweintyp (Schlappohren), langgestreckt und rahmig mit kurzem Becken sowie unregelmäßig schwarzen Flecken auf weißem oder hellgrauen Untergrund. Eigenschaften und Zuchtziel: hohe Fruchtbarkeit, lange Nutzungsdauer, stressstabil und robust, genügsam in der Haltung, exzellente Fleischqualität. Vorkommen: früher Grafschaft Bentheim, Emsland, Cloppenburg und Wettringen. Heute gibt es bundesweit Zuchtbetriebe.“

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