Erinnerungen an einen Museumsbesuch vor über 10 Jahren

Kunstgenuss im beschaulichen Otterloo

Hin und wieder wird es Zeit, Sachen auszusortieren, die lange nicht mehr in Gebrauch oder in Erinnerung waren. Letzteres gilt beispielsweise für Artikel aus Zeitungen oder Magazinen, die zu einer bestimmten Zeit wichtig waren und die aus diesem Grunde für eventuell weitere Nutzungszwecke zur Seite gelegt wurden. Danach verloren sie an Bedeutung. Manches Mal gibt es aber auch Fundstücke, die noch einen zweiten Blick verdienen und dann auch wieder den Weg aus dem Papierkorb zurück in das Archiv finden.

Dies gilt in meinem Falle für einen Artikel, den ich 2012 nach einem Besuch vor Ort für das Grafschafter Wochenblatt über das Kröller-Müller-Museum in Otterloo geschrieben habe:

Der Titel: Zweitgrößte Vincent van Gogh-Sammlung der Welt im Kröller-Müller-Museum

„Eine der wohl bösesten und makabersten Rachegeschichten der Weltliteratur stammt von Edgar Allen Poe und heißt im Original „Hop Frog: Or, the Eight Chained Ourangoutangs“.

Sie erzählt von einem Zwerg, der sein Dasein als Narr bei einem grausamen König fristen muss. Der Zwerg kann sich auf seinen schwächlichen Beinen nur schwerfällig fortbewegen, dass die sieben Minister des Königs ihm den Spitznamen „Hopp-Frosch“ geben. Zum Ausgleich seiner schwächlichen Beine hat „Hopp-Frosch“ aber äußerst kraftvolle Arme. Der König, ebenso beleibt wie seine fetten sieben Minister, liebt derbe Scherze.

Als ein Maskenball bevorsteht, soll Hopp-Frosch ihm und seinen sieben Ministern eine noch nie dagewesene Maskierung empfehlen. Als Hopp-Frosch nichts einfällt, zwingt der König ihn trotz Widerwillens zum Trinken. Als er ihm noch ein zweites volles Glas aufzwingen will, bittet Tripetta, eine Freundin von Hopp-Frosch, den König demütig, ihrem Freund, der den Wein nicht verträgt, die Qual zu ersparen. Wütend über ihre Anmaßung, schüttet der König ihr den Wein ins Gesicht. Darauf hin fällt Hopp-Frosch ein, wie sich die acht Würdenträger maskieren könnten: Als Orang-Utans! Die Aussicht, damit großen Schrecken bei den Damen zu erzeugen, begeistert den König ebenso wie die Minister. Sie lassen sich Trikots überziehen, die mit Teer bestrichen werden, darauf wird Werg geklebt. Dann bindet Hopp-Frosch sie mit einer Kette im Kreis zusammen, fügt aber zwei Ketten hinzu, die den Kreis rechtwinklig schneiden. Im Festsaal ist der große Kronleuchter aus der Kuppel entfernt worden, nicht aber die Kette, an der er hing. Als der König und seine Minister nun zum großen Schrecken des Publikums in ihrer Verkleidung auftreten, befestigt Hopp-Frosch das Kettenkreuz unversehens am Haken der Kronleuchterkette, die über das Dach durch ein Gegengewicht beweglich ist. Hopp-Frosch lässt die acht Maskierten hoch empor ziehen, besorgt sich eine Fackel, springt mit hinauf und zündet das Bündel der Hängenden an, die schnell in hellen Flammen stehen und verbrennen.

Diese Geschichte inspirierte den belgischen Maler James Ensor, einen der wichtigsten Vorreiter des Expressionismus, zu dem Werk „La vengeance de Hop-Frog“, das in der Geschichte der Malerei eine besondere Stellung genießt. Es besticht durch seinen starken Kontrast zwischen der karnevalistisch anmutenden Atmosphäre und dem darin sich abspielenden mörderischen Racheakt von Hopp-Frosch und Tripetta, die ihrem Freund natürlich zur Seite steht.

Zu sehen ist das Meisterwerk im Kröller-Müller-Museum im beschaulichen Otterloo nordwestlich von Arnheim. Umgeben von einem wunderschönen Park, in dem sich Skulpturen von so bedeutenden Künstlern wie Auguste Rodin, Jean Dubuffet und Richard Serra finden, ist das Kröller-Müller-Museum mit seiner großartige Sammlung an Kunst aus unterschiedlichen Jahrhunderten eine absolute Empfehlung; und es braucht zirka nur eine Stunde Autofahrt, um von der Grafschaft Bentheim dort hinzukommen.

Als Entreé im Kröller-Müller- Museum gibt es in Glasvitrinen aufgestellte Kleinskulpturen verschiedener Künstler, deren Werke sich durch die Kombination unterschiedlicher Materialien und vielfältigster Formen auszeichnen. Aber dieser Bereich ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch folgt.

Sofort ins Auge fällt eine der filigranen Figuren von Alberto Giacometti. Sie umgibt ein nicht zu lüftendes Geheimnis, eine Faszination, die sich nicht erklären lässt, die aber auch nicht erklärt werden muss. In unmittelbarer Nähe nicht weniger geheimnisvoll und faszinierend eine Skulptur von Henry Moore.

Danach kann sich der Kunstfreund auf eine lange Reise durch die Geschichte der Malerei begeben und wird feststellen, dass er hier unter anderem auf eine große Vincent van Gogh-Sammlung stößt, übrigens die nach Amsterdam zweitgrößte Sammlung dieses führenden Vertreters des Impressionismus und des beginnenden Expressionismus. Zwei absolute Klassiker der Kunstgeschichte der Kunstgeschichte sind hier vertreten, die die Entwicklung van Goghs exemplarisch dokumentieren. „Die Kartoffelesser“ bilden einen der Höhepunkte seiner niederländischen Periode, die Café-Terrasse bei Nacht das vermutlich am meisten verwendete Motiv für Kunstkalender und Kunstpostkarten, einen der Höhepunkte der französischen und letzten Periode seines Schaffens.

Abgerundet wird die Sammlung des Kröller-Müller-Museum durch Werke von Pablo Picasso, Juan Gris, George Seurat, Fernand Leger, Hans Arp, Piet Mondrian, um nur die bekanntesten Klassiker der Moderne zu nennen. Aber auch Vertreter der Gegenwartskunst wie Anselm Kiefer, Jenny Holzer und Jan Fabre finden ihren gebührenden Platz. Sonderausstellungen und weiteres ergänzen das Programm.

Das Kröller-Müller-Museum ist dienstags bis sonntags von10 bis 17 Uhr geöffnet.

Nähere Informationen: erfolgen unter der Telefonnummer (0031) 0318 591241, im Internet auf www.kmm.nl und per Email unter info@kmm.nl

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