Erinnerung an eine Ausstellung vor über zehn Jahren

Großer Sozialkritiker und Künstler im Otto Pankok-Museum

Hin und wieder wird es Zeit, Sachen auszusortieren, die lange nicht mehr in Gebrauch oder in Erinnerung waren. Letzteres gilt beispielsweise für Artikel aus Zeitungen oder Magazinen, die zu einer bestimmten Zeit wichtig waren und die aus diesem Grunde für eventuell weitere Nutzungszwecke zur Seite gelegt wurden. Manches Mal gibt es aber auch Fundstücke, die noch einen zweiten Blick verdienen und dann auch wieder den Weg aus dem Papierkorb zurück in das Archiv finden.

Dies gilt in meinem Falle für einen Artikel, den ich 2012 nach einem Besuch vor Ort für das Grafschafter Wochenblatt über eine Ausstellungseröffnung im Otto Pankok-Museum in Gildehaus geschrieben habe:

Der Titel: Altmeister der Grafik und der Zeichnung zum Wiederentdecken: Heinrich Zille

„Gehen Sie lieber auf die Straße raus ins Freie, beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen. Was sie auch werden – im Leben können Sie es immer brauchen“ – so sprach Professor Hosemann von der Kunstschule in Berlin 1872 zu Heinrich Zille, der bei ihm zweimal in der Woche den Unterricht besuchte.

Zille nahm diesen Ratschlag an. Und wie er ihn in die Tat umsetzte, ist in einer umfangreichen Ausstellung zu entdecken, die noch bis zum 27. Februar 2013 im Otto Pankok-Museum in Gildehaus zu sehen ist.

Der Grafiker, Zeichner und Fotograf Heinrich Zille war der Chronist Berlins während der Zeit Kaiser Wilhelms II. Mit Zeichenstift und Block durchstreifte der damals als „Pinselheinrich“ bekannte Künstler das Berlin der sogenannten „kleinen Leute“, der Prostituierten. Ganoven und der Menschen, die in Armut am Rande der Gesellschaft lebten.

Aber auch den derben Spaß, mit dem diese Menschen versuchten, ihren Alltag zu meistern, erlebte er unter anderem während seiner Lehre bei einem Steinzeichner und schilderte es in seinem Lebenslauf für die Aufnahme in die Akademie der Künste: „Zum Frühstück musste ich Bier holen, das konnten wir von den Kellnern des Orpheums, die eine eigene Kantine hatten und vormittags beim Putzen des Fußbodens, der Spiegelscheiben usw. bekommen. Da lagen noch betrunkene Männer und Weiber in den Nischen und Logen: die Glücklichen der Gründerzeit, die die Ernte der Kriegserfolge von 1870-71 einheimsten. Ich kam mal dazu, wie sich die Kellner eine besoffene dicke Hure über den Stuhl gelegt hatten und auf dem entblößten Hintern einen Dauerskat kloppten.“

„Zille sein Milljöh“, wie es in Berlin hieß, das waren wie eben deutlich und äußerst drastisch beschrieben, fragwürdige Kneipen, die berüchtigten düsteren Berliner Hinterhöfe, enge Wohnungen und dunkle Straßen, die den Kindern als Spielplatz dienten. Hier hielt er sich auf und schuf eine Vielzahl von Zeichnungen, die ein Spiegelbild der elenden Wohn- und Lebensbedingungen im schnell wachsenden Berlin der Gründerzeit sind.

Keine einfache Arbeit, wie Zille selbst einmal sagte: „Als ich anfing, war es ein großes Risiko, arme Leute zu malen. Damals koofte sowat kein Hammel – nicht einmal der Magistrat.“

Trotz viel Kritik wurde Heinrich Zille noch zu Lebzeiten bekannt. Den Höhepunkt in seiner künstlerischen Karriere bildete die Ausstellung „Zilles Werdegang“ im Märkischen Museum Berlin, passend zu seinem 70. Geburtstag.

Sein um 1900 entstandenes großes fotografisches Werk wurde jedoch erst gegen Ende der 1960-er Jahre bekannt. Zille benutzte die Kamera als „lichtbildnerischen Notizblock“. Die Schnappschüsse von Reisigsammlern, Hinterhöfen und Arbeitern zeigen in ihrer Bildgestaltung das geschulte Auge des Künstlers.

Bevor Zille aber Künstler wurde, absolvierte er eine Ausbildung als Lithograph bei der Photographischen Gesellschaft, einem der damals führenden Betriebe der Reproduktionstechnik. Dort schaffte er es vom Gesellen bis zum Druckereileiter. Da er gleichzeitig auch künstlerische Gehversuche machte und sich dabei vor allem mit der proletarischen Unterschicht beschäftigte, erfolgte die Entlassung aus dem Betrieb. Das traf ihn zunächst hart, doch glücklicherweise stellte sich mit der Zeit Erfolg ein; und dabei war ihm seine Ausbildung eine große Hilfe. Dank seiner technischen Fertigkeiten gelang es ihm, seine Arbeiten vor allem bei Zeitschriften unterzubringen. Zille arbeitete unter anderem für den „Simplicissimus“, „Lustige Blätter“ und „Der liebe Augustin“.

Über die Zeit erwarb er sich Bekanntheit als virtuoser Porträtmaler, und auch die Kunstwelt wurde auf sein Werk aufmerksam. 1903 erfolgte Zilles Aufnahme in die neu gegründete „Berliner Secession“, einer Künstlergruppe, die sich auf Betreiben von Max Liebermann, Walter Leistikow und Franz Skarbina vom bis dahin dominierenden klassischen Kunstbetrieb abgespalten hatte.

Liebermann, einer der wohl bedeutendsten deutschen Maler seiner Zeit, wurde Protegé und Freund. Dies wird unter anderem durch einen Brief belegt, in dem Liebermann voll Begeisterung folgende Worte schrieb: „Zwar ist das, was Sie darstellen, durchaus nicht vergnüglich. Im Gegenteil! Der Menschheit ganzer Jammer würde jeden anpacken, der sich in den nassen Kellergeruch und in die nagende Feuchtigkeit, die ihre Interieurs ausmachen, versetzen würde. Aber, „was im Leben uns verdrießt, man in Bildern gern genießt“, notabene, wenn das Bild von der Hand eines Meisters stammt. Wer aber ist ein Meister? Der sich mit den Mitteln seiner Kunst sein seelisches Erlebnis so zu übermitteln versteht, daß wir es miterleben.“

Was Liebermann damit meint, ist auf den im Otto Pankok-Museum ausgestellten Werken gut zu sehen. Sie zeigen detailreich und genau auf den Punkt gebracht das Elend der einfachen Menschen, aber auch ihre manchmal derbe Freude an Alkohol und Sex und ihre dem harten Leben abgetrotzte Virilität.

Nach einem mehr als erfüllten Leben, das 1924 noch mit der Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste und der Ernennung zum Professor gekrönt wurde, starb Zille 1929.

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